Sicherer Schulweg für Kinder

Riskante Elterntaxis: Das darf keine Schule machen!

Helikoptereltern chauffieren ihre Kinder viel zu oft im Auto zum Unterricht. Das ist nicht nur gefährlich, sondern schadet auch der Entwicklung des Nachwuchses.

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Kind fällt hin

Direkt vor der Schule wird es oft gefährlich! Elterntaxis machen sich auf Gehwegen breit und zwingen Grundschüler zum ausweichen.

„Stooopp“, schreie ich aus Leibeskräften. Reifen knirschen, ein letzter Ruck, dann steht der Kombi – wenige Zentimeter vor dem linken Pedal meiner Tochter. Glück gehabt! Wieder einmal. Die schmale Einbahnstraße vor der Grundschule der Neunjährigen ist eigentlich kaum befahren. Aber morgens um kurz vor acht bricht hier regelmäßig das Verkehrschaos aus. Schuld sind die Eltern, die ihre Kinder mit dem Auto vorfahren. Sie halten auf dem Behindertenparkplatz, parken in der zweiten Reihe, stoppen im Parkverbot und manchmal sogar quer auf dem Gehweg. Kinder, die zu Fuß oder mit dem Rad kommen, müssen sich durch das Gewusel der Autos und plötzlich auffliegenden Wagentüren schlängeln. Das ist gefährlich und ein bundesweit zunehmendes Phänomen. Inzwischen hat es sogar einen Namen: Helikoptereltern im Elterntaxi.

Helikoptereltern sorgen für Chaos

Gemeint sind Mütter und Väter, die ihren Nachwuchs überbehüten oder ihm nichts zutrauen. Verkehrsplaner und Pädagogen versuchen seit Jahren gegenzusteuern. Aus ihrer Sicht sollten Kinder zu Fuß gehen oder mit dem Rad zur Schule fahren. Doch die Appelle verhallen. Osnabrück reicht es jetzt. Die Stadt sperrt Elterntaxis aus. Im Mai haben die Lokalpolitiker beschlossen, eine Bannmeile um alle Grundschulen zu verhängen. Im Radius von einigen Hundert Metern wird ein Halteverbot für Elterntaxis eingeführt. Wer nicht aufs Auto verzichten kann, muss auf einen der speziellen Haltepunkte im Umfeld der Schule ausweichen. Damit wollen die Verantwortlichen das Chaos vor den Schultoren mindern. Der Nebeneffekt: Die Knirpse gehen wenigstens noch ein paar Minuten zu Fuß, bevor sie stundenlang im Klassenraum sitzen. Experten sind sich einig: Das ist wichtig, nur so werden Kinder selbstständig und lernen, sich sicher im Verkehr zu bewegen. Und nicht nur das: „Erstklässler, die alleine zur Schule gehen, sind außerdem fitter und wacher im Unterricht“, sagt Stephanie Päßler vom Verkehrsreferat des Verkehrsclubs Deutschland (VCD). Zudem nehmen sie ihre Umgebung besser wahr.

Elterntaxi oft nicht die beste Wahl

Das kann gefährlich werden. Damit Helikoptereltern nicht auf Gehwegen und Behindertenparkplätzen Halt machen, um ihre Kinder abzuliefern, experimentieren einige Kommunen mit autofreien Zonen rund um Grundschulen.

Wenn Kinder mit dem Rad oder zu Fuß zur Schule kommen, malen sie sehr detaillierte und kreative Bilder von ihrem Weg. Das sieht bei Auto-Kindern ganz anders aus. Ihre Bilder bestehen zwischen Start und Ziel oft nur aus einem Strich. Gründe fürs Elterntaxi gibt es natürlich viele. Oftmals setzen Eltern ihre Kinder auf dem Weg zur Arbeit an der Schule ab. Andere trauen ihrem Kind nicht zu, den Weg allein zurückzulegen. Alarmierende Unfallzahlen zeigen jedoch: Das vermeintlich sichere Elterntaxi ist nicht unbedingt die beste Wahl. 2014 hat das Statistische Bundesamt für die Zeit des Schulbeginns von acht bis neun Uhr und für den Schulschluss von 13 bis 14 Uhr die Unfallzahlen für Sechs- bis Zehnjährige veröffentlicht: Von 7636 verunglückten Kindern wurden 3087 mit dem Auto gebracht. 2336 Kinder kamen zu Fuß und 1829 mit dem Fahrrad.

„Traut euren Kindern mehr zu!”

Trotzdem: Radfahren ist ein heikles Thema an Grundschulen, oft stellen sich die Schulleiter quer. Immer wieder untersagen sie den Kindern, vor der Fahrradprüfung mit dem Rad zur Schule zu kommen. Dabei fehlt dem Verbot jede gesetzliche Grundlage. 2015 haben die Kultusministerien der Länder erklärt: Schulen können das Radfahren nicht verbieten oder an den Fahrradführerschein knüpfen. Die Ministerien empfehlen zwar, dass die Grundschüler erst nach der Fahrradprüfung allein zur Schule radeln. Aber grundsätzlich gilt: Wie die Kinder zur Schule kommen, bestimmen allein die Eltern. „Traut euren Kindern mehr zu!“, mahnen Sportwissenschaftler und Verkehrsexperten regelmäßig in Richtung Helikoptermamas und -papas. Aber wenn es um den Nachwuchs geht, regiert oft die Angst.

Schulzeit prägt künftiges Mobilitätsverhalten

Zu Fuß zur Schuleq

Kinder die zu Fuß zur Schule gehen, lernen mit schwierigen Verkehrssituationen umzugehen. In Verbindung mit der körperlichen Bewegung hat das auch positive Auswirkungen auf die Kreativität und Leistungsfähigkeit.

Dabei werden die ABC-Schützen oft gut vorbereitet. In Frankfurt trainieren sie bereits im Kindergarten mit Verkehrserziehern ihren künftigen Schulweg. Dort legen die Schulleiter mit Polizei, Kindern und Eltern die sichersten Routen für die Kleinen fest und markieren sie in sogenannten Schulwegeplänen. Eine sinnvolle Strategie, sofern die Pläne regelmäßig aktualisiert werden. Auch die Hansestadt Hamburg will die Verkehrssicherheit der Jungen und Mädchen stärken. Dort sind täglich 72 Verkehrslehrer in den Schulen unterwegs. Der Verkehrskasper besucht die Jahrgänge eins und zwei, in Klasse drei und vier bereiten Verkehrserzieher die Fahrradprüfung vor. Sind die Kinder fit auf dem Fahrrad, können sie theoretisch sogar auf den Gehwegen bis vors Schultor radeln. Bis zu ihrem achten Lebensjahr müssen sie dort unterwegs sein, bis zu ihrem zehnten Lebensjahr dürfen sie es. Müssen sie die Straße überqueren, steigen sie ab und schieben. Für viele Eltern ist das unvorstellbar. Aber es ist Zeit zum Umdenken. Bereits in der Grundschule prägen Erwachsene das zukünftige Mobilitätsverhalten ihrer Kinder. Wer von Kindesbeinen an jeden Weg mit dem Auto erledigt, wird später auch nicht gern zu Fuß gehen oder mit dem Fahrrad fahren. Dabei wächst die Bedeutung des Letzteren gerade enorm. In der Stadt ist das Rad das schnellste, verlässlichste und günstigste Verkehrsmittel.

Fahrradhelme für Kinder