Bikepacking-Rennen

Transcontinental Race: Fiona Kolbinger im Interview

Fiona Kolbinger gewann das Transcontinental Race – ohne Rennerfahrung und als erste Frau. Mehr als 4.000 Kilometer legte sie dabei zurück, in knapp über zehn Tagen, ganz ohne Support. Wir haben ihr ein paar Fragen gestellt.

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Fiona Kolbinger in der Bretagne, in Führung liegend und kurz vor dem Ziel

Das Transcontinental Race ist eines der härtesten Radrennen Europas. 259 Teilnehmer standen am 27.7.2019 in Burgas am Schwarzen Meer am Start, doch nur 159 von ihnen erreichten das Ziel in Brest. Auf dem Weg dorthin mussten zahlreiche Pässe, teilweise auf Gravel, bezwungen werden. Die Teilnehmer sind dabei komplett auf sich selbst gestellt. Private Hilfe ist verboten, Essen muss unterwegs selbst eingekauft werden, geschlafen wird draußen oder in spontan gebuchten Hotels. Die Zeit bleibt während des Rennens niemals stehen. Deshalb bedeutet jede kleine Pause Zeitverlust. Meisterin des effizienten Fahrens war dieses Jahr Fiona Kolbinger, die das Rennen für sich entscheiden konnte und mehr als zehn Stunden vor dem ersten Mann, Ben Davies, am Zielort ankam. Für die insgesamt 4.125 Kilometer lange Strecke benötigte sie lediglich zehn Tage, zwei Stunden und 48 Minuten. Die 24-jährige Fiona Kolbinger hat kürzlich ihr Medizinstudium abgeschlossen und arbeitet seit September als Ärztin in Dresden.

Fiona Kolbinger fährt auf dem Canyon Endurace mit Auflieger zum Sieg.

Hallo Fiona, mit welchen Zielen bist du beim Transcontinental Race gestartet?
Ich wollte schnell sein, aber ich habe mir keine bestimmte Zeit, Kilometerzahl oder Platzierung vorgenommen. Das war vollkommen überraschend, dass das Rennen letztendlich so gelaufen ist.
Das war dann wohl für alle überraschend. Die meisten Teilnehmer nehmen sich ja schon eine gewisse Kilometerzahl vor. Du also nicht?
Ich wusste schon, dass ich um die 350 Kilometer am Tag fahren will. Das sind letztendlich noch einmal 60 oder 70 Kilometer mehr geworden, aber das sind so Sachen, die am Ende Tage ausmachen.
Was sind deine sportlichen Hintergründe?
Ich war immer schon sportlich, als Kind bin ich geschwommen bis ich zehn Jahre alt war, danach Fechten und Turnen. Was ich aber immer gemacht habe, war das Laufen. An ein paar Halbmarathons und Marathons habe ich schon teilgenommen. 2014 habe ich mir ein Tourenrad gekauft und bin auf die Weise von Heidelberg nach Stockholm gefahren, 2015 eine Tour durch Großbritannien, von Land's End nach John O'Groats.
Danach hat mich eine Freundin angesprochen, ob ich nicht Triathlon machen möchte. Im Zuge dessen habe ich ein altes, billiges, zwölf Kilogramm schweres Alu-Rennrad gekauft. Beim Triathlon stellte ich dann fest, dass das Rennradfahren meine stärkste Disziplin ist. Auch in der Freizeit bin ich viel gefahren, die Strecken wurden immer länger.
Wie gut warst du beim Triathlon?
Ich habe bei Ligawettkämpfen mitgemacht, ich war nicht schlecht, aber für Platzierungen hat es nie gereicht.
Wie hast du für das Rennen trainiert?
Auf jeden Fall überhaupt nicht strukturiert. Ich hatte keinen Trainingsplan. Glücklicherweise gibt es in Dresden eine gute Langstreckenszene. Da habe ich mich dann einfach bei deren Trainingsfahrten angeschlossen.
Hast du neben dem Radfahren einen Ausgleichssport gemacht?
Ich bin Laufen gegangen, vor allem im März, April und Mai. Aus Zeitgründen, ohne Hintergedanken fürs TCR, eher weil ich mich bewegen wollte. Sonst nichts.
Auch kein Stabilisationstraining?
Nein. Nur Dehnen nach dem Laufen.
Hattest du während des Rennens Schmerzen?
Nein, mir ging es wirklich ziemlich gut. Ich habe möglichst viel versucht, im Auflieger fahren, damit ich mir die Hände nicht komplett zerstöre. Ich arbeite in der Chirurgie. Ich meine, das wäre ziemlich doof, denen am ersten Tag zu erklären, dass ich erst Weihnachten wieder Gefühl in den Händen habe. Mit den Händen hatte ich also zum Glück keine Probleme, aber taube Zehen. Außerdem würde ich lügen, wenn ich sage, dass mein Hintern nicht weh getan hätte. Aber da hilft eincremen und Zähne zusammenbeißen. Ich hatte aber keine offenen Stellen oder so.
Warum hast du dich für dein erstes Radrennen ausgerechnet fürs Transcontinental Race entschieden?
Ich habe das Rennen schon zwei Jahre lang verfolgt und finde die Veranstaltung unheimlich sympathisch. Die Checkpoints sind unheimlich spannend, auf die würde ich niemals selbst kommen, zum Beispiel Pässe in Bulgarien und Serbien. Das ist etwas, was dem durchschnittlichen Mitteleuropäer fern liegt. Das hatte mich angezogen. Ich habe aber auch gar nicht nach Alternativen gesucht. Jetzt kommen einige Leute auf mich zu, um mich zu überreden, woanders mitzufahren. Das TCR find ich aber immer noch mit eines der Schönsten, eine gut organisierte, familiäre Veranstaltung.
Möchtest du den Titel nächstes Jahr verteidigen?
Ich denke, ich werd nächstes Jahr wieder mitfahren. Den Titel zu verteidigen ist ein sehr hoher Anspruch. Jeder, der schon einmal mitgefahren ist, weiß, dass da sehr viel Glück dazugehört, dass auf der langen Strecke keine größeren Probleme auftreten.
Wie sieht das mit der Teilnahme an anderen Rennen aus?
Ich habe noch nichts Konkretes geplant.
Was denkst du, hat dich schneller als deine Konkurrenten gemacht?
Dass ich weniger Pausen mache oder effizient bei den Pausen bin. Es hat mir enorm viel Zeit gebracht, dass ich mich während des gesamten Rennens nur zweimal zum Essen hingesetzt habe. Ich habe etwas gekauft, in die Trikottaschen gesteckt und auf dem Rad vertilgt. Dazu natürlich der wenige Schlaf von nur drei oder vier Stunden pro Nacht.
Was hast du gegessen? Irgendwelche Geheimtipps?
Das, was gut runtergeht und viele Kalorien enthält. Viele Teilnehmer, auch ich, entscheiden sich oft für Schokolade und Gummibärchen. Das meiste Essen habe ich wegen der größeren Auswahl in Supermärkten und nicht in Tankstellen gekauft, auch um etwas frisches wie Bananen zu bekommen. Ansonsten habe ich viele kalorienhaltige Getränke wie Cola, Kakao, oder Kefir-Joghurt-Drinks getrunken. Besonders den Kefir finde ich total erfrischend. An dem einen Tag in Kroatien habe ich drei Liter davon vertilgt. Man muss herausfinden, was man verträgt, aber mein Magen ist zum Glück sehr resistent.
Kannst du den Kefir noch essen?
Ja, doch.
Gibt es irgendetwas, das du dir seit dem Rennen verdorben hast?
Ja, Snickers sind nun etwas schwierig. An den ersten zwei Tagen habe ich etwa 40 bis 50 von denen gegessen. Das Transcontinental Race ist eigentlich kein Fahrradrennen, sondern ein Esswettbewerb mit Fahrradfahren mittendrin, hat mal jemand gesagt. Und das stimmt. Ich hätte das mal fotografieren sollen, was ich alles gegessen habe. Einmal habe ich mir morgens richtig Sodbrennen geschossen. Erst eine Packung Pringels, danach Snickers und das mit einem Liter Sprite abgelöscht. Den Auflieger konnte vier Stunden lang vergessen.
Was für ein Fahrrad bist du gefahren?
Ein Canyon Endurace CF SL mit elektronischer Schaltung und Scheibenbremsen. Am Lenker habe ich einen Auflieger montiert, mit Schaltknöpfen. Außerdem hatte ich einen Nabendynamo, ein E-Werk und einen Pufferakku mit USB-Buchse, um unterwegs Geräte laden zu können.
Mit welcher Übersetzung bist du gefahren?
Vorne 50-34 und hinten 11-34.
Hast du Gänge vermisst?
Eigentlich nicht.
Wie schwer war das Rad?
Das weiß ich nicht, ich habe es leider nicht gewogen.
Womit hast du navigiert?
Mit einem Garmin Etrex. Den kann ich mit Doppel AA-Batterien und per USB betreiben.
Wonach hast du die Route geplant? Hauptsache schnell oder eher sichere Routen?
Der Fokus lag auf einer schnellen Strecke. Die Straßenwarnungen der Organisation habe ich natürlich beachtet.
Hattest du blöde Strecken dabei?
Ich bin aus Versehen in Frankreich auf eine große Straße geraten, die bestimmt nicht legal war. Und in Serbien bin ich eine Ringstraße um eine Stadt gefahren, auf der ich innerhalb von einer viertel Stunde fast zehnmal richtig knapp überholt worden bin. Das war gefährlich.
Ansonsten war ich sehr zufrieden mit meiner Route.
Am vierten Checkpoint konntest du ja sogar noch entspannt Klavier spielen. Wie hast du deinen klaren Kopf behalten?
Ich kann dir nicht sagen, wie ich einen kühlen Kopf behalten habe. Ich kenn das eigentlich auch nicht, dass mein Kopf nachlässt.
Hat sich dann auch der wenige Schlaf kaum bemerkbar gemacht?
Der hat sich schon bemerkbar gemacht, aber ich war immer so ausgeschlafen, dass ich keinen Sekundenschlaf hatte. Mir war wichtig, dass ich sicher unterwegs bin. Ich habe mich immer gleich schlafen gelegt, wenn ich zu müde geworden bin.
Hast du dann auch immer gleich einen Schlafplatz gefunden?
Ja, das ging meistens recht schnell. Zehn bis 15 Minuten habe ich gebraucht.
Wo und wie hast du geschlafen?
Von den zehn Nächten habe ich acht draußen und zwei im Hotel verbracht. Meistens habe ich also einfach Schlafsack ausgerollt.
Und wie bist du dann in den Schlafsack? So wie du warst?
Ja, ich habe mich mit Feuchttüchern sauber gemacht, Zähne geputzt und dann geschlafen. Auf Gras oder hartem Untergrund.
Also hast du auf eine Matte verzichtet?
Ja, genau.
Was war der beste Ort, an dem du geschlafen hast?
Das war eine Hollywoodschaukel in einem Hotelgarten in Meran um ein Uhr morgens. Im Hotel war niemand mehr. Dann habe ich mich einfach dort hingelegt. Das war ein richtig guter Ort, an dem ich mega gut geschlafen habe. Morgens bin ich allerdings vom Rascheln der Tüte des Brötchen-Lieferants geweckt worden und anschließend aufgestanden und weitergefahren.
Und der schlechteste Ort?
Da habe ich nicht wirklich etwas gefunden und mich vor ein Wohnhaus gelegt. Da war es schon ein Uhr morgens, an einem Samstagabend. Da kommt keiner mehr, dachte ich. Eine Stunde später kam dann plötzlich eine total schick angezogene Frau, die wohl feiern war. Sie war total schockiert, eine junge Frau vor ihrem Haus schlafen zu sehen. Dann habe ich versucht, ihr das zu erklären. Sie sprach leider kein Englisch und ich spreche nur ein bisschen Französisch. Sie war, glaube ich, kurz davor Polizei und Krankenwagen zu rufen. Aber irgendwann hat sie das dann verstanden und wollte mir sogar noch essen geben, was ich aber laut Regelwerk nicht annehmen durfte.
Was lief auf deiner Tour schief? Irgendwelche blöden Missgeschicke?
Ich bin in die Grenzschranke zwischen Bulgarien und Serbien gefahren. Da stand ein anderer Fahrer rechts und dann habe ich die Grenzschranke übersehen und bin voll hineingerauscht. Das Hauptproblem war, dass ich die Schranke verbogen und somit serbisches Staatseigentum beschädigt hatte. Mein Perso wurde daraufhin beschlagnahmt und die Serben wussten nicht, was sie machen sollen. Letztendlich kamen drei starke Männer, die die Schranke wieder gradegebogen haben.
Wie viele Platten hattest du?
Nur zwei, beide auf dem Gravel-Berg vorm zweiten Checkpoint.
Hattest du Probleme mit streunenden Hunden?
Probleme wäre zu viel gesagt. Die sind natürlich unangenehm. Vor allem in Serbien und Bulgarien. Meistens hat sich das durch einen kleinen Sprint gelöst.
Wach hat dich das bestimmt gehalten, oder?
Ja, man wird gut wach. In der ersten Nacht hat mich einer nach zwei Stunden Schlaf geweckt, den habe ich dann weggeschrieen. Das war keine so angenehme Erfahrung.
Wenn du auf dem Rad sitzt, hast du irgendwas gemacht wie zum Beispiel Musikhören?
Musik habe ich keine gehört, vielleicht an drei Tagen mal einen Podcast. Die meiste Zeit habe ich für mich verbracht.
Konntest du das gut oder hast du dir Ablenkung gewünscht?
Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich mich nie gelangweilt hätte, aber ich konnte mich ganz gut beschäftigen.
Hast du während des Rennens verfolgt, auf welcher Platzierung du warst?
An den ersten Tagen überhaupt nicht. Ab der Mitte Serbiens habe ich angefangen, das zu verfolgen.
Wann hast du gedacht, dass du das Rennen gewinnen kannst?
Ich glaube, das war in Österreich.
Hast du irgendwelche Tipps für diejenigen, die über eine zukünftige Teilnahme am Transcontinental Race nachdenken?
Einfach machen. Natürlich muss man sich Gedanken machen, aber ich glaube, dass man sich da zu viel Stress macht. Das Rennen ist so eine tolle Erfahrung. Außerdem lohnt es sich, mit jemandem zu sprechen, der Erfahrung hat. Das nimmt einem auch die Angst und den Respekt.
Liebe Fiona, vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast. Wir wünschen dir viel Erfolg bei weiteren Bikepacking-Rennen.
Für alle Interessierten Leser haben wir eine Liste mit Bikepacking-Veranstaltungen erstellt.

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Svenja Schrade

von Svenja Schrade

BIKE-BILD-Redakteurin Svenja Schrade ist begeisterte Radfahrerin und Bikepackerin – meistens unterwegs auf dem Gravelbike. Fühlt sich aber auf fast allen Zweirädern wohl.