Hausrunde

Wigald Boning: Auf dem Klapprad durch Deutschland

Wigald Boning nahm bereits an einer Klapprad-WM teil und radelte in 26 Stunden von Garmisch bis nach Venedig. Ehrensache also, dass er auch seine aktuelle Lesereise auf dem Bird bestreitet. Bike Bild hat ihn begleitet.

Datum:
Wigald Boning und sein Klapprad

Wo muss ich lang? Wigald Boning nutzt die Navigations-App Komoot. Trotzdem ist auch er nicht davor gefeit, eine Abzweigung zu verpassen – wie hier in einem Waldstück kurz hinter Köln.

Er trägt viel zu dicke Wollsocken in seinen klobigen Schuhen. „Als ich zu Hause in München gestartet bin, hatten wir noch Nachtfrost”, sagt Wigald Boning und schüttelt den Kopf. Heute sollen es bis zu 20 Grad werden. Pünktlich um acht Uhr morgens wartet der 50-Jährige in Radhose vor seinem Hotel in Bonn. An einem der ersten Frühlingstage des Jahres steht ihm die letzte Station seiner Lesereise bevor: Es geht nach Herne. Die 120 Kilometer legt er nicht mit dem Zug zurück, Boning tritt lieber in die Pedale.
Der Komiker und Autor ist Faltrad-Fan. Vor allem, weil das Reisen damit so unkompliziert ist. Sein erstes Birdy kaufte er vor 17 Jahren. „Ich habe damit lange Touren gemacht, obwohl es technisch lange nicht so ausgereift war wie die heutigen Modelle”, sagt Boning. Er fuhr beispielsweise von Köln nach Brüssel – und von Garmisch-Partenkirchen nach Venedig. „Dafür habe ich 26 Stunden gebraucht. Ich bin um 15 Uhr gestartet und war am nächsten Tag um 17 Uhr da, ohne zu schlafen”, erzählt der Ausdauersportler. Ein-, zweimal im Jahr könne man sich ruhig ein bisschen müde turnen.
Auf der Hohenzollernbrücke

Boning hat lange in Köln gelebt. Von der Hohenzollernbrücke kann man fast seine alte Wohnung sehen.

Seine Lesereise führt Boning quer durch die Republik. Immer wenn es passt, steigt er dabei aufs Rad, beispielsweise von Hamburg nach Winsen an der Luhe (80 Kilometer) oder von Harburg nach Bremerhaven (111 Kilometer). Nun rollt er durch die Bonner Altstadt, die gerade in prachtvoller Kirschbaumblüte steht. In Richtung Norden wird es schnell dörflicher. Bonings Waden sind dick wie Baumstämme. Sie treiben das Faltrad mit kräftigen Schüben voran. Sein Birdy Speed hat eine sportliche Ausstattung: Shimano-Ultegra-9-Gang-Schaltung, Scheibenbremsen und Vollfederung. „Ich vermisse gar nichts”, sagt Boning. „Wenn ich nur eines von all meinen Rädern behalten dürfte, dann das Birdy.”

Über die Alpen mit dem Tretroller

Hinter seinem Sattel stecken zwei Trinkflaschen in einer Halterung. Außerdem hat er das Fahrrad mit Klickpedalen ausgestattet. In einer kleinen Tasche am Lenker steckt ein externer Akku, der sein Smartphone lädt. Die Navigations-App Komoot weist ihm den Weg. „Eigentlich bin ich mehr der Kartentyp, aber die digitale Variante ist doch sehr komfortabel”, sagt Boning. In seinem Rucksack befindet sich alles, was er für eine Woche braucht: eine kurze und eine lange Hose, drei Hemden, ein Paar Barfußschuhe, eine dünne Regenjacke und natürlich sein aktuelles Buch.
Birdy Speed

Das Birdy Speed (ab 2299 Euro) ist mit seiner schnell übersetzten Shimano-Ultegra-9-Gang-Schaltung und den Scheibenbremsen der Sportler unter den Falträdern. Die Vollfederung ermöglicht einen sehr hohen Fahrkomfort.

Als er den Rhein erreicht, hält Boning kurz an und wickelt eine kleine Flasche Kettenöl aus einem fleckigen Baumwolltuch. „Die habe ich vor einigen Tagen in einem eBike-Shop geschenkt bekommen”, erklärt er und schmiert seine Kette. Der Besitzer hatte nur sehr große Spraydosen oder diese kleine Tube für den Einsatz in der Werkstatt, die sich nicht wiederverschließen lässt. „Darum hat er sie für mich in eine seiner alten Unterhosen gewickelt.”
Wigald Boning freut sich wie ein Schuljunge über solche Anekdoten. Er hat eine Vorliebe für schräge Geschichten. In einer Woche steht er in Paris auf der Bühne, um fremde Einkaufszettel vorzulesen. 1.700 Exemplare hat er bisher in Mülleimern und auf Bürgersteigen gefunden.
Wigald Boning

„Ein-, zweimal im Jahr kann man sich ruhig ein bisschen müde turnen.“

Wigald Boning

Außerdem plant er gerade eine weitere Alpenüberquerung – mit dem Tretroller. „Das ist eine total angenehme und gesunde Bewegungsform, und es hat den Vorteil, dass man sich direkt wieder wie ein Vierjähriger fühlt”, so Boning.

Klapprad-WM mit Hindernissen

In Köln angekommen, blickt er von der Hohenzollernbrücke zur Altstadt hinüber. Von hier aus sieht man den Rathausturm. Direkt dahinter hat Wigald Boning gewohnt – und ist nie so richtig mit dem Kölner Karneval vor seiner Haustür warm geworden. Einmal war sogar seine Wohnung abgesperrt. Die Polizei hatte erst nach Diskussionen ein Einsehen. Er zog ins Allgäu. Mittlerweile lebt er in München in einer Stadtwohnung nahe der Isar. Trotzdem blieb er Köln verbunden. Auch weil er hier oft vor der Kamera steht: früher für die Sendung „RTL Samstag Nacht”, nächste Woche für einen Dreh mit Eckart von Hirschhausen.
Pause nach 100 Kilometern

Pause nach 100 Kilometer Radeln: Am Alten Bahnhof in Hattingen schmeckt die Apfelschorle in der Sonne.

Es geht weiter nach Leverkusen durch Solingen in Richtung Wuppertal. Das Bergische Land hat es in sich. Mit den kleinen Laufrädern die Berge hochzufahren ist für ungeübte Fahrer eine Tortur. Boning wiederum hat motivierende Worte auf den Lippen: „Wenn es gar nicht mehr geht, denk daran: Das ist wie ein Tag Grippe. Du fühlst dich krank, und trotzdem überstehst du es.” So bewältigt auch er Herausforderungen: Beispielsweise nahm Boning 2012 bei der Klapprad-WM in Pfronten teil – auf einem klapprigen Mifa, einem DDR-Modell. „Auf der Ziellinie löste sich das Ding in seine Bestandteile auf, und ich hatte Lenker, zwei Rahmenteile und das Hinterrad in der Hand.”
Manchmal stößt aber auch der bekannte Moderator an seine Grenzen. „Ich bin einmal beim Bergabfahren in den Alpen am Manghenpass auf dem Rad eingeschlafen – bei 60 km/h. Das war total gefährlich”, erzählt er. Und auch bei einer Aufzeichnung von „Genial daneben” nickte er kurz ein, nachdem er 100 Kilometer auf einem Leihrad durch die pralle Sonne gefahren war. Er erinnere sich noch daran, wie er hochgeschreckt sei, als Hugo Egon Balder ihn fragte: „Na, Wigald, kommt da noch was?”

Die Helmfrisur sitzt

Der Weg führt an der Wuppertaler Schwebebahn vorbei. Und am späten Nachmittag erreicht Wigald Boning die Ruhr. Angler sitzen am Ufer, und die Falträder scheuchen Schmetterlinge auf. Wäre er alleine gefahren, stünde Boning um diese Uhrzeit bereits in Herne unter der Hoteldusche. Aber auch die Aussicht, verschwitzt auf der Bühne zu sitzen, kann ihm in dieser Landschaft die gute Laune nicht verderben.
Richtig greifbar wird das Ruhrgebiet erst in Bochum. Vor einer Ampel am Deutschen Bergbau-Museum dröhnt durch die geöffneten Fenster der Bass von tiefergelegten Autos. Die letzten zwölf Kilometer führen durch die typische Industriekulisse an alten Güterzügen vorbei bis nach Herne. „Sie sind ja wirklich mit dem Rad gekommen”, wird Wigald Boning vor dem Literaturhaus von der erstaunten Gastgeberin empfangen.
Boning auf der Bühne

Vom Sattel auf die Bühne: Wigald Boning liest Geschichten aus seinem Buch „Im Zelt: Von einem, der auszog, um draußen zu schlafen”.

Es bleibt gerade noch Zeit für Pommes im Imbiss gegenüber und eine Katzenwäsche auf dem Klo, schon sitzt der Künstler auf der Bühne, während das Birdy zusammengefaltet in der Garderobe steht. Sein pinkfarbenes Hemd ist zerknittert, und auch die Frisur zeigt deutlich Helmkante, aber das ist egal. Boning erzählt seinem Publikum davon, wie er 200 Nächte am Stück in einem Zelt geschlafen hat – unter anderem im Mittelkreis des Bremer Weserstadions. Aber das ist eine andere Geschichte, die Boning in seinem Buch „Im Zelt: Von einem, der auszog, um draußen zu schlafen” erzählt.
Unterwegs

Nach der Lesung geht es ins Hotel – natürlich wieder mit dem Faltrad.

Wigald Boning: Komiker und Autor

Als Ensemblemitglied von „RTL Samstag Nacht” wurde er zwar bekannt – tatsächlich ruft der Name Wigald Boning je- doch vor allem einen Ohrwurm hervor: Mit „Mief” eroberten er und Olli Dittrich als Duo Die Doofen in den 90ern die Charts. Boning moderierte Sendungen wie „clever! – Die Show, die Wissen schafft”, veröffentlichte mehrere Alben und Bücher. Außerdem ist er Ausdauersportler, absolvierte einen Ultramarathon und nahm an 24-Stunden-Radrennen teil.
Lena Frommeyer

Buch: „Im Zelt: Von einem, der auszog, um draußen zu schlafen”