Orbit 360 Gravel-Serie

Erfahrungsbericht Orbit 360 Schleswig-Holstein – glatte Eins!

Der Orbit 360 in Schleswig-Holstein stellt mit seinen knapp 280 Kilometern Länge und 1900 Höhenmetern eine ordentliche Herausforderung dar. BIKE BILD-Redakteur Mathias Müller hat sich ihr gestellt – und einen tollen, wenngleich recht langen Tag auf dem Fahrrad erlebt.

Datum:

Tausende Strandkörbe am Strand von Travemünde. Hier führt der Track auch durch die Fußgängerzone, wo Orbiter sich sehr zügeln sollten.

Eins vorab, wenn eine rund 280 Kilometer lange Gravel-Strecke nur acht Kilometer beinhaltet, die recht langweilig an einer viel befahrenen Bundesstraße entlang führen (ein Streckenabschnitt, der mit bekannt ist, und anscheinend gibt es dort keine Alternative, die einen ohne große Umwege Richtung Norden führt), ansonsten aber die Radler immer wieder mit schönen Aussichten oder toll zu fahrenen Waldwegen und Trails verzückt, dann muss man dem Strecken-Scout ein großes Lob aussprechen. Dieses wollen wir hier machen. Christian Dietrich – das hat wirklich großen Spaß gemacht. Kompliment!
Zur Sache. Meine Reise beginnt schon morgens um 2:45 Uhr. Erfahrungsgemäß steht mir ein langer Tag bevor, und ich fahre lieber bei Dunkelheit los, als in die Nacht hinein. Außerdem liebe ich es, den heranbrechenden Tag mitzuerleben, die Ruhe ohne jeglichen Verkehr auf den Straßen, die Tiere zu sehen, die noch angstfrei auf den Feldern und Wiesen stehen, die Sonne, wie sie sich langsam orange-rot hinterm Horizont erhebt und nicht nur in mir die Lebensgeister weckt und Körper und Geist erwärmt und nährt. Bis ich den Orbit Schleswig-Holstein starte, muss ich indes noch eine halbe Stunde bis zum Gut Wulksfelde, nördlich von Hamburg radeln. Somit werde ich, wenn alles gut geht, am Ende des Tages und zuhause, 300 Kilometer geradelt sein. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Galerie: Fotos vom Orbit 360 Schleswig-Holstein

Um 3:15 Uhr drücke ich den Startknopf auf meinem Wahoo-Navigationsgerät. Los geht’s. Von der Straße links ins Feld abbiegen, dann ein paar Mal rechts, wieder links und stopp. Direkt vor mir ist der Weg durch Absperrgitter und einen großen Bagger versperrt. Kein Problem, absteigen, das Gitter öffnen, hindurchschieben, Gitter schließen, durch die Böschung auf den Radweg schieben, weiter geht die wilde Fahrt. Ein wenig spuki finde ich es schon im dunklen Wald, und der Fast-Vollmond regt meine Fantasie nicht gerade in die richtige Richtung. Nun ja, ich habe es so gewollt. Man muss an seinen Schwächen arbeiten.

Zur Quelle der Alster

Am Wilstedter See ist nicht nur aufgrund der tiefschwarzen Nacht kein Badebetrieb, auch Corona untersagt das Schwimmen im See. Um dieses zu garantieren hat man das Areal mit einem Verbotsschild und einer Absperrung versehen. Aber was soll ich machen, der Orbit-Track sagt, ich soll hier durch. Also das Fahrrad schultern rüber steigen und weiter. In der Oberalsterniederung (und danach) zeigt sich der Nachteil meiner Vorliebe für einen nächtlichen Start. In dem großen Waldgebiet biegt der Track ständig auf kleine Trails ab – an denen ich regelmäßig vorbeifahre. Das Problem: Das Navi-Gerät, gestört vom dichten Dach des Waldes, hinkt der Zeit hinterher. Eigentlich ist das kein großes Problem, weil man die Wege und Tracks sieht und das permanent mit dem Bild auf den Navi abgleichen kann. In der Dunkelheit fehlt einem indes der visuelle Abgleich, weil die Fahrradlampe, egal wie hell, nicht weit genug streut und man die Track einfach nicht erkennt. So laufe ich manches Mal 10 Minuten hin und her, drehe mein Rad, schiebe hier und dort hin, bis ich endlich den richtigen Abzweig gefunden habe. Das kostet Zeit. Jedes Mal. Und es summiert sich. Immer mehr.
Irgendwann biege ich auf eine Bundesstraße ab und das Navi-Gerät zeigt an, dass der nächste Hinweis zum Abbiegen nun knapp neun Kilometer auf sich warten lässt. Bitte?! Und mit einem Mal fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Ich bin auf dem Radweg neben der Bundesstraße 432 gelandet. Den bin ich vor Wochen auf dem Weg nach Hohwacht in den Urlaub schon mal gefahren – gähnend langweilig, aber anscheinend die einzige Möglichkeit auf diesem Streckenabschnitt vernünftig Richtung Norden zu kommen. Nun denn.Das Aushalten der Langeweile auf diesen Kilometern wird in Bad Segeberg belohnt. Kurz vor Möbel Kraft geht es scharf links ab und dann über einen wunderbaren Trail an der Trave entlang. Ja, zuerst muss ich mich um eine Absperrung winden, aber das hat uns Gravelfans ja nur selten abgehalten. So auch heute nicht. Es folgen viele schöne Waldpfade – eine tolle Strecke. Kurz vor Berlin – nein, nicht das Berlin – geht über dem Feld die Sonne auf. Wunderbar. Sieht man nur, wenn man eben nachts losfährt. Es geht dann vorbei am Seekamper See, dem Dodauer See, dem Kellersee und dem Uklaisee. Schön. Der kleine Nücheler See liegt ruhig und glatt da und spiegelt die Welt. Zwei Angler und ein älterer Spaziergänger teilen das Idyll mit mir. Hinter dem Gut Kichmühl wird der Bungsberg (noch drei Kilometer) zum ersten Mal via Hinweisschild avisiert. Der Bungsberg ist mit 167 Meter die höchste Erhebung Schleswig-Holsteins. Wow.

Schleswig-Holsteins höchster Berg

Da ich keine Ahnung habe, wie es auf dem Berg aussieht, ich aber kurz darauf in einem Wald deutlich nach oben strampeln muss, lass ich mich wenig später von meinem Navi total aus der Bahn bringen. Anscheinend ist das Signal nicht genau, und ich glaube, wieder in einem Waldstück nach unten abbiegen zu müssen, obwohl es direkt vor mir noch weiter bergauf geht. Kann das sein? Jeder Gravel- oder Bikepacking-Pilot kennt die nun folgende Situation. Zahn- fünfzehn Mal schiebe ich mein Rad in die eine und die andere Richtung, immer in der Hoffnung, dass ein Pfad mit den Linien auf dem Wahoo übereinstimmt. Allein, es will nicht gelingen. Gut 15 Minuten stolpere ich so vor mich hin, zomme ein, zoome aus, schüttle den Kopf, fluche, versteh die Welt nicht mehr. Irgendwo da unten – ich schaue einen wilden Abhang hinunter – muss der Track verlaufen. Also los, rauf auf den Sattel, dann den Hintern hoch und in Downhill-Manier durch tiefes Lauf und über vor sich hin faulende umgekippte schlanke Bäume nach unten. Und ja, da vorne ist der richtige Weg. Endlich. Wenige Meter später erschließt sich die Situation, als sich rechts vor mir der Bungsberg zeigt – mit einem großen Funkturm oben drauf. Oh Mann, wäre ich nicht einmal falsch abgebogen, hätte ich das Ding wenige Meter später mit eigenen Augen gesehen und wäre nicht durch einen Wald geirrt in der Angst, dass der Anstieg vor mir zum vermeintlichen Bungsberg führt. Pech gehabt. Dumm angestellt. So sieht es aus.

Am Taschensee könnte man eine schöne Badepause einlegen. Leider keine Zeit.

Nun denn, es geht weiter, immer weiter über echt schöne Streckenabschnitte. Nach 130 Kilometern erreiche ich Neustadt in Holstein – endlich Frühstück! Zwei Brötchen, ein Pott Kaffee, eine Stulle für die Trikottasche und ein Liter Apfelschorle für die Pullen im Fahrradrahmen, weiter geht’s. Der Taschensee liegt so ruhig da, dass ich einfach ein Foto machen muss. Und kaum sitze ich wieder im Sattel geht es hundert Meter weiter durch den „Dänischen Graben“ hindurch – wie schön ist diese Strecke, bitteschön?! Wieder ein paar Meter weiter ist am Pönitzer See die schöne Badeanstalt Klingberg wegen Corona leider verwaist. Wie schade.
Es geht Richtung Timmendorfer Strand. Genau, einer der Orte, wo halb Hamburg am Wochenende zuhause ist. Verstehe ich nicht ganz, so toll sieht das hier nicht aus. Stark ist indes der folgende Rad- und Wanderweg entlang der Steilküste. (Tipp: Diesen wohl besser nicht am Wochenende fahren!) Am Hemmelsdorfer See lasse ich es mir nicht nehmen, den hölzernen Aussichtsturm zu erklimmen. Dort oben genieße ich den Hermann-Löns-Blick bis nach Lübeck – ach wäre ich schon dort. Bis dahin benötige ich indes noch drei Stunden. Immerhin, von der Fußgängerzone in Travemünde abgesehen, bleibt die Strecke toll.

Lübeck: Stadt des Marzipans

Ich kann einfach nicht durch Lübeck radeln, ohne mit auf eine Stunde mit meinem Freund auf eine Tasse Kaffee und zwei Stück Kuchen zu treffen. So viel Zeit muss sein. Um 16 Uhr fahre ich dann weiter. Lieder setzt kurz darauf der Regen ein. Einmal mehr beglückwünsche ich mich dazu, lieber ein wenig mehr Ausrüstung als zu wenig eingepackt zu haben. Also raus mit den Regenklamotten und durch die Nässe. Nach mittlerweile gut 200 Kilometer lässt man sich von so was nicht mehr aufhalten. Sicher nicht.

Lübeck, die Marzipan-Stadt. Hier ist überall was los. Wer sich verpflegen möchte, findet ein großes Angebot an Restaurants, Imbiss-Buden und Cafés.

Hinter Bad Oldeslohe wartet mit dem Brenner Moor ein weiteres, mir noch nicht bekanntes Streckenhighlight. Ein Holzweg führt gut einen Kilometer lang durch hohes Schilf. Das sieht klasse aus. Leider muss ich sehr vorsichtig fahren, denn zum einen ist der Holzsteg wegen des Regens irre glatt, zum anderen habe ich ein Brötchen in der einen Hand. Keine optimale Mischung, aber als mich der Hunger packte hatte mir ja auch niemand gesagt, dass hinter der nächsten Abbiegung dieser Streckenabschnitt wartet.
Als es kurz darauf dunkler wird, möchte ich gern mein Licht auf dem Aero-Lenker befestigen. Aber leider hat sich die Schraube der Lampe wohl in der Satteltasche losgerappelt und ist dann beim Umpacken irgendwo verloren gegangen. Mist. Um sicher zu gehen, räume ich einmal die gesamte Tasche aus und wieder ein – im Dauerregen auf Waldboden. Es könnte besser laufen. Egal. Ich habe Kabelbinder und Gummi-Strapse dabei, das reicht, um die Lampe bombensicher zu positionieren. Bald darauf kommt der Klingberg bei Sülfeld in Sicht – gefühlt schon heimisches Terrain, und um kurz vor 20 Uhr komme ich an meinem Startpunkt am Gut Wulksfelde bei Duvenstedt an, wo sich jetzt und auf den darauf folgenden knapp zehn Kilometern ein Unwetter über mich ergießt. Das stört indes keinen mehr, wenn man über 280 Kilometer tolle Gravel-Strecke mit dem Rad geschafft hat. Die tiefe Zufriedenheit über diesen Tag wäscht kein noch so starker Regen hinweg. Was folgt?: Bad. Bier. Pasta. Schlafen.

Tipps & Tricks zum Orbit 360 Schleswig-Holstein

Material
Die meisten Orbiter werden für diese Strecke ein Gravelbike mit 40 Millimeter breiten Reifen gewählt haben. Wir indes waren auf 56er Puschen unterwegs – und haben uns über jeden Millimeter Breite, Höhe und Komfort gefreut. Gerade in den Wäldern rund um Henstedt-Ulzburg gibt es sehr schmale und wurzelige Trails, wo breite Reifen enorm helfen können. Auch auf allen anderen Waldwegen und -trails entlang des Kurses geben breite Reifen ein hohes (höheres) Maß an Sicherheit.
Verpflegung
Aufgrund unseres nächtliches Starts im Norden von Hamburg war die Verpflegung durch Geschäfte oder Tankstellen bis Neustadt quasi nicht gegeben, wenn man nicht den Track verlassen möchte. Ab Neustadt gibt es dann eigentlich kein Problem mehr.
Starpunkt
Für Hamburger (oder Leute, die via Hamburg anreisen) ist Duvenstedt der perfekte Startort. Ebenso gut aber lässt sich auch Lübeck mit dem Zug erreichen. Wer mit dem Auto unterwegs ist, beziehungsweise im Norden Urlaub macht, der kann aber genauso gut an einem der Touristen-Orte Timmendorfer Strand, Travemünde, Neustadt oder Lübeck einsteigen.
Empfehlung
Wie schon bei anderen Orbits 360 zuvor sehen wir das Erlebte als zweischneidiges Schwert. Natürlich ist es unheimlich befriedigend, wenn man eine solche Strecke in einem Rutsch fährt und letztlich geschafft hat. Die Strecke hat uns indes – ähnlich wie Mecklenburg-Vorpommern (Rügen) so gut gefallen, dass es auch ein wenig schade ist, wenn man hier an einem Tag rüber rauscht, ohne sich Zeit zu nehmen, die schönen Dinge am Wegesrand ausreichend wertzuschätzen. Der ein oder andere Badestopp zum Beispiel wäre durchaus lohnenswert, ebenso wie ein Rundgang (oder eine Rundfahrt) durch Lübeck oder aber ein Stopp an der Steilküste bei Timmendorfer Strand mit einem Erfrischungsgetränk in der Hand und einem beruhigenden Blick aufs Meer. Nun, beides ist möglich, entscheiden muss jeder Orbiter selbst.

Galerie: Fotos vom Orbit 360 Schleswig-Holstein