Breitreifen für alle

Gravelbikes für Sportler, Pendler, Abenteuerer und Bikepacker

Gravelbikes sind total angesagt! Bei der großen Modellvielfalt fragen sich viele: Welches Rad passt zu mir? Unsere Typenkunde hilft bei der Orientierung. Plus: Gravelbike-Empfehlungen für jeden Typen.

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Sportlich durch den Wald radeln, mit Gepäck das Weite suchen oder entspannt zur Arbeit kurbeln – Gravelbikes sind für diese Zwecke der perfekte Begleiter.

Schuld am Gravelbike-Hype sind mal wieder die Amis. Vor rund einem halben Jahrzehnt schwappte das – frei übersetzt – Schotterrad nach Europa, ähnlich wie das Mountainbike in den 80er-Jahren. Zu Beginn des Trends warnten Kritiker vor einem Marketing-Gag der Industrie. Das Phänomen von breiten Reifen am Rennrad sei gar nicht neu, eher schon etwas in Vergessenheit geraten. Die Traditionalisten zeigten hierbei auf längst bekannte Cyclocrossbikes oder blickten zurück auf die Anfänge des Straßenradsports.

Gravel von seiner schönsten Seite: Die Sonne im Rücken, weicher Waldboden unter den Breitreifen und die Abfahrt vor Augen. Oder lassen Sie es lieber gemütlicher angehen? Das Schöne ist: Für jeden Fahrertyp ist im Gravelsegment etwas dabei.

Welcher Gravelbike-Typ sind Sie?

Kritikern zum Trotz sind Gravelbikes bei Radlern extrem angesagt, was den Bike- und den mit diesem Segment verbundenen Ausrüstungsherstellern gute Umsatzzahlen beschert. Kein Wunder, dass mittlerweile nahezu jedes Bike-Unternehmen mindestens ein Modell dieser Gattung im Sortiment führt.
Das Gravelbike befriedigt offensichtlich ein Bedürfnis unserer Zeit: sportliches Radfahren ohne Asphalt, abseits des Autoverkehrs, naturnah, entspannt und erlebnisorientiert. Manche Radexperten prognostizieren gar, dass das Gravelbike das EnduranceRennrad ablöst, eben weil man es nicht nur im Gelände, sondern auch auf der Straße fahren kann. Vorbei also die Zeit der Rennräder mit schmalen, hart aufgepumpten Pneus?
Auch das Gravelbike steht für Sport, aber lange nicht so ausgeprägt wie das Crossrad oder Rennrad. Nutzten es die ersten Radler schlicht, um damit auf Schotterstraßen zu fahren, entdeckten es Abenteuerlustige sehr bald, um, nur mit minimalem Gepäck ausgerüstet, neue Landstriche zu entdecken. Es entstand ein weiterer Trend, das Bikepacking. Mittlerweile zeigt sich, dass sich die Bikes auch für Pendler, die flott unterwegs sein möchten, sehr gut eignen.

Galerie: Spektakulärer Gravelride auf Mallorca

Den vielen Einsatzmöglichkeiten folgend variieren die Begriffe der Hersteller für Gravelbikes: Allroadrad, Offroadbike, Breitreifenrennrad. Bei dieser Angebotsvielfalt fällt der Überblick schwer. Darum helfen wir Ihnen bei der Orientierung und zeigen anhand von vier Gravelbike-Typen, welches Bike für Sie das richtige sein könnte.

Gravelbikes für Sportler

Die Zeit läuft, Sie lieben den Geschwindigkeitsrausch, Schotterwege sollen Sie nicht ausbremsen. Die Sitzposition ist sportlich, erinnert stark an Rennradgeometrien. Die Gabel bietet Platz für breite Reifen, 35 bis 40 Millimeter sind ideal. Der Rahmen ist aus Carbon, flächige Rohre bringen aerodynamische Vorteile. Beispiele: Scott Addict Gravel, Canyon Grail CF, Cervélo Aspero, Basso Palta, Argon 18 Dark Matter.

Basso Palta – wie Rennradfahren, nur im Gelände.

Einzeltest: Basso Palta

Mamma mia, teures Carbon, wohin das Auge reicht: Lenker, Sattelstütze, Vorbau, Laufräder und – selbstredend – auch Rahmen. Das Palta aus dem Hause Basso ist ein reinrassiger Racer, im Antrittsverhalten derart virtuos, dass es mit windschnittigen Rennrädern, vielleicht sogar Aeromaschinen, mithalten kann. Ein Tester konstatierte begeistert: Mit Aufleger und anderen Laufrädern könnte ich damit sogar einen Triathlon machen. Diese Zweckentfremdung wäre allerdings Perlen vor die Säue geworfen. Die 40 Millimeter breiten Tubeless-WTB-Reifen gieren nach ruppigem Terrain. Zusammen mit dem großzügigen Nachlauf kann man es so kilometerlang laufen lassen.
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Wir haben uns von Canyon die technischen Unterschiede zwischen Querfeldein-Rennrad (Cyclocross) und Gravelbike am Beispiel der Modelle "Inflite" und "Grail" erklären lassen.

Basso verspricht Reifenfreiheit bis 42 Millimeter, sich festsetzender Schlamm ist dabei nicht einkalkuliert. Wer Agilität wie beim Crosser erwartet, wird leicht enttäuscht. Das 8,5 Kilogramm leichte Palta will laufen, am liebsten geradeaus, kompromisslos schnell. Das tut es famos. Es ist nicht nur eins der besten Gravelbikes, die wir bisher gefahren sind, es ist auch eins der schönsten. Und – wie soll es bei einer italienischen Edelmarke anders sein? – eins der teuersten, obwohl hier noch mechanisch mit der Srams Force geschaltet wird. Dieses Bike hat einen Preis, den nur Leidenschaft aufwiegen kann. Unsere hat das Basso Palta entfacht. Preis: 5.199 Euro.

Weitere Vertreter dieser Gattung

  • Scott Addict Gravel 10: Das Leichtgewicht: In diesem Rad steckt ein bisschen Gravel und sehr viel Rennrad. Ein feiner Carbonrahmen, gepaart mit der elektronischen Gravelschaltung GRX, Carbonlaufrädern aus eigenem Hause und den nur 35 Millimeter schmalen Reifen, macht das Scott zum ultraleichten (unter acht Kilogramm!) Geschoss auf Schotterwegen – und Asphalt. Mehr Sport geht in diesem Segment nicht – viel mehr Anschaffungspreis auch nicht. Preis: 6.499 Euro.
  • Canyon Grail CF SLX 8.0: Der Komfortrenner: Was wurde schon alles über den Grail-Lenker geschrieben. Er polarisiert halt. Aber eins muss man dem Rad zugute halten: Es ist mit 8,3 Kilogramm sehr leicht, schnell und dabei äußerst komfortabel, woran der Doppeldeckerlenker, nebst der flexenden Sattelstütze, einen erheblichen Anteil trägt. Die elektronische GRX verspricht präzise Schaltmanöver. Wer den Lenker mag, findet das wohl ausgewogenste Sport-Gravelbike. Preis: 4.599 Euro.

Gravelbikes für Pendler

Sie suchen ein agiles und gut rollendes Rad für den Alltag und zum Pendeln? Es muss ja keine Highend-Rennmaschine sein. Hauptsache funktional, Licht ist Pflicht. Ebenso Schutzbleche und Aufnahmen für Packtaschen. Die Sitzposition sollte ausgeglichen sein. Beispiele: Stevens Supreme, Rose Backroad, Bergamont Grandurance, Cube Nuroad, Centurion Crossfire Gravel.

Stevens Supreme – für den Arbeitsweg und auch die Freizeit.

Einzeltest: Stevens Supreme Pro

Pendlertaugliche Gravelbikes wie das Stevens Supreme Pro zeichnen sich durch ihre Vollausstattung aus. Feste Lichtanlage mit Nabendynamo, Schutzbleche und (nicht beim Stevens) ein Gepäckträger, der Satteltaschen für Arbeitsdress und Laptop aufnehmen kann, sind fast Pflicht. Natürlich kommt ein derart bestücktes Fahrrad nicht als Superleichtgewicht daher – das Stevens bringt 11,4 Kilogramm auf die Waage –, aber im Vordergrund stehen hier Stabilität und Haltbarkeit für den täglichen Einsatz, egal bei welchem Wetter und zu welcher Jahreszeit.
So setzen Stevens und Bergamont beim Rahmen auf stoßfestes Aluminium, während Rose darauf vertraut, dass Kunden auch im Alltagsstress vorsichtig mit dem Carbon-Rad umgehen. Dafür können sich Rose-Backroad-Fahrer darüber freuen, nur knapp zehn Kilo nach vorn treiben zu müssen. Spitze. Das Supreme hat Stevens im Vergleich zu 2019 noch einmal aufgewertet. Schon damals als eierlegende Wollmilchsau für sehr gut befunden, haben die Hamburger dem Bike nun die neue Shimano-GRX-Gruppe spendiert. Auch bei den Einstellmöglichkeiten der Schutzbleche hat man uns erhört und diese verbessert. Die Beleuchtung von Busch + Müller ist eh sehr gut. Nur den Sattel finden wir immer noch fragwürdig. Aber gut, jeder Hintern ist anders. Preis: 1.799 Euro.

Weitere Vertreter dieser Gattung

  • Rose Backroad Randonneur: Testsieger war das Backroad schon in der sportlichen Version in unserem Gravelbike-Vergleich 2019. Voll ausgestattet macht es als Randonneur nun wieder eine super Figur. Der leichte Carbonrahmen sowie Anbauteile wie Schutzbleche (SKS), Lichtanlage (Busch + Müller, IQ-X 100 Lumen) und die stets verlässliche ShimanoUltegra-Gruppe bieten sehr hohen Standard – was sich auch im Preis niederschlägt. Was soll’s, ein Pendler-Auto wäre viel teurer! Preis: 2.799 Euro.
  • Bergamont Grandurance RD7: Ein Hingucker ist das RD7 schon aufgrund seiner Lackierung – Glitzerwelt wie auf der Reeperbahn. Auch die GepäckträgerSchutzblech-Kombi finden wir sehr schick. Leider ist das Bike mit 12,2 Kilogramm etwas schwer. Das liegt am Alu-Rahmen und der ansonsten super funktionierenden Shimano-105er-Gruppe. An den Syncros-Anbauteilen wie Sattel und Lenker gibt es nichts zu meckern. Ein Rad so derbe wie seine Geburtsstätte St. Pauli. Preis: 1.799 Euro.

Galerie: 8 Gravelbikes im Test

Gravelbikes für Bikepacker

Radreisen sind genau Ihr Ding? Dann brauchen Sie möglichst viele Bohrungen für Flaschenhalter und Gepäckaufnahme. Das Rahmenmaterial ist Geschmacksache. Wer viele Kilometer abreißt, freut sich über Dämpfungselemente, übersetzungsstarke Schaltung und gut laufende Räder. Beispiele: Specialized Diverge, Salsa Warbird oder Journeyman, Fuji Jari, GT Grade Carbon Pro, Marin Headlands.

Specialized Diverge Sport – für sportliche Ein- oder Mehrtagestouren.

Einzeltest: Specialized Diverge Sport

Einige Gravelbikes eignen sich besonders gut fürs Bikepacking. Mit ihnen können schnelle, sportliche Touren auf Asphalt, aber auch auf Schotterpisten unternommen werden. Zwar kommt das Bike bei ruppigen Trails an seine Grenzen, dennoch sind Abstecher in die Natur, dort wo kaum andere Fahrzeuge anzutreffen sind, problemlos möglich. Das spiegelt sich auch in der Wahl von Reifen mit einer Breite von um die 40 Millimeter sowie von kleinen Zweifach-Kurbeln wider. Mit diesen kommt man sowohl auf der Straße als auch im Gelände gut voran. Die Bikepacking-Bikes punkten insbesondere durch Bohrungen an Rahmen und Gabel, die die Gepäck- und Trinkflaschenmitnahme erleichtern.
So auch das von uns getestete Specialized Diverge Sport. Der leichte Carbon-Graveller ermöglicht die Montage von drei Trinkflaschen, sodass einem selbst bei langen Fahrten nicht so schnell das Wasser ausgeht. An der Gabel ist pro Seite nur eine Bohrung. Immerhin. Andere Hersteller zeigen jedoch, dass da noch mehr geht. Das Specialized-Bike punktet vor allem mit der Federung oberhalb des Steuerrohrs, die für ausgezeichneten Komfort sorgt. Unebenheiten während einer temporeichen Fahrt werden leicht geschluckt. Das Diverge ist deshalb perfekt für schnelle Fahrten, die etwas länger andauern. Preis: 2.799 Euro.

Weitere Vertreter dieser Gattung

  • Merida Silex 400: Futuristisch sieht das Merida Silex aus. Nicht nur optisch gibt es sich fortschrittlich, schließlich ist bereits die neue Shimano GRX Gruppe verbaut, die extra für Gravelbikes konzipiert wurde. Die 46-30-Übersetzung der Kurbel ermöglicht zügiges Fahren auf der Straße und wenig Frust bei steilen Anstiegen. Die hydraulischen Bremsen bringen das Rad schnell zum Stehen. Die vielen Bohrungen fordern geradezu, das Rad für eine größere Tour zu beladen. Preis: 1.499 Euro.
  • Fuji Jari 1.1.: Praktisch: Das Fuji Jari mit Aluminium-Rahmen punktet mit besonders vielen Bohrungen. So können drei Trinkflaschen, Front- und Heckgepäckträger montiert werden. Die Karbon-Gabel bietet sogar eine Aufnahme, um Licht nachzurüsten. Dank der FSA Adventure Kurbel mit einer Übersetzung von 46-30 ist sowohl das Erklimmen von Bergen als auch das schnelle Fahren problemlos möglich. Gebremst wird mit der hydraulischen Shimano 105 Bremse. Preis: 1.999 Euro.

Gravelbikes für Abenteurer

Sie sehnen sich nach der Ferne? Grobes Terrain, wilde Natur reizen Sie? Stahl- und Titanrahmen sind perfekt, Carbon möglich. Je breiter die Gabel, desto besser, darin finden selbst breite 29er-Reifen Platz. Übersetzung? Ein Kettenblatt vorn (damit sich kein Schlamm festsetzt) und hinten eine große Mountainbikekassette, falls ein 20-Prozenter winkt. Beispiele: Salsa Fargo und Cutthroat, Bombtrack Hook Adv, Kona Sutra, Trek 920.

Salsa Fargo Apex 1 – die ausgetretenen Pfade verlassen.

Einzeltest: Salsa Fargo Apex 1

Mit Abenteuer-Gravelbikes wie dem Fargo von Salsa erreicht man Orte, die für die meisten anderen Fahrräder nicht zugänglich sind. Dieses Rad arbeitet sich steile Anstiege in schwierigem Gelände herauf und trägt dabei klaglos Zelt, Schlafsack und Camping-Kocher. Auch in abgeschiedenen Gegenden braucht man Defekte nicht zu fürchten, denn der Stahlrahmen ist unverwüstlich, und die Entwickler haben leicht zu wartende Komponenten verbaut. Zum Beispiel setzt Salsa auf mechanische Scheibenbremsen (anstatt hydraulische), deren Züge lassen sich leichter austauschen.
Im Wesenlichen handelt es sich beim Fargo um ein Hardtail-Mountainbike mit starrer Gabel und Dropbar-Lenker: Es kommt mit 29er-Laufrädern und 55 Millimeter breiten Geländereifen. Auch die Geometrie entspricht der eines Mountainbikes. Am Tretlager gibt es ein kleines Kettenblatt mit nur 32 Zähnen, in Kombination mit der weit abgestuften Kassette (11-42) kommt man jeden Anstieg hinauf. Deswegen macht das Fargo auch erst Spaß, sobald man damit die Straße verlässt und sich durch den Wald, über Stock und Stein oder durch ein ausgetrocknetes Flussbett wühlt. Abenteuer-Gravelbikes verschaffen dem Fahrer keinen Geschwindigkeitsrausch, dafür führen sie uns so tief in die Natur wie kein anderes Fahrrad. Preis: 2.299 Euro.

Weitere Vertreter dieser Gattung

  • Kona Sutra LTD: Only steel is real Kona setzt auf Stahlrahmen – er vermittelt laut Hersteller das beste Fahrgefühl und ist haltbar (lebenslange Garantie auf den Rahmen). Das Sutra ist mit hydraulischen Scheibenbremsen aus Srams Rival-Gruppe ausgestattet, sie sind in puncto Performance der mechanischen Variante überlegen. Überall an Rahmen und Gabel finden sich Ösen zum Befestigen von Flaschenhaltern und Gepäckaufnahmen. Gemacht für Weltreisen. Preis: 2.099 Euro.
  • Bombtrack Hook Adv: Das bessere Mountainbike? Ein Gravel-Bikepacker, der absolut überallhin kommt – das Bombtrack Hood Adv ist ein Mountainbike mit Federgabel (40 Millimeter Federweg), absenkbarer Sattelstütze und Dropbar. Das Rahmenmaterial der Wahl ist auch hier Stahl. An der Federgabel muss man auf die Möglichkeit zur Gepäckaufnahme verzichten. Cool: Am linken Schalthebel lässt sich die Sattelstütze steuern. Für dieses Bike gibt es keine Grenzen. Preis: 3.659 Euro.
Daniel Eilers

von Daniel Eilers

Daniel Eilers ist Redakteur bei BIKE BILD. Räder sind für ihn zweierlei: das perfekte Sportgerät und klügste Fortbewegungsmittel unserer Zeit.