Besser als Butyl und Tubeless?

Aerothan: Neue TPU-Schläuche von Schwalbe im Test

Moderner Kunststoff statt schwarzes Gummi: Reifenspezialist Schwalbe hat mit der Aerothan-Serie Fahrradschläuche aus einem neuartigen Material vorgestellt. Wir haben es ausprobiert.

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Aerothan Race-Schlauch

Die Rennradschläuche aus Schwalbes Aerothan-Serie wiegen nur 41 Gramm.

Der deutsche Reifenspezialist Schwalbe gilt als führende Marke bei Fahrradreifen und -schläuchen. Im Mountainbike- und Rennradsektor werden die Reifen von vielen Profis genutzt, der „unplattbare“ Marathon-Reifen ist bei vielen Trekkingrad-Fahrern sehr beliebt. Auch die Tubeless-Technologie im Rennradbereich wurde von den Materialexperten aus Reichshof maßgeblich vorangetrieben, im E-Bike-Segment arbeitet man indes an luftlosen Reifen (Airless-System). Jetzt hat Schwalbe eine neue Produktlinie vorgestellt, die wegweisend am Fahrrad sein könnte: Schläuche aus dem Kunststoff TPU, genannt Aerothan.

Was sind TPU-Schläuche?

Reifen aus thermoplastischem Polyurethan (TPU) sind keine Erfindung von Schwalbe, Nischenanbieter wie Tubolito bedienen schon länger eine Nische im Performance-Sektor. Rennradfahrern und Mountainbikern bietet der Kunststoff eine kleine Gewichtsersparnis gegenüber Butyl, überdies reduziert das Material den Rollwiderstand und verspricht besseren Pannenschutz. Contra: TPU-Schläuche sind deutlich teurer als die althergebrachten Modelle aus TPU.
Aerothan Allround

Durchsichtiger Kunststoff statt schwarzem Gummi: Schwalbe hat sich bei der Entwicklung von Aerothan Hilfe vom Chemiekonzern BASF geholt.

Neue Schläuche von Schwalbe: Aerothan

Nun wagt sich Schwalbe als erster großer Hersteller ins TPU-Segment und präsentiert eine ganze Produktlinie für alle Anwender, vom Rennradfahrer bis Mountainbiker, von 26 bis 29 Zoll Radgröße. Zunächst zum Gewicht: von herausragenden 41 Gramm für einen Rennradschlauch (ich habe 44 Gramm gemessen) bis zu 116 Gramm für einen 29er-Schlauch – alle Aerothan-Modelle sind deutlich leichter als ihrer Butyl-Vorgänger. Auch in puncto Pannenschutz verspricht Schwalbe einen großen Fortschritt, die notwendige Kraft, um einen TPU-Schlauch zu durchstoßen, sei doppelt so hoch wie bei Butyl. Sollte es doch mal zu einer Panne kommen, entweicht die Luft nur langsam, so der Hersteller. Gefährliches Platzen, wie bei Latexschläuchen, sei ausgeschlossen. Für den Worst-case bietet Schwalbe sogar spezielle Flicken an, die einen kleinen Schnitt im Handumdrehen verschließen. Interessant für alle Wattjäger auf dem Rennrad: Laut Schwalbe rollen die TPU-Schläuche deutlich leichter als althergebrachte; das Niveau sei gleichauf mit Tubeless-Reifen.

Montage von Schwalbes Aerothan-TPU-Schläuchen

Schwalbe hat uns vor Veröffentlichung ein Probepaket mit den wichtigsten Produkten der Aerothan-Serie zur Verfügung gestellt. Für den Test habe ich die Rennrad-Schläuche verwendet. Vor der Probefahrt steht die Montage – und diese ist erstaunlich einfach. Als leidgeprüfter Tubeless-Verspritzer bezeichne ich die ganze Prozedur im besten Sinne als unspektakulär. Vor dem Einsetzen sollte man den Schlauch ganz leicht aufpumpen (0,3 bar), damit zwischen Mantel und Felge nichts eingeklemmt wird. Danach checken, dass der Schlauch schön sitzt, Reifen einsetzen, fertig. Dauerte pro Laufrad weniger als fünf Minuten. Das Ventil ist übrigens Sclaverand-Standard (40 Millimeter), aufpumpen funktionierte völlig normal. Schwalbe gibt an, dass der Druckverlust sich wie bei Butylschläuchen verhält, ich beobachte die nächsten Wochen, inwieweit das stimmt.
Aerothan Montage

Das Einsetzen von Aerothan-Schläuchen aus TPU ist nicht schwieriger als die Montage von Butyl-Schläuchen.

Testfahrt: Schwalbe Aerothan-Schlauch aus TPU am Rennrad

Getestet habe ich die Aerothan-Schläuche mit 26-Millimeter-Reifen von Wolfpack auf einer Felge mit 18 Millimeter Innenweite. Die TPU-Schläuche habe ich auf Butyl-Niveau aufgepumpt, laut Schwalbe kann man auch mit weniger Druck fahren. Zusammenfassung der ersten Testfahrt: rollt! Kurvenverhalten und Beschleunigung sind wie gewohnt; ich glaube indes nicht, dass man solch marginale Unterschiede im Bereich Rollwiderstand wirklich herausfühlen kann. Selbst als erfahrener Radfahrer. Fest steht, dass die Schläuche auf keinen Fall langsamer sind als die Butyl- oder Tubelesssysteme, die bei mir im Einsatz sind. Die üblichen Schlaglöcher auf der Hausrunde waren auch kein Problem, Pannen traten auf den ersten 150 Kilometern nicht auf.

Panne mit TPU? Aerothan flicken

Für den Fall eines Lochs im TPU-Schlauch bietet Schwalbe passend zur neuen Aerothan-Serie Glueless-Patches an, Flicken, die ohne eine Extratube Klebstoff auskommen. Diese kleinen, durchsichtigen Aufkleber sind so groß wie ein Daumennagel. Da ich nicht bis zur ersten Panne warten wollte, habe ich kurzerhand einen anderen Schlauch aufgepiekst und mit diesem Flicken repariert. Was für eine Wohltat: kurz groben Dreck entfernen, aufkleben und festdrücken. Das wars; kein anrauen mit Schmirgelpaper, kein Klebstoff an den Fingern, kein warten und andrücken. Für den Rennradfahrer, der auf jedes Gramm achtet, bedeutet das auch, dass man auf die Mitnahme eines Ersatzschlauchs verzichten kann.
Aerothan Flicken

Die kleinen, durchsichtigen Flicken verschließen das Loch und halten dicht – klasse! (Die leichten Verfärbungen kommen von unserem Textmarker zur Markierung.)

TPU oder Tubeless?

Sind TPU-Reifen wie die Aerothan-Modelle von Schwalbe die Zukunft und hat Butyl ausgedient? Wie gut das System ist, wird sich erst im Dauertest zeigen, wenn Aerothan ein paar Monate auf dem Markt ist und von vielen Anwendern in den Bereichen Rennrad, MTB, City und Trekking getestet werden konnte. Die Vorteile von Aerothan auf dem Papier zusammengefasst:
  • Geringeres Gewicht
  • Besserer Pannenschutz
  • Verbesserter Rollwiderstand
  • Laut Hersteller zu 100 Prozent recyclebar
  • Stabiles Fahrverhalten bei geringem Luftdruck
  • Hitzebeständig, auch für Felgenbremsen zugelassen
Der Check hat zudem gezeigt, dass die Montage einfach ist und das Reparieren viel leichter geht als bei alten Butyl-Schläuchen. Ist TPU die bessere Alternative zu Tubeless, schlauchlosen Reifen? Obwohl Tubeless inzwischen als ausgereift bezeichnet werden kann, spart man sich beim Schlauch dennoch das Hantieren mit der Pannenschutzmilch. Überdies hält ein Schlauch die Luft länger als so manches Tubelesssystem, das häufiger aufgepumpt werden muss.

Erstes Fazit zu Aerothan

Mein Eindruck: Dass der etwas in die Jahre gekommene Butylschlauch abgelöst wird, war schon länger überfällig. Die Vorteile sind beeindruckend – in der Theorie. Wenngleich man das Performance-Plus wohl kaum erfühlen kann, habe ich mich über die einfache Montage und die schnelle Reparatur gefreut. Wie gut das System performt, wird der Dauertest zeigen.
Kostenpunkt: Ein Aerothan-Schlauch kostet 27,90 Euro (UVP), die 29er-Reifen 29,90 Euro. Hier geht es zur Produktseite von Schwalbe.
Lennart Klocke

von Lennart Klocke

Zwei schmale Reifen, ein tiefer Lenker und eine freie Landstraße: Mehr braucht Lennart Klocke nicht zum Glücklichsein. Als BIKE BILD-Autor testet der Rennrad-Fan am liebsten neues Equipment und Fahrrad-Gadgets.