Wochenend-Tour im Thüringer Wald

Auf stillen Höhen: Radtouren am Rennsteig

Der Rennsteig ist nicht nur bei Wanderern beliebt. Auch Fahrradfahrer finden hier Ruhe und Entspannung. Vorausgesetzt, Sie verfügen über gute Kondition oder ein E-Bike.

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Höhenrausch: Hart erarbeitete Höhenmeter werden mit tollen Abfahrten belohnt

„Hey, nehmt nach alter Sitte einen kleinen Stein mit!“, ruft uns Friedemann von seinem Rennrad zu, steigt auf und tritt kräftig in die Pedale. Verschwunden ist unser Begleiter aus dem Anreisezug. Nachfragen zwecklos. Und so stehen wir am Anfang des Rennsteig-Radwegs in Blankenstein ganz verwirrt da.
Sagen, viele Sagen hat er uns während der Fahrt erzählt, Mythen und Geschichten, die uns zum Teil verunsichert haben. Sicher ist jedoch, dass der Rennsteig zu den attraktivsten Höhenradwegen Deutschlands zählt – und den anstrengendsten. Das manifestiert der Ortsausgang sofort mit zehn Prozent Anstieg. Kurbeln ist angesagt, Zeit zum Warmfahren bleibt nicht. Sechs Kilometer bergan bringen die Waden notgedrungen auf Betriebstemperatur. Dann zeigt die Wegführung sich gnädig, lässt uns verschnaufen. Mit leichter Steigung folgen wir den Hinweisschildern mit dem symbolischen Radfahrer vor grünem R bis Schlegel bei Lobenstein.

Die Schmücke (Hotel im Rücken) besticht als höchstgelegene Ansiedlung im Thüringer Wald mit Aussicht.

Ab hier ist der Streckenabschnitt identisch mit dem Wanderweg, und eine gewisse Betriebsamkeit kommt auf die Piste. Wir rollen gemeinsam mit den Wandersleuten auf den Wellen der Gipfel durch den Wald in die Einsamkeit, lassen den Alltag hinter uns. Das Gehirn schaltet auf Erholung und schärft alle Sinne.
Erdig und harzig duftet die Luft zwischen den Bäumen. Im fortwährenden Bergan und Bergab wechseln sich Weitsicht, Wald und Felder in unregelmäßigen Abständen ab – ein Radeltraum.

Tour 1: Blankenstein - Neuhaus am Rennweg

  • Distanz: 130 Kilometer
  • Höhenmeter: 1780
  • Dauer: 9 Stunden
  • Nur etwa 47 Kilometer sind befestigte Wege

Startpunkt ist Blankenstein an der Mündung der Selbitz in die Saale. Bis auf Höhe des Kulmbergs geht’s bergauf. Hier wird der Höhenweg erreicht. In Lehesten radelt es sich entspannt an den mit dem Schiefer der Region eingedeckten Häusern vorbei. Steinbach am Wald kennzeichnet die Wasserscheide zwischen Elbe und Rhein. Im ehemals am Rennsteig gelegenen Forsthaus Waidmannsheil, welches 1988 abgebrannt ist, wurde 1896 der Rennsteigverein gegründet. Neuhaus am Rennweg ist einer der höchstgelegenen Orte Thüringens und weist eine wunderschöne Barockkirche auf. In Allzunah bietet sich eine Rast an, die letzten Kilometer bis Schmücke steigen stetig an.

Grenzgebiet zwischen Bayern und Thüringen

Auszeit: Kleine Schutzhütten am Wegesrand laden zum Pausieren ein.

Zu einer Landmarke wird Steinbach am Wald. Direkt am Kreisel befindet sich ein Obelisk aus dem Jahr 1850. Dieser charakterisiert die Wasserscheide zwischen Elbe und Rhein. Eine unübersehbare Wegmarke ist auch das kurz danach erreichte Zollhaus, das die Grenze zwischen den Freistaaten Bayern und Thüringen markiert. Die Spuren der ehemaligen DDR-Grenze sind hier an einigen Stellen des Weges noch allgegenwärtig und mahnen die unrühmliche Geschichte der beiden deutschen Staaten an.
Kurz danach siegen im Wald wieder Einsamkeit und Ruhe. Einzig die Vögel zwitschern ihr Lied in die Stille. Auf dem Kamm des Thüringer Waldes bringt der Ort Friedrichshöhe angenehme Abwechslung. Fernab von Industrie, malerisch gelegen, mit knapp über 30 Einwohnern war dieser Ort ehemals die kleinste selbstständige Gemeinde der DDR.
So radelt es sich gut. Kein Verkehr stört, bis die Eisfelder Ausspanne uns für eine kurze Rast aus den Sätteln steigen lässt. Früher haben die Kutscher mit schwer beladenen Fuhrwerken den Pferden eine Pause bei ihrem beschwerlichen Weg über den Rennsteig gegönnt. Die zusätzlich vorgespannten Zugpferde wurden hier abgespannt, und die Abfahrt ins Tal konnte fortgesetzt werden. Der Name verweist heute noch auf seine historische Vergangenheit an dieser sternförmigen Kreuzung mit Wegen aus allen Himmelsrichtungen.

Erinnerungen an die DDR-Vergangenheit

Vorbei an alten Postkutschensteinen, erreichen wir nach herrlicher Waldpassage Masserberg und kurbeln weiter bis zum Mittelpunkt des Rennsteigs. Hier läuten wir eine extralange Pause am Dreiherrenstein ein. Einer Punktlandung gleich folgen wir der gerade startenden Führung zum ehemaligen Führungsbunker der Staatssicherheit der DDR bei Frauenwald. Von ehemals 15 Stasibunkern können heute nur noch zwei besichtigt werden. Die Führung ist wie eine Zeitreise in die DDR-Vergangenheit mit vielen ausgestellten Relikten.

747 Meter hoch ist der Bahnhof Rennsteig gelegen. Verpflegung gibt es am Gleis 1.

Der Bahnhof Rennsteig weckt da viel bessere Erinnerungen. Schon immer war der Thüringer Wald ein gern besuchter Ort der Erholungssuchenden. Die musikalische Betreuung der Urlauber in den Ferienorten übernahm von 1951 bis 1983 Herbert Roth mit seiner Gesangspartnerin und einer Instrumentalgruppe. Seine Liebe zum Thüringer Wald und insbesondere zum Rennsteig drückte er in zahlreichen Liedern aus, die bis weit über die Landesgrenzen hinweg bekannt geworden sind. Heute würdigt man ihn und sein Lebenswerk mit einem Gedenkstein direkt am Rennsteig bei Schmücke.
Es rollt weiter kräftig hinab. Kilometer schrubben wird so zur wahren Freude. Oberhof mit seinem bekannten Panoramahotel sorgt nur für eine kurze Unterbrechung des Radler-Flows. Hier wird Strecke machen zum Glücksgefühl.

Tour 2: Neuhaus am Rennweg - Hörschel

  • Distanz: 99 Kilometer
  • Höhenmeter: 1360
  • Dauer: 8 Stunden
  • Nur etwa 32 Kilometer sind befestigte Wege

Die Wetterstation Schmücke stellt mit 942 Höhenmetern den höchsten Punkt des Rennsteigs dar. Die nächste größere Stadt ist der Wintersportort Oberhof. Ab hier führt der Weg fast ausschließlich durch die Natur. Die Alte Ausspanne bietet sich zur ersten Rast an. Der Dreiherrenstein an der Kreuzung mehrerer alter Handelswege ist eine weitere Möglichkeit einzukehren. Am Ruhlaer Häuschen, einer Schutzhütte an einer Wegekreuzung, geht es vorbei. Ab diesem Punkt wurde der Rennsteig historisch nachgewiesen. Nach Hohe Sonne sind Abstecher zur Wartburg und Automobile Welt Eisenach empfehlenswert, bevor der Endpunkt des Rennsteigradwegs in Hörschel erreicht wird.

Auf ruhigen Schotterwegen Richtung Wartburg

Goldig: Im herrlichen Licht leuchtet uns die Abendsonne bis zum Endpunkt

Vorbei an den winterlichen Wettkampfstätten der Biathleten und den zu dieser Zeit im Jahr noch grünen Loipenwegen rauschen wir durch die Ruhe des Waldes. Zwanzig Kilometer in vollkommener Einsamkeit, bis zwei Hundeschlittengespanne diese auf eine angenehme Art beenden.
Vorbei ist auch die gefühlt ewige Talfahrt. Wie ein Fels in der Brandung baut sich der Große Inselsberg vor unseren Lenkern auf. Schluss, aus, vorbei. 17 Prozent Anstieg lassen uns gemeinsam aus dem Sattel steigen. Schieben ist angesagt.
Auf dem weiteren Weg hilft dann wieder die Erdanziehungskraft kräftig mit. Auf der Straße rauschen wir bergab. Landschaftliche Weitblicke lassen die Augen über Wellen der Bergrücken am Horizont gleiten. Schotter, beste Wegführung, mal mit und auch mit wenig Grip führen uns stetig weiter in die Tiefe.
Die Kilometer fallen, und in Eisenach empfängt uns die Wartburg kurz vor Ende unserer Tour. Seit 1999 ist sie UNESCO-Weltkulturerbe und ist für uns und viele andere Touristen, die diese Region besuchen, ein unbedingter Pflichtbesuch.
Im Wartburg-Museum gibt es anschließend viel altes Blech zu bestaunen. Kurz darauf lassen uns ein paar kräftige Umdrehungen der Pedalkurbel unser Ziel Hörschel erreichen. Tina hängt ihren Helm neben den abgelatschten Wanderschuhen an den Wegweiser und reißt vor Freude die Arme in die Luft. Unbemerkt ziehe ich einen kleinen Stein aus der Hosentasche, welcher mit einem kaum wahrnehmbaren Blub in der Werra verschwindet.

Auf einen Blick

Erhaben: Immer wieder öffnen sich Fernblicke auf die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörende Wartburg.

ANREISE
Der Zielort Hörschel ist schnell über die Autobahn A 4 zu erreichen. Direkt im Dorf befindet sich neben der Hörsel gelegen ein Wanderparkplatz, auf welchem das Fahrzeug kostenlos geparkt werden kann. Mit dem Fahrrad wird der Bahnhof in Eisenach angefahren und in den Zug RB 74609 eingestiegen. In Neudietendorf muss in den EB 80977 umgestiegen werden, welcher in Saalfeld wieder verlassen wird. Der EB 81031 fährt bis zum Startbahnhof Blankenstein.
UNTERKUNFT
  • Gegenüber der Glasbläserei Thüringer Weihnacht befindet sich die kleine Pension Elkes Rennsteigquartiere. Im Haus betreibt Elke Kleinteich die kleine und überschaubare Gaststätte Elke’s Jägerstube, dort gibt es ordentliche Hausmannskost für müde Radler. Die Fahrräder werden in der verschließbaren Garage geparkt. 98724 Neuhaus/OT Limbach, Neumannsgrunder Straße 6, Tel. 036704-80193, E-Mail: Holzmichelkleinteich@web.de, www.elkes-rennsteigquartiere.de
  • Zentral in Oberhof gelegen, befindet sich das Hotel Thüringenschanze. Radfahrer parken ihre Fahrräder über Nacht in den im Sommer ungenutzten Räumen der Wintersportausrüstung – sicher und verschlossen. Dr.-Theo-Neubauer-Straße 19, 98559 Oberhof, Tel. 036842-5370, www.hotel-thueringenschanze.de
  • Das Hotel Rennsteig im Luftkurort Masserberg besticht nicht nur durch seine grandiose Lage hoch oben über dem Thüringer Wald. Das Sporthotel verwöhnt seine Gäste auf ganzer Linie und verleiht E-Bikes. Auf Wunsch werden auch geführte Touren angeboten. Am Badehaus 1, 98666 Masserberg, Tel. 036870-800, info@hotel-rennsteig.com
  • Im Gasthaus Schmücke sind Biker gern gesehene Gäste. Schmücke 5, 98528 Suhl/OT Gehlberg, Tel. 036845-5880, www.thueringen.info/waldhotel-schmuecke.html

Traurige Historie: Im Bunkermuseum gibt es Einblicke in das tägliche Arbeitswerk der Stasi und die geheime Vergangenheit der DDR.

ESSEN UND TRINKEN
Der Rennsteig bietet immer wieder die Gelegenheit einzukehren. Kleine Imbisse wie das maReile am Rennsteig in Rodacherbrunn befinden sich in regelmäßigen Abständen direkt am Radweg. Die Gaststätte Bergvagabund befindet sich im Hotel Thüringenschanze. Viele weitere Unterkünfte am Wegesrand verwöhnen ihre Gäste mit alter thüringischer Hausmannskost.
SEHENSWERT
Zu einem Besuch in der Region gehört die seit 1999 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählende Wartburg unbedingt dazu. Freunden der Mobilität sei ein Besuch im Museum Automobile Welt Eisenach empfohlen. Hier dreht sich alles um die Geschichte des Automobilwerks Eisenach. In Neuhaus am Rennweg befindet sich eine der größten und schönsten Holzkirchen Thüringens, welche komplett mit Schiefer eingedeckt ist. Unweit des Rennsteigs liegt das Museum für Glaskunst. Im Jahre 1903 eröffnet, präsentiert es die Geschichte der Glasmacherei und der Kunstglasbläserei in der Region. Museum für Glaskunst, Straße des Friedens 46, 98724 Lauscha, Tel. 036702-20724, www.glasmuseum-lauscha.de
ENTSPANNEN

Aussichtsreich: Auf dem Wetzstein befindet sich der 36 Meter hohe Altvaterturm.

E-BIKE-VERLEIH
AKKULADESTATIONEN
  • Rennsteighaus in Neuhaus am Rennweg: Es befindet sich in direkter Nachbarschaft des Bahnhaltepunktes Igelshieb auf dem sogenannten Igelshieber Sportplatz. E-Biker können an der integrierten Ladestation einfach und unkompliziert die Akkus der Bikes aufladen.
  • E-RadWald: Gasthaus und Hotel Zur Henne, Bahnhofstraße 36, 98711 Schmiedefeld. Hier kann man während der Pause neben dem Akku des Rades auch den eigenen volltanken.