Mit Lenker, Pedalen und Handschellen

Schnelle Eingreiftruppe: Traumjob Polizei-Fahrradstaffel?

Modern, schnell, flexibel und durchtrainiert – die Berliner Polizeistaffel stellt jeden Sünder und ist dennoch sehr beliebt. Wir haben das Team auf Streife begleitet.

Datum:
Fahrradstaffel

Bei jedem Wetter auf der Straße: Carsten Baß und Stefanie Gundlach von der Berliner Fahrradstaffel.

Der Schiffbauerdamm ist auf beiden Seiten zugeparkt. Trotzdem schießt ein Kleintransporter hinein und drängt Carsten Baß an den Rand. „He“, ruft seine Kollegin und hält den Fahrer an. „Sie müssen mindestens 1,5 Meter Sicherheitsabstand halten!“ – „Kann ich nicht, hier rechts stehen Autos.“ – „Ja, und was sind wir? Menschen! Wenn Sie den Abstand nicht einhalten können, müssen Sie anhalten und warten, bis der Weg wieder frei ist.“ Der Fahrer guckt verdutzt und entschuldigt sich. Stefanie Gundlach ist zufrieden. Ohne Einsehen hätte der Mann indes eine Verwarnung von den beiden Polizisten auf Rädern bekommen. Vor drei Jahren ist die 20 Personen starke Berliner Polizei-Fahrradstaffel ins Leben gerufen worden – zunächst als Test, der in diesem Sommer ausläuft. Derzeit deutet jedoch alles auf eine Verlängerung hin. Zu wichtig ist inzwischen das Thema Fahrrad in der Hauptstadt geworden. Jüngstes Beispiel ist die Verabschiedung eines Entwurfs für Deutschlands erstes Radverkehrsgesetz. Darin legen der Berliner Senat, die Initiative „Volksentscheid Fahrrad“ und andere zum Beispiel als Ziel fest, ein lückenloses Netz an Radwegen zu schaffen, die an Hauptstraßen breit genug sein sollen, dass sich Radfahrer gegenseitig überholen können. Davon ist man derzeit noch weit entfernt, zu enges Überholen, gerade auch durch Autofahrer, gehört leider zum Alltag.

Fahrradstreifen sind keine Extra-Parkfläche

Fahrradstreifen

Der Klassiker: Ein Radstreifen wird als Parkzone benutzt.

30 Euro kostet eine solche Gefährdung wie oben beschrieben – nicht viel, aber immerhin Grund genug, sich mit dem eigenen Fahrstil auseinanderzusetzen. „Seit wir hier in der Gegend unterwegs sind, hat sich viel verbessert“, sagt Carsten Baß. Zum Beispiel werden Radstreifen nicht mehr selbstverständlich als Extra-Parkfläche wahrgenommen. Tatsächlich dürfen die mit einer durchgezogenen weißen Linie auf der Fahrbahn markierten Flächen nicht einmal von Verkehrsteilnehmern überfahren werden. „Da haben wir viel Überzeugungsarbeit geleistet. Manche Taxifahrer würden ihre Gäste am liebsten direkt ins Hotel fahren. Wir sagen ihnen, dass sie auf der Autospur halten sollen und ihre Passagiere zusätzlich auf den Radstreifen aufmerksam machen müssen“, erklärt Stefanie Gundlach.

Große Sympathiepunkte für Fahrradstaffel

Kontrolle

Allgemeine Verkehrskontrolle! Auch wenn nicht alle Aufgaben der Polizei beliebt sind: Die Fahrradstaffel hat einen ausgezeichneten Ruf.

Überzeugungsarbeit zu mehr gegenseitiger Rücksichtnahme aller Verkehrsteilnehmer zu leisten, das ist einer der Schwerpunkte der Fahradstaffel. Dabei hilft, dass die Beamten anders wahrgenommen werden als ihre Kollegen, die aus dem Auto heraus arbeiten. „Wir erleben den Verkehr genauso wie andere Radfahrer und werden deshalb akzeptiert.“ Da die Polizisten selbst von Autos geschnitten und bedrängt werden, nehmen Radfahrer von ihnen eher Belehrungen an – oder akzeptieren sogar ein Bußgeld mit mehr Verständnis. Wie zur Bestätigung fährt in diesem Moment ein Radfahrer an den beiden Polizisten vorbei und grüßt winkend. Das passiert einem Beamten im Streifenwagen eher selten. Sie alle hätten zuvor in anderen Dienstgruppen gearbeitet, erklärt Carsten Baß. Seine neue Tätigkeit empfinde er im Vergleich dazu als Traumjob.

Beliebt bei Rad- und Autofahrern

Stefanie Gundlach

„Seit wir hier unterwegs sind, hat sich viel verbessert!", sagt Stefanie Gundlach von der Berliner Fahrradstaffel.

Auch bei Touristen kommt das Team bestens an. Während die Beamten an der Ampel Friedrichstraße/Dorotheenstraße stehen und eine Viertelstunde vergeblich darauf warten, dass ein Radfahrer bei Rot die Kreuzung überquert – „Das Ergebnis von drei Jahren Arbeit!“, wie sie sagen –, wird Stefanie Gundlach von einem Mann angesprochen und nach dem Weg gefragt. „Viele wollen sich auch mit uns fotografieren lassen oder fragen etwas zur Stadt. Wir sind so beliebt, wie es vorher nur die Reiterstaffel war.“ Konflikte stehen demnach nicht auf der Tagesordnung – wenn doch, versucht das Team, zu deren Entschärfung beizutragen. „An manchen Stellen liegt es an der Infrastruktur, wenn Auto- und Radfahrer sich in die Quere kommen. Wir melden solche Stellen dann an die zuständigen Behörden“, so Carsten Baß.

Handschellen, Pfefferspray und Dienstwaffe

Schlagstock

Schlagstock und Handschellen sind für den Notfall am Gürtel griffbereit. Die wichtigste Waffe der Fahrradstaffel ist nicht im Bild: der Strafzettel.

Achtsam werden alle Verkehrsteilnehmer dennoch weiterhin sein müssen. „Hast du den Autofahrer gesehen?“, fragt Stefanie Gundlach ihren Kollegen und spurtet los. „Der ist ohne Schulterblick rechts abgebogen.“ Eine Ampel weiter stellt sie den Fahrer zur Rede. Und erntet abermals eine kleinlaute Entschuldigung. „Kein Autofahrer will absichtlich einen Radfahrer überfahren – aber manche sind sich der Gefahren überhaupt nicht bewusst.“ Ab jetzt, so hofft sie, wird der Lenker aufmerksam sein. Unterwegs ist die sportliche Truppe, die auch an polizeiinternen Triathlon-Wettbewerben teilnimmt und gewinnt, derzeit ausschließlich in Berlins Zentrum. Dort kümmert sie sich jedoch nicht nur um den Verkehr. „Wir hören den Funk mit und greifen manchmal auch in anderen Fällen mit ein“, sagt Carsten Baß. Ausgerüstet ist die Fahrradstaffel deshalb auch wie jeder andere Polizist mit Handschellen, Pfefferspray und Dienstwaffe. In der Satteltasche befindet sich außerdem ein Erste-Hilfe-Set. „Einige von uns sind gelernte Rettungssanitäter und haben schon mehrere Leben retten können“, erklärt Stefanie Gundlach.

Verkehrssünder und Fahrraddiebe

Schlagstock

Immer einsatzbereit: Die Fahrradstaffel bearbeitet verschiedenste Fälle auf Berlins Straßen.

„Gerettet“ haben sie gerade gestern erst eine junge Frau, die weinend am Straßenrand stand. Jemand hatte ihr Rad mit einem weiteren Schloss fixiert. „Das ist ein Trick, der oft von Dieben eingesetzt wird. Die Besitzer müssen ihr Rad dann stehen lassen, und die Täter warten auf einen unbeobachteten Augenblick, um das Rad stehlen zu können.“ Der jungen Frau hingegen konnten die beiden Polizisten helfen, indem sie aus einer nahe gelegenen Dienststelle einen Bolzenschneider holten. Anschließend ließ sie ihr Rad noch vor Ort codieren. „Früher wurde der Code mit einer Maschine in den Rahmen gestanzt – jetzt haben wir spezielle Aufkleber.“ Die Daten des Rades sind nun sieben Jahre lang in einer bundesweiten Datenbank gespeichert. Wird es gefunden, kann es sofort seinem Besitzer zurückgegeben werden.

Auch eBikes sind im Einsatz

Rund um den Reichstag

Rund um den Reichstag: Die Fahrradstaffel hat den Verkehr im Zentrum der Hauptstadt gut im Griff.

Die eigenen Räder sind den Polizisten noch nicht gestohlen worden – weder die klassischen Modelle noch die vier Pedelecs. „Wenn es im Sommer sehr heiß ist, nutzen wir gern die Motorunterstützung.“ Wobei der Nutzen sich auch ganz schnell umkehren kann: „Bei einer Verfolgungsjagd haben wir natürlich ein Problem, weil sich der Motor bei 25 Kilometern pro Stunde abschaltet und man dann auf einmal voll treten muss – und zusätzlich noch ein viel schwereres Fahrrad hat“, erklärt Carsten Baß. Ganz leicht ist das klassische Modell auch nicht – beim Nachfolgemodell will man deshalb von der Nabenschaltung auf die leichtere Kettenschaltung wechseln. Besondere Extras weist das Rad abgesehen vom in den Lack eingelassenen Schriftzug „Polizei“ nicht auf. Wer Blaulicht erwartet, wird enttäuscht: „Akku und Licht würden das Rad viel schwerer machen, und wir kommen auch so überall durch.“ Und das bei jedem Wetter. Im letzten Jahr war die Staffel nur an vier Tagen nicht in der Stadt unterwegs. Ein Traumjob für wind- und wetterfeste Sportler!
Kerstin Finkelstein