Gravelrennen

Erfahrungsbericht: Zwei Drittel vom Orbit 360 Bremen

Technisches K.o. nach 220 Kilometern: Unser Autor musste das Gravelrennen Orbit 360 Bremen vorzeitig abbrechen. Sein Fazit von der Strecke ist durchwachsen.

Datum:
Morgens bei Bremen

Die Gegend um Bremen: Grüne Felder, blauer Himmel, Windräder

Zu Bremen habe ich eine sehr gute Beziehung: Dort habe ich studiert und zwei Jahre gelebt. Auch mit dem Rennrad war ich viel in Bremen und Umgebung unterwegs, im Blockland auf dem Deich ebenso wie auf dem Radweg an der Weser. Deswegen war ich neugierig auf die Bremen-Strecke der Orbit-360-Rennserie. Das kleinste Bundesland hat die längste Distanz der Rennserie, 323 Kilometer. So viele Radwege gibt selbst die fahrradfreundliche Hansestadt nicht her, deswegen führt die Strecke die meiste Zeit durch Niedersachsen nach Bremerhaven und zurück. Immerhin, lächerliche 730 Höhenmeter erwarten den Orbiter im norddeutschen Flachland. Der Blick aufs Höhenprofil offenbart über die Strecke nur zwei Passagen, auf denen es etwas auf und ab geht: Der Urwald Hasbruch ab Kilometer 30 und die Wälder beim Truppenübungsplatz Garlstedt, ab Kilometer 200.

Orbit 360: Von Bremen nach Bremerhaven

Ich starte um 5.30 Uhr am Bremer Hauptbahnhof. Für meine Premiere der ersten 300 Kilometer am Tag möchte ich ausreichend Zeit haben. In der Innenstadt besuche ich noch kurz die vier Stadtmusikanten, dann geht es über die Weser, vorbei am Flughafen raus aus der Stadt. Die Streckenplaner haben zu Bremens Ehrenrettung immerhin noch einen kurzen Gravelweg stadtauswärts gefunden, hauptsächlich geht es jedoch über befestigte Wege.

Der Orbit 360 Bremen führt über 323 Kilometer von Bremen nach Bremerhaven und zurück.

Die erste 130 Kilometer führen westwärts, vorbei an Oldenburg in Richtung Nordseeküste. Morgens zwischen 7 und 8 Uhr haben ich den Wald Hasbruch noch für mich. Das könnte schön sein, wäre da nicht die Regenwolke, die direkt über mir mitfährt. Ein schlechtes Omen? Immerhin komme ich auf den Feldern in den Genuss eines perfekten Regenbogens. Nach dem Wald die erste nervige Passage: eine nasse Sandpiste. Nachdem die Kollegin Schrade in Brandenburg durch trockenen Sand stapfen musste, komme ich hier immerhin im Sattel voran. Es bleibt nicht der letzte Sand-Sektor. Danach ein echtes Lowlight: Der Track wird zum Pfad über ein Feld, auf dem das Gras bis zu den Schultern reicht. Dankenswerterweise waren zwei Orbiter vor mir, die eine Schneise geschlagen haben. Achtung: Dahinter ist ein Stück Stacheldraht über den Weg gespannt (ca. Kilometer 110). Bei Tageslicht gut erkennbar, ich frage mich aber kurz, ob jemand etwas dagegen haben könnte, dass ich hier sein Gras umwalze. Immer wiederkehrende Gras- und Sandpassagen dämpfen die Freude insgesamt recht deutlich.
Je weiter es zur Nordsee geht, desto besser werden die Wege. Am Deich dann das große Glück: Eine Pommes zum Mitnehmen, asphaltierte Wege und ein traumhafter Rückenwind. Außerdem hat sich der Regen endlich verzogen, so dass die 40 Kilometer zur Fähre nach Bremerhaven zur Rennradtour im 35er-Schnitt werden.
Die Fähre fährt samstags alle 20 Minuten und kostet 2,60 Euro, ich muss nur kurz warten. Die Pause ist willkommen, der Blick auf die Uhr offenbart jedoch, dass es schon 15 Uhr ist. Habe ich wirklich fast 10 Stunden für 170 Kilometer gebraucht? Gebummelt habe ich eigentlich nicht.
Nach dem Mittagessen geht es gut gelaunt auf der Ostseite der Weser mit Rückenwind in Richtung Bremen. Bei Kilometer 200 ist die Stimmung gut. Dann geht es in den Wald bei Garlstedt – und nach 220 Kilometern ist mein Orbit beendet: Die Regenjacke ist auf einer Buckelpiste vom Rad gefallen und landet so unglücklich am Hinterrad, dass das Schaltwerk zerreißt. Ich bin mitten im Wald gestrandet, nach Bremen komme ich heute nicht mehr zurück. Nichts geht mehr, ich greife zu Telefon und lasse mich abholen. Auch eine Premiere für mich.

Galerie: Bilder vom Orbit 360 Bremen

Unvollständiges Fazit zum Orbit 360 Bremen

Ganz ehrlich: So richtig geil war das alles nicht. Sicher, ich hatte gute Momente, zum Beispiel an der Nordsee. Gut war es immer dann, wenn die Wege asphaltiert waren. Bin ich nicht hart genug? Es gab ein paar gute Gravelpassagen, die den Namen auch verdient hatte. Leider hatte ich das Gefühl, dass die Streckenplaner aufgrund der wenig abwechslungsreichen Landschaft versucht haben, jeden Singletrail zwischen Bremen und Bremerhaven irgendwie einzubauen. Eigentlich fahre ich auch gern mal einen Trail mit dem Graveller, aber durch hohes Gras pflügen oder durchs Unterholz schieben hat in meinen Augen wenig mit Radfahren zu tun. Mein Eindruck war, dass viele Passagen im Frühjahr bei weniger Bewuchs gescoutet wurden. Auch dass es die Tage zuvor geregnet hatte, machte die Strecke zusätzlich schwierig und brachte nebenbei jede Menge Dreck ans Rad.
Klar, wenn es mal nicht läuft, kommt auch noch Pech dazu. Ob die Jacke nicht ins Schaltwerk gefallen wäre, wenn der Trail nicht so holprig gewesen wäre? Hätte, hätte, Fahrradkette. Trotzdem bleibe ich dabei, der Bremen-Orbit ist nur etwas für diejenige, die ohnehin schon in der Nähe wohnen oder bei Orbit 360 unbedingt die Nordsee mitnehmen wollen. Meine Beziehung zu Bremen hat darunter übrigens nicht gelitten, ich komm gern wieder. Dann aber mit dem Rennrad.

Tipps zum Orbit 360 Bremen:

  • Meine Verpflegungspunkte: Innenstadt Bremen, Hude (großer Edeka am Ortsausgang, km 50), Großenmeer (Café in der Ortsmitte, km 92), Eckwarden (Restaurant an der Bake, km 133), Innenstadt Bremerhaven (km 170). Geplant waren außerdem Osterholz-Schambek (km 233) und Lilienthal (km 262)
  • Reifenwahl: G-One Allround in 40 Millimeter, damit gab es keine Probleme. Weniger als 40 Millimeter Breite empfehle ich nur bei Trockenheit. Es reicht ein Mischprofil für Straße und unbefestigte Wege
  • Anreise: Am besten mit dem Zug zum Bremer Hauptbahnhof, die Strecke führt direkt dort entlang. Mögliche Startpunkte sind ebenso Bremerhaven und Oldenburg

Galerie: Bilder vom Orbit 360 Bremen

Lennart Klocke

von Lennart Klocke

Zwei schmale Reifen, ein tiefer Lenker und eine freie Landstraße: Mehr braucht Lennart Klocke nicht zum Glücklichsein. Als BIKE BILD-Autor testet der Rennrad-Fan am liebsten neues Equipment und Fahrrad-Gadgets.