Kommentar

E-Scooter: So viel Engagement braucht auch der Radverkehr

Bei der Zulassung von Elektrotretrollern drückte das Bundesverkehrsministerium aufs Gaspedal. Dieses Tempo würde sich unser Autor auch bei der Förderung des Radverkehrs wünschen. Ein Kommentar.

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E-Scooter: Politisch gewollt – aber auch sinnvoll? Unser Autor kommentiert.

Für Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer ist die Zulassung der E-Scooter ein erfolgreiches Prestigeprojekt. Anders als beim Reizthema Lkw-Abbiegeassistenten, das in EU-Mühlen feststeckt und den Zorn der Radfahrer heraufbeschwört, kann Andreas Scheuer sich hier als Macher bei einem Trendthema präsentieren: „Wir wollen neue Wege moderner, umweltfreundlicher und sauberer Mobilität in unseren Städten (…). Damit ebnen wir den Weg für die Mobilität der Zukunft und sorgen gleichzeitig für Sicherheit auf unseren Straßen.“
Umweltfreundlich und sauber? Irgendwo müssen die Energie und die Batterien für die Akkus auch herkommen. Problematisch auch, dass die kleinen Fahrzeuge auf die marode und unzureichende Radinfrastruktur angewiesen sind. Und sie können durchaus eine Gefahrenquelle sein, das zeigen die Erfahrungen von Städten wie Paris, Wien oder Tel Aviv, in denen die Nutzung stärker reglementiert werden muss.
Nicht alle waren mit der ursprünglichen Verordnung einverstanden. Die Länder wollten nur zustimmen, wenn E-Scooter nicht auf Gehwege dürfen und das Mindestalter auf 14 Jahre angehoben wird. Im Verkehrsministerium besserte man schnell nach.
Auch im Vorfeld zeigte Scheuers Behörde ungewöhnliches Engagement, das man als Radfahrer an anderen verkehrspolitischen Baustellen vermisst: Der Zulassungsentwurf wurde der EU-Kommission und dem Bundesrat zur schnelleren Bearbeitung parallel vorgelegt. Nichts sollte der Zulassung vor der Sommerpause im Weg stehen. Denn danach wäre die Saison 2019 für Scooter-Anbieter und -Hersteller in Deutschland gelaufen.

Wie praktisch ist ein E-Scooter im Alltag? Hier geht es zu unserem Testbericht.

Das Verleihen und Verkaufen von Elektrotretrollern ist ein Milliardenmarkt. Über das schnelle Verfahren des CSU-Verkehrsministeriums dürfte sich am Ende auch die Autoindustrie freuen. Hinter den Scooter-Herstellern und Leihroller-Anbietern stehen nicht nur Start-ups aus Kalifornien und Billiganbieter aus Fernost, sondern auch große deutsche Autohersteller. Das muss nicht schlecht sein, zeigt es doch, dass die großen Konzerne sich nach neuen Geschäftsfeldern abseits des Verbrennungsmotors umschauen.

Galerie: 5 eRoller im Praxis-Test: Die Ergebnisse

Und kein Angebot ohne Nachfrage. Denn der Hype um E-Scooter verrät uns auch etwas über unser Mobilitätsbedürfnis. Zwar wollen viele junge Leute kein Auto mehr besitzen, doch motorisierte Fortbewegung ist im Zweifelsfall immer noch das Mittel der Wahl. Vorverurteilen sollte man E-Scooter nicht, doch mit einem Fahrrad oder zu Fuß ist man umweltfreundlicher, gesünder und günstiger unterwegs.
Es bleibt deswegen zu wünschen, dass das Bundesverkehrsministerium sich nicht nur Leuchtturmprojekten aus dem Bereich Elektromobilität widmet, sondern seine alltäglichen Hausaufgaben macht: Eine bessere Infrastruktur für Radfahrer schaffen und öffentlichen Nahverkehr fördern.
Lennart Klocke

von Lennart Klocke

Zwei schmale Reifen, ein tiefer Lenker und eine freie Landstraße: Mehr braucht Lennart Klocke nicht zum Glücklichsein. Als BIKE BILD-Autor testet der Rennrad-Fan am liebsten neues Equipment und Fahrrad-Gadgets.