Hausrunde mit dem Prinzen-Frontmann

Sebastian Krumbiegel: Gestern Chorknabe heute eBiker

Mit einer Hymne auf sein Mifa-Fahrrad kreierte Prinzen-Sänger Sebastian Krumbiegel vor 26 Jahren einen Ohrwurm. Heute fährt er elektrisch durch seine geliebte Heimat Leipzig.

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Sebastian Krumbiegel unterwegs in Leipzig

Heiliger Bimbam: In der Leipziger Thomaskirche sang Sebastian Krumbiegel, bis er 18 Jahre alt war, wöchentlich im Chor.

Am 5. Juni 1966 wurde Sebastian Krumbiegel in Leipzig geboren. Er ist Sänger der Band Die Prinzen. In seiner Kindheit war er Mitglied im berühmten Thomanerchor und lernte hier seine Bandkollegen kennen. Er ist auch als Solokünstler aktiv und engagiert sich gegen Rechtsextremismus, u. a. mit dem politischen Musikfestival „Leipzig Courage zeigen”.

Schönwetterfahrer

Eigentlich ist Krumbiegel bekennender Schönwetterfahrer. Heute ist es draußen jedoch kalt und diesig – kein perfektes Wetter für eine Fahrradtour. Für Bike Bild macht der 50-Jährige eine Ausnahme, schwingt sich in den Sattel, beißt die Zähne zusammen und nimmt uns mit für eine Hausrunde durch Leipzig.

Krumbiegel kennt Leipzig wie seine Westentasche

In Leipzig wurde er als Sohn eines Chemikers und einer Musikwissenschaftlerin geboren und lebt auch heute noch dort. Zu jedem Pflasterstein könnte er eine Geschichte erzählen – und davon hat der Marktplatz eine ganze Menge. Er steht vor dem Alten Rathaus, ganz in Schwarz gekleidet, mit einer Mütze auf dem Kopf, die seine typische Igelfrisur bedeckt. Einen dicken Schal hat er sich fest um den Hals geknotet. Schon zücken die ersten Passanten ihre Handys, um ihn zu fotografieren. Krummbiegel ist ein bekannter Sohn der Stadt – nur ein bisschen weniger berühmt als Johann Sebastian Bach oder Richard Wagner.
Sebastian Krumbiegel

Erinnerung: Die Brücke im Clara-Zetkin-Park befuhr Krumbiegel schon als Chorknabe – früher nur mit Muskelkraft, heute auf dem eBike.

Durch die Gassen der Altstadt schiebt Krummbiegel sein eBike. Es geht vorbei an Auerbachs Keller, der Stammkneipe des Studenten Johann Wolfgang von Goethe, und am Bachmuseum, das Krumbiegels Mutter mit aus der Taufe hob. Nur wenige Meter vom Markt entfernt ragt die Thomaskirche in die Höhe. Hier sang er im berühmten Knabenchor und lernte seine späteren Bandkollegen kennen. Zusammen wurden sie Die Prinzen. Für die Freunde spielten Fahrräder schon damals eine wichtige Rolle: „Es gehörte zum guten Ton, ein Fahrrad zu haben”, so Krumbiegel. „Wir sind damit vom Internat zur Schule gefahren.” Er peste auf einem Mifa durch den Clara-Zetkin-Park, an dem legendären Fahrradhersteller führte in der DDR kein Weg vorbei.
Sebastian Krumbiegel

Bei Schönwetter ist Krumbiegel in seiner Heimatstadt mit dem eBike unterwegs.

Damals stand die Mauer noch

Als Thomaner konnte sich Krumbiegel trotzdem die Welt anschauen. „Mit elf Jahren war ich in Japan”, erinnert er sich. „Tokio war für uns Ostkinder ein Wahnsinns-Flash. Diese unglaubliche Technik, Hotels mit Dachgärten und Türen, die sich automatisch öffneten. Echt schräger Scheiß.” Ein Erlebnis blieb ihm besonders in Erinnerung: Immer wenn sie im Bus durch die Rushhour der japanischen Metropole fuhren, wurden sie links und rechts von Radfahrern überholt. In der DDR gab’s ja keine Staus. „Das hat mich total fasziniert und war der Aha-Effekt: Fahrräder sind in der Stadt schneller als Autos.”

Der Fahrradsong

Später wurde aus dieser Erfahrung ein Hit: der Fahrradsong. Seine Produzentin Annette Humpe, die auch Popsängerin ist und mit dem Projekt „Ich + Ich” Erfolge feiert, brachte ihn auf die Idee. Ursprünglich handelte der Text von einem Auto. „Ich hatte mir 1991 als erstes Westauto einen Käfer gekauft. Vorher fuhr ich Trabi. Dem VW widmete ich ein Liebeslied”, erzählt Krumbiegel. Das spielte er Humpe vor. Sie achtete nach der Wiedervereinigung besonders darauf, dass die Prinzen-Songs auch im Westen funktionieren. „Sie sagte: Ein Lied über einen Käfer interessiert keinen in Wessiland. Mach was über ein Fahrrad draus.” Das funktionierte.
Sebastian Krumbiegel

Lust auf Leipzig: Auf dem Marktplatz der Stadt startet unsere Tour. Hier findet im Sommer ein von Krumbiegel organisiertes Musikfestival statt.

Krumbiegel lässt die Leipziger Altstadt hinter sich und nimmt Fahrt auf. Das fällt ihm nicht schwer, schließlich fährt er eBike. „Ich bin total begeistert davon und habe meinen Eltern auch gleich zwei gekauft. Das Fahren macht Spaß, und trotz des Motors bewegt man sich körperlich. Da sind auch längere Touren kein Problem.” Jetzt kämpft er mit dem eisigen Wind, der seine Finger betäubt. „Es ist schon echt scheiße kalt”, flucht Krumbiegel und tritt in die Pedale. Trotzdem sieht man überall Radfahrer. Kurze Wege und Routen durch viele Parks machen Leipzig zur Fahrradstadt.

Einmalige Fahrradampel

Die rund 400 Kilometer Radwege sollen in den nächsten Jahren auf über 1.000 wachsen; eine bundesweit einmalige Fahrradampel hat Leipzig schon: Sie leitet Biker vom Promenadenring per Geradeauspfeil mit Vorrangschaltung in die wunderbar restaurierte Altstadt. Außerdem ist Leipzig Heimat der Marken Retrovelo und Rotor Bikes. Und auch das öffentliche Fahrrad-Sharing ist fest mit der Stadt verwurzelt. Die Firma Nextbike verleiht weltweit 35.000 Mieträder, ihre Zentrale befindet sich gleich um die Ecke von der Red Bull Arena mit ihren überraschend erfolgreichen Bundesligakickern, für die Krumbiegel den Stadionsong „Du bist mein Verein” komponiert hat und deren Heimspiele er oft besucht.
Sebastian Krumbiegel

Nächste Station Nextbike: Der Radverleiher sitzt in Leipzig. In der Stadt stehen 400 Räder zum Mieten. Krumbiegel mag die Firma, fährt aber lieber sein eigenes eBike.

Pegasus Opero und die „Fahrradfreundlichste Persönlichkeit 2017”

Doch unser Ziel ist heute nicht der Fußballplatz, sondern wir fahren am Elsterflussbett Richtung Süden. Die Akkuanzeige von Krumbiegels Pegasus Opero meldet noch 86 Kilometer Reichweite. Das langt locker! Mit der Marke verbindet ihn mehr als das eigene Bike: Krumbiegel hat gute Beziehungen zur ZEG und ist Mitglied des Pegasus-Qualitätsrates. Für sein fahrradpolitisches Engagement wird er zudem als „Fahrradfreundlichste Persönlichkeit 2017” ausgezeichnet. Den Preis nimmt er Anfang April auf dem Nationalen Radverkehrskongress in Mannheim entgegen.
Dann stehen wir plötzlich an einem Strand: der Cospudener See, von den Leipzigern liebevoll Cossi genannt. Früher wurde dort Braunkohle gefördert, anschließend die Grube geflutet. Krumbiegel liebt seine Stadt für Orte wie diesen. Am Wasser fühlt er sich zu Hause. Das liegt wohl auch daran, dass Die Prinzen im Laufe ihrer Karriere viel Zeit in Hamburg verbrachten. Udo Lindenberg ist ein guter Freund. Im Zweifel entscheidet sich Krumbiegel immer fürs Wasser und nicht für die Berge. Daran ändert auch sein Traumrad nichts. Neulich ist er in Köln ein eMountainbike von Bulls Probe gefahren. „Das war der Hammer!”
Sebastian Krumbiegel

Ausflug: Der Cospudener See, genannt Cossi, ist eine Ex-Tagebaugrube und beliebtes Ziel für Radler. Für sie gibt es reichlich Stellplätze direkt am Ufer.

Keine Wölfe mehr

Weiter geht’s über Waldwege, vorbei am Wolfsdenkmal. Hier sah man 1720 das letzte Mal Wölfe. „Mittlerweile kommen sie wieder zurück”, sagt Krumbiegel. Und nicht nur die Tiere, auch die Menschen strömen in sein Leipzig. Die Stadt gilt mit ihren Künsterlofts, der Barkultur und den illegalen Partys als Szenemetropole, wurde vom Schriftsteller André Herrmann kurzerhand in Hypezig umbenannt. Einige sagen, hier sei es aufregender als in Berlin. Krumbiegel bleibt da cool – schließlich war seine Heimat schon immer in Bewegung. Leipzig war Stadt der friedlichen Revolution, Stadt der Montagsdemos. In Krumbiegels Tagebüchern, die er von 1981 bis 1988 führte, ging es da deutlich gröber zu. „Ich war kein Oppositioneller, aber tief drin immer gegen den Staat und gegen das System und habe mich über die Zone ganz schön ausgelassen.”
Sebastian Krumbiegel

Grüne Lunge: Die Krumbiegel-Tour führt durch Parklandschaften über breite Wege, den Turm des Leipziger Rathauses im Rücken.

Courage zeigen

Haltung zeigt er auch in der aktuellen Diskussion um Rechtsradikalismus in Sachsen. Krumbiegel lobt das Engagement von Bürgerinitiativen, Kirchen, Vereinen und Bündnissen. Auch die Stadtregierung kümmere sich. „Wir haben das rechtsextreme Legida-Bündnis vorerst vertrieben”, sagt er stolz. Krumbiegel ist Freund des zivilen Ungehorsams und gehört zu den friedlichen Blockierern, die Nazi-Aufmärsche verhindern. Einmal im Jahr organisiert er zudem das politische Musikfestival „Courage zeigen“ auf dem Marktplatz. In seiner gleichnamigen Biografie „Courage zeigen”, die im April erscheint, kann man seine Erlebnisse nachlesen.
Krumbiegel nimmt Kurs auf eine kunterbunte Beach Bar. „Ist schon geil, ne?”, sagt er mehr, als er fragt, und steigt vom Rad. Er bläst warme Atemluft in seine kalten Handflächen. Gleich geht es zurück in die City. Der Sand knirscht unter seinen Sohlen. Man kann sich gut vorstellen, wie er hier einst die Sommer verbrachte und zwischen Gummimatratze und Kühltasche fleißig Autogramme schrieb. Die Haare sind mittlerweile dunkelbraun, aber Krumbiegel ist immer noch ein Prinz – wenn auch gerade ein wenig tiefgefroren.
Sebastian Krumbiegel

Beach Bar: So einsam ist es am Cospudener See selten. Von Leipzigs Innenstadt führt eine Route in südlicher Richtung durch ein ruhiges Waldgebiet an das Gewässer.

eBike Pegasus Opero