Interview mit Assaf Biderman

"Das Leben ist zu kurz, um im Stau zu stehen"

Wie bewegen wir uns in der Zukunft in Städten? Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, entwickelt Assaf Biderman eine mit Roboter-Technologie ausgestattete Nabe, die jedes Rad zum E-Bike macht.

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Assaf Biderman im Gespräch mit BIKE BILD in Berlin.

Herr Biderman, wie sehen unsere Städte Ihrer Meinung nach in Zukunft aus?
Ähnlich wie heute. Wenn wir in die Zeit zurückblicken, als Städte gegründet wurden, dann haben sich die Grundparameter nicht verändert: Wir haben eine zweidimensionale Fläche, die aufgeteilt ist in Grundstücke mit Gebäuden, dazwischen befinden sich Straßen. Wir bewegen uns auf der Oberfläche. Dafür gibt es gute Gründe: Vor allem aus Energie-Perspektive sind fliegende Vehikel pure Verschwendung. In der Zukunft werden wir in Stadtzentren keine fliegen Autos benutzen.
Wo ähnelt die Zukunft nicht der Gegenwart?
Die Fahrzeuge, die wir in der Zukunft benutzen, werden anders sein. Autonomes Fahren wird kommen – aber nur als kleiner Teil des großen Puzzles. Unsere Bewegungsmuster sind extrem individuell. Es gibt nicht viele Überschneidungen bei dem, was du tust, und dem, was ich tue. Deshalb ist Carsharing für mich keine Lösung.
Warum nicht?
Wir steuern nicht die gleichen Ziele an und nehmen nicht die gleichen Routen. Wenn wir ein großes Fahrzeug mit vielen Menschen füllen wollen, die sich Wege teilen, wird es signifikante Verspätungen geben. Daraus resultiert: Auch wenn wir vollständig autonome Transportsysteme nutzen könnten, bräuchten wir immer noch neue Fahrzeuge, um einen Vorteil daraus zu ziehen.
Welche Art von Fahrzeugen?
Statistisch gesehen sitzen heute in jedem Auto 1,54 Menschen. Es bewegt sich also eine Menge leerer Raum in den Straßen, dadurch entstehen Staus. Aber selbst wenn wir 80 Prozent des Platzes in unseren Autos ausnutzen würden, könnte man das Stauproblem nicht nachhaltig lösen. Im Kontext: Die Anzahl an Menschen, die in der Stadt leben und mobil sein möchte, wird noch größer. Wir könnten glücklich damit sein, wenn die Verkehrslage so bleibt, wie sie heute ist. Aber es wird tatsächlich eine große Herausforderung, so viel mehr Menschen durch die Straßen zu bewegen. Deshalb brauchen wir Fahrzeuge, die auf 1,54 Menschen ausgerichtet sind, also für ein bis zwei Personen. Das ist für unsere Firma Grund genug, an Fahrrädern zu arbeiten. Sie sind das beliebteste Ein-Personen-Transportsystem. Wir entwickeln aber auch schon etwas größere Fahrzeuge, die elektrisch betrieben werden.
Neue Fahrzeuge erschaffen für eine Stadt, die so funktioniert, wie sie es heute tut?
Ja, mit dem Unterschied, dass die Straßen dann auf völlig andere Art und Weise genutzt werden. Ich habe gerade einen interessanten Artikel in der „Financial Times“ über Städte in China gelesen: Man benötigt dort einen speziellen Führerschein, um in Metropolen fahren zu dürfen. Den erhält man nur, wenn man ein kleines Elektrofahrzeug kauft. Das hat den größten Markt für elektrisch betriebene Vehikel geschaffen!

Assaf Biderman mit dem von ihm entwickelten Copenhagen Wheel, das jedes Fahrrad zum E-Bike macht.

Ist das die Lösung für innerstädtische Probleme?
In chinesischen Städten ist die Luft so dreckig, dass die Reduzierung des Verkehrs eine Frage des Überlebens ist. Die chinesische Regierung muss das Problem lösen, denn Menschen verlassen bereits die Ballungszentren. Deshalb gibt es bereits Vehikel wie die Light rail, die dich mit weit entfernten Zielen verbinden. Außerdem sieht man kleine elektronische Fahrzeuge durch die Stadt fahren, wie man bei uns Fahrräder sieht. Nun macht es Sinn, bei der Entwicklung dieser Fahrzeuge Robotik zu nutzen, um das Fahrerlebnis zu steigern. Das smarte System lernt, wie man sich bewegt, es bildet die Straßenbedingungen ab und wird quasi zur Verlängerung unseres Körpers.
Wie funktioniert so etwas?
Wir zum Beispiel haben das Copenhagen Wheel entwickelt, ein Hinterrad, das jedes Fahrrad zum E-Bike aufrüstet. In der Nabe befinden sich über 70 Sensoren. Ein Dutzend davon erkennt, was der Körper des Fahrers tut. In Echtzeit sammeln die Sensoren entsprechende Daten zur Position der Pedale, zur Trittfrequenz und -stärke oder zur Beschaffenheit der Straße. Ein schnelles Kontrollsystem analysiert die Daten und versorgt den Fahrer genau dann mit der richtigen Power, wenn er es erwartet. Man fühlt sich, als ob man auf einem normalen Fahrrad fährt, aber zu Superman geworden bist.
Brauchen wir überhaupt noch normale E-Bikes?
Ich glaube, die E-Bike-Industrie wird sich sehr verändern. Was wir heute sehen, ist nur der Anfang. Die Qualität wird extrem ansteigen. Heute bekommt man sehr durchschnittliche Produkte für einen sehr hohen Preis.
Das Copenhagen Wheel wird via Smartphone gesteuert. Aber will man nicht beim Radfahren entspannen und mal aufs Smartphone verzichten?
Ach, vergiss das Handy. Und auch den hochentwickelten Roboter mit drei Computern, 74 Sensoren, Batterien und Motor. Fahrradfahrer nehmen diese ganze Technik gar nicht wahr. Sie müssen einfach nur in die Pedale treten, das Handy steckt in der Hosentasche. Man muss nicht einmal einen Knopf drücken. Sie haben in einem Interview gesagt, heutige Bikes passen nicht ins modernes Leben.
Warum nicht?
Es gibt generell kein Problem mit Fahrrädern. Sie sind eine der wundervollsten Maschinen, die jemals von Menschen gebaut wurden. Sie sind extrem effektiv, eine Verlängerung des Körpers. Das Problem ist, dass wir Städte gebaut haben, die sehr groß sind. Ohne einen Motor ist es für die meisten Menschen hart, sich in ihnen zu bewegen. Die durchschnittlichen Fahrradfahrten umfassen 2,3 Kilometer. Eine Stadt ist durchschnittlich deutlich größer.
Ich kenne viele Menschen, die täglich zehn Kilometer zur Arbeit fahren.
Aber das ist dann auch die Grenze. Mit einem E-Bike kannst du locker die doppelte Strecke machen. Für mich stellt sich die Frage: Wie können wir ändern, dass Menschen für Distanzen in der Stadt, die länger als 2,3 Kilometer sind, das Taxi oder den Bus nehmen? Ein großer Vorteil beim Fahren mit dem E-Bike ist, dass man sehr genau vorhersagen kann, wann man am Ziel ankommen wird. Verstopfte Straßen sind aus meinem Leben als Radfahrer verschwunden. Ich komme nie mehr zu spät. Das Leben ist zu kurz, um im Stau zu stehen.

Assaf Biderman lehrt am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und leitet das Senseable City Laboratory, an dem die Auswirkungen von digitalen Technologien auf die Menschen und den urbanen Raum untersucht werden. Im Jahre 2012 gründete Assaf Biderman das RobotikUnternehmen Superpedestrian. Das erste Produkt des Teams ist das Copenhagen Wheel. Assaf Biderman hat einen Design-, Informatik- und Physik-Hintergrund. Er ist mehrfacher PatentInhaber und Co-Autor von über 45 Publikationen. Seine Arbeiten wurden unter anderem im Museum of Modern Art in New York und bei der Biennale in Venedig gezeigt.

Mit was für einem Fahrrad sind Sie unterwegs?
Mein Lieblingsrad habe ich bei eBay für 83 Dollar ersteigert und ein Copenhagen Wheel eingesetzt. Es ist aus Stahl und stammt aus den 70ern. Es ist abgewrackt, fährt aber wie eine Rakete. Das andere ist ein Hollandrad. Und ich habe noch ein Lastenrad, das ich zum E-Bike gemacht habe. Damit erledige ich alles in Boston: Ich bringe mein Kind zum Kindergarten, gehe einkaufen, fahre zur Arbeit und zu unseren Investoren oder auch zum Friseur und zum Arzt.
Sie leben in Boston. Wie ist es, in den USA mit dem Fahrrad zu fahren?
Generell ist es so, dass unter zehn Prozent der Wege, die in einer amerikanischen Stadt zurückgelegt werden, auf dem Rad zurückgelegt werden. Gerade in großen Städten ist das ein Problem. Aber es verändert sich gerade viel – man muss nur in Städte wie Portland, Chicago, Boston, New York, San Francicso oder L.A. schauen.
Sie stammen aus Israel. In Tel Aviv flitzen heute viele E-Bikes durch die Stadt.
Und über die Bürgersteige – die sind verrückt!
Es gibt dort weit mehr als 100.000 E-Biker, aber kaum Regeln für sie. Laut einer Recherche des Bayerischen Rundfunks verunglücken viele Biker tödlich. Was muss geändert werden?
In Israel auf der Straße zu fahren, ist sehr viel gefährlicher als in Europa. Die Autofahrer sind nicht daran gewöhnt, sich mit Fahrrädern die Straße zu teilen. An der Regulierung wird aber schon gearbeitet. Das Problem ist die Umsetzung. Das Gute an dem E-Bike-Trend ist aber jetzt schon, dass er die Zahl der Luft verschmutzenden Roller verringert.