Graveltraum und Kletterpartie

Erfahrungsbericht vom Orbit 360 Sachsen

Von Dresden in die Sächsische Schweiz: Unser Autor erhoffte sich vom Orbit 360 Sachsen eine traumhafte Strecke und wurde nicht enttäuscht.

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Das Liebethal in der Sächsischen Schweiz ist traumhaft schön, leider muss hier viel geschoben werden.

Dieses Mal mit Übernachtung: Nachdem ich den Orbit 360 Bremen im Rennmodus gefahren bin (und aufgeben musste) und mich 18 Stunden um Berlin gekämpft hatte, wollte ich den Orbit 360 Sachsen entspannter angehen. Die 212 Kilometer Strecke und 3000 Höhenmeter bin ich an zwei Tagen gefahren. Der Vorteil: entspanntes Tempo und genug Zeit, die Strecke und die Landschaft zu genießen. Der Nachteil: mehr Gepäck am Gravelbike. Um es gleich vorweg zu sagen, die Gravelfans aus Dresden und dem Umland sind wirklich zu beneiden. Breite Waldautobahnen und schöne Trails beginnen unmittelbar in der Dresdner Neustadt und führen hoch bis in die Sächsische Schweiz zur tschechischen Grenze und darüber hinaus. Trotzdem haben es die Streckenplaner geschafft, wieder ein paar Segmente einzubauen, die bei mir pures Unverständnis auslösten.

Breite Waldwege, schmale Täler

Der Start könnte besser nicht sein: Waldwege führen durch die Dresdner Heide im Nordosten der Stadt. Sofort hat man die Großstadt hinter sich gelassen, klasse. Nach 30 Kilometern durch hügeliges Gelände ist dann das erste Mal schieben angesagt. Im malerischen Liebethal folgt der Track einem Wanderweg. Da ich es nicht eilig habe, ärgere ich mich auch nicht über die kleinen, glatten Treppenstufen am alten Wasserkraftwerk. Ein schöner Ort, der einen Vorgeschmack auf die Sächsische Schweiz bietet.
Nach 50 Kilometern folgt das Polenztal mit einem ersten Stimmungsdämpfer. Ein netter Waldweg, der immer knorriger und steiniger wird. Irgendwann muss ich eine ein Meter hohe Felsstufe überwinden, in die sogar Eisengriffe für Wanderer eingelassen sind. Nervig, mit so einem schwer bepackten Rad. Die anschließende Rast an einem malerischen Bachlauf entschädigt etwas, in der Summe kostet das zehn Kilometer lange Stück über spitze Steine jedoch ordentlich Zeit.

Galerie: Bilder vom Orbit 360 Sachsen

Es folgt ein Panoramaweg mit Blick auf die Sächsische Schweiz, der bei Mittagssonne jedoch schnell zurückgelegt wird, auch dank der Straßenabschnitte. Im Kirnitzschtal kommt Nationalpark-Feeling auf, mit imposanten Felswänden und ganz vielen Wandertouristen. Hier beginnt der zweifellos schönste Teil des Orbit 360 Sachsen: Es geht zunächst über eine Straße bis kurz vor die Grenze nach Tschechien, dann folgt ein Traum-Gravelsegment. Bergab über sichere Waldwege, herrlich! Genau deswegen bin ich gekommen. Der Weg führt durch den Wald, vorbei an den berühmten Sandstein-Formationen. So wie ich die Streckenscounts inzwischen einschätze, hätten sie gern ein paar Trails mitgenommen, allerdings ist das Radfahren im Nationalpark nur auf ausgewiesenen Wegen erlaubt. In Bad Schandau ist der erste Tag des Orbit 360 für mich beendet, ein Campingplatz empfängt mich mit einer Dusche und einem gekühlten, alkoholfreien Bier. Zwischenfazit: 124 Kilometer und 1700 Höhenmeter im Sack.

Orbit 360 Sachsen mit Übernachtung

Tag Zwei beginnt mit einem kurzen Abschnitt an der Elbe, bevor es in Königstein wieder steil bergauf geht. Was auf den nächsten Kilometern folgt ist Gravel wie es sein sollte. Breite Waldwege, nette Trails, rasante Abfahrten und auch knackige Anstiege. Der Weg bis Pirna ist kein leichter, aber er lohnt sich. Nach der Kreisstadt geht es einen Weinberg herauf und der Gravel-Traum wird zum Mountainbike-Albtraum: Ein Singletrail – eigentlich Wanderweg – muss bergauf erklettert werden. Wenige Kilometer, die viel Freude über das Erlebte zunichte machen. Das Ganze wäre als Herausforderung okay, würde ich nicht ein beladenes Gravelbike über rutschige Steine heben müssen. An der Grenze zu gefährlich, meines Erachtens. Mein Missmut darüber hält sich in Grenzen, aber ich frage mich, wie das wohl Leute finden, die die Strecke an einem Tag fahren und das Segment im Halbdunkeln, mit 190 Kilometern in den Beinen erklettern müssen. Ich stelle mir beim Wandern ernsthaft die Frage, ob die Scouts sich nicht darüber kaputtlachen, dass Graveltypen ungefragt ihre Routen abwandern.
Schade, so werden die letzten Kilometer durch die schöne Dresdner Heide von der Frage begleitet, wann es denn endlich geschafft ist. Wenngleich die Freude im Ziel verhalten ist, bleibt das Fazit zum Orbit 360 Sachsen ein positives. Anders als bei den Flachlandstrecken bekommt man hier etwas zu sehen und wird für die anstrengenden Anstiege mit spaßigen Abfahrten belohnt. Wer sich die Renn-Wertung und die Frust-Elemente sparen und Sachsen von seiner schönsten Seite kennenlernen möchte, kann beim Orbit 360 Sachsen mit drei minimalen Anpassungen einen tollen Tag (oder zwei) auf dem Gravelbike erleben.

Tipps zum Orbit 360 Sachsen:

  • Reifen: 40 Millimeter Breite mit Allround-Profil sind das Minimum, mehr ist besser
  • Bike: Der Orbit 360 Sachsen lässt sich wahrscheinlich mit einem Hardtail-MTB ebenso gut fahren, wie mit einem Gravelbike. Der Vorteil auf den Trails sollte den Zeitverlust auf der Straße wettmachen
  • Verpflegung: In allen größeren Städten kommt man an Supermärkten vorbei, außerdem gibt es regelmäßig Campingplätze. Besonders Hinterhermsdorf (Campingplatzkiosk) auf der Hälfte der Strecke lädt zum Auftanken ein, außerdem Bad Schandau (Discounter neben der Elbebrücke) und Pirna
  • Varianten für Genießer: Wer sein Gravelbike nicht über Trails schieben und tragen möchte, sollte die Segmente Liebethal (Kilometer 31 bis 38), Polenztal (Kilometer 50 bis 62) und den Helfenberg (Kilometer 195 bis 199) auf der Straße umfahren
  • Übernachtung: Der Campingplatz Ostrauer Mühle in Bad Schandau ist kein Geheimtipp, aber in Ordnung. Camper kommen außerdem in Hinterhermsdorf und kurz vor Königstein an der Elbe unter. Achtung: Wildcampen und -übernachten ist im Nationalpark Sächsische Schweiz ausdrücklich verboten

Galerie: Bilder vom Orbit 360 Sachsen

Lennart Klocke

von Lennart Klocke

Zwei schmale Reifen, ein tiefer Lenker und eine freie Landstraße: Mehr braucht Lennart Klocke nicht zum Glücklichsein. Als BIKE BILD-Autor testet der Rennrad-Fan am liebsten neues Equipment und Fahrrad-Gadgets.