Anselm Pahnke

15.000 Kilometer auf dem Rad durch Afrika

15.000 Kilometer, 414 Tage, 15 Länder. Anselm Pahnke ist auf dem Rad durch Afrika gestrampelt, von unten nach oben. Er hat die Nähe der Menschen gesucht und dabei auch sich gefunden. Dann hat er einen zauberhaften Film gemacht.

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Sudan, Sahara, die Pyramiden von Jebel Barkal. Ich quäle mich durch den Sand, heute werde ich 26 und bin keinem Menschen begegnet.

Er will nur ein paar Wochen bleiben. Aber dann passiert etwas, womit er nicht gerechnet hat. Er verliebt sich in Afrika, in die Menschen, die Landschaft, es trifft ihn mit voller Wucht, und Anselm kann nichts dagegen tun. Er will es auch gar nicht, er wehrt sich nicht gegen das Gefühl, diesen Kontinent bis auf die Knochen zu spüren, die Neugier lässt ihn immer weiter treten.
Später macht er einen Film daraus, in dem er sagen wird: Ich habe das Unbekannte umarmt, es ist mein Freund geworden, jeder Moment ist neu, jeden Tag bin ich anderswo. Ich komme aus dem Lächeln nicht mehr heraus.

Galerie: Die Bilder von Anselm Pahnkes Reise

Mit zwei Jungs aus Berlin ist er in Kapstadt losgefahren. Einfach so, sie kennen sich vorher nicht, sie haben sich im Netz verabredet. Sie kommen bis Botswana, dann trennen sie sich, die beiden Kumpel müssen wieder nach Hause. Aber Anselm bleibt, er steht in der Hitze, die Sonne flirrt über der Kalahari, als er sich mit Überzeugung für die Verlassenheit entscheidet. Bald sollte er erfahren, was es heißt, allein zu sein, aber nicht einsam. In 35 Tagen begegnet er acht Menschen in der Wüste.
Aus Wochen werden Monate, aus Monaten über ein Jahr, und, ja, sagt Anselm und schaut fast ernst, so begann die Reise zu mir selbst. Er hat den Puls eines riesigen Kontinents gespürt, er gab den Takt vor auf der Reise zu sich selbst, im steten Rhythmus seiner Beine.
Ich drang immer weiter in das Herz von Afrika, sagt er, und irgendwann wollte er da auch nicht mehr raus.

Drei Euro am Tag reichen fürs Leben

Jeder Moment ist neu, jeden Tag bin ich anderswo. Ich komme aus dem Lächeln nicht mehr heraus.

Selbst sein Vater schafft es nicht, er möchte es sowieso nicht. Ein Vater, der auch sein guter Freund ist. Er hat ihn als zweites von fünf Kindern in Appen bei Hamburg großgezogen, er hat seiner Familie ein schönes Holzhaus gebaut, im Garten können sie das Leben mit den Händen greifen. Er ist so groß, dass sie sich oft darin verlaufen.
Jetzt trifft er in Namibia auf seinen Sohn. Papa, ich brauche mal wieder jemanden zum Reden, schreibt Anselm, und Papa setzt sich ins Flugzeug. Er ist Musiklehrer auf einer Waldorfschule und hat gerade Ferien. Das Rad wird in die Ecke gestellt, sie gehen wandern, sprechen über sich, über Afrika. Sie tun sich gut, lachen, weinen, haben Zeit, nur für sich. Am Ende sind alle schlimmen Bilder im Kopf des Vaters wie weggeblasen, und Anselm fährt weiter.
Auf dich wartet noch was, sagt der Vater, zu Hause verpasst du sowieso nichts.
Anselm schwingt sich wieder in den Sattel. Mit dem Geld, das er gespart hat. Drei, vier Euro am Tag, mehr braucht er nicht, um zu überleben. Unterwegs repariert er eine Scheune, ein Bootshaus, um ein bisschen dazuzuverdienen. Das Trinkwasser kauft er nicht, er holt es sich an den Brunnen in den Dörfern. So kommt er den Menschen näher, kann er besser eintauchen in dieses bunte, zauberhafte Afrika. Zwei Säcke, zwei Flaschen, an seinem Rad hängen bis zu 25 Liter Wasser. Es ist wichtiger als Geld.

Ich habe das Unbekannte umarmt, es ist mein Freund geworden. Wie diese Jungs am Kiwusee, Ruanda. Sie bestaunen meinen kleinen Erdball am Rad.

Oh Mann, ich bin ja so kaputt

Zwischen Kenia und Uganda, mitten im Nirgendwo, merkt er, dass irgendwas mit ihm nicht stimmt. Er taumelt, die Kräfte lassen nach, die Beine wollen nicht mehr, und er hat noch 100 Kilometer vor der Brust. Ich muss weiter, denkt er, nur weiter, bloß nicht hier runterfallen, denn hier ist nichts. Er steigt vom Rad und bricht zusammen. Anselm krümmt sich ängstlich auf dem harten Boden.
Das Fieber schüttelt ihn, es kommt in heftigen Wellen, die ihn fast umhauen. Oh Mann, ich bin so kaputt, stöhnt er in die Kamera, selbst jetzt läuft sie weiter. Dann weiß er, ich habe Malaria. Er schafft es doch noch bis zu einer Polizeistation, die Wachleute dort bleiben gelassen, obwohl Anselm aussieht wie der Tod. Malaria gehört für sie zum Alltag, manche Afrikaner kriegen sie alle paar Jahre.

Ich wollte Afrika erleben, wie es wirklich ist. Das Lächeln der Bewohner, die Freude an ihrer Neugier. Das alles gab den Takt vor, im steten Rhythmus meiner Beine.

Sie helfen ihm, hartnäckig, ehrlich, wie die meisten Menschen in Afrika. Stecken den weißen Jungen in einen Geländewagen, der ihn zu einem Arzt bringen soll. Der Weg führt durch die Steppe, er ist holprig, steinig, rüttelt sie durch die tiefschwarze Nacht, bis die Achse des Vorderrads bricht. Anselm holt sein Rad von der Ladefläche, er kann es vor Schwäche kaum halten, und fährt die letzten 40 Kilometer allein, bis er das Dorf erreicht, in dem ein Befund erstellt werden kann und die dazu passenden Medikamente bereitliegen. Bis heute weiß er nicht, wie er den Weg dorthin in der Finsternis gefunden hat.
Nach einer Woche will er weiter. Aber nur wenig später dreht sich der Magen, ihm wird kotzübel, er kriegt starken Durchfall. Typhus! Anselm denkt nach, er muss sich die Bakterien durch verschmutztes Wasser aufgehalst haben. Er ist in Lowarengak am Turkanasee in Kenia. Als er in das kleine Fischerdorf torkelt, nimmt ihn eine Familie in ihrer schlichten Hütte auf. Sie haben nichts, aber geben viel, sie können ein paar Brocken Englisch und kochen ihm Tee aus heilenden Wurzeln. Weil nichts mehr hilft, kriegt er schwere Antibiotika, eine Tablette kostet umgerechnet 23 Cent.
Ich wollte Afrika erleben, wie es wirklich ist, sagt er in seinem Film. Der Natur, den Menschen nah sein, auf der Reise zu mir selbst. Die Seele eines Kontinents fühlen, nirgendwo kann er es besser als dort, in den schweißnassen Tüchern seines Lagers, beim netten Lächeln der Bewohner. Nach zehn Tagen ist er wieder gesund – hat neun Kilo abgenommen.

Ein Sandsturm fegt über den heißen Asphalt der Sudanesischen Sahara.

Es wird jetzt höchste Zeit, die Reise zu genießen. Das verspricht er sich, als er abends irgendwo sein Zelt aufstellt und in einen Sternenhimmel blickt, der jeden unter ihm demütig machen würde. Beinahe kann er die Stille hören, wenn sie sich sanft über ihn legt, manchmal dringt das Brüllen von Raubtieren zu ihm durch. Oft wähnt er Löwen in seiner Nähe, dann hält er den Spiritus seines Kochers griffbereit. Ob sie sich wirklich vor dem Feuer fürchten, muss er zum Glück nicht ausprobieren.

Der Sand kriecht bis in die Augen

Ein paar Tage später strampelt er durch die Wiege der Menschheit. Das Omotal im Südwesten von Äthiopien fasziniert den jungen Geophysiker, er kann die Geschichte der Erde unter dem Hintern spüren. Eine Reise durch die Vergangenheit, so alt, brüchig und verwittert, als würde gleich ein Urzeitmensch um die Ecke kommen. Mist, knurrt Anselm, und gerade jetzt geht ihm die Kamera kaputt.
Die Gegend raubt ihm den Atem, nicht nur, weil sie so schön ist. Er ist in der Sahelzone und fährt die nächsten Wochen nur noch gegen den Wind. Was habe ich eigentlich studiert, flucht er, ich hätte wissen müssen, dass hier der Wind von Norden weht. Der Sand kriecht ihm in die Augen, er krümmt sich gegen die Natur, über 3200 Kilometer weit, er schafft nicht mehr als acht von ihnen in der Stunde. Manchmal passieren ihn Autos so dicht, dass sie die Radtaschen berühren. In Ägypten versucht er, dem Nil zu folgen, doch der Fluss schlängelt sich zu wild – er nimmt den direkten Weg zum Roten Meer.
In seinem Film sagt Anselm: Die Herausforderung war nicht die Sahara, der Gegenwind oder die wilden Tiere. Sie war in mir selbst, die Einsamkeit, als ich allein mit dem Rad in Afrika stand.

Im fruchtbaren Hochland von Burundi suchen wir einen Ort zum Zelten.

Dann ist das Ende der Reise langsam in Sicht. In ägyptischen Dörfern muss er wütende Kinder ertragen, sie haben ständig Steine in der Hand, die sie zum Hüten der Rinderherden brauchen. Sie beschmeißen Anselm damit, wenn er ihnen keine Geschenke zuwirft. Na ja, das steckt in ihnen drin, sagt er, weil schon ihre Eltern immer was bekamen, als die Engländer noch ihr Land besetzten. Zum ersten Mal lächelt Afrika nicht, doch Anselm versucht auch diese böse Fratze zu entschuldigen. So ist das eben, wenn man verliebt ist, sagt er, da ist es schon nerviger, an einem Tag sieben Plattfüße zu haben. Weil es in der Steppe so hässliche Sträucher mit Dornen gibt.
In Jerusalem wartet seine Mutter auf ihn. Sie hat ihm über 20 Kilo schwere Radteile mitgebracht. Sie ahnt bereits, dass Anselm nicht mit ihr zurückfliegen wird. Schon als Kind hat sie ihm niemals reingeredet. Hast du deine Hausaufgaben gemacht? Diese Frage hat er nie von ihr gehört. Sie halten sich in den Armen, wie schön, den Sohn zu riechen, zu schmecken, nach so langer Zeit. Sie wollen sich gar nicht loslassen.
Doch der Sohn will weiter. Er ist erst 26. Er will noch so viel erleben. Er hat noch lange nicht genug. Die Welt steht ihm offen. Er will nicht in einer Wohnung wohnen. Er will am Abend in den Himmel gucken. Er küsst seine Mutter. Er setzt sich in den Sattel, sie winkt, dann ist er weg. Er fährt nach Osten, durch ganz Asien und setzt 16 Monate später nach Australien über.
Aber das ist eine andere Geschichte.

Die Reiseroute
Anselm Pahnke legte in weit über einem Jahr knapp 15000 Kilometer auf seinem Rad mit Stahlrahmen zurück. Da ­ bei führte ihn sein Weg von Kapstadt aus durch Lesotho, Botswana, Namibia, Simbabwe, Sambia, Malawi, Tansania, Burundi, Ruanda, Uganda, Kenia, Äthiopien, Sudan und Ägypten.
Für manche Länder, in denen es politische Unruhen oder sogar Bürgerkriege gibt, bekam er keine Genehmigung zur Einreise. So war er ein paarmal gezwungen, größere Umwege auf seinem Weg nach Norden in Kauf zu nehmen. Seine Reise endete – zwischenzeitlich – in Jerusalem.

Allein in Afrika

Mach einen Film, sagten ihm seine Freunde, als sie die Bilder aus Afrika sahen – und Anselm machte. In einem Team aus 18 Leuten, vom Musiker bis zum Cutter, entstand ein bildgewaltiger und hintergründiger Streifen, der durch Crowdfunding finanziert wurde. Am 29. November feierte er in Hamburg Premiere. Infos unter: www.anderswoinafrika.de

Galerie: Die Bilder von Anselm Pahnkes Reise