Backpacking war gestern

Bikepacking: Große Abenteuer mit wenig Gepäck

Bikepacking heißt der neue Radreise-Trend aus den USA. Es geht um wenig Gepäck, aber viel Fahrspaß in der Natur. Neben passender Ausrüstung zählt vor allem eins – die richtige Einstellung.

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Bikepacking

Picknickpause mit Talblick – schlägt jedes Großstadt-Szenecafé.

Sportlich mit dem Fahrrad im Gelände fahren, abends ein Lagerfeuer entfachen und die Nacht in der Natur verbringen: Das ist die DNA des Bikepackings – und es trifft den Puls der Zeit. Vor allem dann, wenn es als kleiner Urlaub einfach (spontan) am Wochenende stattfindet. Das heißt dann „Micro-Adventure“ oder „Overnighter“ und ist das naturverbundene Pendant zur etablierten Städtereise. Bikepacking mischt die Ideen des Pfadfindertums mit dem modernen Mountainbiken und bietet damit Sport und Erholung zugleich. Und das Beste ist: Es braucht weder große Vorbereitung noch spezielle Ausrüstung. Was zählt, ist die richtige Einstellung! Einfach ausbrechen aus dem Alltag, die Stadt, den Trubel und allen Verkehr hinter sich lassen und sich in der Natur bewegen.
Bikepacking

Bikepacking kann echter Sport sein, spätestens wenn es steil bergauf geht.

Die Basis einer guten, also gleichfalls leichten wie funktionellen und zuverlässigen Bikepacking-Ausrüstung ist das Nachtlager. Das beginnt mit einer leichten Isomatte, die viel Volumen hat und damit Wärme und Komfort bringt. Neue Modelle wiegen kaum 400 Gramm. Die leichtesten und kuschligsten Schlafsäcke sind aus Daunen. Kunstfaser ist günstiger und pflegeleichter, fällt aber voluminöser und bei gleicher Wärmeleistung schwerer aus. Biwaksäcke gibt es vom Notfallsack aus etwas stabilerer Rettungsfolie für wenige Euro bis zum Hightechgewebe mit kleiner Gestängekuppel für den Kopfraum. Clever: Wenn die Isomatte mit im Biwaksack liegt, ist sie vor Dornen geschützt, und man spart sich eine zusätzliche Schutzunterlage. Auf ein Zelt verzichten die meisten Bikepacker für den freien Blick in den Sternenhimmel.
Bikepacking campen Kocher

Mit einem kleinen Kocher gibt es sogar einen warmen Kaffee zum Tagesstart.

Die Klassiker der Bikepacking-Ausrüstung sind vor allem eine leichte Isolationsjacke fürs Lager, ein Spirituskocher samt Geschirr, Ziplock-Tüten fürs Essen und ein wirklich gutes Multitool, das als Fahrradwerkzeug, Küchenutensil und notfalls zur Nagelpflege dient. Spätestens hier fängt dann für den eingefleischten Bikepacker der Luxus an: Klappsäge, Grillrost, Kamera, kleines Stativ, Lagersandale und Erste-Hilfe-Set – jeder muss selbst entscheiden, was er einsteckt. Wichtig ist nur: losmachen! Das Abenteuer wartet. Und zwar nicht am Yukon, sondern am Stadtrand.

Gut gepackt ist halb verreist

Bikepacking gepacktes Fahrrad

Beim Bikepacking hat alles seinen festen Platz am Rad.

In der Satteltasche verschwindet die Ausrüstung fürs Nachtlager. Steife und schwere Ausrüstung zuerst verpacken, damit sie sich nahe der Radmitte befindet. Die hintere Oberrohrtasche ist ideal fürs Werkzeug. In der vorderen Oberrohrtasche sind Snacks, Telefon und Wertsachen griffbereit. Die Feedbag-Taschen nehmen Trinkflasche oder Kamera auf, die Netzaußentasche dient als Tischmülleimer. Am Lenker finden Maskottchen und GPS-Gerät Platz. Die Lenkerrolle nimmt Ersatzkleidung und Kulturzeug auf. In die Rahmentasche sollten schwere Ausrüstungsgegenstände wie Ersatzteile, Kocher und Zeltgestänge gepackt werden. Eine Unterrohrtasche ist ideal als zusätzliches Wasserreservoir oder fürs Zelt beziehungsweise den Biwaksack.

Das ultimative Minimum

Bikepacking Gepäck

Minimales Gepäck für's Bikepacking.

Bikepacker fahren spartanisch: eine Garnitur Radbekleidung samt Schuhen, Helm, Sonnenbrille. Dazu ein paar wärmende Accessoires wie Armlinge und Windweste.Im Sommer wird auf Regenkleidung oft gänzlich verzichtet. Dafür gibt es einen Sonnenhut für Pausen und Lager. Das nötigste Werkzeug und Ersatzteile (inklusive Gaffer-Tape und Kabelbinder), ein Multitool, variables Essbesteck wie Gaffel (Gabel/Löffel), minimale Sanitärausstattung (Zahnbürste/-pasta, Sitz-/Sonnencreme und Feuchttücher), etwas Elektronik (GPS-Tracker, Telefon,gegebenenfalls Ladekabel und Batterien), Biwaksack, dünner Sommerschlafsack, Bikepacking-Taschen und ein leichtes, geländefähiges Rennrad – fertig ist die Ausrüstung fürs kleine Radabenteuer.

Recht

Anders als etwa in den meisten skandinavischen Regionen gibt es in Deutschland kein sogenanntes Jedermannsrecht, das – mit einigen einfachen Regeln – jedem das wilde Zelten in der Natur erlaubt. In Deutschland braucht es stets die Erlaubnis des Landbesitzers, damit abenteuerhungrige Fahrradfahrer ihr Lager errichten dürfen. In der Praxis kommt dies einem Zeltverbot gleich. Am besten fragt man Bauern, ob sie einem das Zelten auf der Weide erlauben. Geht das nicht, muss man auf öffentliche Zeltplätze zurückgreifen. Stets erlaubt ist hingegen ein Notlager, wenn ein Weiterkommen etwa wegen Witterung oder Verletzung nicht möglich ist.
Bikepacking Zelt

Das eigene Quartier ist immer dabei: Moderne Zelte wiegen kaum ein Kilogramm.

Routen

Die besten Routen beginnen direkt vor der eigenen Haustür. So startet das Abenteuer ohne große Anreise. Beliebt sind die bekannten und gut erschlossenen – und somit auch ausgeschilderten – Wanderwege, zum Beispiel der Rennsteig im Thüringer Wald. Bei guter Witterung sind derlei Wege aber entsprechend stark frequentiert, von Wanderern und eben Radfahrern. Besser ist es deshalb, man weicht auf weniger namhafte Routen aus. Nicht selten gibt es Wander- oder Pilgerwege nicht weit vom eigenen Standort entfernt. Eine gute Quelle mit vielen Routenbeschreibungen bietet das englischsprachige Portal www.bikepacking.com
Bikepacking Lagerfeuer Grill

Gehört einfach dazu: Das Lagerfeuer mit Grillrost und Spießen.

Rennen

Es gibt auch Rennen im Bikepacking-Stil. Das heißt dann „Selfsupport“ (Selbstversorger) und ist das komplette Gegenteil herkömmlicher Etappenrennen wie der Tour de France oder der Transalp. Der Fahrer muss sich komplett selbst organisieren und versorgen. Jede private Unterstützung durch Freunde oder eine Crew ist verboten. Das bekannteste dieser Rennen ist die Tour Divide über 4450 Kilometer in den Rocky Mountains. Das teilnehmerstärkste Rennen ist der Tuscany Trail in Italien mit mehr als 250 Fahrern. In Deutschland gibt es kein solches Rennen, sehr wohl aber sportliche, mehrtägige Touren (Bikepacking Trans Germany, Grenzsteintrophy, Candy B. Graveller).
Autor: Gunnar Fehlau