Eine Seefahrt, die ist lustig

Natur und Abenteuer – Radtour im englischen Lake District

Wer Mountainbiken im Königreich für exotisch hält, war noch nicht im Lake District. Die majestätische Seen- und Berglandschaft ist ein wahres Trailparadies.

Datum:
Radtour England Lake District

Oberhalb von Derwent Water liegen traumhafte Trails. Links im Hintergrund das Städtchen Keswick.

Es sind 21 Grad, der Himmel ist bedeckt, als Daniel, Roman und ich als Fotograf den „Lakeland 200“-Trail starten. Bestes Bike-Wetter. Die Route führt mitten durch den Lake District im Nordwesten Englands. „The Lakes“, wie der Volksmund die Gegend nennt, ist ein wahres Paradies. Die dramatische Landschaft hat trotz des Tourismus ihr ungeschminktes Gesicht nicht verloren. Noch dazu verfügt die Gegend über beste Infrastruktur, auch für diejenigen, die nicht unbedingt zelten wollen. Unterwegs gibt es Unterkünfte im charmanten englischen Stil – vom Pub bis zum Herrenhaus.
Startpunkt der Tour, die als Selbstversorger-Trail vom britischen Mountainbiker und Selfsupport-Profi Alan Goldsmith ins Leben gerufen wurde, ist der Bikeshop „Wheelbase“ in Staveley. Hier machen wir unsere Stumpjumper und S-Works von Specialized startklar. Anschließend führt uns unser GPS durch die hügelige Landschaft oberhalb von Ambleside.
Schnell wird klar, wir brauchen unsere Karten zusätzlich zum elektronischen Pfadfinder. Denn es wird nicht bei der eigentlichen Route bleiben, zu viel am Wegesrand verleitet zu spontanen Abstechern von mehreren Kilometern. Immer wieder locken Abzweigungen, die fahrtechnisch und touristisch neugierig machen und gut mit dem Trail kombinierbar sind.
Radtour England Lake District Trail

Trailfreuden und technisches Fahrkönnen paart sich hier mit der schönsten Aussicht.

Ein Eldorado für Naturschwärmer

Am Jenkins Creek staunen wir über gigantische Mammutbäume. Und treffen auf einen Mann, der ganz in Grün gekleidet ist: Chris fotografiert Pflanzen, „just for fun“, wie er sagt. Er erzählt uns vom Sequoiadendron, wie der Mammutbaum auch heißt. Der Duke von Wellington ließ die Baumgiganten hier einst für seine Frau pflanzen. Die hatte Heimweh nach Kanada, wo alles eine Nummer größer war. Einen See ließ der Duke gleich mit auffüllen. Welchen, weiß Chris nicht mehr. Egal. Wir zirkeln weiter durch den Wald. Große Farne und Blumen streiten sich mit den Mammutbäumen ums Licht, der Trail schlängelt sich mitten hindurch. Wir sind schnell. So schnell, dass wir lachen. Schon jetzt ist klar: Diese Seefahrt, die wird lustig. Eine Euphorie, die alle kennen, wenn sie in diesem Landstrich biken.
Radtour England Lake District Bachquerung

Bachquerungen gehören zum Trail. Nach Regenfällen werden diese Passagen zur echten Herausforderung.

Als wir Ambleside am Fuße des Lake Windermere erreichen, wähnen wir uns in einem Miss-Marple-Dorf aus Natursteinhäuschen. Die Moderne hat hier scheinbar kaum Einzug gehalten. Windermere, einer der 16 Hauptseen, ist der längste See im Lake District und extrem wichtig für das Bilderbuchstädtchen. Er ist Ausgangsort für viele Bergwanderungen und Mountainbiketouren. Als wir den Ort verlassen, steht die Sonne tief – was sie hier im Norden ohnehin ein wenig mehr tut.
Kurz darauf stoppen wir an Hodge Close, einer stillgelegten Schiefermine mit industriellen Trümmern und imposanter Aussicht. Hier kann man erkennen und spüren, wie die Menschen sich das Land zunutze gemacht haben. Eigentlich wäre es bis zu unserem ersten Übernachtungsstopp in Coniston nicht mehr weit. Doch unsere Route sieht noch eine kleine Umwegsschleife vor. Nach dem Blelham Tarn geht es hoch zu zwei Bergseen, die sich glitzernd von der Moorlandschaft abheben.
Radtour England Lake District Moor

Auf den Höhenzügen können sich Mountainbiker in einer pittoresken Moorlandschaft austoben.

Es sind nicht viele Höhenmeter, die auf der ersten Etappe liegen – ein moderater Toureinstieg. Die richtigen Steigungen der insgesamt 6.400 Höhenmeter kommen erst noch. Für die gesamte Strecke liegt der Rekord bei 16 Stunden 45 Minuten. Im Laufe der Reise werden wir uns oft fragen, wie das zu schaffen ist. Zwar sind es vorwiegend schmale Forststraßen, auf denen wir schnell vorwärtskommen, aber es gibt auch Trails vom Feinsten.
Wir halten es entspannt, auch wenn wir aufs Schäfchenzählen verzichten. In England gibt es schließlich 34 Millionen Schafe (bei 60 Millionen Einwohnern). Die Tour hat auch so etwas Traumwandlerisches. Ob es an der Natur, an Luft, Licht oder dem flowigen Ride liegt? Eines erkennen wir ganz sicher in Grizedale: Bikers welcome! Ein riesiges Gebiet wurde zum Trail- und Bikepark umgestaltet. Weit und breit gibt es kein freies Zimmer mehr. Unser Trip fällt auf ein langes Feiertagswochenende. Einzige Chance ist die günstige Jugendherberge an den ehemaligen Kupferminen von Coniston, gut 300 Meter über der Stadt, aber auf unserer Route liegend. Eine spartanische Unterkunft, doch für eine Übernachtung reicht es völlig.
Radtour England Lake District Bed & Breakfast

Im Wasdale Head Inn logieren auch Alpinisten, die Englands höchsten Berg Scafell Pike besteigen wollen.

Und die Erholung ist wichtig. Denn der zweite Tag steht im Zeichen von Superlativen: vorbei am höchsten Berg „Scafell Pike“ (978 Meter), der leider nicht mit dem Bike befahren werden darf, und entlang an Englands tiefstem See. Die Oberfläche des Wast Water liegt 60 Meter über dem Meeresspiegel, seine tiefste Stelle sogar 19 Meter darunter. Zum Wachwerden begrüßt uns ein Anstieg, dann eine schöne Flow-Abfahrt nach Seathwaite.
Von Coniston zum Wast Water sind es nur 50 Kilometer. Eigentlich ein Witz, wären da nicht die 1.000 Höhenmeter, die sich uns mit trickreichen Trailkombinationen in den Weg stellen. Ein weiteres Highlight: die Hochebene Eskadle Moor. Was für ein Ausblick! Auch fahrerisch kann man hier zum Stopp gezwungen werden; der Untergrund ist tückisch.
Urplötzlich versinkt Daniel mit dem Vorderrad im Morast und steigt spektakulär über den Lenker ab. Aber zum Glück ist der Boden weich; sein Sturz bleibt ohne Folgen.
Radtour England Lake District Trail Action

Nicht nur versierten Mountainbikern bietet der Lake District jede Menge Trail-Action und Abenteuer.

Tückischer sind da schon jene Passagen, in denen unterm Gras versteckte Steine schlagartig auf die Federgabel einprügeln. Ruhiger wird es wieder im Tal. Wir beschließen den Tag mit Fish und Chips und zwei Pint Bier. Am nächsten Morgen stehen wir am Kirkfell-Sattel. Stille. Wieder huldigen wir dem überwältigenden Panorama. Einatmen, ausatmen, nur keine Eile. Mit der Etappe nach Keswick sind wir schon fast auf dem Rückweg. Aber was ist das? Mitten in den Bergen bei Gatesgarth steht ein Eiswagen.
Klar, den dürfen wir nicht auslassen: „Zweimal drei Kugeln, bitte.“ Auf den folgenden 300 Höhenmetern bis zum Honister Pass sind die Kalorien im Nu wieder verbrannt. Touristen kommen hier nicht nur des Ausblickes wegen hoch, sondern auch, um die Überreste des historischen Schieferabbaus zu besichtigen.
Radtour England Lake District Eis

Mitten in den Bergen von Gatesgarth stärken sich Daniel und Roman auf ihrer Tour an einem Eiswagen.

Die Abfahrt nach Seatoller ist schnell. Über Castle Crag erreichen wir einen Fluss, der sich in Richtung Keswick schlängelt. Dieser Trail ist fast ein Pumptrack mit viel Spaßpotenzial. Keswick, „Kesick“ gesprochen, liegt im Herzen der Lakes und ist Spielplatz der Naturliebhaber. 36 Kilometer haben wir hinter uns, aber zum Tagesausklang gönnen wir uns noch zwei „Hügel“ mit weit sichtbaren Trails. Den Durst löschen wir danach im Pub in Keswick.
Unser fünfter und letzter Tag beginnt stürmisch, dunkle Atlantikwolken spielen mit dem Sonnenlicht auf den grasigen Hängen – ein typischer Tag für die Lakes. Die Etappe führt uns hoch hinaus auf einen Kamm namens High Street, der auf eine frühe römische Straße zurückgeht. Noch 23 Kilometer sind es bis zum Endpunkt Staveley. Von hier oben sehen wir im Zwielicht Windermere und am Horizont sogar das Meer. Landschaft, Biken, Leben – im Lake District wird alles zum Flow.

Mountainbiken in England

Mit seiner spektakulären Landschaft ist Großbritannien wie gemacht für Mountainbiker. Und die Zahl der Cross-Country-Strecken wächst.
Radtour England Lake District alter Weg

Auf alten Wegen wie hier am Sachfell Pike geht es dem Feierabend entgegen.

Lake District – mit dem Rad durch urige Landschaften

Ein Königreich für ein Mountainbike! Englands Forstverwaltung wirbt offiziell mit 2.500 Kilometern Mountainbike-Trails und Touren durchs Land. Fans der Self-Support-Szene bieten Routen über 8.000 Kilometer an. Besonders Cumbria und der Lake District locken mit abwechslungsreich-anspruchsvoller Landschaft Mountainbiker auf die Trails. Weitere Infos zum Biken im Nationalpark bietet www.golakes.co.uk.
Reiseinfos zur Lakeland-200-Route:
  • Anreise: Direktflug z. B. von Berlin, München, Hamburg nach Manchester ab 36 Euro. Ab Flughafen z. B. per Mietwagen über die M61 bis Preston, dann M6 Lancaster Richtung Kendal.
  • Start und Endpunkt: Bikeshop „Wheelbase“ in Staveley. Ideal zum Parken und Aufbauen der Bikes – und für eine Kaffeepause. Die Shop-betreiber sind außerdem sehr hilfsbereit.
  • Übernachtung: In Staveley bietet der Eagle & Child Inn für die erste und letzte Nacht gemütliche Unterkunft (DZ mit Frühstückab 97 Euro; www.eaglechildinn.co.uk). Weitere B&B-Adressen unter www.visitbritain.com
  • Dauer: Die gesamte Route von 200 km ist mit 50 km pro Etappe auf 4 Tage ausgelegt. Es können – abhängig von Kondition und Genießer-Status – auch 5 Tage werden.
  • Trail-Infos: Route und GPS unter www.selfsupporteduk.net
  • Beste Reisezeit: Mitte April bis Ende September

In Zahlen

Höchster Berg

Scafell Pike (978 Meter)

Tiefster See

Wast Water (79 Meter)

Streckenrekord

16,45 Stunden

Aufstiege

6.400 Meter

Die Räder

Für die fordernde Tour durch den Lake District setzten BIKE BILD-Autor Thilo Brunner und seine beiden Begleiter auf High-End-Mountainbikes von Specialized. Die Modelle S-Works und Stumpjumper erwiesen sich als Idealbesetzung für das wechselhafte Terrain. Auf den Haupttrails reicht ein Hardtail. Für die schwierigen Abfahrten empfiehlt sich eher ein Fully.
Autor: Thilo Brunner

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