Fahrrad-Raritäten: Itera

Das schlechteste Fahrrad der Welt?

Das Itera wurde in Schweden entwickelt. Es sollte leichter und haltbarer werden als Fahrräder aus Stahl. Ein Irrtum.

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Optik wie ein Pedelec: Trotz breiter Plastikteile an Rahmen und Lenker lässt die Fahrstabilität des Itera zu wünschen übrig

"Sicherheit aus Schwedenstahl“ lautete der Volvo-Slogan für Autos der Marke in den 1970er-Jahren. Es sollen ausgerechnet Volvo-Ingenieure gewesen sein, die zu jener Zeit in Schweden ein Fahrrad entwickelten, das möglichst komplett aus Kunststoff bestehen sollte. Man versprach sich davon: Gewichtsersparnis, billigere Herstellung, größere Haltbarkeit und ein völlig neues Erscheinungsbild. Dem schwedischen Staat gefiel das Projekt, er förderte den Bau eines Prototyps mit 54.000 Kronen. Als dieser 1980 erfolgreich fertiggestellt war, gab es einen staatlichen Kredit in Millionenhöhe, und das Ingenieursteam konnte die Produktion planen.

Bis auf Teile wie Bremsen, Achsen und Kette besteht das Itera aus Plastik, auch Kurbeln, Gabel und Felgen

Ende 1981 stellte die „Itera Development Center AB“ Händlern und Presse eine Serienversion vor; der Marktstart war für Anfang 1982 angekündigt. Es gab ein Tourenrad mit Dreigang-Nabenschaltung und eine sportliche Variante mit Rennlenker und Sechsgang-Kettenschaltung. Die Farben: Blau, Grün, Rot und Gelb, allesamt in zarten Pastelltönen. Die Preise starteten bei 1.600 schwedischen Kronen, damals ungefähr 650 Mark, also durchaus kein Pappenstiel. Ursprünglich geplant war ein Verkaufspreis von 300 Kronen, billige Stahlräder kosteten ab 200 Kronen.

Im Pappkarton: Vorbild Ikea

Diesen Preisnachteil versuchte Itera mit einer massiven Marketingkampagne aufzuwiegen. In Anzeigen wurde das Rad als „Ewigkeitsmaschine“ beworben. Umfragen ergaben, dass sich 100.000 Schweden vorstellen konnten, ein Plastikfahrrad zu kaufen.

Die Beleuchtung vorn und hinten ist batteriebetrieben.

Um den Vertrieb zu vereinfachen, kam das Itera als 20-Kilo-Bausatz in einem versandfähigen Pappkarton – Vorbild Ikea. Der Käufer musste das Vorderrad mittels einer Steckachse sowie Lenker, Pedale und Kleinteile selbst montieren. Das Hinterrad befand sich bei Lieferung schon im Rahmen – aus gutem Grund: Hier ließ sich wegen des Antriebs keine Steckachse realisieren. Zur Demontage, beispielsweise um einen Plattfuß zu reparieren, musste der Plastikrahmen so weit aufgebogen werden, dass er sich über die Enden der Achse schieben ließ.
Ungefähr 30.000 Exemplare des Plastikfahrrads sollen zwischen 1982 und 1985 gefertigt worden sein. Allerdings stockte der Absatz schon nach kurzer Zeit, die Kartons begannen sich bei den Händlern zu stapeln. Noch heute tauchen deshalb hin und wieder Räder in Originalverpackung auf Auktionen auf, die die 35 Jahre seit ihrer Herstellung unmontiert in irgendwelchen Kellern überdauert haben

Aus für das Itera nach nur 3 Jahren

Letztlich waren es die üblen Fahreigenschaften, die dem Itera nach drei Jahren das endgültige Aus bescherten. Der Kunststoff war trotz Glasfaserverstärkung und Versteifungsprofilen nicht starr genug. Im Sommer stellte sich ein wabbeliges Fahrgefühl ein, der Fahrer musste permanent mit seinem weichen Lenker die Eigenbewegungen der ebenso weichen Gabel ausgleichen. Im Winter war das Material ausreichend hart, dafür fuhr die Angst vor Versprödungsbrüchen mit.
Also ein Flop. Heute gibt es wieder Plastikfahrräder. Das Itera indes hat seinen verdienten Platz im Helsingborger Museum des Scheiterns gefunden.