Gravelbike im Härtetest

Canyon Grail CF SL 8.0 im Test

Das Canyon Grail erregt aufgrund der ungewöhnlichen Lenkerkonstruktion die Gemüter. Laut Hersteller soll sich der Komfort mit dem Lenker verbessern. Das wollten wir genauer wissen – und haben das Modell Grail CF SL 8.0 über die Kopfsteinpflaster-Passagen von Paris-Roubaix gejagt. Test- und Erfahrungsbericht.

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Schickes Sportgerät: Das Canyon Grail CF SL 8.0 zieht nicht nur wegen der eigenwilligen Lenker-Konstruktion Blicke auf sich.

Fazit: Das müssen Sie wissen

Der Lenker des Grail polarisiert optisch immer noch, in Sachen Funktionalität gibt es indes nur noch eine Meinung – top. Insgesamt gibt das Canyon Grail CF SL 8.0 in Bezug auf Komfort, Gewicht und Fahrspaß unter den Gravelbikes mit den Ton an – es gehört zu den Besten auf dem Markt.

Pro

  • Mutiges, innovatives Cockpit-Konzept
  • Sehr gut flexende Sattelstütze
  • Leichter Rahmen
  • Hochwertige Komponenten
  • Ausreichende Gabelbreite
  • Preis

Kontra

  • Lenker polarisiert optisch
  • Unterlenkergriff gewöhnungsbedürftig
Das Canyon Grail sieht extrem sportlich aus und fährt sich auch so. Ausgerüstet mit einer Ultegra-Gruppe und DT-Swiss-Laufrädern, kennt das Bike nur eine Richtung – nach vorn. Die 40 Millimeter breiten Schwalbe-Reifen machen alles mit. Sie laufen gut auf der Straße und sicher im Gelände.
Allein mit dem neuen Lenker von Canyon wollten wir uns zuerst nicht anfreunden. Der versprochene Flex am Oberlenker war im Sommer 2018 nicht deutlich zu spüren. Zudem störte uns bei Probefahrten im vergangenen Jahr die untere Verbindungsstrebe. Bei einem Sturz ist hier das Daumengrundgelenk extrem gefährdet.

Härtest auf Kopfsteinpflaster: Wie fährt sich das Canyon Grail unter Extrembedingungen?

Weil Canyon indes für 2019 eine weitere Verbesserung des Lenkers versprochen hatte, wollten wir das Bike noch einmal genauer unter Lupe nehmen – unter extremen Bedingungen. Am 13. April musste sich das Grail darum auf den berüchtigten Kopfsteinpflasterpassagen von Paris–Roubaix beweisen.
Eins vorweg, das Kopfsteinpflaster auf der Strecke des Fahrradklassikers hat nichts mit dem Kopfsteinpflaster zu tun, welches wir aus deutschen Landen kennen. Die einzelnen, oben rund gefahrenen Steine ragen teils fünf Zentimeter aus dem Boden hervor und die Spaltmaße zwischen den Steinen betragen ebenfalls gern mal mehr als zwei oder drei Zentimeter. Gerade im dem berüchtigten Wald von Arenberg sieht die Oberfläche so aus, als habe irgendwann im Mittelalter ein Bauer eine Ladung Steine verloren, die bis heute einfach so dort liegen geblieben ist – 2,3 Kilometer lang.

Das Canyon Grail bei Paris-Roubaix im Härtetest

Dementsprechend sind wir geschockt, als wir zu dritt – alle auf einem Grail unterwegs – nach 52 Kilometern Asphalt Anfahrt während der Paris-Roubaix-Challenge 2019 in diesen Streckenabschnitt einbiegen. Wir werden hin und her geworfen, die Hände schmerzen schon nach einhundert Metern, der Nacken schreit, der Rücken ächzt.
Knapp zweieinhalb Kilometer später atmen wir auf, als wir wieder über normalen Asphalt rollen – bis nur wenige Kilometer später der zweite von insgesamt 19 dieser sogenannten Pavés auf uns wartet. Aber wir haben schon gelernt. Je schneller man sich traut über die Steine zu fahren, je besser klappt es. Und in den folgenden Stunden sind wir froh, dass wir auf dem Canyon Grail sitzen. Ja, ein Mountainbike würde uns die Sache wohl noch leichter machen, aber unter den Bikes mit Rennrad-Optik haben wir wohl die beste Wahl getroffen.

Daran scheiden sich die Geister – das Lenkerkonzept des Canyon Grail.

"Das Ding ist der Hammer"

Der Oberlenker der neuen Generation flext, das zeigt sich hier nun mehr als deutlich. Und immer wenn wir wieder in eines der Pavés einsteuern, machen wir gedanklich drei Kreuze, dass wir diesen futuristisch anmutenden Lenker festhalten, festkrallen dürfen. Natürlich helfen uns auch die 40 Millimeter dicken G-One-Bite von Schwalbe, mit denen wir – Tempo vorausgesetzt – relativ sicher selbst über die schlimmsten Passagen steuern können. So weit, so gut – sehr gut.

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Worüber wir indes auch noch ein Wort verlieren möchten: die Sattelstütze des Grail. Das Ding ist der Hammer. Wenn man jemals bei einer Rennradsattelstütze von Flex sprechen durfte, dann bei dieser. Sie federt die schlimmsten Stöße ab, schont somit unseren Allerwertesten und trägt insgesamt sehr deutlich zum sicheren Fahrgefühl bei.
Fazit: Das Grail ist ein klasse Bike! Es ist schnell, komfortabel, sicher. Wie schon gesagt, abgesehen von einem Mountainbike, hätten wir uns für das herausfordernde Geläuf in Roubaix kein besseres Fahrrad vorstellen können. Bleibt nur noch die Optik des Lenkers, aber das ist nun wirklich Geschmacksache. Und warum nicht mal was Neues ausprobieren?!

Technische Daten

Gewicht

8,7 Kilogramm

Rahmen/Gabel

Carbon/Carbon

Schaltung

Shimano Ultegra RX800 (RX-Schaltwerk)

Zahnkranzpaket

Shimano Ultegra, 11-34 (11-fach)

Lenker

Canyon CP07 Gravelcockpit CF (Carbon)

Laufräder

DT Swiss C 1800 Spline db

Reifen

Schwalbe G-One Bite 40 mm

Reifenbreite max.

42 Millimeter

Bremsen

Shimano Ultegra, hydraulische Scheibenbremsen

Preis

2.599 Euro

Website

www.canyon.com

Mathias Müller

von Mathias Müller

Mathias Müller ist Redaktionsleiter von BIKE BILD. Er liebt und lebt das Radfahren – auf dem Rennrad, Zeitfahrrad, Gravelbike, Mountainbike und Pendler-E-Bikes hat er schon knapp 200.000 Kilometer gesammelt.