Mit 45 km/h durch die Gegend düsen

Elektro-Flitzer: eRoller im Test

eRoller machen Spaß statt Krach. Wie gut sie wirklich sind und wie sehr sie ins Geld gehen, haben unsere Tester in der harten Praxis erfahren.

Datum:
eRoller Test

eRoller machen Spaß – an Akku und Reichweite müssen Hersteller aber noch arbeiten.

Die erste Probefahrt ist … anders. Rauf auf den eRoller, Schlüssel umdrehen – und die Kiste macht keinen Mucks. Kaputt? Nein, kurz am Gashahn drehen, schon geht es voran. Und wie: Lautlos und dynamisch flitzt die Kreidler E-Florett durch den Hamburger Stadtverkehr. Der Wind weht um die Nase, es macht einfach Laune. Zumindest bis laut Tacho gut 45 km/h erreicht sind, denn schneller dürfen die eRoller der 50er-Klasse nicht fahren. Doch auch im beschaulichen Stadttempo fährt das gute Gewissen stets mit. Denn wer elektrisch rollt, produziert weder Abgase noch Lärm. Das ist doch praktizierter Umweltschutz, oder?

Fünf unter Strom

Aber wie schlägt sich so ein eRoller in der Praxis? Fünf Modelle hat man getestet – mit einigen überraschenden Ergebnissen. Wer mit der Anschaffung eines Elektrorollers liebäugelt, muss sich erst mal ganz neu orientieren, wenn es um die Kosten geht. Auf der einen Seite sind da die unschlagbar niedrigen Stromkosten von nur 1 Euro pro 100 Kilometer. Autofahrer brauchen keinen Extra-Führerschein, und junge Menschen ab 16 Jahren machen eine kleine Prüfung für etwa 500 Euro und dürfen dann mit dem Führerschein AM eRoller fahren. Steuern fallen nicht an, der Fahrer braucht lediglich ein kleines Kennzeichen von seiner Versicherung.
eRoller Test Wechsel

Während der Testfahrt tauschten die Piloten ihre Maschinen, um die Roller besser zu vergleichen.

Teure Angelegenheit

Auf der anderen Seite ist so ein eRoller richtig teuer. Bis auf den Billigheimer von SXT kosten die Testkandidaten zwischen 2.700 und mehr als 4.000 Euro. Damit sind sie fast doppelt so teuer wie vergleichbare Benziner. Auch das ist wohl ein Grund für ihre Exoten-Rolle auf Deutschlands Straßen: Weniger als 10.000 eRoller waren 2016 laut Flensburger Kraftfahrtbundesamt angemeldet. Zum Vergleich: In China sind es 200 Millionen, aber da kostet so ein elektrischer City-Flitzer auch nur 300 Euro.

Galerie: 5 eRoller im Praxis-Test: Die Ergebnisse

Schwachpunkt Akku

eRoller Test Akku

Sattes Schwergewicht: Der Austausch-Akku des Emco bringt 11,5 Kilogramm auf die Waage.

Für Verunsicherung sorgt auch die Akku-Technik, denn so ein Stromspeicher hält nicht ewig. Dass die Akku-Technik der größte Schwachpunkt der eRoller ist, bestätigt Akku-Experte Professor Dr.-Ing. Karl-Ragmar Riemenschneider von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg: „Die Lebensdauer ist in der Tat ein Problem.“
Natürlich beeinflussen Fahrweise, Wetter, Belastung und weitere Faktoren die Haltbarkeit des Stromspeichers. Aber: Fällt das Ding nach Ablauf der Garantie aus, wird es richtig teuer, ein neuer Akku kostet zwischen 400 (SXT) und absurden 1.600 Euro (Kreidler). Dann steigen die Kilometerkosten enorm.

Große Leere – und das schon nach 36 Kilometern

eRoller Test Akkuanzeige

Zumindest laut Anzeige ist der Akku noch fast voll – doch beim Fahren leert er sich rapide.

Wobei der Akku gar nicht mal kaputt sein muss, um zu nerven. Wenn er leer ist und das Rollerchen nach nicht mal 50 Kilometern steht, ist eben nur der Fahrer geladen. Die Kreidler schaffte immerhin 54,9 Kilometer, die SXT aber nur 36,5. War’s das jetzt mit dem Thema Akku-Ärger? Nein, das geht munter weiter, denn die Ladeanzeigen sind ähnlich verlässlich wie die Wetterprognosen fürs Wochenende in 14 Tagen. Da bleibt die Kreidler schon mal stehen, obwohl die Anzeige noch ein Drittel voll anzeigt.
Und dann noch das: Die Akkus von Kumpan und SXT verlieren schon nach wenigen Kilometern spürbar an Leistung. Die beiden Roller erreichen dann nicht mehr ihre Höchstgeschwindigkeit und mutieren mit gerade mal 40 km/h zum Verkehrshindernis. Da hat der Fahrer genug Zeit für den neidischen Blick auf den Kollegen mit seinem Benzinroller, der an der Tanke mal eben vollmacht. Denn der Akku im eRoller ist erst nach mindestens vier Stunden wieder geladen.
eRoller Stefan Mehmke

„Handhabung und Kosten der Akkus machen nicht unbedingt Lust auf eRoller. Schade drum!“

Stefan Mehmke, Autor

Immerhin haben drei der fünf Roller herausnehmbare Akkus und Platz für mindestens einen Reserve-Akku. So kann die häusliche Steckdose als Tankstelle dienen – wenn sie nicht gerade im Wohnzimmer ist, denn die meisten Ladegeräte sind nervig laut.
eRoller Test Kabel Akku

Die fest verbauten Akkus von Kreidler und SXT lassen sich nicht in der Wohnung laden. Wer keine Garage mit Steckdose hat, muss also ein Verlängerungskabel bis auf die Straße legen.

Fahren macht jedenfalls Spaß

Doch trotz aller Nerverei rund um die Akku- und Ladeproblematik machen zumindest vier der fünf Roller Spaß beim Fahren. Dank Elektroantrieb hat zum Beispiel die Kreidler E-Florett schon nach 6,5 Sekunden 40 Sachen drauf und lässt damit jeden herkömmlichen Benzinroller mit 50 Kubikzentimetern beim Ampelstart locker stehen.
Wobei sich der Fahrspaß nur einstellt, wenn der Roller auch passt. So finden größere Fahrer mit dem ausladenden Kumpan einen komfortablen Kumpel und auf dem Emco eine gemütliche Sitzposition. Der kompakte Unu bietet dagegen eher kleineren Piloten den nötigen Komfort, auf dem SXT vermisst fast jeder Fahrer Platz für die Füße.
eRoller Test Regen

Hamburger Schietwetter: Los fuhren die Testfahrer bei Sonnenschein, dann gerieten sie in ein Gewitter.

Sportlich, cool oder lieber retro?

Auch in ihrem Design und dem „Coolnessfaktor“ unterscheiden sich die Testkandidaten deutlich. Wer in den 70ern als Teenager von einer Kreidler Florett träumte, bekommt heute mit der modernen E-Variante den sportlichsten Roller in diesem Vergleich.
Eher hipster-mäßig cool kommt der Unu rüber, während der auf retro getrimmte Emco regelmäßig ein „Hach, ist der aber süß!“ provoziert. Eher sauer machen auf Dauer aber die unglaublichen Quietsch- und Knirschgeräusche des giftig-grünen Plastikrollers. Das weckt nicht gerade Vertrauen, auch wenn der Emco den Teststress schadlos überstand.
eRoller Test Stauraum

Enger Stauraum: Da der Akku unter der Sitzbank versteckt ist, bleibt nicht mehr allzu viel Platz für andere Dinge – in diesem Fall Gewichte, damit alle Roller bei der Verbrauchsfahrt trotz unterschiedlich schwerer Fahrer das gleiche Gewicht bewegen müssen.

Für eRoller ist es ein weiter Weg

Der üppige Kumpan wirkt dagegen fast luxuriös – ärgerlich nur, dass der als Extra erhältliche Gepäckträger bereits am Ende der Testzeit rostete. Der Letztplatzierte SXT profiliert sich dagegen mit seinem minimalistischen Design.
Bis eRoller aber tatsächlich nicht nur eine leise und umweltfreundliche, sondern auch eine günstige und komfortable Alternative zum Benziner sind, ist es noch ein weiter Weg. In einigen Städten gibt es zwar Ladesäulen (e-tankstellen-finder.com), aber die nutzen wenig, wenn sie weit von Wohnung oder Büro entfernt sind. Ihren Durchbruch wird die Elektromobilität nur mit flächendeckenden Ladestationen und deutlich günstigeren Preisen für Akkus, aber auch für die Roller schaffen.

eRoller machen Meter

Reichweite

Bremsweg

Beschleunigung

Emco Nova R 2000

47,9 km

9 m

8,4 sek

Kreidler E-Florett 3.0

54,9 km

7,6 m

6,5 sek

Kumpan Electric 1954 L

40,8 km

10,8 m

8,3 sek

SXT Raptor 1200

36,5 km

9,3 m

10,5 sek

UNU Premium

38,8 km

8,8 m

7,1 sek

Fazit

Keiner der fünf eRoller schaffte die Note „gut“, dafür ist ihre Reichweite zu kurz und der Akku-Stress zu groß. Mit ordentlicher Ausstattung, guter Verarbeitung und nicht gar so teurem Akku-Tausch holte der Unu den Test- und den Preis-Leistungs-Sieg. Emco fährt auf Platz zwei, die Kreidler E-Florett wäre mit den besten Fahrleistungen ganz vorne gelandet, aber der nicht herausnehmbare Akku mindert seine Praxistauglichkeit. So sehr man die eRoller auch mögen würde und so sehr sie im Test sogar auch echt Spaß machten: Sie brauchen schon eine gute Portion Idealismus für den Kauf. Denn die eRoller sind einfach noch viel zu teuer, zudem nerven die Handhabung der Akkus und die meist umständliche Ladeprozedur. Deshalb müssen endlich Forschung, Politik und Industrie an einem Strang ziehen, damit die sauberen Leisetreter endlich auch in Deutschland die Straßen erobern. Gerade in den Großstädten mit ihrer erhöhten Umweltbelastung wäre ein eRoller die perfekte Alternative zu Bus, Bahn und vor allem zum Auto.

Alternative: Smarter eRoller NIU N1s

NIU N1s Civic

Der NIU N1s Civic kostet beim Händler 2.699 Euro. Er ist auf alle Fälle einen Blick wert.

Zu Testbeginn war der rote Flitzer NIU N1s noch nicht erhältlich. Schade, denn er macht einiges anders oder sogar besser. Per App kann man Verbindung zum Roller aufnehmen und so immer den Ladezustand oder den Standort überwachen – ein eingebauter Diebstahlschutz neben der Wegfahrsperre. Lesen Sie dazu: eRoller NIU N1s im Test.
Autor: Stefan Mehmke

eRoller