In Hauptstadtnähe: Das Venedig der Sorben

Wochenend-Tour im Spreewald

Nur 90 Kilometer vor den Toren Berlins können Fahrradfahrer im Spreewald wunderbare Natur, angenehme Ruhe und gepflegte Traditionen erfahren. Die beiden Tagestouren erkunden die Umgebung rund um Lübben und Lübbenau.

Datum:

Idyllisch: Die kleinen Spreewaldhäfen entlang der Strecke bezaubern mit ihrer Ruhe.

Die Morgensonne lässt ihre ersten Strahlen in der Altzaucher Spree spiegeln, und wir sind mittendrin, im Spreewald. Durch fast menschenleere Dörfer führt der Weg nach Schlepzig. In großen Lettern wirbt die Spreewald Destillerie mit Whisky, Likör, Rum, Frischem vom Zapfhahn und vom Grill um Gäste. Frisch gebackener Kuchen und Schmalzbrote aus der Küche finden den Weg auf den Tisch.
Wie zufällig steht Marcel nach dem köstlichen Schmaus neben uns. Fast zaghaft fragt er an, ob Interesse an der Herstellung des hauseigenen Whiskeys und der Liköre bestehe. Da lassen wir uns nicht zweimal bitten. Erläuterungen, wie der edle Tropfen reift und in den einzelnen Fässern seine Farbe annimmt und zum Ausgangsprodukt, dem heimischen Obst, stillen den Wissensdurst. Selbst den durstigen Kehlen wird mit der anschließenden Verkostung mehr als Genüge getan. Prost!

Rausgestellt: Kunst im Vorgarten empfängt die Radler am Rand der Gemeinde Schlepzig.

An der Spree entlang

Kalt ist nun keinem mehr. Etwas vorsichtiger radeln wir den von Seen begleiteten Radweg entlang. Nur das Rascheln der Blätter durchdringt die Einsamkeit bis nach Lübben. Auf dem Wochenmarkt im Zentrum ist emsiges Treiben. Plötzlich herrscht vor der Paul-Gerhardt-Kirche Aufregung.
Als erste und einzige Türmerin der Region Berlin-Brandenburg tritt Vera Städter im historischen Gewand vor den Eingang und führt Interessierte in luftige Höhen. Auf dem Weg vermittelt sie viel Geschichtliches, berichtet vom damaligen Leben des Türmers in der Türmerstube, und der finale Lohn des Aufstiegs ist der Ausblick über die Stadt. Die Glocke schlägt auch unsere Stunde. Zeit für den Aufbruch.
Einmal Spreewald bitte, aber quer durch. So beginnt der Start in den Tag. Während der Nordumfluter, Großes Fließ, Burg-Lübbener Kanal das Feeling des sorbischen Venedigs perfekt herübertragen, ist die schlechte Wegführung der Sold für den direkten Weg bis nach Wotschofska. Von den Fließen umspült, ist es eine Insel inmitten des Spreewalds. Auf ihr befindet sich die gleichnamige Gaststätte, welche zu einem begehrten Ausflugslokal der Region herangewachsen ist. Zu unserer Enttäuschung ist heute geschlossen. Dafür entschädigt die folgende Wegführung umso mehr.

Tour 1: Entlang der Spree-Teiche bis Lübben

  • Distanz: 46 Kilometer
  • Höhenmeter: 100
  • Dauer: 3 Stunden ohne Besichtigungen
  • Haupt- und Nebenstraßen, befestigte und unbefestigte Radwege

Von Alt Zauche-Wußwerk führt der Weg auf die L44. Dieser bis nach Lübben folgen. Hier muss auf der 87 abgebogen werden bis zum Abzweig auf die L42. Fast schnurgerade führt diese Strecke nach Schlepzig. Vor der Spree wird links in die Dammstraße abgebogen, dann radelt man am Insel-, Sommer-, Spree-, Moor-, Kranich-, Birken- und Schäferteich vorbei bis zum Zentrum von Lübben. Über den Mühlendamm wird rechter Hand die Selbstbedienungsschleuse Große Amtsmühle passiert, und weiter geht es über das Wehr Neue Schleuse auf die Postbautenstraße. Nach dem Reha-Zentrum Lübben führt der Weg über die Altzaucher Spree. Entlang des Nordumfluters ist wieder der Ausgangspunkt erreicht.

Über sieben Brücken

Der Rollkanal lässt die Räder kreiseln, bis dieser in die kleine Kossa mündet. Direkt am Ufer schlängelt sich der weitere Weg dicht am Wasser entlang, bis Brücken den Radelgenuss endgültig ausbremsen. Die am Rand angebrachten dünnen Bretter sollen das Übersetzen erleichtern. Der Wille war zumindest da.
Jedenfalls kann der Brückenbauer kein Fahrradfahrer gewesen sein. Das schmale Holz der Rampe ist an der Seite bis in die hinterste Ecke genagelt, der Erbauer hat die Überbreite der Kurbelgarnitur nicht berücksichtigt. Ausgefressen wie von einem Biber, wurden die Holzpfeiler der Brücke schon von unzähligen Pedalen annagt. Nur mit Schräglage geht es vorbei. Sieben an der Zahl. Die Rockband Karat muss Fahrrad fahren gewesen sein, als der Song „Über sieben Brücken musst du gehn“ entstand.
Andere Gedanken lässt erst der Kleine Hafen von Lübbenau zu. Zwischen der Orangerie im Schlosspark Lübbenau und Spree werden die Touristen von Gisela Christl in sorbischer Tracht betreut. Lautlos gleiten die Kähne vorbei, und alle Gäste lauschen den Worten, Anekdoten und Geschichten.

Zum Übersetzen muss das Fahrrad eng am Geländer in der Spur bleiben.

Dann geht’s ins Gurkenmuseum. Die unterschiedlichsten Möglichkeiten der leckeren Haltbarmachung darf man gleich probieren. Ein paar Kurbelumdrehungen später befindet sich das Freilandmuseum direkt auf unserem weiteren Weg. Hier wird alles rund um das frühere Leben der Sorben und Wenden historisch auf drei Höfen aufgearbeitet.

Holzpantoffelmacherei und Trachtenstickerei

Wir wollen aber weiter. Die Einsamkeit der Natur genießen und der Geräuschkulisse des Spreewalds bis nach Burg lauschen. Das Hinweisschild „Holzpantoffelmacherei“ lässt uns vom Kurs abweichen. Beherzt die Klingel gedrückt, und wir werden bei Familie Karolczak in die Holzpantoffelmacherei hineingebeten. Bereits in der dritten Generation fertigt Manfred Karolczak die original Spreewälder Holzpantoffeln. So vereint er seine Passion für Holz mit der im Jahre 2013 eröffneten Pension „Zum Holzpantoffelmacher“.

Spreewood: Im schönen Café Spreewood wird nicht nur Kuchen, sondern auch Hochprozentiges aus der heimischen Destillerie angeboten.

Voller Leidenschaft zeigt er die Fertigungsschritte bis zum Endprodukt. Ein ganz anderer Handwerkszweig ist die Trachtenstickerei. Ebenfalls ein Kulturgut im Spreewald, welches Christa und Dieter Dziumbla mit Hingabe pflegen. Bereits im Jahr 1985 begann Christa mit dem ersten Besticken eines Halstuchs. Von der Herstellung einer Trachtenpuppe bis zu einer neuen Tracht ist hier und heute wieder alles möglich, und dieser Handwerkszweig lebt mit der Kleidung seine Kultur.
Dann schlagen wir die Lenker in Richtung Alt Zauche ein, besteigen den Bismarckturm und werfen einen letzten Blick von oben auf die im Sonnenlicht glänzenden Baumwipfel, rauschen dann an der Schinkelkirche und Holländermühle in Straupitz vorbei, bis wir unseren Startpunkt wieder erreichen. Ein Sturm fegt nachts über die Region, aber da sprechen wir schon auf dem Sofa über unsere schönen Wochenenderlebnisse.

Tour 2: Kulturlandschaft Spreewald

  • Distanz: 55 Kilometer
  • Höhenmeter: 130
  • Dauer: 4 Stunden ohne Besichtigungen
  • Haupt- und Nebenstraßen, befestigte und unbefestigte Radwege

Der Weg folgt ein Stück dem Nordumfluter, zweigt rechts ab, führt entlang der Neuen Polenzoa und dem Kanal 9/10, bis das Große Fließ gequert wird. Nach dem Burg-Lübbener Kanal ist Wotschofska erreicht. Dem Rollkanal, der Kleinen Kossa und der Spree folgend, gelangt man bis Lübbenau. Dann dem Wegweiser bis nach Lehde folgen. Ab hier weist der Gurkenradweg bis nach Leipe. Am Ortsende muss auf den Radweg Rohrkanal eingebogen werden. Der Ausschilderung bis Burg folgen. Weiter in Richtung Norden durchfährt man den Ort Byhleguhre und weiter nach Straupitz. Nach Neu Zauche ist der Ausgangsort wieder erreicht.

Auf einen Blick

Schuhwerk: Der Holzpantoffelmacher Karolczak ist der Letzte seiner Art.

ANREISE
  • Mit dem Auto: Die Autobahn A 13 führt direkt am Spreewald vorbei (im Norden Berlin, im Süden Dresden).
  • Mit der Bahn: Bei Anreise aus Richtung Berlin die Regionalbahn RE2 der ODEG (Ostdeutsche Eisenbahn GmbH) nutzen. Bahnhöfe im Spreewald befinden sich in Lübben, Lübbenau, Vetschau und Cottbus. Auch die Anreise mit der Bahn von Dresden (RE18) oder Leipzig (RE10) nach Cottbus ist möglich.
UNTERKUNFT
  • Zum Holzpantoffelmacher, Jens Karolczak, Lindenstraße 5, 03096 Burg (Spreewald), Telefon: 035603-60414, www.holzpantoffel.de
  • Hotel & Restaurant Spreeblick, Gubener Straße 53, 15907 Lübben (Spreewald), Telefon: 03546-2320, www.hotel-spreeblick.de
  • Ferienwohnung Schötzigk, einsam und abgelegen. 15913 Alt Zauche, Siedlungsstraße 13, Telefon: 03546-76 98, www.fewo-spreewald-schoetzigk.de
ESSEN UND TRINKEN

Einladend: Das Café an der Spree ist nicht nur im Sommer ein willkommener Radlertreff.

SEHENSWERT
  • Holzpantoffelmeister Jens Karolczak lässt gern bei der Herstellung seines Naturprodukts zusehen: Jens Karolczak, Lindenstraße 5, 03096 Burg (Spreewald), Telefon: 035603-60414, www.holzpantoffel.de
  • Trachtenstickerei Christa Dziumbla: Seit 1985 dreht sich hier alles um die Nadel und die Herstellung und Reparatur der sorbischen und wendischen Kleidung. Die Erhaltung der alten Tradition der Spreewaldtrachten wird mit Hingabe und Leidenschaft gepflegt. Wendenkönigstraße 9, 03096 Burg, Telefon: 035603-874, www.trachtenstickerei.de
  • Turm der Paul-Gerhardt-Kirche: In Lübben kann man hier nicht nur den Häusern aufs Dach schauen. Vera Städter erzählt Wissenswertes und Interessantes über die wechselvolle Geschichte: Vera Städter, Telefon: 03546-180813, E-Mail: Tuermerin-luebben@gmx.de
  • Jeder Ort im Spreewald hat seine ganz eigene Historie zu bieten. Burg weist eine der größten Streusiedlungen mit mehr als 1000 historischen Blockhäusern auf. Das Schloss in Lübben zählt zu den ältesten Gebäuden der Stadt. Lübbenau hat neben dem Marktplatz in der historischen Altstadt den größten Hafen im Spreewald zu bieten. In Lehde befindet sich das Gurkenmuseum in einem der ältesten Gebäude der Siedlung. www.spreewald-info.de, www.spreewald.de
FAHRRADVERLEIH
E-BIKE-VERLEIH UND AKKU-LADESTATIONEN
  • Akkuwechselstation Die Radler-Scheune, Pensions- und Vermietbetrieb, Ringchaussee 155, 03096 Burg (Spreewald), Telefon: 035603-13360, www.radler-scheune.de
  • E-Bike-Verleih- und Akkuwechselstation Spreewaldhotel Stephanshof GmbH, Lehnigksberger Weg 1, 15907 Lübben, Telefon: 03546-27210, www.spreewaldhotel.de
  • E-Bike-Verleih- und Akkuwechselstation Boots- & Zweiradverleih Gebauer, Lindenstraße 18, 15907 Lübben, Telefon: 03546-7194, www.spreewald-bootsverleih.de