Leihrad-Schwemme aus China

Mieträder – Fluch oder Segen?

Städtische Mietrad-Systeme boomen – chinesische Leihräder fluten unsere Städte. BIKE BILD blickt zurück auf die Entwicklung von Leihrädern und beleuchtet Chancen und Risiken.

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Pedelecs einer OFO-Submarke aus einem Pilotversuch in Chengdu. Die Zukunft der Mieträder sind Pedelecs, so die Marktführer OFO und Mobike.

Die derzeitige Schwemme von chinesischen Leihrädern auch in deutschen Städten scheint ein Phänomen der Neuzeit zu sein. Tatsächlich ist die Idee, spontan auf ein Fahrrad aufsteigen zu können und damit irgendwohin zu fahren und es dort einfach wieder abstellen zu können, jedoch schon gut 50 Jahre alt. 1965 versuchte die Amsterdamer PROVO-Bewegung, eine Idee des Happening-Künstlers Robert Jasper Grootveld umzusetzen. Die Stadt Amsterdam wies den Bürgerwunsch nach 20.000 freien Rädern in der City jedoch zurück. Die Bürgerbewegung probierte es auf eigene Faust und startete das Experiment mit 50 eigenen Rädern. Es endete indes schnell, weil viele der Räder gestohlen oder aber von der Polizei entfernt wurden – Fahrräder unabgeschlossen abzustellen war in Amsterdam verboten. Die Idee des freien Rades war jedoch in die Welt gesetzt und trotz des Amsterdamer Misserfolgs setzte Kopenhagen 30 Jahre später das „Bycykler København“-Programm auf.

Behörde warnt vor Bremsen von Obike-Billigrädern

Hier konnten zunächst 1.000 Räder – die über Werbung finanziert waren – an 110 dafür gebauten Parkstationen entliehen werden, ähnlich wie heute ein Einkaufswagen im Supermarkt mit einer Pfandmünze. Die Zahl der Räder stieg schnell auf 2.500 Räder an, und dennoch wurde das System 2012 beendet – als noch rund 1.500 Räder übrig waren. Mit der Digitalisierung Mitte der 1990er-Jahre wurde dann die Verbreitung des Mietrades, wie wir es heute kennen, möglich. Dank digitaler Technik konnte man auch ohne viel Personal die Nutzer im Fall eines Diebstahls identifizieren und somit den Schwund der Räder minimieren. Das erste System, welches die Nutzer über eine individuelle Magnetstreifenkarte identifizierte, wurde 1996 an der Portsmouth University in England eingeführt. Weitergeführt wurde dieser Ansatz 1998 von der Stadtwerbungsfirma Clear Channel, die im französischen Rennes mit einer Kombination aus Magnetstreifenkarte und RFID Technologie 200 Fahrräder an 25 Stationen zum Einsatz brachte.

Rasante Entwicklung

Im Jahr 2007 wurde das Prinzip auf Paris übertragen, wo zuerst 10.000 Räder, mittlerweile rund 20.000 Bikes unterwegs sind. Dies war der Startschuss für eine rasante Entwicklung. Viele hundert Systeme mit einem ähnlichen Ansatz kommen heute rund um die Welt zum Einsatz. Das größte gibt es heute mit rund 80.000 Rädern in der chinesischen Stadt Hangzhou.
Beschleuniger dieser Entwicklung war im Jahr 2015 Frau Hu Weiwei, die mit Ihren Kollegen Davis Wang und Joe Xia in China die Firma Mobike gründete. Nur drei Jahre nach der Firmengründung kann man sagen: Mobike hat es zahlenmäßig geschafft, die Welt des Mietrades in kürzester Zeit zu dominieren. Mit rund acht Millionen Mieträdern hat die Firma in rund 200 Städten weltweit mehr Bikes am Start, als alle Wettbewerber der davor vorhandenen, stationsbasierten Systeme.

Leihräder von Mobike

Das erste Leih-Fahrrad von Mobike zeichnet sich vor allem durch extreme Robustheit aus, nahezu alles am Rad war speziell für dessen Einsatz entwickelt worden. Aber was macht das Rad von Mobike aus? Was sind die Unterschiede zu den Mieträdern die es zuvor gab? Das Prinzip des Ausleihens kommt ohne Stationen aus. Die Räder verfügen über eine Elektronik, welche über das Mobilfunk-Netz immer online ist. So werden immer die aktuelle GPS-Position und auch andere wichtige Informationen der Bikes gemeldet, beispielsweise der Zustand des Rades. Die Nutzer können das Bügelschloss am Hinterrad nur öffnen, wenn sie die Mobike-App auf ihrem Smartphone installiert haben. Über die App scannen sie mit Hilfe der Kamera des Telefons den QR-Code des Fahrrads.

Die Anbieter Mobike und OFO sind die Weltmarktführer. Bluegogo, die Nummer 3, ist mittlerweile pleite.

Wenn der zentrale Server dem Ausleihvorgang zustimmt, wird das Schloss aus der Ferne geöffnet, und die Fahrt ist freigegeben. So besteht zu jeder Zeit der Ausleihe Kontrolle über das Rad und den Nutzer. Über ein Punktesystem können sich Nutzer qualifizieren oder disqualifizieren. Ein Geschäftsmodell, welches Investoren so sehr überzeugt hat, dass Mobike über eine Milliarde an Investmentkapital bekommen hat und Anfang April für 2,7 Milliarden US-Dollar von der Firma Meituan übernommen wurde.

Eine Art Verdrängungskampf

Alleine in die Softwareentwicklung zur Verhaltensprognose der Kunden hat Mobike nach eigenen Angaben rund 450 Millionen US Dollar investiert. Hier geht es darum, Bewegungsprofile zu erkennen um Verhaltensweisen korrekt prognostizieren zu können, und so dafür zu sorgen, dass genügend Räder an den entscheidenden Stellen sind.
Der steile Aufstieg von Mobike hat natürlich umgehend Nachahmer gefunden, die ebenfalls auf Mieträder ohne feste Station setzen. Der erfolgreichste Wettbewerber ist OFO mit ebenfalls deutlich über einer Milliarde US-Dollar Investment-Kapital und einer ähnlich großen Rad-Flotte. Der Wettbewerb zwischen den Anbietern ist enorm groß geworden. Es ist fast ist eine Art Straßenkampf entbrannt, bei dem die Wettbewerber versuchen, sich einen Vorteil zu verschaffen, in dem Sie mehr Räder als der Wettbewerb auf den Straßen platzieren. Dies wiederum hat schon dazu geführt, dass ganze Straßenzüge mit Mieträdern total blockiert waren.

Städte greifen regulierend ein

Kein Wunder, dass die Städte sich genötigt fühlen, regulierend einzugreifen. Zudem gibt es ein großes Manko bei den stationsungebundenen Systemen, welches Mobike und den Wettbewerbern ernsthafte Probleme bereitet: Die Überwachung der Räder während der Ausleihe ist nahezu perfekt, problematisch ist die Situation nach deren Beendigung. Dann können sie anonym entführt werden oder zu vermeintlicher Streetart umfunktioniert werden. Es wurden schon viele Mieträder in Bäume gehängt oder in Kanälen platziert. Was die Räder selbst betrifft, so zeichnet sich auch hier gerade ein neuer Trend ab. Speziell in Städten, in denen es viele Steigungen gibt, hegen Nutzer den Wunsch nach Miet-Pedelecs. Das erste System dieser Art wurde in Stuttgart 2011 von der Deutschen Bahn getestet. Die Batterien wurden beim Einstecken des Ladeschlosskabels in die Station mithilfe des EnergyBusBeta-Steckers geladen, über den auch die Station mit dem Rad kommunizierte.
Die Idee wurde 2013 vom Industrieverband EnergyBus gefördert und durch Bosch eBike Systems und die Projektpartner ABUS, Ziegler, Marquardt, Movelo, Rosenberger und die Region Tegernsee getragen. 30 Pedelecs wurden am Tegernsee als Ergänzung des Öffentlichen Personen Nahverkehrs eingesetzt. Das damals entwickelte Ladeschlosskabel stand Pate für die heute von der Internationalen Elektrotechnischen Kommission genormte Version, welche das Parken von Fahrrädern – und im speziellen elektrischer Räder und Mieträder – zu revolutionieren verspricht.
Und schon treten auch wieder die chinesischen Unternehmen auf den Plan. Mobike und OFO sind davon überzeugt, dass schon in kurzer Zeit alle Mieträder mit E-Unterstützung betrieben werden. Um dies zu fördern, betreiben beide Firmen bereits Pilotprojekte in ihrer Heimat. Nur ein Frage der Zeit, bis sie hier damit aufschlagen.
Text: Hannes Neupert