Fahrrad-Raritäten: Sprick Comfortable

Innovationsstark – und dennoch enttäuschend

Plastikräder, Flugzeuglenker, Doppelrohrrahmen – das Sprick Comfortable war 1982 die Sensation unter den Fahrrad-Neuerscheinungen. Leider versprechen die Innovationen mehr, als sie halten können.

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Spricks Comfortable wird heute gern als „Colani-Rad“ verkauft. Entworfen hat es Odo Klose

Als „zukunftsweisendste Neuentwicklung der letzten Jahrzehnte“ bezeichnet die Presse das ungewöhnlich aussehende Fahrrad, das im September 1982 auf der Internationalen Fahrrad-Ausstellung in Köln steht. In der Tat versammelt das Sprick Comfortable technische Spezialitäten, die Fahrradliebhaber auch 35 Jahre später noch anerkennend mit der Zunge schnalzen lassen: Laufräder aus glasfaserverstärktem Kunststoff mit schlauchlosen Reifen, abschließbarer Gepäckkasten, Flugzeuglenker und ein moderner Unisex-Rahmen aus zwei parallel verlaufenden, gebogenen Rundrohren. Auch die Sicherheitsausstattung ist bemerkenswert: geschlossener Kettenkasten, Abstandshalter, Halogenscheinwerfer und Rücklicht mit Standlichtautomatik, Reflektor am Gepäckträger, integriertes Rahmenschloss.

Der Lenker sieht aus wie bei einer Cessna. Der Bremsbügel ist aus jeder Griffhaltung erreichbar. In der Mitte ist ein Tachometer

Der Entwurf des Rads stammt aus der Feder von Odo Klose, damals Professor für Industriedesign an der Uni Wuppertal. Klose meldete das Fahrrad Ende 1983 als „Fahrrad mit einem aus zwei seitlich nebeneinander verlaufenden Rohren gebildeten Doppelrahmen“ zum Patent an. Die Herstellung übernahm die mittelständische Sprick GmbH aus Gütersloh. Sprick war Hauptlieferant der Metro-Gruppe. Über deren Kaufhausketten konnten große Stückzahlen abgesetzt werden, allerdings unter der Metro-Eigenmarke als „Active Comfort“. Laut Sprick-Chef Jochen Hanhörster wurden in drei Produktionsjahren rund 20.000 Exemplare gefertigt. Die Metro konnte dank ihrer Machtstellung den Preis diktieren. Der sank von ursprünglich 700 schnell auf 499 Mark. Sprick versuchte, das mit Sparmaßnahmen bei der Produktion auszugleichen. „Die Verarbeitung war nicht optimal“, formuliert Klose heute vorsichtig. Die letzten Exemplare wurden schließlich für 399 Mark quasi verramscht.

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Unpraktische und enttäuschende Neuerungen

Einige der vermeintlich sensationellen Neuerungen erwiesen sich als unpraktisch oder enttäuschend. So war die schlauchlose Continental-Bereifung bei einem Reifenschaden mit normalem Flickzeug nicht zu reparieren. Wenn dann schließlich Ersatz beschafft war, musste der Reifen – wie beim Auto – mithilfe eines Werkstatt-Kompressors auf der Felge in Position gebracht werden. Auch weitere Teile der Technik hielten nicht, was die moderne Optik versprach. Die Torpedo-Dreigangschaltung war unterster Standard, die aufwendig ins Lenkrad integrierte Glocke eine einfache Klingel. Trotz der Kunststoffräder und des filigranen Doppelrohrrahmens kam das Rad auf ein Gewicht von rund 20 Kilogramm. Die federnde Konstruktion und der Plastiklenker hatten ein in jeder Hinsicht weiches Fahrgefühl zur Folge.

Im Gepäckfach befindet sich der Batteriekasten für die Standlicht-Automatik

Mängel bei Verarbeitung und Lackierung sorgten bei späteren Exemplaren dafür, dass unter der Einwirkung von Feuchtigkeit die Verschweißungen des Rahmens innerhalb der Kunststofflager korrodierten und aufbrachen. So war dem Active Comfort kein nachhaltiger Erfolg beschieden. Immerhin gibt es dank der recht hohen Stückzahl heute regelmäßig Räder auf dem Gebrauchtmarkt. Die Preise liegen mit 150 bis 350 Euro nahezu auf Höhe des Neupreises. Interessenten suchen am besten unter dem Stichwort „Colani-Bike“ in den einschlägigen Marktportalen. Colani? Nur eine Verwechslung, wie unser Interview zeigt.

Interview mit Odo Klose, Erfinder und Patentanmelder des Active Comfort

Herr Klose, welche Innovationen haben Sie Ihrem Entwurf verpasst?
Beim Sprick Comfortable gab es ja einige Neuheiten. Zum Beispiel die speichenlosen Räder, den kleinen Kofferraum, einen Sicherheitsabstandshalter und den sogenannten Spannrahmen – die jedoch gab es schon im 19. Jahrhundert.
Welche Funktion hat der Spannrahmen?
Er federt und macht das Fahren komfortabler. Deshalb heißt das Rad ja auch „Comfortable“. Diese Rahmenform hat sich dann zwar nicht beim Fahrrad, wohl aber bei Kinderwagen durchgesetzt.
Warum der Plastiklenker?
Ich wollte eine Form schaffen, in dem alle Funktionen integriert sind, also Bremse, Schaltung, Klingel und Tacho. Die Bedienhebel sind ja normalerweise alle einzeln aufgesetzt auf ein Rohr.
Wissen Sie eigentlich, dass das Rad gemeinhin als „Colani-Rad“ bezeichnet wird?
Ja, und das finde ich sehr ärgerlich. Aber was soll ich dagegen machen? Herr Colani hatte etwa zur gleichen Zeit ein Rennrad entworfen, vermutlich ist es dadurch zu Verwechslungen gekommen.
Haben Sie mit Ihrem Patent Geld verdient?
Natürlich habe ich als Patentinhaber etwas Geld bekommen, es wurden ja über 20 000 Stück gebaut. Aber reich hat es mich nicht gemacht.
Sie sind jetzt über 80 Jahre alt. Gibt es noch neue Projekte?
Ja, zurzeit arbeite ich an einem Pedelec, das sich zu einem Koffer zusammenklappen lässt.