Bike extrem: Das Eisenschwein

Riesenrad: Das schwerste Fahrrad der Welt!

Über eine Tonne wiegt das schwerste Fahrrad der Welt. Gebaut hat es der Norddeutsche Frank Dose. Er findet, es fährt sich leichter als ein Rennrad im falschen Gang.

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Frank Dose und sein Eisenschwein

Goliath-Bike: Frank Dose ist 1,96 Meter groß. Bei seinem Rad hat allein ein Reifen 1,53 Meter Durchmesser.

„Es war morgens halb fünf in Wacken”, beginnt Frank Dose seine Geschichte. Dort, in so einer Art „Mad Max”-Lager mit verrückten Vehikeln auf dem berühmten Open-Air-Festival, sagte er zu seinem Kumpel: „Wenn wir zu Hause sind, bau ich ein Fahrrad, fahre von Schacht-Audorf nach Wacken und stehle denen die Schau.”
Drei Jahre später hat er sein Versprechen wahr gemacht. Das „Eisenschwein” parkt in einer Halle am Ufer des Nord-Ostsee-Kanals bei Rendsburg und sieht aus wie ein überdimensionaler Endzeit-Stahlesel. Passend zum Namen quietscht der Radgigant beim Schieben und Fahren wie ein Urviech aus „Jurassic Park”.
Und wer das Bike fahren will, braucht wie der 1,96-Meter-Mann ziemlich lange Beine. „Aber das Ding fährt sich leicht, das glaubt mir kein Mensch. Ein Rennrad im falschen Gang anzufahren ist schwerer”, sagt Frank Dose und tritt dynamisch-stotterig in die XXL-Pedale. Er schwärmt in Zahlen: 1080 Kilo wiegt sein Riesenrad, das aktuell schwerste der Welt. Bei rund eineinhalb Tritten pro Meter und einem Krafteinsatz von 35 Kilo macht das Rad 5,4 km/h. Für die 44 Kilometer bis zum Heavy-Metal-Festival in Wacken würde Dose so über acht Stunden brauchen. Theoretisch. Praktisch ist der 50-Jährige bislang über hundert Meter am Stück gefahren und hat sich damit den deutschen und den Weltrekord erradelt. Und wie versprochen eine Riesenschau gemacht.
Eisenschwein

Vergiss Leichtbau: Der Rad-Gigant tritt sich erstaunlich flüssig. Für Stabilität bei 5 km/h sorgen die Stützräder.

Das war letzten Spätsommer. Sonne satt, Volksfeststimmung in Schacht-Audorf mit Bratwurst, Bierbude und Presserummel. Der ganze Ort saß Probe auf dem Bierkasten-Sattel des Riesenrads, auch die Bürgermeisterin. „Der Tag war wie eine zehnstündige Achterbahnfahrt. Und am meisten gefreut hat mich, dass das Wetter mitgespielt hat”, erinnert sich der Mann mit der roten Erdbeerstrickmütze, ein Glücksbringer seiner Mutter. Dabei war bis zuletzt nicht ganz klar, ob das Eisenschwein zum Superstar taugen würde.

Die Reifen riechen nach Gülle

Der hauptberufliche Lkw-Fahrer hatte Vorläufer gebaut, die erst noch frisiert werden mussten. Zuerst besorgte er Räder und Reifen vom Güllewagen. Den Stahl fand er teils im Schrott, teils beim Landmaschinenhändler. Dann baute Dose die Achse, passte die Schwinge an, anschließend folgten Rahmen und Schutzbleche. Die einzige Skizze 
hat er nur zur Anschauung für seine Frau gezeichnet. „Da kommt die Welle hin, da die Gabel, hier Lenker und Sitz, dort die hydraulische Scheibenbremse.”
Bevor der kreative Bastler Projekte angeht, hat er sie schon fertig im Kopf. „Filigran ist nicht mein Ding. Immer Stahl und Schweißen. Was ich baue, ist für die Ewigkeit, sagen meine Freunde.” Drei davon standen Dose beim Bau zur Seite, ohne sie hätte er das nicht so fluffig gestemmt, sagt er. Etwas Dusel war auch dabei, gibt Dose zu. Etwa als der Freiwillige-Feuerwehr-Mann zu einem Einsatz gerufen wurde und sein Kumpel das Tretlager auf gut Glück einbaute. Passte.
Eisenschwein

Dynamo: Strom liefert die Sechs-Volt-Lichtmaschine nicht, sieht aber süß aus!

Das Rad wuchs aus dem Schuppen, der wurde mit einem vier mal vier Meter großen Planengerüst erweitert. Denn eins war klar: Er will den Weltrekord von 860 Kilo Gewicht knacken. „Ich hab das Fahrrad ohne Pfusch gebaut. Ich hab kein Gramm Blei in den Rohren, kein Wasser in den Reifen”, sagt Dose nicht ohne Stolz. Der Gutachter vom Deutschen Rekord-Institut bestätigt schließlich: alle Kriterien für ein Fahrrad erfüllt!

Die Lenkköpfe geben nach

Dann die Katastrophe. Eine Woche vor dem Rekordversuch fand das Testwiegen des Kolosses von Rendsburg statt, die Kumpels seiner Feuerwehr stemmten den Transport zur Lkw-Waage. Dort gab der Lenkkopf nach, die Lager zerbröselten. „Das war fast ein Totalschaden”, so Dose. Und etwas blauäugig, wie er zugibt. Die ersten Lager kaufte er für 35 Euro pro Stück. Nun besorgte er Hightech-Industrielager für je 100 Euro. Mit seinen Kumpels bastelte er fast Tag und Nacht durch – bis das Bigbike am Freitagmorgen, dem 2. September, endlich fertig war. Um fünf Uhr nachmittags brachte das Eisenschwein fette 1080 Kilo auf die Waage. Geschafft. Fast. Am nächsten Tag der Weltrekordfahrt sprang noch der Biersponsor seines Sattels ab. Frank Dose fragte kurzerhand bei Dithmarscher an, die Brauerei gab ihr Okay. Der Weltrekordler in spe besorgte schnell noch einen Kasten im Supermarkt, baute den befüllbaren Sitz um. Die Rekordfahrt danach – ein Klacks. Statt Bier floss Adrenalin in Strömen.
Eisenschwein

Bikertreffen: Das Eisenschwein, Frank Dose, Autorin Sabine Franz und Fotograf Olaf Tamm.

Das Wunder von Schacht-Audorf

Sein Fahrrad ist jetzt ein Star, verkauft hat es Frank Dose an die Gemeinde Schacht-Audorf, die das XXL-Bike vermarkten möchte. Dose managt seinen Freund aus Stahl weiterhin. Ein paar Wochen hat er das Rad jetzt nicht besucht in der Halle unweit seines Zuhauses. Hier herrscht Industriecharme, nebenan ruft die Sirene der Schiffswerft zur Mittagspause. Sein Wiedersehen nennt Dose einen „komischen Moment”, richtig emotional. „Das Rad ist ja ein Teil meines Lebens.”
Bis März 2018 ist das prominente Rad fast ausgebucht. Etwa für eine Fahrradverkaufsmesse, für das Oldtimertreffen auf Gut Kaden bei Hamburg oder eine Fahrradsonderausstellung in Dresden. Als Nächstes will Frank Dose dem Eisenschwein noch eine Klarlackkur gönnen. Der Rost soll bleiben, der gehört schließlich zum Look.
Gibt es etwas, das er beim Bau heute anders machen würde? „Ich würde breitere, glatte Reifen nehmen, natürlich auch luftgefüllt. Und ich würde versuchen, ohne Stützräder zu bauen.” Die hat Deutschlands größte Tageszeitung doch tatsächlich uncool genannt.

Technische Daten

Modellname

Eisenschwein

Gewicht

1080 kg

Reifendurchmesser

153 cm

Tempo

5,4 km/h

Bauzeit

intensiv von März bis September 2016

Baukosten

weit über 5.000 Euro, ab da hat Frank Dose aufgehört zu zählen

Sabine Franz