Vielseitige Allroad-Rennräder

Spaß auf allen Wegen – Gravelbikes im großen Vergleichstest

Gravelbikes sind der jüngste Trend auf dem sportlichen Fahrradmarkt. Nur ein weiteres Nischenprodukt? Im Gegenteil! Die Allroad-Rennräder überraschen mit Vielseitigkeit und Fahrspaß.

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Sand, Schotter, Wiesen, Asphalt: Gravelbikes meistern mühelos alle Untergründe und garantieren in jedem Gelände viel Fahrspaß.

Ein praktisches Stadtrad, ein schickes Sonntagsrad und diverse On- und Offroad-Sportgeräte – für jeden Einsatzbereich gibt es das passende Fahrrad. Dabei braucht man nicht zwangsläufig so viele Räder. Es gibt ein Bike, das fast allen Ansprüchen gerecht wird. Klingt wie ein Widerspruch, ist es aber nicht. Testen Sie mal ein Gravelbike!

Ein Rad für alle Wege

Das englische Wort gravel (Schotter) erzählt nur die halbe Wahrheit – noch treffender wäre die Bezeichnung Allroadbike. Denn Gravelbikes sind – ganz grob gesagt – Straßenrennräder, die auf Asphalt und im Gelände gleichermaßen gut funktionieren. Anders ausgedrückt: Die Idee ist, dass man mit einem Rennrad für viel Fahrspaß nicht mehr auf frisch verlegten Asphalt angewiesen ist. Mündet eine Straße mal in einem Waldweg, ist man nicht zum Umkehren gezwungen. Auch Straßen in schlechtem Zustand sind wegen der breiten Reifen und zusätzlicher Dämpfungselemente am Rad keine Fahrspaßverderber mehr.
Die Bereifung ist das wichtigste Merkmal eines Gravelbikes. Die Pneus, meist zwischen 30 und 45 Millimeter breit, entscheiden nicht nur über Rollwiderstand auf der Straße und Grip im Gelände, sondern tragen auch viel zu Fahrverhalten und Komfort bei. Wichtig sind auch das Profil und der Reifendruck. Rennradfahrer müssen sich umgewöhnen, denn mit 3,5 bis 4 Bar hat man deutlich weniger Druck als im Straßenreifen. Damit Reifen mit bis zu 40 Millimeter Breite und mehr überhaupt genutzt werden können, haben Gravelbikes in Gabel und Hinterbau mehr Raum als ein Rennrad.

Galerie: 8 Gravelbikes im Test

Vernunfts- oder Spaßkauf? Beides!

Wir sagen es gleich vorweg: Der Gravelbike-Test hat uns mächtig Spaß gemacht. Bei fast allen Rädern stiegen unsere Testfahrer nur ungern wieder ab. Deswegen glauben wir auch, dass Gravelbikes kein vorübergehender Trend sind, sondern eine sinnvolle Entwicklung, an der sich viele Radfahrer lange Zeit erfreuen werden.
Noch nicht überzeugt? Hier kommen die rationalen Argumente für die Anschaffung einer solchen Spaßmaschine: Gravelbikes sind robust genug für den täglichen Weg zur Arbeit. Sie fahren sich äußerst komfortabel und können zu allen Jahreszeiten und bei allen Wetterlagen genutzt werden. Sie sind außerdem eine kluge Anschaffung, weil sie mehrere Radgattungen vereinen und sich für Sport, Radurlaub und Alltagsfahrten eignen.
Brauchen Sie noch ein emotionales Argument? Gravelbikes sehen gut aus und machen verdammt viel Spaß, weil sie das Fahrgefühl vom Rennrad auf unterschiedliche Untergründe übertragen.

Pause muss sein. Im Gelände zu fahren macht Spaß, ist aber auch verdammt anstrengend. Für kurze, steile Rampen im Sand mussten unsere Test-Redakteure den kleinsten Gang einlegen – und voll reintreten. Die Mühe hat sich gelohnt, nicht nur wegen des Ausblicks, sondern auch, um die Kletterfähigkeiten der Gravelbikes zu testen. Und natürlich wegen der rasanten Abfahrten.

Das Rennrad 2.0

Auf den ersten Blick sind Gravelbikes eine Mischung aus Rennrad und Crossbike. Auf den zweiten Blick zeigt sich ein neuer Typ Sportfahrrad mit vielen sinnvollen Details und Neuentwicklungen.
Man könnte denken, Gravelbikes seien ein halb garer Kompromiss, im Gelände nicht so agil wie ein Mountainbike und auf der Straße träger als ein Rennrad. Zugegeben, Gravelbikes sind ein Kompromiss, aber einer, bei dem es kaum Nachteile gibt.
Dank breiter Reifen bieten sie auch auf Sand ausreichend Grip, gleichzeitig beschleunigen die Bikes auf der Straße fast wie ein Rennrad. Voraussetzung für diese Vielseitigkeit ist, dass Gravelbikes mit Scheibenbremsen gefahren werden, denn so ist die Reifenbreite nicht durch einen Felgenbremskörper limitiert. Discs sind zudem in Sachen Performance im Vorteil, insbesondere wenn Dreck und Nässe im Spiel sind.

Kein Crossbike

Moment mal: Ein Rennrad mit Stollenreifen und Scheibenbremsen – was ist beim Gravelbike der Unterschied zum Cross-Rennrad?
Crosser sind für den schnellen Renneinsatz auf kurzen Pisten mit steilen Passagen konzipiert. Hier liegen die Unterschiede im Detail. Crossräder sind zum Beispiel darauf ausgelegt, kurze Wege getragen zu werden. Sie haben zudem ein höheres Tretlager, damit man besser über Hindernisse kommt. Insgesamt sind Crosser für sehr agiles Fahren konzipiert. Gravelbikes lassen es ruhiger angehen, sie fahren sich eher wie Rennräder, mit viel Laufruhe und einem tiefen Tretlager. Zudem erlauben viele Gravelbikes das Anbringen von Gepäckträgern und Schmutzfängern. Optionen für solche Anbauten machen Gravelbikes deswegen auch für Bikepacker interessant.

Im Gelände spielt der Einfach-Antrieb seine Vorteile aus: Das Schalten ist weniger kompliziert, und mit größeren Gangsprüngen kann man schnell auf das Streckenprofil reagieren.

Alternative Einfach-Antrieb?

Zwei Räder in unserem Testfeld, das Rose Backroad und das Bergamont Grandurance, wurden von ihren Entwicklern mit einem Einfach-Antrieb ausgestattet. Wie bei vielen Mountainbikes befindet sich am Tretlager nur noch ein Kettenblatt, kombiniert mit einer breit abgestuften Elfgang-Kassette am Hinterrad. Der US-amerikanische Hersteller Sram bietet dieses System bislang als einziger für Rennräder an. Durch die fehlenden Komponenten spart man Gewicht und hat weniger Teile am Rad, die verschleißen oder im Renneinsatz Schaden nehmen können. Dafür muss man mit weniger Gängen auskommen und hat größere Sprünge dazwischen.
Einfach-Antriebe können im Gravel- und Crosssegment Sinn ergeben, denn in unebenem Gelände benötigt man nicht so eine feine Abstimmung zwischen den Gängen. Zudem sind sie meist im Vorteil, wenn es richtig steil wird. Auf der flachen Straße ist eine höhere Anzahl an Gängen, also der Zweifach-Antrieb von Vorteil, da man mit viel Feinabstimmung den optimalen Gang finden kann. Wir machten bei unseren Testfahrten die Erfahrung, dass Einfach-Antriebe in mittelmäßig profiliertem Gelände am besten funktionierten.

Nicht alles ist neu

Einige Räder in unserem Testfeld waren in Sachen Ausstattung und Aufbau sehr nah am Rennrad konzipiert. Das Specialized Diverge Comp zum Beispiel ist eine Rahmenplattform, die auch bei Straßenrennern zum Einsatz kommt. Auch das Corratec Allroad ist optisch und technisch sehr nah am Rennrad. Das muss nicht schlecht sein, beide Räder fuhren sich hervorragend. Andere Herstellern jedoch sehen Gravelbikes als eigene Kategorie an und präsentieren dort neue Ideen.
Da wäre zum Beispiel das Trek Checkpoint, welches sich mit vielen Gepäckfassungen konsequent auf den Bikepacking-Einsatz ausrichtet. Beim Bergamont Grandurance konnte uns ein spezieller Gravellenker mit sehr gutem Griff überzeugen. Und das Canyon Grail zieht mit einem neuartigen Doppeldecker-Lenker die Blicke auf sich. Mit ihm sollen Stöße besser abgefedert werden. Dämpfungselemente fanden wir bei den verschiedenen Rädern nicht nur am Lenker, sondern auch im Rahmen, an der Sattelstütze und – beim Komfort-Spitzenreiter Specialized – oberhalb des Steuerrohrs.

Platz

Hersteller

Modell

Note

1

Rose

Backroad

sehr gut

2

Trek

Checkpoint SL 6

sehr gut

3

Canyon

Grail CF SL 8.0

sehr gut

4

Bergamont

Grandurance Elite

gut

5

Bombtrack

Audax

gut

6

Specialized

Diverge Comp

gut

7

Corratec

Allroad

gut

8

Cervélo

C2

befriedigend

So hat BIKE BILD getestet

Vielseitige Räder wollen vielfältig getestet werden. Jedes der acht Gravelbikes wurde von uns im Alltag und beim Sport geprüft. Unsere Redakteure sind die Modelle auf der Straße, im Wald und auf Schotterwegen gefahren. Besonders alltagstaugliche Räder zeichnen sich durch viele Bohrlöcher für Gepäckträger und Schutzbleche aus. Die Ausstattung der Räder war insgesamt auf hohem Niveau, kein Hersteller verzichtet in diesem Segment auf hydraulische Scheibenbremsen.
Für eine Fünf-Sterne-Bewertung der Komponenten haben wir eine Shimano Ultegra mit dem gravelspezifischen RX-Schaltwerk angesetzt. Für die gleichwertige Sram Force haben wir aufgrund des Einfach-Antriebs einen halben Punkt abgezogen. Um die Berggänge vergleichen zu können, haben wir geprüft, welches Rad im kleinsten Gang den geringsten Weg zurücklegt.
Ein gutes Gravelbike sollte unserer Meinung nach Platz für Reifen mit einer Breite von bis zu 42 Millimetern bieten. Rahmen mit weniger Reifenfreiheit (laut Hersteller) haben wir entsprechend niedriger bewertet. Da fast alle Rahmen aus Carbon sind, wiegen die Räder meist zwischen neun und zehn Kilogramm, die leichtesten Bikes (Canyon und Rose) boten besonders viel Fahrspaß. Wegen der breiten Reifen, der hydraulischen Scheibenbremsen und der robusten Konstruktion sind Gravelbikes schwerer als Rennräder, dies empfanden wir jedoch nicht als großen Nachteil.
Sie sind unsicher, ob sich die Anschaffung lohnt? Schnappen Sie sich ein Gravelbike, und fahren Sie in den Wald, durch die Heide oder im Park. Wir versprechen, nach den ersten Metern im Gelände wollen Sie nicht mehr vom Bike absteigen.

Galerie: 8 Gravelbikes im Test