Fragen zu Pflege und Wasserdichtigkeit

Regenbekleidung für Radfahrer im Check – das Experteninterview

Für unseren Regenjacken- und Regenhosen-Test in der aktuellen BIKE BILD 5/2020 haben wir uns Hilfe von den Textilexperten des Prüfinstituts Hansecontrol aus Hamburg geholt. Die Laborleiterin hat uns häufig gestellte Fragen beantwortet und räumt mit einigen Missverständnissen auf.

Datum:

Die Wasserdichtigkeit einer Regenjacke für Fahrradfahrer sieht man dem Modell nicht auf dem ersten Blick an.

Was bedeutet wasserabweisend?

Wie entsteht die wasserabweisende Wirkung von Bekleidung?
Der wasserabweisende Effekt bei Textilien wird primär durch bestimmte Ausrüstungen erreicht, die auf die Oberfläche aufgetragen und mittels verschiedener Verfahren fixiert werden. Solche Ausrüstungen können zusätzlich mit einer schmutzabweisenden Wirkung kombiniert werden. Membranen spielen für die Wasserabweisung keine Rolle, da diese nicht auf der Oberfläche, sondern im Inneren des Kleidungsstückes verarbeitet werden.
Man liest in diesem Zusammenhang häufig vom Lotuseffekt – was bedeutet der Begriff?
Die Blätter des Lotus sind nicht glatt, sondern mit feinen dicht aneinander stehenden Härchen bedeckt. Diese Härchen stehen vertikal von der Oberfläche ab. Wenn ein Wassertropfen auf diese Oberfläche trifft kann er nicht darauf „liegen bleiben“ er perlt an den Härchen ab, weil er nicht genug Halt findet.
Wem kann man eine Jacke mit Beschichtung und wem eine mit einer wasserdichten Membran empfehlen? Worin liegen im Alltag die Unterschiede?
Wenn es um wasserabweisende Beschichtungen bzw. Ausrüstungen geht, so handelt es sich häufig um Kleidung, die keiner extremen Bewetterung unterworfen wird. Die Kleidung ist alltagstauglich, jedoch nicht für lange andauernde extreme Aktivitäten vorgesehen wie z.B. eine Trekkingtour. Auch Soft-Shell-Jacken werden wasserabweisend ausgerüstet.
Wenn die Kleidung tatsächlich wasserdicht und nicht nur wasserabweisend sein soll können zum Beispiel Membranen oder wasserdichte Beschichtungen im Inneren des Kleidungsstückes eingesetzt werden. Diese Membranen und Beschichtungen sind porös, damit Luft und Wasserdampf hindurchdringen kann. Die Poren sind so fein, dass ein Wassermolekül zu groß ist um ohne Weiteres hindurch zu dringen. Dadurch wird das Textil wasserdicht.

Wann ist ein Produkt wasserdicht?

Wann spricht man von wasserabweisend und wann von wasserdicht?
Wasserabweisend bedeutet, dass das Wasser von der Oberfläche abperlt, während wasserdicht bedeutet, dass kein Wasser durch das Textil hindurch dringt. Diese Eigenschaften können begrenzt sein. Wasserdicht ist nicht gleich wasserdicht. Es gibt verschiedene Qualitäten.
Bei welcher Wassersäule kann man von wasserdicht sprechen?
Es gibt eine Norm für Schutzkleidung gegen Regen (EN 343 – Schutzkleidung – Schutz gegen Regen). Diese Norm legt im Rahmen der persönlichen Schutzausrüstung (PSA) unterschiedliche Anforderungen für Regenbekleidung fest.
Im „Markt“ ist ein gängiger Mindestwert für Wasserdichtigkeit 3.000 Millimeter Wassersäule. Dieser bezieht sich jedoch nur auf das Textil. Wasserdichte Nähte sind empfindlicher gegen Wasserdruck. Sie bilden eine Sollbruchstelle. Daher werden für Nähte niedrigere Anforderungen festgelegt. Viele Firmen orientieren sich an einem Wert von 1.500 Millimeter Wassersäule. Prinzipiell kann jeder Hersteller selbst entscheiden welche Performance sein Produkt bringen soll. Wichtig ist, dass nicht nur damit geworben wird, dass etwas wasserdicht ist, sondern auch bis zu welchem Wert. „Wasserdicht“ selbst ist keine konkrete Aussage.
Was sagt die Wassersäule aus?
Der Wert wird in Millibar gemessen. Es wird also geprüft welchen Wasserdruck ein Textil standhält. Dabei wird im Gerät stetig Wasserdruck aufgebaut (60 mbar/min) und das Wasser gegen die Außenseite des Textils gepresst. Dabei wird beobachtet ob Wassertropfen durchdringen. Sobald der dritte Wassertropfen erscheint, wird gestoppt und der Wert abgelesen. Dieser Wert sagt aus bis zu welcher Wassersäule das Textil dicht ist. Der Prüfer muss dabei durchgehend am Gerät sitzen um den Zeitpunkt des Durchdringens von Wasser zu erfassen. Daher ist die Prüfung sehr zeitaufwendig. Zudem erfordert die Prüfung viel Erfahrung, da die Tropfen erst gewertet werden, wenn sie eine bestimmte Größe erreichen.
Worauf sollten Käufer beim Kauf von Regenbekleidung grundsätzlich Acht geben?
Eine konkrete Einschätzung lässt sich beim Kauf nicht machen, da die Eigenschaften unsichtbar sind. Der Käufer kann also nicht selbst überprüfen, ob das Kleidungsstück tatsächlich das leistet, was der Hersteller verspricht. Man hat also in der Regel keine andere Wahl als auf die Angaben zu vertrauen.
Grundsätzlich sollte man sich vor dem Kauf entschieden haben welche Performance man eigentlich möchte. Der Sonntagsspaziergänger braucht keine Jacke, die bis 50.000 Millimeter wasserdicht ist. Wohingegen die leichte Alltagsregenjacke für Aktivitäten im hochalpinen Bereich nicht ausreicht.
Tatsächlich gibt es auch noch weitere Unterscheidungen in den Performance-Leveln. So gibt es Ski-Jacken, die relativ dünn und wenig gefüttert sind. Das erscheint zunächst paradox. Immerhin geht man davon aus, dass es in den Bergen kalt ist und man sich dick einpacken muss. Für Sportler ist aber das dick einpacken nicht sinnvoll. Durch die Aktivität erzeugen sie viel Körperwärme. Eine dicke Jacke beim Sport ist für sie also ungeeignet.
Ist eine Regenjacke auch automatisch winddicht?
Winddicht bedeutet, dass Luft bei einer bestimmten Geschwindigkeit nicht mehr durchziehen kann. Es ist also keine Eigenschaft, die sich auf eine Produktgruppe bezieht. Regenjacken können winddicht sein; sind es aber nicht zwangsläufig. Tatsächlich sind manche Textilien von sich aus schon sehr windabweisend, weil sie so dicht gewebt sind, dass der Wind sich nur schwer hindurchdrückt.
Ist wasserdicht und atmungsaktiv nicht ein Widerspruch in sich?
Der Begriff „atmungsaktiv“ wird im Volksmund gebraucht und meint, dass Wasserdampf transportiert werden kann damit man nicht komplett nassgeschwitzt ist. Wie schon erwähnt sind wasserdichte Ausrüstungen oder Membranen so gestaltet, dass Wasserdampf hindurchgeht. Zumindest ist das die Absicht dahinter. Je nachdem welche Qualität vorliegt kann es natürlich durchaus passieren, dass eine wasserdichte Jacke nur wenig Wasserdampf hindurchlässt.
Welchen Vorteil bieten verklebte oder verschweißte Nähte?
Durch tapen und/oder verschweißen von Nähten wird die Kleidung abgedichtet. Normale Nähmaschinennähte entstehen dadurch, dass die Nähnadel durch das Material sticht und die Stofflagen mit Nähgarn verbunden werden. Dadurch entstehen Löcher im Material. Durch diese Löcher kann Wasser eindringen. Wenn Nähte nicht zusätzlich getaped werden bringt das beste Material nichts, weil trotzdem Wasser nach innen dringen kann.

Textilpflege

Wie sollte man die Kleidung idealerweise waschen?
Immer den Empfehlungen auf dem Pflegeetikett folgen.
Leidet der Schutz der Regenbekleidung, wenn man Sie in der Waschmaschine wäscht? Wie sieht es im Trockner aus?
Selbstverständlich ist jede Pflegebehandlung eine Belastung und Beanspruchung für das Material. Umso wichtiger ist es, dass man sich an die empfohlene Pflegeanleitung hält. Wenn Funktionsbekleidung mit bestimmten Ausrüstungen versehen ist, ist es sogar wichtig, dass sie im Trockner getrocknet oder sogar gebügelt wird. Die Hitze reaktiviert die Ausrüstung.
Muss man Regenkleidung regelmäßig imprägnieren, um den wasserabweisenden Effekt zu erhalten? Was kann man empfehlen?
Es gibt spezielle Imprägniermittel und sogar Waschmittel für Funktionsbekleidung. Diese können benutzt werden um wasserabweisende Effekt aufzufrischen. Wie regelmäßig man seine Kleidung mit solchen Mitteln behandelt hängt stark davon ab wie intensiv sie genutzt wird.

Ökologische Aspekte

Sind Beschichtungen oder Imprägnierungen grundsätzlich Umweltsünden?
Auch das lässt sich nicht pauschal beantworten. Die früher verwendeten per- und polyflourierten wasserabweisenden Ausrüstungen wurden als bedenkliche Chemikalien eingestuft. Sie haben kein natürliches Vorkommen, sind persistent (schwer abbaubar) und sind außerdem gesundheitsschädigend.
Gibt es auch umweltschonende Varianten, um die Regenkleidung wasserdicht/wasserabweisend zu designen?
Inzwischen gibt es grüne Alternativen, die in der Regel demselben Prinzip folgen. Nämlich die Oberfläche so zu gestalten, dass die Tropfen keinen Halt darauf finden und zwangsläufig davon abperlen. Einige dieser Ausrüstungen haben die Besonderheit, dass sie zum Beispiel nach dem Waschen re-aktiviert werden müssen. Dies geschieht durch Hitze. Die Jacke sollte also nach dem Waschen entweder im Trockner getrocknet oder gebügelt werden. Allerdings halten auch diese Ausrüstungen nicht ewig.
Wie verhält es sich mit gewachsten Jacken?
Im Idealfall wurde tatsächlich ausschließlich Wachs aufgetragen um ein Eindringen der Wassertropfen in den Stoff zu verhindern. Wachs ist ein natürliches und abbaubares Produkt, weswegen es im Recycling keine Herausforderung darstellt. Für gewachste Jacken werden auch nicht unbedingt synthetische Stoffe verwendet. Auch Naturfasern kommen zum Einsatz.
Worauf sollten Käufer achten, die besonderen Wert auf Umweltschutz legen? Gibt es hierfür Handlungsempfehlungen?
Von außen sieht man der Jacke ihren Werdegang und nachhaltige Entsorgung nicht an. Man kann sich an zertifizierten Labels oder Siegeln orientieren. Unabhängige, staatliche Siegel sind zum Beispiel der Grüne Knopf oder die EU-Blume. Grundsätzlich kann man sich jederzeit an den Hersteller oder Markeninhaber wenden und ausführliche Informationen erfragen.
Derzeit wird an einer allgemeinen, europäischen Gesetzesgrundlage gearbeitet, die sich mit den Anforderungen an eine verantwortungsvolle Lieferkette auseinandersetzt.