Hausrunde mit dem Tour-de-France-Profi

Simon Geschke: Rock’n’Roll im Schwarzwald

Er strampelt so leicht über die Gipfel des Schwarzwalds, als wären es bloß höhere Bordsteine. Simon Reschke ist einer der besten deutschen Bergfahrer und nimmt seinen Job verdammt ernst. BIKE BILD durfte mal mitschnaufen.

Datum:
Simon Geschke erklimmt wieder einen Berg

Tour-de-France-Profi Simon Geschke zischt durch seine Wahlheimat, den Schwarzwald – manchmal mit über 100 Sachen.

Da steht er nun. Grinst unterm Vollbart, nett, höflich, witzig, ein echter Kumpel für ein alkoholfreies Bier. Wenn er einen jetzt nur nicht gleich volle Pulle nass machen würde. Ah da, sein Grinsen geht gerade ins Teuflische.
Simon Geschke ist knapp über 30, doppelt so jung wie ich sozusagen, und gewichtsmäßig drücken da auch 30 Kilo weniger auf den Sattel. Es lebe die Schwerkraft! Gott hatte sicher seinen schlechten Tag, als er bei der Erfindung der Fortbewegung auch noch dieses blöde Gesetz der Trägheit erschuf. Es kennt ja bekanntlich keine Gnade.

Auf geht's!

Na gut, Simon, gehen wir also auf deine Hausrunde. Doch was für ihn ein kleiner Abstecher von 108 Kilometern durch den Schwarzwald ist, ist für mich eine halbe Weltumrundung, mindestens. Wir werden sehen, was soll’s, ich bin hier sowieso nicht wichtig. Der Tag gehört Simon Geschke, einem der besten deutschen Radrennfahrer. Einem Berliner, der in Freiburg lebt – weil es dort eindeutig höhere Berge gibt.
Simon Geschke

Leichtfüßig erklimmt Geschke die Höhen des Schwarzwalds. Eine lockere Übung für den Bergspezialisten.

Übrigens, wenn Sie das hier lesen, haben Sie ihn vielleicht schon wieder im Fernsehen erblickt. Bei diesem Wahnsinn auf zwei Rädern, der sich Tour de France schimpft.
Heute sollen es jedenfalls 26 Grad im Schatten werden. Da, er grinst schon wieder. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Dann holt er am Schlierberg oberhalb von Freiburg, wo er ziemlich chic wohnt, sein Rad aus einem alten, muffigen Schuppen. Ein paar hässliche Pötte rosten dort friedlich in einem Regal vor sich hin, die wichtigen Pokale stehen im Wohnzimmer.

Nichts für jeden

Plötzlich wirkt er gehetzt und guckt auf die Uhr. Oh, Mann. Er muss doch die Strecke schaffen, seine Kilometer, abends will der Trainer des deutschen Teams Sunweb seine Daten sehen, die er ihm via Internet gefälligst schicken muss. Seine Kilometer! Oft trainiert er den ganzen Tag allein, manchmal auch zu dritt. Simon reißt im Jahr über 30.000 Kilometer ab, das ist fast einmal um die Welt. Ganz klar, Radrennfahren ist nichts für Typen, die ein phobisches Verhältnis zur Fettverbrennung haben.
Simon Geschke

Alter Holzverschlag, neuer Hightech-Renner.

„Also, los jetzt”, raunzt die freundliche Berliner Schnauze. Bis Badenweiler kann man das Ganze ja sowieso noch nicht ernst nehmen. Die 30 Kilometer durch die sanften Weinberghügel des Markgräferlands sitzt man doch auf einer Arschbacke ab. Eine Flachetappe, pah, aber so was von. Genau richtig zum Einrollen, zum Schmieren der Gelenke. Hat er etwa auf die vergreisten Knie neben ihm geguckt?
» Mit Trialbike-Profi Danny MacAskill in Hamburg

Simon blinzelt glücklich in die Sonne und setzt sich seine coole Brille auf. „Weißt du was”, sagt er, „ich hab doch einen geilen Job. Ich steh morgens um halb neun auf, setze mich um zehn auf meinen Bock und fahr im Sonnenschein durch irgendeine schöne Gegend.” Aber weißte, war ja nicht immer so. Als er damals anfing, musste er im Winter nach der Schule bei jedem Scheißwetter mit Licht am Lenker durch den Berliner Schmuddel.

Kilometer machen, wie jeden Tag

Zuerst fuhr er lieber Mountainbike, machte sein Viertel unsicher, da war ihm keine Kuppe schnuppe. Sein Vater Jürgen war ja früher auch schon so ein wilder Hund gewesen. Ach was, ein Held! Bahnradfahrer, Sprintweltmeister, zehnfacher Meister der DDR. Träger des Vaterländischen Verdienstordens. Kein Wunder also, dass Simon auch in den Sattel stieg. Mit 15 fuhr er sein erstes Rennen, von Berlin nach Heiligensee. Mit 23 wurde er Profi, Papa Geschke platzte vor Stolz.
Simon tritt in die Pedale, ein paar Orte fliegen wie flüchtige, bunte Bilder vorbei. Pfaffenweiler, Kirchhofen, Staufen, Britzingen, eine Kirche, ein Gasthof, ein Friedhof, eine Eisdiele. Was darf man auch mehr erwarten von einem Städtchen, das Ballrechten-Dottingen heißt? Simon hat kaum einen Blick für links oder rechts. Er guckt stur nach vorn, ernst, konzentriert, nimmt Anlauf zum Schwarzwald, Kilometer machen. Wie jeden Tag, nur samstags hat er frei.
Simon Geschke

In Badenweiler gibt es bei Felix Odebrecht eBikes, Reparaturen und Latte macchiato.

In Badenweiler wartet Felix Odebrecht. Er kennt Simon noch aus Berlin, weil er auch mal Berufsrennfahrer war. Aber als Simon gerade anfing, stieg er schon wieder aus. Jetzt führt er in diesem sehr beschaulichen Kurort einen Radverleih, ein paar deutsche Stars gucken immer mal gern rein. Zum Schrauben, zum Quatschen, auf einen Latte macchiato mit Käsekuchen. Felix will hier in Südbaden einen Stützpunkt aufbauen, das Mallorca des Breisgau, strahlt er. Doch der Weg dahin ist noch weit. Badenweiler hat den Charme von Kukident und Krampfadern.

Nur nicht abhängen lassen

Apropos Altersheim. Ich soll erst mal ein ordentliches Rad bekommen. Sagt Felix grinsend, was sonst, und setzt mich auf ein schwarzes Ungetüm, das Univega Impulse oder so ähnlich heißt. Das ordentliche Rad hat so einen komischen Kasten am Rahmen. Damit würde ich den großen Meister bestimmt abhängen, behauptet Felix.
Doch zuerst hängen wir gemeinsam am Berg, als es von Badenweiler in Richtung Kandern geht. Bei mir läuft es erstaunlich gut, als würde mein Gaul von hinten ständig ein paar kräftige Klapse kriegen. Simon fährt leicht, geschickt, sein Hintern rollt elegant über den Sattel. Er ist Bergfahrer, ein starker, ruhiger Helfer, der sich in den Dienst der Mannschaft stellt und seinen Kapitän in den Windschatten nimmt. Oder ihn an Gebirgspässen hochzieht, auf denen im Sommer noch Schnee liegt. Vor drei Wochen hat sein Team den Holländer Tom Dumoulin zum Sieger des Giro d’Italia gemacht.
Simon Geschke

Mannschaftsdienlich wie in seinem Team: Geschke geht Schophaus zur Hand.

Wir schlängeln uns über steile Serpentinen durch Vogelbach, an Sitzenkirch über Käsacker vorbei. Die Schweiz ist nicht mehr weit, Frankreich schon gar nicht. Auf einer Weide kauen Kühe gelangweilt Gras, ich kaue einen Müsliriegel, Erdnuss-Karamell. Irgendwo steht ein Schild, auf dem herrlich kitschig „Wald der Lichtung” prangt. Postkartenidylle. Doch jeder noch so wunderbar duftende Gasthof wird, leider sehr einseitig, mit Missachtung gestraft.

Mut lohnt sich

Es ist höchste Zeit für Simons größte Geschichte. Die Geschichte seines Lebens. Zwei Jahr ist sie her. Sie geschah an einem Tag, den er nie vergessen wird. Da hatte er bei der Tour de France seinen ganzen Mut zusammengenommen und war 50 Kilometer lang allein die Berge hochgestürmt. Oben in Pra-Loup, einem Skiort in den französischen Alpen, riss er das Trikot auf, nahm die Arme vom Lenker und schrie sein Glück in die Welt hinaus. Der Helfer hat sich auf ewig belohnt, drei Monate vorher hatte er sich noch das Schlüsselbein gebrochen. Abends kam er in die „Tagesschau”, man sah ihn vor Freude heulen. „Quatsch”, sagt Simon heute, „ich hatte bloß was im Auge.”
Wir rasen über die Berge nach Badenweiler zurück. Erstaunlicherweise komme ich immer noch mit. Als stünde ich irgendwie unter Strom. Später erzählt mir Simon, dass seine schnellste gemessene Geschwindigkeit 105 Stundenkilometer gewesen sei.
Simon Geschke

Profi auf dem Rad, Anfänger an der Gitarre. Simon Geschke will bald nicht mehr nur mit dem Fahrrad Rock ’n’ Roller sein.

Die Hausrunde geht zu Ende. Felix kriegt sein schwarzes Monstrum zurück, danach darf ich im Begleitwagen hinter Simon nach Freiburg zuckeln. Auch nicht schlecht, Feierabend für heute. Zu Hause packt er noch im Trikot seine Gitarre aus und setzt sich damit auf die Couch. Simon spielt erst seit kurzer Zeit und hat sich Rock ’n’ Roll auf den rechten Oberarm tätowiert. Bald hätte er an der Klampfe gern „Hey Joe” von Jimmy Hendrix drauf, er braucht den Ausgleich durch die Musik. „Ist wichtig für den Kopf”, sagt er, „ich will ja nach dem Training nicht nur an die Wand gucken.” Dann grinst er. Was sonst?
Simon Geschke

Nicht nur irgendein Tattoo, sondern Lebenseinstellung.

Simon Geschke: Radrennprofi

Der Wahl-Freiburger feierte 2011 mit einem Etappensieg beim Critérium International seinen ersten Sieg als Profi. Im März 2015 brach er sich bei einem Zusammenstoß mit dem Begleitfahrzeug seines Teams ein Schlüsselbein. Zwei Monate später eroberte er beim Giro d’Italia für einen Tag das Trikot des besten Bergfahrers. Seinen bis dato größten Erfolg feierte er kurz darauf bei der Tour de France, als er die schwere Bergetappe von Digne-les-Bains nach Pra-Loup nach einer 50-Kilometer-Solofahrt für sich entscheiden konnte.
Michael Schophaus

Alles zur Tour de France