Fahrradfreundliche Wohnungen in Wien

Wohnprojekt Bike City: Nicht ohne mein Rad!

Ein Haus für Menschen und Fahrräder: Die Wiener Bike City ist ein innovatives Modellprojekt, das auf weltweite Resonanz trifft.

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Aufwärts mit dem Rad. Zwei Fahrräder passen in den Aufzug, was in der Bike City ausdrücklich erlaubt ist.

Nein, es war nicht allein das Fahrrad. Als ich 2008 unbedingt in Wiens neue Bike City ziehen wollte, faszinierte mich auch die Lage. Das Wohnprojekt liegt nahe dem Praterstern, die Wohnungen sind hell, modern und großzügig. Bis 2025 soll im direkten Umfeld für 22 000 Menschen neuer Lebensraum entstehen. Kein Zweifel: Die Gegend gehört zu Wiens interessantesten Stadtentwicklungsgebieten. Kein Wunder, dass dort alle wohnen wollen – auch Autofahrer. Wir hatten Glück und bekamen zu dritt eine 120 Quadratmeter große Wohnung mit vier Zimmern und großer Terrasse in Wiens erstem Gebäudekomplex, der speziell für Radfahrer gebaut wurde. Die Wohnungen werden von der Stadt Wien gefördert. Alle Mieter müssen bei Einzug einen Finanzierungsbeitrag zahlen, den sie bei Auszug zurückbekommen. Im Vergleich zu anderen Metropolen ist die Miete mit rund 1000 Euro günstig. Für die 100 Wohnungen gibt es nur 56 Auto-Stellplätze, dafür im Erdgeschoss einen Kinderspielraum, Partylounge, Fitnessbereich, Sauna und Waschküche. All das fördert den Kontakt mit anderen Bewohnern und verbessert ihre Lebensqualität.

Bike City lässt das Auto alt aussehen

Freie Parkplätze

Freie Parkplätze: Auf jeder Etage gibt es helle Stellräume für Fahrräder und Anhänger.

Vor allem aber verändert die Bike City das Mobilitätsverhalten. Eine Studie belegt: Bike-City-Bewohner besitzen so viele Pkw wie die Nachbarn angrenzender Gebiete, aber sie nutzen ihr Auto seltener. Stattdessen sind sie doppelt so häufig mit dem Fahrrad unterwegs. Unten vor dem Aufzug wird aufgesattelt. Eine Mutter zieht zwei Kinder im Anhänger zur Kita, eine andere setzt die Kleine in den Kindersitz ihres Hollandrades. Die größeren Kinder radeln bereits allein zur Schule. Abends ein ähnliches Bild: Grillfest im geschützten Innenhof der Bike City. Die Bewohner können vier Lastenräder Probe fahren. In Wien sind die Cargobikes bei Familien gerade so angesagt wie in allen anderen Großstädten. Die Bike City gehört zu Wiens Vorzeige-Wohnprojekten. Dutzende von Städteplanern und Architekten aus Asien, Europa und Amerika besuchen sie jedes Jahr, um zu sehen, wie den Einwohnern der österreichischen Hauptstadt das Radfahren schmackhafter gemacht wird. Obwohl Wien recht flach ist und die Entfernungen überschaubar sind, war der Anteil der Radfahrer am Gesamtverkehr mit fünf Prozent über viele Jahre sehr niedrig.

Wie werden Menschen zu Radfahrern?

Draussen

Umweltfreundlich: Bike-City-Bewohner fahren häufiger Rad als ihre Nachbarn in Siedlungen ohne Rad-Infrastruktur.

Zentrales Problem: Wie verführt man Menschen zum Radfahren? Wer hier wohnt, dem fällt es leicht, sich morgens fürs Fahrrad zu entscheiden. Schließlich steht es direkt neben der Wohnungstür. Wer das nicht mag oder mehrere Räder hat, kann sie im lichtdurchfluteten Fahrradraum auf dem Stockwerk seiner Wohnung abstellen. Hinauf und hinunter geht es mit den Aufzügen. Und zwar ganz legal und damit ohne Gefahr, dass sich Hausmeister oder Nachbarn darüber beschweren. Und, ganz wichtig: Radfahren wirkt ansteckend, wenn viele es tun und die Rahmenbedingungen dazu einladen. Für mich spiegelt die Bike City eine neue, zeitgemäße Mobilität wider. Auto- oder Radfahren wird von den Bewohnern nicht mehr ideologisch gesehen. Es wird jenes Verkehrsmittel gewählt, das am praktischsten erscheint. Multimodalität heißt das bei Verkehrsexperten. Wochentags mit der U-Bahn zur Arbeit, am Abend aufs Rad an die Donau und die sonntägliche Landpartie mit dem Auto.

Konzept nimmt Fahrt auf

Bequem

Bequem: Die Räder parken in Sichtweite, oft sogar direkt neben der Haustür.

Das Pilotprojekt Bike City hat inzwischen einen Nachahmer in Wien – Bike & Swim. Dort wurde das Konzept noch um ein Schwimmbad auf dem Dach ergänzt. Und auch in Deutschland gibt es Bewegung. Im immer fahrradaffineren Berlin liegt zwischen Kreuzberg und Tierpark das Fahrradloft. Die beiden Häuser in der Hauptstadt haben 43 Wohnungen und funktionieren ähnlich wie die Bike City. Vor 30 Jahren war das Fahrrad in Wien fast verschwunden. Heute hat es einen Platz als (fast) gleichwertiges Verkehrsmittel. Projekte wie die Bike City animieren zum Radfahren. Selbst dann, wenn das Bike nicht der alleinige Grund für einen Umzug war.
Michael Szeiler