Zu Besuch beim Tour-de-France-Star

Hausrunde mit Marcel Kittel

Marcel Kittel ist einer der schnellsten Sprinter der Welt. Er ist Hektik und hitzige Fahrer gewohnt. Doch auf seiner geliebten Runde am Bodensee schaltet er bewusst ein paar Gänge runter.

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Held der Landstraße: Wenn sein Leben mal wieder volle Pulle auf die Überholspur gerät, braucht Marcel Kittel die Stille des Thurgaus.

Hallo, ich bin Marcel, sagt der nette Kraftprotz und drückt mir so fest die Hand, dass ich froh bin, sie wieder zurückzubekommen. Er steht mit seinem teuren Schätzchen am Hafen und guckt fast erschrocken auf meine Leihradgurke. Dann grinst er breit bis hinter die Ohren und murmelt, dass seine Schwiegermutter auch so eine komische Kiste zum Einkaufen hat. Na toll, denke ich, fängt ja echt gut an. Da triffst du einen der schnellsten Sprinter der Welt, und die am Bahnhof geben dir ein klappriges Stahlross, das man eigentlich aus Mitleid einschläfern müsste. Dabei hatte man mir ein Rennpferd versprochen. Irgendwo da hinten wabert der Bodensee. Man kann ihn nur ahnen, die Schiffe dümpeln im Nebel, eine dicke Suppe liegt über dem Wasser. So viel starkes Stück Natur, und du siehst die Hand vor Augen nicht. Nicht weit von uns spielt eine Fußballmannschaft. Wenn einer von denen richtig abziehen würde, könnte der Schuss in Deutschland landen.

Sympathischer Kraftprotz mit festem Händedruck: Sprint-Star Marcel Kittel zeigt uns seine Lieblingsrunde am Bodensee.

Heute kein strammer Berg, der ihn zerstört

Wir sind in Kreuzlingen bei Konstanz, nur ein paar Hundert Meter in der Schweiz. Wir fahren los. Marcel Kittel mag diese kleine Hausrunde. Da kommt er gut zu sich, da kann er nachdenken über Dinge, die wichtiger sind als Kettenfett und Kalorien. Es sind 65 Kilometer, die ihm nicht wehtun. Kein strammer Berg, der ihn zerstört, wie er das nennt, wenn er als bulliger Sprinter an seine körperlichen Grenzen gerät. Ich kann nur kurz und flach, sagt er und klappt den Kragen seiner Jacke hoch. Scheiß Regen, eine Grippe kann er jetzt so kurz vor der Tour de France wirklich nicht brauchen. Hier im Thurgau ist mittlerweile alles Heimat für ihn, die saftigen Wiesen, die sanften Hügel, die stille Luft und diese Menschen, die einfach nichts aus der Ruhe bringt. Da tankt die Seele wieder auf, was sie beim Radfahren regelmäßig auf der Strecke lässt.
Was für ein Unterschied zu diesem lauten, bunten Haufen des Pelotons, mit dem er über 200 Tage im Jahr bei Rennen über die Straßen prescht. Seit zwei Jahren wohnt er in der Schweiz. Lebt mit seiner Freundin Tess zusammen, die holländische Nationalspielerin im Volleyball ist und für einen Verein in Basel schmettert. Er liebt die Gegend, die Bodenhaftung, das Auf-die-Bremse-treten, wenn sein Leben wieder volle Pulle auf der Überholspur ist. Dann bleibt er oft stehen, guckt in die Wolken, starrt in irgendeinen Tümpel und hört dem Quaken der Frösche zu. Einfach so.

Ungleiches Treffen: Das Rad von Autor Schophaus erinnert Kittel an das seiner Schwiegermutter. Was soll’s? Wenn er (Kittel) aus dem Sattel geht, kennt er sowieso keine Verwandten mehr.

Nur heute ist irgendwie der Wurm drin. Kittels Hals schmerzt, er hat schlecht geschlafen. Er fühlt sich nicht gut und drückt aufs Tempo, das Wetter, die fiese Nässe, diese verdammte Kälte, die an ihm zerrt, und jetzt auch noch so ein neugieriger Kerl neben ihm, der ständig Fragen stellt. Ich ächze ergeben, stelle heimlich den Elektroantrieb höher und lasse nicht locker, mir meine Würde zu erhalten. Wir radeln durch stille, friedliche Kaffs, die Lengwil oder Siegershausen heißen, doch der Profi hebt kaum den Kopf.

Marcel Kittels Hausrunde ist ungefähr 65 Kilometer lang und beginnt am Hafen von Kreuzlingen, wo die Fährschiffe zu den anderen Seeorten ablegen. Nach einer kurzen Fahrt durch die Stadtmitte folgt ein leichter Anstieg Richtung Lengwil. Bei gutem Wetter hat man von dort einen wunderschönen Blick über den Bodensee und die angrenzenden Alpen. Weiter geht es auf der Anhöhe zum Bommer Weiher durchs Naturschutzgebiet Pro natura Thurgau, den Lieblingsort von Marcel Kittel auf seiner Tour. Über Märstetten, Guntershausen und Altnau rollt der Profi dann nach Kreuzlingen zurück.

Es hatte ihn gepackt – bei glühender Hitze

Marcel hatte Leute gesehen, die sich mit Fahrrädern zwar die Pässe hochquälten, aber abwärts richtig Gummi gaben. Als es wieder nach Hause ging, rückte er mit seinem Wunsch heraus. Ich auch, Papa! Noch auf der Heimreise hing sein Vater am Telefon und besorgte ihm ein Rennrad. Auf seiner ersten Fahrt brannte die Sonne, es war glühend heiß, und Marcel weiß noch genau, wie er völlig fertig, aber glücklich war. Es hatte ihn gepackt. Er heizte nicht nur auf der Straße, er donnerte auch durch den Wald. Er ging durch die harte Schule des Alltags, und mit der Zeit wurde aus ihm ein Radfahrer, den so schnell nichts mehr aus dem Sattel warf.
2005 wurde er Weltmeister im Einzelzeitfahren der Junioren, konnte diesen Titel ein Jahr danach sogar verteidigen.Marcel Kittel konnte nur ein großer Sportler werden. Weil er vor 30 Jahren in eine thüringische Familie geboren wurde, bei der ständig die Waschmaschine mit den dreckigen Trainingssachen lief. Mutter war eine gute Hochspringerin, Vater ein guter Rennradfahrer, und Marcel hatte schon kurz nach seiner Aufrichtung auf zwei Beine einen dermaßen ausgeprägten Bewegungsdrang, dass sie ihn aus elterlicher Verzweiflung heraus gleich in die SG Motor Arnstadt steckten. Er wurde Leichtathlet und versuchte sich dort in allem, „bei dem ich nicht so viel Puste brauchte“. Nach der Wende reisten sie in Länder, die sie bisher nicht kannten. Als sie in einem Sommer in den Alpen waren, passierte es.

„Du musst ein harter Hund sein – aber ich versuche immer fair zu bleiben.“

Marcel Kittel

Marcel Kittel im Gespräch mit BIKE BILD.

Er bleibt fair. Manche sagen auch: zu fair

Der Himmel reißt auf, endlich lächelt der Tag und macht die Welt wieder hell. Ein leichter Wind zerfetzt den Nebel, ein paar letzte Schwaden hängen lustlos über dem Bommer Weiher. Das hier ist ihm die liebste Stelle seiner Strecke, er freut sich immer über den Blick auf das Schilf, welches durch das Wasser sticht und sich in Brisen wiegt. Manchmal geht er hier mit seiner Freundin spazieren. Die Gegend macht ihn frei, wie seine Bücher am Abend, wenn er das Fahrrad in die Ecke stellt. Wenn er Energie für den Kopf sucht, wie er das nennt, aber dann doch oft nur noch tot im Bett liegt oder kaum mehr die Speisekarte beim Italiener lesen kann. Er spricht über seinen Vater Matthias, der ihm so viel mitgegeben hat für seinen Sport. Der Platz ist egal, sagte der ihm, solange du alles gegeben hast. Was ist alles?, hatte Marcel ihn gefragt. Wenn man so fertig ist, dass man kotzen muss? Den Lohn für seinen Einsatz fährt er zum Beispiel bei der Tour de France ein, als er das Gelbe Trikot tragen darf. 2013 war das und ein Jahr später noch einmal.
Das ist ein Gefühl, für das sich jede Strapaze lohnt, sagt er. Sein Ehrgeiz ist ungebrochen, der Hunger nach Siegen sowieso. Ein Sprinter braucht eine gesunde Härte, meint er und schaut belustigt auf das tattrige Hinterteil meines Drahtesels. Ja, man muss schon ein harter Hund sein, wenn man mit 70 Sachen ins Ziel rast. Wenn so ein Rüpel die Ellenbogen ausfährt und Kollegen bis zum Sturz in eine Bande drängt. Doch er ist keiner wie manche seiner Kollegen, die beim Sprint keine Verwandten kennen; die auf Teufel komm raus nach vorn drängen und dabei keine Rücksicht auf Verluste nehmen.

Die ruhige Gegend erdet ihn, sagt Marcel Kittel, sie lässt ihn für die nächsten harten Rennen Kraft tanken.

Marcel rangelt nicht, kloppt sich nicht um Positionen, er bleibt fair, sagen die Trainer, manche sagen auch: zu fair. Als die Tour im Sumpf des Dopings erstickte, berichtete das Fernsehen immer weniger. Seine Erfolge, sein Auftreten bewirkten dann, dass man die Rundfahrt hierzulande wieder übertrug. Marcel hat 14 Etappen gewonnen, mehr als jeder deutsche Fahrer zuvor. Im letzten Jahr kam er fünfmal als Sieger ins Ziel, dann stürzte er auf der 17. Etappe zum 2.600 Meter hohen Col du Galibier. Es war noch ganz am Anfang, das Feld dicht zusammen und die Straße wurde immer enger. Nur eine Sekunde nicht aufgepasst, und er lag blutend auf dem Asphalt. Marcel fuhr noch 50 Kilometer, dann war das Ding für ihn durch.

Marcel Kittel, 30, gehört zur absoluten Weltklasse bei den Radsprintern und gehört zu den erfolgreichsten deutschen Teilnehmer der Tour de France überhaupt. Wegen seiner großen Ähnlichkeit mit dem schwedischen Schauspieler trägt er im Fahrerfeld den Spitznamen Dolph Lundgren.

Ein Mann mit Humor und Benehmen

Er hat Rotz und Wasser geheult und verschwand sofort im Bus der Mannschaft, um sich die Wunden behandeln zu lassen. Du musst durch deine Fehler lernen, sagt er, während wir an Märstetten vorbeikommen. So wie damals, vier Jahre ist das jetzt her. Als ihm auf der Fernfahrt Tirreno–Adriatico kurz vor dem Ziel der Lenker brach und er einen heftigen Abgang machte. Er rappelte sich auf, stemmte sein Dienstfahrzeug über den Kopf in die Höhe und schmetterte es wutentbrannt auf die Straße. Ein paar Tage später ließ er sich fotografieren, wie er sich im schwarzen Anzug mit drei Rosen in der Hand bei seinem kaputten Rad entschuldigte. Der Kerl hat Humor und Benehmen.
So, jetzt ist aber genug, raunt er und zeigt mir den Weg für die Abkürzung. Es ist gerade mal auf der Hälfte der Strecke, aber er hält scheinbar den Blick auf mein klapperndes Ungetüm nicht mehr aus. Er will mich am Hafen wiedertreffen und fährt über 30 Kilometer weiter als ich. Als ich endlich ankomme, sitzt er schon beim Kaffee.
Text: Michael Schophaus

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BIKE BILD erscheint sechsmal pro Jahr.

BIKE BILD ist das Magazin für jeden, der Rad fährt. In Interviews und bildstarken Reportagen zeigt BIKE BILD, was Menschen, die sich dem Fahrrad verschrieben haben, antreibt. Wir besuchen diejenigen, die Bikes planen, entwickeln und bauen und testen deren Produkte auf Herz und Nieren. Wir diskutieren mit denen, die Radfahrern mehr Platz und Sicherheit im Stadtverkehr einräumen sollen. Und wir spüren neue Trends auf und prüfen, ob es sich lohnt, diesen zu folgen.

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