Virtuelles Radfahren

Trendthema E-Cycling und Indoorbiken

Radfahren auf Online-Plattformen wie Zwift boomt. Im Juli 2020 fand dort die erste virtuelle Tour de France statt. Zugleich entdecken immer mehr Hobbysportler die Indoor-Vorteile. BIKE BILD war dem Hype auf der Spur.

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Mithilfe von Smarttrainern kann das heimische Wohnzimmer in einen Trainingsraum verwandelt werden.

Der Kontrast könnte größer kaum sein. Während ich mit hochrotem Kopf in meinem Wohnzimmer um jedes Watt kämpfe, genießt mein Zwiftavatar das prächtige Panorama auf Watopia. In seinem rechten Blickfeld ruht das weite Meer seelenruhig, darüber stechen weiße Bergzipfel in den cyanblau gefärbten Himmel. Der Schöpfer dieser Zwiftkarte hat ziemlich offensichtlich noch mehr Kunst als Codes im Blut gehabt.
Der Volcano Climb bleibt gleichwohl ein strapaziöser Kraftakt. Mit vier Prozent im Schnitt zieht sich der zweite Buckel dieses Anstiegs wie ein zähes Kaugummi ins Innere des Vulkans, wo kochend heiße Lava brodelt. Schweiß rinnt mir trotz voller Ventilatorgeschwindigkeit von der Stirn, und mein Herz kommt mit der Sauerstoffversorgung kaum hinterher, es pumpt schon länger mit 180 Minutenschlägen an der kritischen Dauergrenze.
Als ich zum Durchatmen zwei Tritte auf dem Smarttrainer auslasse, attackiert Martin Pitt aus Australien. Mit weit aufgerissenem Mund schlucke ich eine Extraportion aufgewärmte Wohnzimmerluft, um affektisch den Anschluss an den Ausreißer aus Übersee zu halten. Die körperliche Anstrengung in diesem virtuellen Rennen könnte wirklicher nicht sein. Tränen lügen nicht? Mein Schweiß auch nicht.

Technik, die begeistert

Dabei ist Indoortraining eigentlich gar kein modernes Phänomen. Rollentrainer gab es schon zu Jan Ullrichs aktiver Zeit. Manche erinnern sich an Bilder, wie Profis ihren Quadriceps auf stationären Geräten vorm Zeitfahren auf Betriebstemperatur bringen. Das Warmfahren von damals hat aber mit dem E-Cycling-Hype von heute wenig gemeinsam. Elektrisch angetriebene Smarttrainer der neuesten Generation steuern Widerstände anhand von Streckenprofilen und kommunizieren mit Laptop und anderen Endgeräten, können bis zu 2.000 Watt Widerstand leisten, Steigungen von 20 Prozent simulieren, gar auf virtuellen Kopfsteinpflaster-Passagen Vibrationseffekte auslösen.
Der amerikanische Hersteller von Indoortrainingsgeräten Wahoo treibt das Streben nach Realismus auf die Spitze. Ein Ventilator reagiert auf Puls und virtuelle Geschwindigkeit; angepasst ans Streckenprofil hebt ein Berg-Simulator das Vorderrad an oder senkt es. Heroisch „Paincave“ nennen Indoorfans ihren Trainingsraum mit Smarttrainer, Flatscreen, Medaillen, Postern, Finishershirts und was sonst noch dazu gehört. Unter Sportlern, die für ihre Fitness leben, ist der Paincave ein Statussymbol.

Reales Leiden in virtuellen Welten: Redakteur Daniel Eilers misst sich online auf Zwift mit Radfahrern aus der ganzen Welt. Kann das Spaß machen?

Smarttrainer-Typen im Check

Tacx Flow Smart

Einsteigergeräte: Ein smartes Gerät gibt es ab 250 Euro. Abstriche muss man bei der Leistungsgenauigkeit und der maximalen Widerstandsleistung machen. Die Lautstärke-Entwicklung ist bauartbedingt um einiges höher, da das Hinterrad auf eine Rolle gedrückt wird. Ein geeigneter Rollenreifen kann den Abrieb reduzieren. Pluspunkt: Ein Rollentrainer lässt sich gut zusammenklappen und verstauen. Geräte: Tacx Flow Smart, Wahoo Kickr Snap, Elite Qubo Power Mag Smart B+.

Explova Noza S

Mittelklasse-Modelle: Wer bis zu viermal pro Woche virtuell fahren möchte, sollte sich in der Mittelklasse umgucken. Die Leistungsgenauigkeit dieser Smarttrainer, bei denen das Fahrrad auf eine Kassette gespannt wird, ist hoch, vierstellige Wattwerte und Steigungen von bis zu zwölf Prozent sind möglich. Geräte: Explova Noza S, Wahoo Kickr Core, Tacx Flux, Elite Suito. Kostenpunkt: 600 bis 800 Euro. Kassettentrainer sind wesentlich leiser als Rollentrainer.

Wahoo Kickr

Die Königsklasse: Willkommen in der Profi-Klasse! Geräte wie der Tacx Neo, Wahoo Kickr und Elite Drivo bestechen durch verbaute Powermeter mit Messgenauigkeiten von einem Prozent, sind noch mal leiser als die Mittelklasse-Modelle und können hohe Widerstandswerte für Sprinter generieren. Steigungen bis zu 25 Prozent sind möglich. Mächtige Schwungräder sorgen für natürliches Fahren. Allerdings sind die Geräte schwerer, unhandlicher und um einiges teurer. Ab 1.200 Euro.
Das Technik-Prinzip: Um in virtuellen Welten radeln zu können, benötigt man neben einem Fahrrad immer eine Leistungsquelle. Dies kann ein Smarttrainer, ein Ergometer oder Powermeter am Fahrrad sein. Smarttrainer sind kompatibel mit Steckachsen und Schnellspannsystemen; Rennräder, Gravelbikes, Mountainbikes, theoretisch auch Trekkingräder (sofern das Achsensystem passend ist) können eingespannt werden. Die im Verhältnis zum Körpergewicht auf dem Rad erbrachte Leistung wird über Bluetooth oder ANT+ an ein Endgerät (Smartphone, Tablet, Laptop, TV) mit entsprechend installierter Software übertragen. Die populärste Online-Plattform ist derzeit Zwift. Der Gaming-Faktor ist groß beim Marktführer der Virtual-Cycling-Anbieter: Avatare, fiktive Welten und Power-ups erinnern stark an PC-Spiele. Andere Anbieter wie The Sufferfest haben sich auf Trainingsprogramme spezialisiert. Rouvy punktet indes mit realistischen Streckennachbildungen. Im sogenannten „Erg-Modus“ übernimmt der Rollentrainer die Steuerung und gibt den Widerstand vor.

Zwift: Erste virtuelle Tour de France

Richtig ins Rollen kam der Indoorhype dann erst, als Zwift 2014 auf der Bildfläche erschien. Bis dahin war Drinnenradeln bei Radsportlern so willkommen wie ein Plattfuß. Sechs Jahre später ist fast jedes Pro-Tour-Team online präsent, und Zwift, das Startup aus dem Silicon Valley, ist zum Synonym für E-Cycling geworden. Die Online-Plattformen ziehen mittlerweile weite Kreise: Ironmanweltmeister Jan Frodeno absolvierte während des Lockdowns einen Langdistanz-Triathlon in seinem spanischen Zuhause, und Cyclocross-Koryphäe Mathieu von der Poel lud zu sogenannten „Group Rides“ mit sich ein.
Ein Novum war die erste virtuelle Tour de France vom 4. bis 19. Juli auf Zwift. An drei aufeinanderfolgenden Wochenenden wurden Samstag und Sonntag Rennen ausgetragen, sowohl in Zwifts bekannten Kunstwelten wie Watopia als auch auf neuen, der Tour nachempfundenen Strecken. Zielankunft war in Paris, allerdings ohne Champagner. Anders als in der analogen Welt wurden Frauen- und Männerrennen komplett gleichberechtigt behandelt. Die Resonanz war insgesamt dennoch verhalten und der mediale Durchschlag dürftig. Fachmedien berichteten zwar sporadisch, doch die der Tour de France sonst zu Füßen liegenden Großmedien interessierten sich trotz der Teilnahme von Topstars wenig bis gar nicht für die erste virtuelle Ausgabe.
Datennerds kamen trotzdem auf ihre Kosten. Poweroutput im Verhältnis zum Körpergewicht ist auch die entscheidende Währung auf Zwift, das Verhältnis gibt Auskunft über das physische Potenzial, vor allem am Berg. Wer den Rennen per Livestream beiwohnte, bekam sonst geheime Leistungsdaten der Topstars präsentiert. Trainer dürften über derart viel Transparenz nicht erfreut sein. Dan Lorang, Headcoach beim Radsportteam Bora-Hansgrohe, zeigt sich ebenfalls überrascht, wie offen Profis neuerdings mit ihren Werten umgehen. Er weiß aber auch: „Transparenz ist heute ein wichtiger Faktor.“
Gemischte Gefühle hat Lorang auch angesichts der großen E-Rennen wie der virtuellen Tour de France. Schließlich werden Radsportler, deren Kerngeschäft große Straßenrennen sind, über Nacht ins E-Cycling-Segment gedrängt. „Bei uns im Team geht es primär um Präsenz in diesen Rennen; für uns sind immer noch die Ergebnisse auf der Straße entscheidend.“ Gleichwohl erkennt auch Lorang das enorme Potenzial der Rennen an, unabhängig von Straßensperrungen zu jeder beliebigen Zeit ohne großen Aufwand weltweit Rennen organisieren zu können. Er prognostiziert: „Die guten E-Racer von morgen sind ganz andere Typen als die guten Straßenradfahrer von heute.“

Schöne neue Welt: Mit echter Muskelkraft wird der Computer-Avatar in virtuellen Welten bewegt. Wenn es einen Berg hochgeht, erhöht der intelligente Fahrradtrainer den Widerstand – man ist genötigt zu schalten.

Lügen haben schnelle Beine

Auch wenn der unmittelbare menschliche Kontakt fehlt und Zuschauer am Streckenrand ausbleiben, wird bei Zwift und auf anderen Plattformen mit Ehrgeiz um die Wette gefahren. Dieses Renngefühl erlebe ich am eigenen Körper, als ich im Wiegetritt die letzten Watt aus meinen strapazierten Beinen rauskitzele, um meinem australischen Kontrahenten Martin Pitt auf den Fersen zu bleiben. Um unsere Avatare herum geht es Hunderte Meter gefährlich steil bergab, aber meine Figur hält sauber die Fahrlinie, sauberer, als ich es je könnte.
Die Dramaturgie des Rennens erreicht ihren Höhepunkt, als ich kurz vorm Plateau wieder an seinem Hinterrad klebe. Fast Seite an Seite fahren wir durch den Berg, unter uns brodelt jetzt das Lavafeld, Rauch steigt empor. In meinem Wohnzimmer steht schon länger die Luft, auf dem Laminat hat sich eine große Pfütze Schweiß gesammelt. Was mir jetzt fehlt, ist eine menschliche Reaktion. Ich sehe nur die Spielfiguren und relative Leistungen. Ich wüsste lieber, wie Martin Pitt atmet, ob sein Tritt noch rund ist.
Und mit noch einem Problem haben Plattformen wie Zwift zu kämpfen. Immer öfter liest man in einschlägigen Foren von Betrügern, die beispielsweise Pedelecs einspannen. Zum Kavaliersdelikt gehört mithin, das Gewicht nach unten zu korrigieren, um den Quotienten aus Leistung und Körpergewicht zu den eigenen Gunsten zu verschieben. Es soll auch Fälle gegeben haben, wo in die Programmierung der Smarttrainer eingegriffen wurde. Zwift tut sich schwer, den Schummlern das Handwerk zu legen. Ein Restzweifel fährt also auch online mit.

Praktische neue Fahrradwelt

Nicht nur Profis, auch immer mehr Hobbysportler kommen auf den Geschmack und entdecken den Nutzen von Indoor-Plattformen. Christian Teuchert ist Produktmanager in Hamburg und beruflich wie familiär stark eingespannt. Der zweifache Familienvater kam 2014 zum Rennrad und entdeckte vier Jahre später Zwift.
„Ich versuche ein Mindestmaß an Ausdauersport im Alltag einzustreuen“, erzählt der 38-Jährige. „Zwift ermöglicht mir, ganzjährig mein gesetztes Limit von fünf Wochenstunden einzuhalten.“ Mittlerweile hat er sich bis auf den schon ambitionierten 25. von 50 Levels vorgefahren, 200 Stunden haben sich über die Jahre angesammelt. Unwahrscheinlich, vermutet er, dass ohne Smarttrainer so viel Zeit im Sattel zusammengekommen wäre. Am wichtigsten ist für ihn: „Ich möchte die wenige Freizeit mit der Familie verbringen – aber auch im Sattel. Diesen Ziel-Konflikt kann ich im Winter über Zwift gut lösen.“ Das 500-Euro-Investment in den Smarttrainer hat er bis heute nicht bereut: „Ich kann fahren, wann es mir passt, unabhängig von Licht- und Wetterverhältnissen, oder ob ich grad die Kinder hüte.“

So oder so ähnlich geht es in immer mehr Wohnzimmern zu. Zwift ist für Radsportler und Hobbyfahrer nicht mehr nur eine Alternative bei schlechtem Wetter. Das Radeln in virtuellen Welten entwickelten seinen ganz eigenen Reiz.

Martin Pitt und ich rasen nun den Volcano Climb mit über 60 Sachen wieder runter. Die Kilometer purzeln dahin, aber das Abfahrtsadrenalin bleibt aus, Steuerqualitäten sind nicht gefragt. Das Sprintfinish entscheide ich mit einem lauten Glücksschrei zu meinen Gunsten. Nach 41:57 Minuten fahre ich durchs virtuelle Ziel. Verdammt harte Arbeit!
Die Sache mit Zwift hat viel Gutes, in meinem Fall einen 20-Minuten-Rekord. Was wäre draußen drin gewesen? Wer weiß das schon. Sicher ist nur, dass Zwift und andere Plattformen viel beschäftigten Menschen wie Christian Teuchert eine praktische Alternative bieten. Radprofis sind trotz Distanz im virtuellen Raum nahbar, was Sponsoren freuen dürfte. Und Rennen wie die virtuelle Tour de France können ohne große Kosten und Logistik organisiert werden. Viele neue Möglichkeiten ergeben sich in dieser Parallelwelt. Und doch, trotz der vielen Vorzüge, mir wird immer der frische Duft von Bäumen fehlen. Ob an dem Problem schon ein Start-up aus dem Silicon Valley arbeitet?

Tanja Erath

Interview mit Tanja Erath: "Ich bin abhängig von Zwift"

Mit Radprofi Tanja Erath, die 2017 ihren World-Tour-Teamvertrag bei einem Zwift-Event gewann, haben wir über die erste virtuelle Tour de France gesprochen.
Seit wann fahren Sie auf Zwift?
Ich muss sagen, dass ich anfangs kein großer Zwifter war. Ich habe damit erst wegen der Zwift Academy angefangen. Ich musste mir hierfür sogar eine Rolle von einem Freund ausleihen, weil ich bis dahin nie drinnen gefahren bin. So richtig ist der Funke erst in der Corona-Zeit übergesprungen, wo ich eine richtige Zwift-Abhängigkeit entwickelt habe.
Über eine Online-Plattform zum Straßenradprofi – klingt paradox?!
Ja, so kann man es sagen. Als ich mit dem Triathlon verletzungsbedingt auf - hören musste, bin ich in ein Loch gefallen, bis mir eine Freundin von der Zwift Academy erzählte, im Rahmen derer ein Profi-Vertrag vergeben wurde. Nach einem Acht-Wochen-Trainingsplan wurden die zehn stärksten Fahrerinnen ins Halbfinale eingeladen, davon kamen drei ins Finale. Das fand im Trainingslager mit dem Canyon Sram Racing-Team statt. Dort wurden Social Skills, Rennverhalten und Fahrtechnik geprüft.
Welche Eindrücke haben Sie von der ersten virtuellen Tour gewonnen?
Ich bin 2018 „La Course“ gefahren, das Eintagesrennen für Frauen im Rahmen der Tour de France. Das war der Wahnsinn! Die Fans campierten tagelang an der Strecke, man fährt die legendären Pässe hoch, überall sind Menschen; das hat schon ein ganzes anderes Flair, als im eigenen Zimmer einen Wettkampf zu absolvieren. Im ersten Rennen der virtuellen Tour habe ich das grüne Trikot geholt, hey, ein grünes Trikot, das gab es noch nie für Frauen! Eigentlich eine super Sache. Ich steige dann aber vom Rad und sitze allein in meinem WG-Zimmer. Das ganze Drumherum fehlt einfach. Man kann seine Teamkolleginnen nicht mal in den Arm nehmen.
Das klingt jetzt sehr negativ.
Was ich sagen möchte: Man kann beide Events nicht miteinander vergleichen. Aber für uns Frauen ist es natürlich toll, dass wir bei dem Rennen gleichberechtigt sind: Strecken, Übertragungslänge, Jerseys – identisch mit den Männern. Und was wäre die Alternative? Ohne die virtuelle Ausgabe wäre ich gar keine Tour de France gefahren, hätte kein grünes Trikot gewonnen. Man selbst gibt den Dingen die Wertigkeit. Wenn wir den virtuellen Rennen mehr Bedeutung geben, werden diese von außen auch ernster genommen.
Gibt es auf Zwift auch Teamtaktik?
Wir sind im Rennen über Radio verbunden und haben unseren sportlichen Leiter auf dem Ohr. Zum Beispiel im ersten Rennen der Tour hatte ich eine Internetunterbrechung und hing zwischen zwei Gruppen. Eine Teamkollegin hat mich wieder rangefahren. Ich bin an ihrem Hinterrad geblieben und habe versucht, etwas weniger Watt pro Kilogramm als sie zu treten. Man kann so auch Sprints anfahren; es gibt ja sogar auch Teamzeitfahren auf Zwift.