Den Bach runter

Elberadweg: Eine Woche den Fluss entlang

Sie wollten es schon lange. Eine Woche mit dem Rad die Elbe lang. Doch die zwei Freunde hatten sich einer der heißesten Sommer ausgesucht, den es bisher in Deutschland gab. Da machte unterwegs sogar der Fluss schlapp.

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Heiß, einsam, ausgelaugt, fast steht die Welt still. Das Ufer staubtrocken, die Gräser von der Sonne verbrannt.

Okay, es ist Sommer, da darf es mal heiß sein. Aber das hier? Die gelben Gräser dörren träge in der Sonne, ein leiser Föhn wiegt sie im Wind, und da vorn plätschert ein Fluss, der die Elbe sein soll. Ein paar Kühe trinken gierig aus ihrem Wasser, ich denke nur, hoffentlich ist ihr Durst nicht zu groß. Sonst ist gleich kein Fluss mehr da.
Die Elbe geht gerade den Bach runter, so viel steht fest. Fast tut sie uns leid.
Auf dem Weg hierher hörten wir im Zug, dass man sie an vielen Stellen durchlaufen kann. Gestern wurden leichtsinnige Kinder herausgefischt. Wir schieben unsere Räder über die Gleise und bleiben hinterm Bahnhof in der Hitze stehen. Was da aus dem Riesengebirge über die tschechische Grenze gurgelt, ist ein schlechter Witz. Die Elbe. Unsere Freundin für eine Woche, neben der wir uns einfach treiben lassen wollen. Sie wirkt traurig, leer, irgendwie fertig. Wenn das nur gut geht.
Sie schlängelt sich durch eine staubige, verbrannte Welt. Frank schüttelt den Kopf, in seiner Kamera spiegelt sich das ganze Drama wider. Unfassbar, sagt er. Aus der Pfütze kann doch in sechs Tagen niemals dieser stolze, breite Wichtigtuer werden, auf dem riesige Pötte von Hamburg aus in die Nordsee stechen.

Träges Plätschern in der Hitze. Kühe trinken aus der warmen Brühe, weiter unten sollen schon Kinder durch die Elbe gelaufen sein.

Wir werden sehen. Sind ja erst am Anfang, in Bad Schandau. Jetzt nur raus aus den Klamotten, im Zug war es stickig und heiß, also kurz hinter den Busch, das kleine Schwarze an, Helm auf und weg.
In drei Stunden wollen wir in Dresden sein. Wir freuen uns, endlich frei, endlich kein Mief mehr wie im Abteil, und treten wie die Irren in die Pedalen. Hinten schlackern die Rucksäcke, wir sind ja echte Kerle, und echte Kerle mögen keine Taschen an ihren alten, treuen Schätzchen haben; und was soll’s, an die blöden Blicke der anderen Radfahrer werden wir uns auch noch gewöhnen.
Aber irgendwas stimmt nicht. Sie machen so komische Zeichen, wenn sie uns entgegenkommen. Nicht dass es der gestreckte Mittelfinger wäre, aber da, ich glaube, einer hat ihn doch zur Stirn geführt. Oder stehe ich gerade total auf dem Schlauch? Und wieso, verdammt noch mal, kommen uns eigentlich alle entgegen?
Das Lächeln am Abend klärt uns auf. Es gehört einer Dame, wie man sich Damen in einer kleinen Pension eben so vorstellt. Klein, sanft, aber sehr entschlossen, sie hat sicher schon in viele Gesichter müder Radfahrer gesehen. Sie sagt nur, ihr fahrt falsch herum, ein Satz, hart, kurz, sie schmeißt ihn uns so liebenswürdig vor die kurzen Hosen, dass wir wie zwei Deppen dastehen.

Nach oben buckeln, nach unten treten. Auf dem Deich kennt der Wind keine Gnade, er spielt mit uns, wie er will.

Rückenwind kann so wunderbar sein

Na toll, hätten wir ja auch selbst drauf kommen können. Wir gucken uns an, grinsen verlegen und denken, kann doch nicht so schwer sein. Wenn der Wind wie so oft aus Nordwesten bläst, sollte man wirklich nicht unbedingt in dieselbe Richtung fahren. Wir bleiben stark und wollen trotzdem Freunde bleiben. Wie wunderbar so ein Rückenwind sein kann, erleben wir nur, als wir uns verfahren und ein Stück zurückmüssen. Wir nehmen es sportlich. Wie auch sonst?
In Meißen gibt’s einen Fummel. Wir stellen unsere Räder vorm Café Zieger in der Altstadt ab, nur dort wird dieses Nichts aus Teig hergestellt. Er sieht aus wie ein Ball, ist spröde und hohl und schmeckt auch so.
Nichts als heiße Luft, er passt zum Wetter. August der Starke soll es auf die Nerven gegangen sein, dass seine Kuriere sich zu häufig mit Wein volllaufen ließen, wenn sie das Porzellan in der Kutsche nach Dresden bringen sollten. Das kostbare Zeug kam in ihrem Suff selten in fürstlichem Zustand an. Daher mussten sie zuerst die zerbrechlichen Fummel bei sich tragen und sie bei der Ankunft unversehrt vorzeigen, bevor sie wieder ans teure Tongut durften.
So weit die Geschichte, sie steht auf einem Zettel und ist im Preis mit drin.
Wir lassen uns weiter treiben. An einer Elbe, die immer flacher wird. Einige Fähren haben den Verkehr eingestellt, über holpriges K-k-k-k-kopfsteinplaster geht es durch winzige Dörfer, in der die Zeit stehen geblieben ist. An fast jeder Ecke weht noch der Geist des Sozialismus, alte Traktoren rosten auf den Feldern vor sich hin. Würden nicht Schilder von Westmarken über den Kaufhäusern prangen und statt Trabbis japanische Autos über die, na ja, Straßen rattern, könntest du meinen, die Wende ist noch ganz weit weg. Frank ist begeistert von diesem trostlosen Reiz und zückt ständig seine Kamera. Trotzdem schaffen wir heute 120 Kilometer.

An jeder Ecke weht der Geist des Sozialismus, die Städte besitzen einen trostlosen Charme.

In Mühlberg müssen wir hungern. Geschlossene Gesellschaft steht auf dem Schild am Zaun unserer selbstgefälligen Absteige, ich gucke rein und zähle sieben laute Leute, die sich an einem Tisch mit Plastikblumen genüsslich ihre Teller füllen. Für uns aber ist die Küche aus. „Nee, Jungs, geht nicht!“, ruft eine wohlgenährte Frau, wir kauen gelangweilt auf den muffigen, hitzegeplagten Energieriegeln herum, bevor uns nur die Fingernägel bleiben.
Draußen im Garten steht ein schiefes Partyzelt mit einem riesigen Fernseher, der auf Holzpaletten steht. Es ist Weltmeisterschaft, wir wollen Russland gegen Kroatien sehen. Doch weil das Bier um neun aus sein soll, stellen wir uns gleich jeder vier große Pötte auf den Tisch, die bis zum Elfmeterschießen reichen müssen. Später besorgen wir uns noch auf einem Burgfest in der Nähe eine warme Plörre aus Wodka und Sprite. Muss reichen. Die Küche dort ist leider aus.

Abends gibt’s in Mühlberg ein Burgfest. Leider ist wie so oft die Küche aus.

Hintern quietscht, Wunden zucken

Am nächsten Tag wollen wir nach Wittenberg. In der Nacht bin ich schlaftrunken gegen das Bett geknallt, als ich mal für kleine Journalisten musste. Ein schwarzer Fleck ziert jetzt meinen Oberschenkel, er wird nicht der letzte bleiben.
Auf dem Weg in die Lutherstadt besuchen wir in Weßnig die einzige deutsche Radfahrerkirche; wir sollen kleine Kiesel in eine Holzkiste legen, damit uns der Segen von ganz oben ereilt. Wir legen – andächtig, behutsam, und dann wieder den Gang ein. Die Elbe wartet.
Es dauert ein wenig, bis wir sie erreichen. Große, spitze Steine lungern in ihrem Bett herum, der Fluss sieht in der Mittagshitze noch viel erschöpfter aus. Wir fahren im strammen Gegenwind durch Maucken, wer kennt es nicht, und klopfen drei Stunden später gegen die berühmte Kirchentür, an die Martin Luther seine Thesen genagelt hat. Schräg gegenüber hängt ein knallblauer Automat mit Fahrradschläuchen an der historischen Mauer. Ich liebe Radfahren, aber das hat der olle Pfaffe nicht verdient. Überall ist er hier zu sehen, auf Keksdosen, auf Biergläsern und Einkaufstüten.
Die Sonne glimmt vom Morgenhimmel, wir müssen früh los, um nicht im eigenen Saft zu ertrinken. Frank reibt sich froh gelaunt seine Beine ein, heute läuft’s wie geschmiert, sagt er. Ha, lustig, denke ich, doch bald wird klar, bei mir leider nicht. Auf dem furztrockenen Deich nach Madgeburg nehme ich den Feldweg daneben, die vielen Schafskötel hätten mich stutzig machen müssen. Die Tiere sind zwar weg, aber der Maschenzaun ist noch da, so ein dünnes, geknotetes Ding, das keine Sau sieht. Irgendwas wickelt sich in mein Kettenblatt, ich schieße über den Lenker und blute still vor mich hin. Frank ruft, ob er mir helfen soll, aber macht erst mal ein paar nette Fotos. Er muss die Hotelkosten wieder reinkriegen.

Wachtürme zeugen sie zum Elberadweg von einer schlimmen Vergangenheit. Die Elbe war häufig Grenzfluss zwischen Ländern, die sich beide Deutschland nannten.

Ich pflastere mir die Schmerzen weg, wische besorgt über die Kratzer an meinem treuen Bock und verstecke mich die nächsten Stunden hinter Franks breitem Kreuz vor dem Wind. Die Gegend ist umwerfend schön, alte Häuser, an denen Efeu rankt, zwei Störche schnäbeln verliebt in ihrem Nest auf der Kirchturmspitze. Auf einer Wiese steht ein Campingwagen, der Getränke verkauft, wir nehmen einen Eiskaffee. Die Brühe wird heiß über das Eis geschüttet, da ist es völlig egal, welche Sorte du nimmst. Wir schlürfen die leckere Pampe mit dem Strohhalm aus.
Kurz vor Magdeburg geht es nicht mehr geradeaus. Wir sind auf einer nervigen Hauptstraße mit dröhenden Lastwagen gelandet, irgendwann war die Elbe weg. Auf einem Schild steht, dass wir uns zwischen Magdeburg-Ost und Magdeburg-Ost entscheiden sollen. Wir schmeißen eine Münze, dann geht es über eine Stunde lang in die Stadt. Schlimme Qualen. Jetzt und gleich. Die Dusche brennt wie die Hölle, als das Wasser über die Abschürfungen perlt. Nachts schläft zuerst die rechte Hand ein, dann der linke Fuß, aber der Rest von mir bleibt wach.

Im Wald bei Lauenburg. Kurz vor Hamburg die letzte Rast an der Elbe, ein letzter, langer Blick auf den Fluss. Hier kann man ihn endlich wieder ernst nehmen, die Nordsee drückt ihm das Wasser rein.

Das Ende der Reise lässt alles vergessen. Der Hintern quietscht, die Wunden zucken und der Rucksack wird immer schwerer, doch das atemberaubende Gefilde lenkt uns vom Blick auf den Kilometerzähler ab.
Wir genießen die Landschaft in homöopathischen Dosen, gucken Fußball in der Dönerbude von Hitzacker und springen hinter Lauenburg an einer Bucht mit Sand und Schilf in die Elbe. Sie ist warm wie eine Badewanne, sie wird jetzt breiter, man kann sie wieder ernst nehmen, und bald werden wir vor Hamburg die ersten Schiffe auf ihr sehen.
Im Hafen köpfen wir zwei Flaschen Bier, essen ein Fischbrötchen und nehmen uns in den Arm. Geht doch. Wir sind der Elbe über siebenhundert Kilometer tapfer und treu gefolgt, in diesem trockenen, heißen Sommer. Aber jetzt macht sie sich einfach aus dem Staub.