Bremsunfälle vermeiden

Blubrake: Voll integriertes ABS für E-Bikes

Das italienische Start-up Blubrake aus der e-Novia-Gruppe hat das erste voll in den Rahmen integrierte Antiblockiersystem (ABS) für E-Bikes entwickelt. Bulls aus der ZEG-Gruppe setzt bereits bei ausgewählten Modellen aufs Blubrake-ABS. Wir konnten uns am Firmensitz in Mailand einen Eindruck verschaffen.

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Die Bremseinheit verschwindet beim System von Blubrake komplett im Rahmen.

Fazit: Das müssen Sie wissen

Mit dem Blubrake-ABS könnte die Bremstechnologie endlich salonfähig werden. Bosch sitzt zwar mit seiner Marktmacht immer noch am längeren (Brems-)Hebel, wird mit Sicherheit aber Nachziehen müssen.

Pro

  • Vollintegration im Rahmen von E-Bikes
  • Kompatibel mit sämtlichen Elektrosystemen und Hydraulikbremsen
  • Spezielle Programmierung für E-Cargobikes, E-MTBs, etc.

Kontra

  • Passt eventuell nicht in jeden Fahrradrahmen
  • Generiert höheren Endpreis fürs E-Bike
Das Antiblockiersystem (ABS) hat sich am Fahrrad noch nicht durchgesetzt, obwohl über 50 Prozent aller Radunfälle auf dem E-Bike während des Bremsvorgangs entstehen. Bosch hat in Zusammenarbeit mit Magura ein ABS für Fahrräder entwickelt, das den Bremsdruck reguliert und eine Blockade des Vorderrads verhindert. Was viele Interessenten an dem System stört, ist die Optik. Bei Bosch hängt die klobige ABS-Kontrolleinheit sichtbar vorm Lenker: technisch top, optisch – sagen wir mal – verbesserungswürdig. Das italienische Unternehmen Blubrake geht mit seinem ABS einen Schritt weiter: die Vollintegration eines ABS in den Rahmen, genauer gesagt: in das Oberrohr. Kompatibel ist das Blubrake-ABS mit allen Bremsherstellern, ein klarer Vorteil gegenüber Bosch. Die Testphase des Blubrake-ABS erfolgte von Dezember 2017 bis 2018, aktuell startet die Massenproduktion.

Wie funktioniert das Blubrake-ABS?

Das System im Überblick. Der elektrisch-hydraulischen Antrieb ist mit dem Bremssystem des E-Bikes verbunden.

Das ABS von Blubrake ist mit sämtlichen Elektrosystemen und Hydraulikbremsen auf dem Markt kompatibel und lässt sich vollständig in den Rahmen jedes E-Bike-Modells integrieren – vom E-MTB bis zum E-Trekkingrad. Selbst E-Cargobikes lassen sich damit ausstatten – ein sehr interessanter Punkt, da gerade bei Volllast das Unfallrisiko bei E-Cargobikes stark steigt. Das System der Italiener setzt erst ab 5 km/h ein. Zur Aktivierung muss die Bremse einmalig betätigt werden. Das ABS arbeitet, wenn die LED-Leuchte im Oberrohr blau leuchtet.
Das System von Blubrake besteht aus vier Elementen, einem mit dem Bremssystem des E-Bikes verbundenen elektrisch-hydraulischen Antrieb, einer Kontrolleinheit (mit dem Akku verbunden), einem Geschwindigkeitssensor, der 100-mal pro Minute das Tempo erfasst und der Informationsanzeige im Oberrohr. Der Rotationssensor der Steuereinheit überwacht während der Fahrt mittels Algorithmen und einer ausgeklügelten 3-fach-Messungen die Dynamik und Bewegung des E-Bikes. Es erkennt automatisch potenziell gefährliche Bedingungen, die bei starkem Bremsen auftreten können. In diesen Situationen greift das ABS von Blubrake ein und regelt den Hydraulikdruck der Vorderradbremse, um auf Asphalt und im Gelände ein sanfteres Bremsen zu ermöglichen.
Der Akkuverbrauch fällt laut Hersteller moderat aus. So soll das System dauerhaft eine Wattstunde benötigen, in Spitzen bis zu 100 Wattstunden – allerdings maximal für eine Sekunde – ziehen. Da Blubrake das System an Radhersteller verkauft, kann der Kauf- beziehungsweise Aufpreis nicht exakt beziffert werden, er hängt eben davon ab, was der jeweilige Radhersteller fürs Bike veranschlagt. Laut Blubrake dürfte mit einem Aufpreis von 500 Euro, aber nicht mehr als 800 Euro gerechnet werden.

Bulls setzt auf Blubrake

Die deutsche Fahrrad-Marke Bulls aus der ZEG-Gruppe gab bereits eine Zusammenarbeit mit Blubrake bekannt. Vier E-Bike-Modelle der Kollektion 2020 sollen mit dem ABS ausgestattet werden – das betrifft sowohl zwei City-Hybridmodelle als auch ein E-MTB:
  • Bulls Iconic Evo TR3 ABS
  • Bulls Adventure Evo AM TransAlp ABS
  • Bulls Copperhead Evo AM 3 ABS
  • Bulls Aminga Eva TR3 ABS

Perfekt in den Rahmen integriert: Die Kontrolleinheit, dessen Geschwindigkeitssensor 100-mal pro Minute das Tempo misst, versteckt sich unauffällig im Oberrohr des Rahmens.

Unser erster Fahreindruck

Das ABS von Blubrake arbeitete im ersten Praxistest tadellos. Wir konnten das System sowohl auf nassem Schotter als auch auf Asphalt und Kopfsteinpflaster auf Herz und Nieren prüfen. Auffällig ist, dass sich das Bremsverhalten ganz anders anfühlt als bei Bosch/Magura, das charakteristische Stottern entfällt gänzlich. Das Blubrake-ABS setzt kräftig ein (ohne dabei zu übersteuern und den Fahrer in eine brenzlige Situation zu bringen) und steuert nach einer minimalen – dennoch spürbaren – Pause (die mit dem neuesten Software-Update verschwinden soll, betonte uns gegenüber General Manager Fabio Todeschini) augenblicklich nach und reguliert die Bremskraft entsprechend.
Wir haben – selbst bei Schräglage – es nicht geschafft, das ABS zu überlisten und einen Sturz zu provozieren. Dank der Messung in drei Richtungen funktioniert das System auch dann, wenn man den Rahmen aus dem Gleichgewicht bringt. Das Blubrake-System bremst nicht besser oder schlechter als die Mitbewerber und dennoch bietet es wesentliche Vorteile, etwa die gut gelöste Integration im Oberrohr; Voraussetzung ist natürlich ein gefertigter Rahmen, der die Aufnahme zulässt. Außerdem ist das System offen für alle Bremsherstellern.
Fazit: Mit dem Blubrake-ABS könnte die Bremstechnologie endlich salonfähig werden aufgrund der gut gelösten Vollintegration. Bosch sitzt zwar mit seiner Marktmacht immer noch am längeren Hebel, wird mit Sicherheit aber Nachziehen müssen. Denn Kunden und Radhersteller werden die Vorteile des Blubrake-System zu schätzen wissen und die integrierte Variante der nicht integrierten erfahrungsgemäß vorziehen.

Über Blubrake

Blubrake ist ein italienisches Unternehmen, das im Bereich ABS für E-Bikes integrierte Lösungen entwickelt. Das 2015 gegründete Unternehmen gehört zum Konzern e-Novia und setzt sich zusammen aus einem fachübergreifenden Team aus Ingenieuren, Produktdesignern, Programmierern, Managern sowie Marketing- und Kommunikations-Experten. Aktuell beschäftigt Blubrake 15 Mitarbeiter, plant aber bis 2020 mit 25 Angestellten. Zur Website: www.blubrake.it
Daniel Eilers

von Daniel Eilers

Daniel Eilers ist Redakteur bei BIKE BILD. Räder sind für ihn zweierlei: das perfekte Sportgerät und klügste Fortbewegungsmittel unserer Zeit.