Fahrradabenteuer in Schottland

Routen, Tipps, Erfahrungen: Radreisen in Schottland

Während Schottland bei Wanderern ein beliebtes Ziel ist, fristet es bei Radreisenden noch immer ein Nischendasein. Zu Unrecht, denn Schottland verfügt über landschaftlich wunderschöne, abenteuerliche Wege, die sich bestens zum Bikepacking eignen, aber auch Routen, auf denen sich Trekkingbike-Fahrer*innen besonders wohl fühlen. Unsere Redakteurin war vor Ort und berichtet von ihren Erlebnissen.

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Ein schöner Platz fürs Zelt, direkt am Highland Trail 550 im Fisherfield Forest

Tränen steigen mir in die Augen. Ich weine, lache und staune – ein echtes Gefühlschaos. Ich möchte in die Welt schreien, dass dies der schönste Ort der Welt ist, doch wenn ich es täte, würde mich niemand hören. Hier draußen, im Fisherfield Forest, einer der einsamsten Gegenden Schottlands, ist niemand außer mir, die nächste Siedlung befindet sich viele Kilometer entfernt. Mein einziger Begleiter: ein schwer bepacktes Gravelbike. Das wuchte ich in diesem Moment einen Berg hinauf, auf einem kleinen Pfad, der so steil und felsig ist, dass ihn die meisten Menschen wohl nicht einmal bergab fahren könnten. Ich schwitze und keuche, doch die Euphorie lässt mich all die Anstrengung vergessen. Natürlich wusste ich, dass Schottland hübsche Landschaften hat, doch die beiden Wochen, die ich in Schottland unterwegs war, haben all meine Erwartungen bei weitem übertroffen.

Kurz zuvor war ich noch unten am See, nun schleppe ich bei Sonnenuntergang mein Fahrrad den Berg hinauf. Mir bietet sich ein Ausblick, der schöner kaum sein könnte.

Warum sich Schottland gut zum Radreisen eignet

Einsame, menschenleere Sandstrände zwischen den Felsen. Raue Klippen, an denen die Brandung tönt. Hohe Berge mit weitläufigen Ausblicken. Friedliche Wälder, durch die sich schöne Schotterstraßen winden und weitläufige Hügel, auf denen sich unzählige Schafe tummeln. Schottlands Landschaft ist wunderschön. Wer übers Land fährt, der bekommt viele geschichtsträchtige Dörfer zu sehen – und die Großstädte locken mit zahlreichen Touristenattraktionen. In Edinburgh beispielsweise lohnt sich die Besichtigung des berühmten Edinburgh Castles oder dem Arthur´s Seat, einem vulkanischen Berg, von dem man über die ganze Stadt blicken kann.
Schottland ist dünn besiedelt. Hier leben nur 68 Einwohner pro Quadratkilometer, in Deutschland sind das mehr als dreimal so viele. Dementsprechend viel Freiraum hat die Natur. Ein dichtes Netz an Schotterpisten und Trails durchspannt das Land – ein echter Traum für Mountainbiker*innen und Bikepacker*innen auf breiten Reifen. Doch selbst für diejenigen, die mit dem Trekkingbike oder Rennrad unterwegs sind, gibt es hier geeignete Strecken für unvergessliche Naturerlebnisse.

Das Camasunary Bothy auf der Insel Skye

Wildcamping und Bothies

In Schottland ist das wilde Campen gesetzlich erlaubt, sofern der Platz sauber hinterlassen wird. Das ermöglicht Radreisenden, das Zelt an den schönsten Orten aufzustellen – also auch am einsamen Traumstrand oder auf einem imposanten Berggipfel. Freiheit pur! Zusätzlich stehen natürlich vor allem entlang der beliebten Routen viele Campingplätze und Hotels zur Verfügung, die uns Radreisenden die lang ersehnte, warme Dusche verschaffen.
Eine weitere spannende Möglichkeit, auf der Radreise ein Dach überm Kopf zu haben, sind Bothies, einfache, abgelegene Hütten, die vor vielen Jahrzehnten verlassen und von Abenteurern wieder hergerichtet wurden. Deren Inneneinrichtung ist sehr spartanisch. Ein Tisch, ein Stuhl und ein Platz, um Isomatten auszubreiten, viel mehr ist oft nicht vorhanden. Viele Bothies haben sogar eine Feuerstelle, um sich im nasskalten Wetter wieder aufwärmen zu können. Die kleinen Hütten sind außerdem eine hervorragende Möglichkeit, der Einsamkeit zu entfliehen und einen schönen Abend mit gleichgesinnten Abenteurern zu verbringen. Oft wurde ich dort zum Essen eingeladen oder mir wurde ein Bier in die Hand gedrückt. Teilweise bieten die Hütten nur Platz für zwei Personen, manche hingegen sind sehr geräumig. Bei kleinen Bothies sollte man deshalb damit rechnen, dass diese bei Ankunft bereits vollbelegt sind. Reservierungen sind nicht möglich. Finanziert werden die Bothies durch Spenden. Weitere Informationen finden Sie hier.

Für wen sich Schottland nicht eignet

In Schottland regnet es oft, somit ist gute Regenbekleidung Pflicht. Wer sich von etwas Regen abschrecken lässt, der sollte dieses Land lieber meiden. Dennoch gilt selbst in Schottland: Auf Regen folgt irgendwann Sonnenschein. Kleiner Vergleich: Edinburgh hat etwa genauso viele Regentage wie Hamburg. Dennoch ist es hier durchschnittlich etwas kälter als in der deutschen Großstadt. In den schottischen Bergen hingegen sollte man mit deutlich niedrigeren Temperaturen rechnen. Hinzu kommt der oftmals kräftige, kalte Wind. Warme Kleidung ist somit ein echtes Muss.
Die einen lieben sie, die anderen hassen sie: Hügel! Schottland ist sehr hügelig, selbst direkt an der Küste. Daraus resultieren zwar unglaublich tolle Aussichtspunkte, doch wer Steigungen hasst, wird diese schönen Orte kaum genießen können.

Reisezeit

Die besten Reisezeiten sind Mai und September. Im Sommer treiben nämlich die Midges, kleine Stechmücken, ihr Unwesen. Diese lästigen Tierchen fliegen in großen Schwärmen und machen die Reise schnell zur Qual. Wer dennoch zu dieser Zeit unterwegs sein möchte, der sollte unbedingt ein Mückennetz für den Kopf dabeihaben. Ich habe Anfang Mai keine Midges angetroffen – zum Glück!

Galerie: Fotos von der Radreise durch Schottland

Radreise-Routen in Schottland

Meine Reiseroute habe ich mithilfe des Routenplaners Komoot selbst zusammengestellt. Sie enthielt Abschnitte des West Highland Ways, des Caledonia Ways, des Highland Trail 550, des Scotland Trails und des Great North Trails. Zum Nachfahren würde ich die Route jedoch nicht empfehlen, da viele anstrengende Schiebepassagen enthalten sind.
Diese drei offiziellen Routen sind sicherlich eine Reise wert:
  • The Great North Trail: Der Great North Trail führt über zumeist unbefestigte Wege vom Peak District in England bis an die nördlichsten Punkte Schottlands. Hier finden Sie die ausführliche Broschüre.
  • The Hebridean Way: Auf fast 300 Kilometer über die Äußeren Hebriden, einer Inselkette im Westen Schottlands mit wunderhübschen Stränden. Hier gibt es sogar Fahrrad-Verleihstationen. Die Route ist für Trekking-Bikes gut geeignet. Detaillierte Informationen sind hier zu finden.
  • The Caledonia Way: Er führt auf 377 Kilometer Länge von Inverness nach Campbeltown, entlang des Kaledonischen Kanals und des berühmten Sees Loch Ness. Gut für Trekkingbike-Fahrer*innen geeignet. Weitere Informationen finden Sie hier.
Weitere spannende Routen finden Sie zudem auf www.bikepackingscotland.com.

Anreise

Am schnellsten gelangt man natürlich mit dem Flugzeug nach Schottland. Die Flughäfen in Edinburgh und Glasgow werden von zahlreichen Linien angeflogen. Für die Mitnahme im Flugzeug muss das Fahrrad verpackt und als Sperrgepäck aufgegeben werden. Die Kosten dafür belaufen sich meist auf 50 bis 60 Euro pro Flug. Da auf den Flughäfen mit dem Gepäck selten sorgsam umgegangen wird, besteht jedoch stets die Gefahr, dass das Fahrrad Beschädigungen erleidet.
Eine gute Alternative stellt deshalb die Fähre von Amsterdam nach Newcastle dar. Von Newcastle aus fährt anschließend ein Zug direkt nach Edinburgh – in nur 1,5 Stunden. Alternativ besteht natürlich auch die Möglichkeit, direkt im hübschen Nordengland mit der Radreise zu starten. Folgt man dem Fluss Tyne, so gelangt man direkt an die Route des Great North Trails. Eine andere Möglichkeit wäre, der Küste und somit dem nationalen Fernradweg Nummer Eins zu folgen. Hier können Radreisende viele urige Burgen, raue Klippen und schicke Strände bestaunen.
In Großbritannien nehmen die Züge Fahrräder mit, doch sollte man die Plätze besser vorher reservieren, da die Mitnahme ansonsten nicht garantiert werden kann.

Galerie: Fotos von der Radreise durch Schottland

Svenja Schrade

von Svenja Schrade

BIKE-BILD-Redakteurin Svenja Schrade ist begeisterte Radfahrerin und Bikepackerin – meistens unterwegs auf dem Gravelbike. Sie fühlt sich aber auf fast allen Zweirädern wohl.