Das Fahrrad als Autoersatz

Die Lust an der Last: E-Cargobikes im Test

Lastenräder mit E-Unterstützung können mitunter Autos ersetzen. Das schafft Platz in den Städten und erspart der Umwelt unnötig viel CO₂. Die E-Cargobikes sind indes nicht nur nützlich, sie bringen auch jede Menge Spaß. Wir haben uns fünf Modelle genau angesehen.

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Mit E-Cargobikes kann man fast alles transportieren. Bis zu vier Kinder oder ein ganzer Wocheneinkauf sind kein Problem.

„Papa, können wir heute mit dem Lastenrad fahren?“ Ich kann gar nicht mehr mitzählen, wie oft ich diesen Satz in den vergangenen Wochen, in denen ein Test-E-Cargobike bei uns steht, morgens höre. Dabei haben unsere Kinder gute Fahrräder, und ich selbst fahre eh am liebsten sportlich, um meinem allzu bewegungslosen Bürojob ein körperliches Gegengewicht zu liefern. Also nix da, rauf aufs Fahrrad, selbst strampeln. Mundwinkel senken sich ab, die Stimmung ist auf dem Tiefpunkt.
Ebenso schnell hellen sich indes die Gesichter der Kinder auf, wenn es überraschend heißt: „Wir fahren zur Eisdiele – mit dem Lastenrad.“ Schneller sieht man den Nachwuchs selten in die Klamotten und Schuhe springen und sich ohne ein einziges Widerwort zur Garage bewegen.

Boomende Branche

Ganz klar, Lastenräder und insbesondere E-Cargobikes sind angesagt. „Viele unserer Kunden haben einfach keine Lust mehr, im Stau zu stehen oder vor der Kita ewig lang nach einem Parkplatz zu suchen“, sagt René Reckschwardt, Gründer und Inhaber des Cargobike-Ladens Ahoi Velo in Hamburg.
Die extrem hohe Nachfrage nach E-Cargobikes in seinem Laden lässt ihn gerade vom Kleinunternehmer zum Mittelständler werden. Größere Werkstatt, neues Lager, Investitionen in Computer und Warenwirtschaftssysteme und mit Isi-Cargo sogar die Neueröffnung eines Geschäfts in Berlin sind die positiven Folgen des Booms. Einzig bei der Suche nach Mechanikern tut sich Reckschwardt schwer – allgemein ein Problem in der wachsenden Fahrradbranche.

Manche E-Cargobikes – wie hier das Urban Arrow – nehmen so viel Last auf, dass der Einkaufswagen eigentlich gar nicht prall genug gefüllt sein kann.

Laut Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) wurden in Deutschland im vergangenen Jahr fast 40000 E-Cargobikes verkauft. Das sind satte 80 Prozent Wachstum und rund 4000 Einheiten mehr, als E-Autos im Land zugelassen wurden – trotz flächendeckender, 4000 Euro hoher Kaufprämie für E-Pkw.

Kaufprämie als Anreiz

Und es könnten – und sollten unserer Meinung nach – noch viel mehr werden. Laut der Studie des Cycle-Logistics-Projekts könnten locker 51 Prozent aller Transporte in europäischen Städten vom Auto oder Lkw aufs Lastenrad verlagert werden. Gemeint sind Transporte von bis zu 200 Kilogramm Gewicht auf einer Wegstrecke von fünf Kilometern. Davon sind, laut Studie, 69 Prozent im privaten Bereich anzusiedeln.
Es gibt also enormes Potenzial für Lastenräder. Ein Hindernis für viele Privatleute ist indes wohl im Anschaffungspreis zu sehen. 4000 bis 5000 Euro fallen bei einem E-Cargobike schnell an – in der Spitze (siehe unser Testmodell von Riese & Müller) auch 8000 Euro. Beim Kauf eines Bikes unterstützt natürlich eine Kaufprämie, wie es sie in Berlin, Stuttgart, Münster und Köln schon gibt oder (leider) gab; mitunter sind die Prämien nicht nur regional, sondern auch kurzfristig angelegt.

„Die Leute haben keine Lust mehr im Stau zu stehen und nach einem Parkplatz vor der Kita zu suchen.“

Das Lastenrad von Riese & Müller verfügt sogar über eine Vollfederung.

Ungerecht findet das René Reckschwardt von Ahoi Velo. Zwar findet sich sein Laden stets unter den Top Ten der Cargobike-Verkäufer in Deutschland, die Wettbewerber kommen indes alle aus Regionen, die schon mit Kaufprämien Kaufanreize geschaffen haben. Hier stecke also noch unglaublich viel Potenzial, so Reckschwardt.
Wie sehr der Kauf eines E-Cargobikes den zähflüssigen Verkehr in unseren überfüllten Städten entlasten könnte, weiß der Fachmann aus der Praxis zu berichten. „Vor ein paar Jahren waren Familien, die ein Auto durch ein Lastenrad ersetzen wollten, die Ausnahme. Heute wollen sehr viele Kaufinteressenten den Zweit- oder sogar den Erstwagen mit einem Cargobike ersetzen.“

E-Cargobike statt Auto

Besonders beliebt sind dabei anscheinend die einspurigen Modelle wie die von Urban Arrow, Riese & Müller oder auch die etwas günstigeren Bakfiets. Aber auch Lastenräder mit drei Rädern, sogenannte Trikes, werden gekauft. Entscheidend ist hier eine Bedarfsanalyse.
Bei Ahoi Velo gehen die Fachverkäufer mit ihren Kunden immer die Liste der W-Fragen durch: Was möchte der Kunde transportieren? Will er Kinder oder schwere Gegenstände von A nach B bringen? Wo soll transportiert werden? Ob die Umgebung flach ist wie in Hamburg oder bergig wie in Stuttgart, macht einen enormen Unterschied bei der Auswahl des Bikes und des Motors aus. Wann soll transportiert werden? Wer nur im Sommer fährt, benötigt keine schützende Persenning oder wasserdichte Kiste.
Bei der Beurteilung der Qualität müssen sich Interessenten natürlich weitestgehend auf den Rat des Verkaufspersonals verlassen. „Weil ich nicht möchte, dass alle paar Monate derselbe Kunde im Geschäft steht, weil etwas kaputt ist, achten wir schon bei der Auswahl unserer rund 25 Lastenrad-Modelle darauf, dass die Hersteller ihre Hausaufgaben gemacht haben“, so der Ahoi-Velo-Chef.

Das BBF Seattle kann in schnellen Kurven kippen. Was gefährlich werden kann, kann auch Spaß machen. Uns gelang es nach einiger Zeit, durch die Fußgängerzone Schweinfurts auf nur zwei Rädern zu balancieren.

Letztlich sollten Kunden die interessanten Bike-Kandidaten aber unbedingt Probe fahren. Das sei der wichtigste Schritt, so Reckschwardt. Wie wichtig Beratung und Probefahren sind, zeigt seine tägliche Erfahrung. „Viele Kunden kommen zu uns und haben eine feste Vorstellung von ihrem Kauf. Nach der Beantwortung der W-Fragen und ausgiebigem Probefahren verlassen aber 80 Prozent der Käufer den Laden mit einem anderen Produkt.“

Einspurer und Trikes: Große Vielfalt

Wie unterschiedlich der Begriff Lastenrad interpretiert werden kann, zeigt überdies unser Test.
Neben vier einspurigen Bikes haben wir mit dem BBF Seattle ein Trike auf dem Prüfstand gehabt. Selbst die Einspurer unterscheiden sich jedoch immens voneinander. Da ist auf der einen Seite das Omnium Cargo Electric, ein minimalistisches Kurier-Bike aus Kopenhagen. Hier stehen leichtes Manövrieren und geringe Maße im Vordergrund. Dann das BBF, welches beim Fahrspaß erhebliche Abstriche hinnehmen muss, aber in der Kiste vorn ein extrem großes Platzangebot zur Verfügung stellt.
Als Einspurer hatten wir zwei Platzhirsche der Szene im Test. Zum einen das Urban Arrow, gefühlt an jedem Kinderspielplatz zu finden – gemütliches Erscheinungsbild, aber sehr wohl sportlich, schnell und sicher zu bewegen. Auf der anderen Seite das Riese & Müller Load 75, das alles bietet, was derzeit möglich ist. Letztlich gesellt sich noch das Yuba Mundo hinzu, welches einem normalen Bike sehr nahekommt, aber enorme Lasten transportieren kann, zumal es – Kalifornien lässt grüßen – sehr lässig daherkommt.
Mit unserem Test können wir Ihnen nur einige Hinweise darauf geben, welches Bike für Sie das richtige wäre. Allein in unserer Redaktion gab es sehr differenzierte Meinungen. Heißt: Probieren Sie sie aus, die Lust an der Last.

Die fünf E-Lastenräder im Einzeltest

Fahrradmodell

Komplettpreis

BBF Seattle

3.999 Euro

Omnium Cargo Electric

4.278 Euro

Riese & Müller Load 75 Vario

8.178 Euro

Urban Arrow

4.499 Euro

Yuba Mundo

4.399 Euro

So hat BIKE BILD die E-Cargobikes getestet

Unser Testverfahren für Pedelecs baut zweistufig auf. Zunächst werden die Räder beim Testinstitut Velotech auf dem Prüfstand technisch untersucht. Im Fokus stehen Antrieb und Bremsleistung. Bei E-Cargobikes ist uns natürlich auch die Reichweite wichtig, denn Last schluckt Energie. Mit einem vollgeladenen Lastenrad möchte indes niemand ohne Unterstützung nach Hause radeln müssen. Simuliert wird eine realistische Strecke, bestehend aus Passagen in der Ebene, im hügeligen Terrain, gepaart mit Anstiegen.

Bei 225 Kilogramm zugelassenem Gesamtgewicht ist der Personentransport nicht einmal auf Kinder beschränkt.

Gerade am Berg brauchen Lastenradfahrer Hilfe. Der U-Faktor gibt an, wie stark der Motor unterstützt, wenn man am Berg in die Pedale tritt. Am Ende werden die Motoren beim Stresstest ans Limit gebracht. Das ist wichtig, wenn Sie hügelige Strecken mit viel Gepäck in Angriff nehmen möchten. Sicherheit und gute Bremsen sind Voraussetzung, diese lassen wir bei Trockenheit und Nässe von Velotech untersuchen.
E-Bikes sind natürlich keine reinen Laborobjekte, sondern werden in der Natur von Menschen bewegt. Darum sind uns Praxiseindrücke sehr wichtig. Erfahrene Testfahrerinnen und Testfahrer bewerten das Fahrgefühl und die Sicherheit beim Fahren. Die Ergebnisse schlagen sich in der Bewertung unter dem Punkt Fahrspaß nieder.
Die meisten E-Cargobikes sind kostspielig, daher sollten sie langlebig sein und mit hochwertigen Komponenten ausgestattet daherkommen. Diesem Anspruch tragen wir im Punkt Design Rechnung, wo nicht nur nach Aussehen, sondern auch nach technischen Details gesucht wird.
Einzelheiten zu unserem Test-Prozedere erfahren Sie unter: www.bike-bild.de/so-testet-bike-bild-e-bikes.