Museum aus Leidenschaft

Extrem-Fahrradsammler: Ullis unglaubliche Fahrrad-Welt

Dass im Spessart Räuber ihr Unwesen treiben, gehört ins Reich der Sagen. Die Fahrradsammlung von Ulrich Teige ist dagegen real – und sagenhaft.

Datum:
Ulrich Teige ist Fahrradsammler

Ich zeig’s euch! Ulrich Teige aus Heimbuchenthal bei Aschaffenburg und seine Schätze – 400 Räder und Kuriositäten hat er in den vergangenen 18 Jahren gesammelt. „So ungefähr zumindest. Ich hab lieber aufgehört zu zählen!”

Kennen Sie dieses Gefühl, nie genug zu kriegen? Etwas zu verpassen, eine wichtige technische Neuerung vielleicht? Dann würden Sie sich mit Ulrich Teige sicher blendend verstehen. „So um 1999 kam ich auf die Idee, dass ich von jeder Sorte Fahrrad eines haben möchte. Nur war mir damals gar nicht bewusst, wie viele unterschiedliche Konzepte es gibt oder was Tüftler und Erfinder schon alles auf zwei Räder gestellt haben”, sagt Ulli lachend.
Die Sammelleidenschaft liege wohl in der Familie, meint er, und es klingt beinahe wie der Versuch einer Rechtfertigung: „Mein Bruder Heinz hortet elektromagnetische Schaltuhren, ich eben Fahrräder.” Die Lawine kommt ins Rollen, als seine Frau und er feststellen, dass sie beim Radfahren nicht den gleichen Rhythmus haben. „Da haben wir gesagt: Wir brauchen ein Tandem, genauer gesagt ein Stufentandem. Das war unser erstes technisch interessantes Fahrrad, und das haben wir heute noch”, erzählt Ulli.
Fahrradsammler Ulrich Teige

Ohne historische Bikes geht es nicht, wie diese wunderbare Kopie eines alten Hochrads beweist.

Vielfalt macht Spaß!

Was sich anschließend anhäufte, lässt sich nur durch Aufzählen halbwegs in den Griff bekommen: Von Prototypen über Designstudien bis hin zu Ruder-, Reit- und Liegerädern reicht das Spektrum. Ob ein, zwei oder mehr Räder, ob Hoch- oder Stehrad, e- oder klassisches Pedal-Bike: alles da! Ebenso wie Tandems, Rikschas, Roller, Kabinenräder oder Spaß-Drahtesel Marke Eigenbau, die Ulli in der Kellerwerkstatt seines Hauses zusammenbastelt – zum Beispiel solche, die nach rechts fahren, wenn man den Lenker nach links dreht. „Damit ein paar Meter weit zu kommen, schafft kaum jemand”, sagt er schmunzelnd.
Die Vielfalt mache den Reiz aus, erklärt Ulli. „Zum Beispiel Liegeräder: Es gibt Tieflieger, Semi-Tieflieger, Sesselräder, Kurzlieger, Langlieger. Und da weiß man: Nur ein Liegerad reicht nicht!” So können sich Prioritäten ändern: Etliche Puppen seiner großen Barbie-Sammlung, die Ulli als einstiger Mattel-Mitarbeiter zusammengetragen hat, wurden verkauft, das Geld hat er in die Fahrradsammlung investiert.
Fahrradsammler Ulrich Teige

Rauf und runter: Ist das Treppen steigen oder Fahrrad fahren? Im Grunde eine Mischung aus beidem.

Auf die Technik kommt es an

Irgendwann wird Ulli von einem Bekannten gefragt, ob man seine vielen Fahrräder denn auch irgendwo anschauen könne. „Das fand ich eine tolle Idee, und da hab ich die Gemeinde gefragt, ob sie mir vielleicht ein leer stehendes Gebäude für eine Ausstellung zur Verfügung stellen könne. Heimbuchenthal ist ja das touristische Zentrum hier im Spessart.”
So entsteht die Idee für Ullis erstes Museum, die Pedalwelt. Die Gemeinde stellt den Kontakt zum Besitzer einer alten Mühle her, und Ulli macht sich mit Volldampf ans Werk. „Ich hab die 120 Quadratmeter Ausstellungsfläche in Eigenregie renoviert und mich auch um das Gelände gekümmert. Dafür musste ich keine Miete zahlen”, blickt er zurück. Für die Dekoration ist Ehefrau Heike zuständig, zusammen mit einer befreundeten Floristin. Ulli kümmert sich mit einem Helfer aus dem Ort um das Museum, das an Wochenenden oder nach Terminvereinbarung geöffnet ist.
Fahrradsammler Ulrich Teige

Kuriositätenkabinett: Ullis Kleinstes und sein Größtes, beide fahrbar. Diesen Anblick ersparen wir Ihnen.

Ein eigenes Museum

2004, zu Ullis 50. Geburtstag, geht’s los, samt Spaßparcours vor dem Gebäude. „In der besten Zeit hatten wir 3.000 bis 4.000 Besucher im Jahr, auch viele Gruppen, zum Beispiel Schulklassen”, berichtet Ulli, und man spürt den Stolz in seiner Stimme. Ein Fahrrad- und Rikschaverleih, den er bis heute betreibt, kommt hinzu. Sogar das südkoreanische Fernsehen berichtet über den Schatz in der Kernsmühle, und deutsche Unterhaltungsshows holen sich Räder von Ulli ins Studio. Zum Beispiel das von ihm selbst konstruierte Kettensägen-Rad, das anstelle eines Vorderrads eine über die Pedale angetriebene Kettensäge besitzt, die locker armdicke Stämme durchtrennt. „Auf dem hat sich schon Günther Jauch richtig abgestrampelt”, verrät Ulli.
Doch plötzlich meldet der Mühlenbesitzer Eigenbedarf an, 2011 muss Ulli räumen. „Schlagartig waren alle Kellerräume und unsere beiden Garagen voll, und im Ort hatte ich fünf oder sechs Stellen, an denen die Räder und die gesamte Deko eingelagert waren”, erinnert er sich. Mittlerweile hat er gut 90 Prozent seiner Bikes in der Werkstatthalle einer früheren Schreinerei in einer Nachbargemeinde untergebracht.
Fahrradsammler Ulrich Teige

Vor und zurück: Wer mit diesem langen Rad fahren will, kommt auf dem Sitz richtig ins Rudern.

Von allem ein bisschen

„Die Sammlung ist deshalb so enorm gewachsen, weil es mir weniger darum ging, historische Räder zu zeigen, sondern einen möglichst umfangreichen Querschnitt der aktuellen Technik – vor allem wenn sie ungewöhnlich war. Also war ich gezwungen, immer wieder neue Räder zu präsentieren und Bezugsquellen zu nennen, teils mit ortsansässigen Gastronomen oder Herstellern und Händlern als Sponsoren. Aber etwa 90 Prozent der Räder habe ich selbst gekauft, viele auch wieder verkauft. Es war ein Kommen und Gehen.” Momentaner Wert der Sammlung? Ulli seufzt: „Ich würd mal sagen, knapp sechsstellig in Euro. Wobei man ergänzen muss, dass ich auch Räder geschenkt oder spottbillig bekommen habe, beispielsweise als Ebay noch in den Kinderschuhen steckte.”
Das Faszinierende sei eben die Vielseitigkeit: „Wenn ich mit ’nem Reit- oder Ruderrad oder einem Velo, das ich oder Freunde von mir aus Schrott zusammengebaut haben, hier durchs Tal fahre, freue ich mich, wenn Leute mich ansprechen. Man sieht eigentlich immer nur lachende Gesichter, und das finde ich toll!”, schmunzelt Ulli.
Fahrradsammler Ulrich Teige

Über jedes Rad in seiner Sammlung führt Ulrich Teige seit 1999 akribisch Buch. Auch Berichte in der Presse sammelt er sorgfältig. „Okay, ein bisschen ist das Selbstbeweihräucherung. Aber natürlich auch ein Stück weit Werbung in eigener Sache”, erklärt Ulli.

Erfindergeist würdigen

Ganz ohne Geschichte geht es aber doch nicht, denn Ulli ist auch der Kontakt zu Erfindern oder deren Nachkommen wichtig. Prominentes Beispiel: das Reitrad Cavallo von Hercules, das auf eine Entwicklung des Flugzeugingenieurs Hans Günter Bals zurückgeht, deren Ursprünge bis in die 1950er-Jahre zurückreichen. Dank des Viergelenkrahmens werden neben den Beinen auch die Arme sowie Bauch, Brust und Rücken des Fahrers trainiert. Ende der 1970er-Jahre kauft Hercules die Lizenz, ändert aber die Konstruktion – das Rad wird ein Flop. Bals kündigt den Vertrag und lässt sein Rad in Eigenregie bauen, heute unter dem Namen Swingbike. „Solche Räder brauche ich einfach, denn der Erfindergeist dieser Leute muss gewürdigt werden”, ist Ulli überzeugt. Nicht selten kam es vor, dass ihm entsprechende Prototypen für sein Museum überlassen wurden.
Das nächste Kapitel in seiner eigenen Fahrradgeschichte ist gerade erst aufgeschlagen worden: In naher Zukunft will die Gemeinde Heimbuchenthal für rund 440.000 Euro eine Halle mit 300 Quadratmeter Grundfläche bauen, die Ullis Sammlung beherbergen soll. Das Land Bayern beteiligt sich über kommunale Fördertöpfe zu 60 Prozent an der Investition. „Die Gelder sind mittlerweile bewilligt”, berichtet Ulli, der bereits ein Betreiberkonzept verfasst hat. Außerdem hat eine auf Ausstellungsplanung spezialisierte Agentur einen Entwurf für eine moderne Präsentation erarbeitet.
Fahrradsammler Ulrich Teige

Nur für Kumpels: Einer lenkt, der andere denkt sich seins. Ein BuddyBike können jedenfalls nur perfekt ein gespielte Teams fahren.

13 Räder auf einen Streich

„Schon 2012 haben wir für das neue Museum einen gemeinnützigen Förderverein gegründet, und wir werden sicher auch wieder viel Eigenleistung reinstecken”, erklärt Ulli. Wenn alles glattgeht mit der Ausschreibung, soll der Bau noch dieses Jahr fertig werden. „Zwölf Jahre beträgt die Zweckbindungsfrist, danach kann die Gemeinde wieder frei über das Gebäude verfügen. Für diesen Zeitraum trete ich ihr vertraglich die Sammlung ab.” Die neue Pedalwelt soll auf jeden Fall wieder ein Fahrrad-Erlebnistempel werden, auch wenn der endgültige Name noch nicht feststeht.
Fahrradsammler Ulrich Teige

Ullis Frau Heike (53) umhäkelt das alte Hollandrad seiner Mutter. „Ich bin für die Deko verantwortlich, Ulli macht alles Technische”.

Womöglich wäre Ullis Sammlung in Vergessenheit geraten, wäre das Museum nicht gebaut worden. „Ich glaube, dann hätte ich mich von allen Rädern getrennt”, meint er nachdenklich. „Wir haben ja keine Kinder, und des ständigen Hin- und Herräumens wird man irgendwann leid.”
Fahrradsammler Ulrich Teige

Auf und nieder: Beim StreetStrider muss man beim Lenken die Balance halten.

Dass der Mann mit dem unheilbaren Sammlervirus ganz ohne Fahrräder leben könnte, ist allerdings kaum vorstellbar. Ein imposantes Elektro-Fatbike, das griff- und fahrbereit in der Diele seines Hauses steht, beweist das Gegenteil. Außerdem gibt er zu, vergangenes Jahr 13 Räder auf einen Schlag von einem befreundeten Sammler gekauft zu haben. „Der hat mir ein Angebot gemacht, das ich einfach nicht ablehnen konnte”, seufzt Ulli und zuckt die Schultern. Genug, das ist klar, hat er noch lange nicht.
Peter Michaely

Buch: „Das Fahrrad: Eine Kulturgeschichte”