Über Stock und Stein

Candy B. Graveller: Von Frankfurt nach Berlin (640 km)

Beim Candy B. Graveller fuhren 70 Radler mit einem Care-Paket auf der Flugroute der Nach-Kriegs-Rosinen-Bomber von Frankfurt nach Berlin – größtenteils im Gelände und ohne Unterstützung von Außen. Svenja Schrade und Mathias Müller waren dabei.

Datum:

Unfahrbar. Wenn am Berg nichts mehr rollt, müssen die Candy-Piloten schieben – steil, lang, schwer, einfach hart.

Svenja: Es ist Donnerstagmorgen, kurz vor 10 Uhr, als wir Radler uns am Luftbrückendenkmal in Frankfurt-Zeppelinhain treffen. Über uns donnert eine Lufthansa-Maschine in Richtung Berlin. Eine knappe Stunde wird sie dorthin benötigen. Ihre Insassen werden in bequemen Sitzen ruhen und mit Schnittchen und Kaffee verköstigt. Und wir? Wir radeln nach Berlin, drei bis vier Tage und Nächte lang. Wir werden uns anstrengen, schwitzen, nass werden, frieren und müde sein – und hoffentlich mit einem Care-Paket für das Kinderhilfswerk Arche und einem tollen Erlebnis in Berlin ankommen.
Mathias: 70 Radfahrer – und alle sehen viel erfahrener aus als ich. Worauf habe ich mich nur eingelassen? 640 Kilometer. 7.000 Höhenmeter. Querfeldein. Und nachts irgendwo mit Isomatte und Schlafsack übernachten. Unsicher versuche ich noch ein paar Tipps für die Reise aufzugabeln und komme mir dabei nur umso winziger vor, weil Teilnehmer wie zum Beispiel Achim oft an ähnlichen Rennen und Fahrten teilnehmen, die gern auch 1.000 oder 4.000 Kilometer lang sein können. Als ich ihn frage, was er sonst noch im Leben macht, antwortet er: „Arbeiten und Rad fahren – mehr braucht es doch nicht!“

Mathias Müller (l.) und Svenja Schrade (r.) beim Candy B. Graveller.

Svenja: Los geht’s! Ein großer, bunter Pulk von Menschen mit bepackten Fahrrädern setzt sich in Bewegung – ich mit meinem Stevens Gravelbike „Gavere“ mittendrin. Es wird ein langer erster Tag werden, also halte ich mich auf den noch flachen Sandwegen mit dem Tempo zurück. Ums Draußen-Schlafen mache ich mir keine Sorgen – darin habe ich bereits Übung.
Mathias: Das sollte ein gemütliches Abenteuer werden. Stattdessen hetze ich durch das Rhein-Main-Gebiet über Sandböden, Schotter, Wurzeln und Wiesen hinter anderen Fahrern her. Rennmodus. Bei Kilometer 90 muss ich mein Salsa „Warbird“ einen steilen Weinberg hochschieben. Ja, richtig – schieben. Der Anstieg ist unfahrbar steil! Oben angekommen, hämmert der Puls an meine Schläfen. Anhalten. Trinken. Kurzer Schwatz mit Leidensgenossen. Weiter.
Svenja: Die Sonne scheint vom Himmel, und ich darf den gesamten Tag auf dem Rad verbringen – ein Traum. Immer wieder treffe ich andere Candy-Fahrer. Die meisten von ihnen fahren mir zu schnell, vertrödeln dann aber viel Zeit beim Pause-Machen. Nur mit Laurence aus England passt der Fahrrhythmus. Zusammen kämpfen wir uns über steile Hügel, schmale Pfade und tragen unsere Räder über viele umgestürzte Bäume. Als es dunkel wird, bestaunen wir vor Fulda ein imposantes Gewitter. Irre schick – so lange man nicht selbst drinsteckt. Wir bleiben glücklicherweise im Trockenen.
Mathias: Während der anstrengenden Tour durch den Spessart finde ich unterschiedliche Mitfahrer. Zuerst ist es Fabian, dann kurz Jesko, dann Walter, und später stößt Fabian wieder hinzu. Wir drei verstehen uns super und schmieden einen gemeinsamen Plan. Bis Point Alpha möchten wir es heute schaffen. Das wären dann rund 240 Tageskilometer. Nachdem uns in Fulda jedoch Blitz und Donner erwischen und die Fahrt über schmale Wege bei Regen und Dunkelheit immer schwieriger wird, suchen wir uns um 22 Uhr einen Schlafplatz. Fündig werden wir unter der Überdachung des Waldsportplatzes Steinhaus. Also raus aus den klebrigen Klamotten, rein in die Skiunterwäsche, ab in den Schlafsack und Augen zu.

Umgestürzte Bäume und unfahrbare Berg – der normale Gravel-Wahnsinn.

Svenja: Ich fahre sehr gerne durch die Nacht – angenehme Stille, Sternenhimmel, kaum Autos. Beim Candy sind jedoch fünf Stunden Nachtruhe vorgeschrieben. Also keine Fahrt bis tief in die Nacht. Auch gut. So verpasse ich wenigstens keine schöne Landschaft. Wir wollen dennoch bis null Uhr fahren und uns dann einen Schlafplatz suchen. Genau um Mitternacht finden wir einen für uns luxuriös wirkenden Unterstand eines Landwirtes. Während ich mein Nachlager aufbaue, kocht sich Laurence eine Tasse Instant-Nudeln mit Thunfisch. Zum Glück gibt er mir ein bisschen davon ab. Nach dem langen Tag im Sattel schmeckt es traumhaft – fast besser als alles andere, was ich jemals gegessen habe.
Mathias: Plärrende Musik um 5.30 Uhr aus Fabians Handy. Mist, ich hatte gerade so schön geschlummert. Es hilft nix. Raus aus der Schlafsack-Wärme, rein in die feuchten Radklamotten. Eh egal, wir werden noch nasser werden. Als wir Point Alpha bei Geisa erreichen, sind wir schon mächtig angezählt. Steile Anstiege, Plattenwege, die sonst nur von Militärfahrzeugen befahren werden können, und stetiger Regen wollen uns kleinkriegen. Kilometerleistung nach fünf anstrengenden Stunden: 75. Aua!
Svenja: Fünf Uhr morgens – mein Wecker ertönt. Och nö. Als wir abfahrbereit sind, schaue ich auf die Tracking-Seite und glaube meinen Augen kaum. Mathias ist nur vier Kilometer vor mir. Verdammt! Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich schneller aufgestanden. Wir treten in die Pedale. Schöner Sonnenaufgang? Pustekuchen. Alles ist grau und dunkel. Wir kämpfen uns durch den Dauerregen und den Matsch. Es geht einfach nicht voran. Ich wünsche mir mein Straßen-Rennrad und Asphalt. Irgendwann geht das wegartige Etwas wieder bergab und meine Laune bergauf. Alles ist wieder gut.

Laurence kocht herrliche Instant-Nudeln.

Mathias: Der Höhepunkt der miesen Umstände wartet im Nationalpark Hainich, wo wir nach einem langen steilen Berg – ja, ja, wir schieben mal wieder – in einen heftigen Gewitterregen geraten. Trotz warmen Essens und heißen Kakaos wird uns in der wenige Kilometer entfernten Gaststätte „Hainich Baude“ nicht wieder warm. Highlight des Tages: Nach rund 200 Kilometern finden wir einen Schlafplatz, wieder – um auf einem Sportgelände, in Edersleben. Die Gaststätte am Platz hat auch um 22 Uhr noch geöffnet, was uns Bier und Pommes Frites beschert.
Svenja: Gegen Abend erwartet uns aufgeweichter Lehmboden. Er haftet dermaßen an den Reifen, dass mitunter die Laufräder blockieren. Freikratzen. Weiterschieben. Wieder freikratzen. Wieder schieben. Armes Fahrrad. Plötzlich ein Geräusch am Hinterrad. Ich drehe mich um und sehe meine schlimmste Befürchtung bestätigt: Das Schaltauge ist gebrochen. Im Dunkeln. Bei Regen. Und Wind. Im Nirgendwo. Mir ist kalt. Ich fluche und hole mein Werkzeug raus. Kette durchtrennen, Schaltwerk entfernen, Kette kürzen, Kettenschloss einbauen – fertig ist mein Singlespeed-Antrieb. Zitternd fahren Laurence und ich weiter. Leider springt die Kette und stockt alle zehn Pedalumdrehungen. Plötzlich falle ich halb vom Rad. Der gesamte Antrieb ist blockiert. Die Kurbel lässt sich weder nach vorne noch nach hinten bewegen. Die Kette wollte wohl aufs nächst höhere Ritzel springen. Dafür ist sie zu kurz. Und nun ist Spannung drauf. So viel, dass wir das Hinterrad nicht gelöst bekommen. Erneut die Kette durchtrennen? Uns ist kalt. Wir beschließen, zu Fuß zum nächsten Ort zu gehen. Dort finden wir einen Pavillon. Schlaflager einrichten, raus aus der nassen Kleidung und endlich schlafen. Morgen noch mal mit klarem Kopf über die Situation nachdenken.
Mathias: Schlafsack, Iso-Matte, Wärme – ich könnte ewig weiterschlafen. Aber um 5.30 geht Fabians vermaledeiter Wecker. Also los. Wir rechnen hin und her. Ist es möglich, die 240 Kilometer bis Berlin trotz tiefer Wiesen, Matsch und Sandböden zu schaffen? Wir wollen es versuchen. Bei Dessau lockt direkt an der Straße ein McDonald’s. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen, aber die beiden Jungs zucken nicht einmal. Himmel hilf! Gut 100 Kilometer vor dem Ziel beiße ich fast schon angeekelt in einen Müsliriegel, als von der gegenüberliegenden Straßenseite der Geruch von Grillwurst in meine Nase steigt. Das Leben kann so ungerecht sein.
Svenja: Die Motivation aufzustehen ist gering. Ein kaputtes Fahrrad, das darauf wartet, repariert zu werden, und nasse Kleidung, die angezogen werden muss – keine tolle Aussicht. Erst spät können wir uns überwinden. Die Kette springt beim erneuten Durchtrennen mit Schwung ab – wir verbauen ein weiteres Kettenschloss. Wir fahren ein paar Hundert Meter. Die Kette läuft genauso schlecht wie am Tag zuvor. Ich muss mir eingestehen, dass ich die Strecke so nicht bewältigen kann. Erst als ich vom Track Richtung Bahnhof abweiche, bin ich traurig und frustriert. So unglaublich gerne wäre ich am Ziel angekommen. Nun also Gangloffsömmern statt Berlin. Die Station wirkt sehr verlassen. Ich bin alleine hier. Rein in den Zug. Ende des Abenteuers.

Svenja muss übers Wasser springen.

Mathias: Es sind noch rund 80 Kilometer bis zum Luftbrückendenkmal am Tempelhofer Feld. „Jetzt rollt es wie von alleine“, simst mir mein Neffe. Was er nicht weiß: Kilometerlang kämpfen wir uns über tiefe, sandige Waldböden – unheimlich anstrengende Kilometer, die in keiner Statistik auftauchen. Im Grunewald laufen uns drei große Wildschweine über den Weg, was unsere Laune hebt. Dann geht alles ganz schnell. Die letzten Kilometer im Schein unserer Stirnlampen durch Berliner Straßen, und um 22 Uhr landen wir am Denkmal. Wir sind müde, aber die Freude über das Geleistete lässt alles im Hintergrund verschwinden. Nur drei Minuten später taucht Candy-Erfinder Gunnar Fehlau mit ein paar Bierflaschen auf – welch schöner Empfang.
Svenja: Eine langweilige Zugfahrt. Rumlungern statt in die Pedale treten. Zwischen den anderen Fahrgästen komme ich mir, verdreckt wie ich bin, total fehl am Platz vor. Rund sieben Stunden später schiebe ich das Stevens in die Garage. Ich dusche, esse etwas und schlafe. Wo wohl Laurence gerade ist?
Mathias: Am nächsten Tag treffen wir andere Mitstreiter in der Candy-Lounge auf der Messe Velo Berlin. Wir plaudern, klopfen uns anerkennend gegenseitig auf die müden Schultern und werfen unsere Care-Pakete – Kinderschwimmbrillen und Torwarthandschuhe – in eine Kiste des Kinderhilfswerks Arche. Ich weiß nicht, wie es gewesen wäre, mit dem Flugzeug hierherzukommen, aber allein für die Unterstützung der Arche haben sich alle Mühen gelohnt.

Die "Flugroute" nach Berlin

Unterhalb des Flugkorridors, den die Rosinenbomber nach Kriegsende 1945 nutzten, führt die Strecke des Candy B. Graveller, größtenteils abseits befestigter Straßen, zuerst gen Süden nach Darmstadt. Bei Mainfingen, nahe Seligenstadt, geht es über den Main, dann durch Spessart und Rhön nach Fulda und weiter zum früheren Grenzübergang Point Alpha bei Geisa. Es folgt der Nationalpark Hainich. Hier sind die schlimms ­ ten Berge auf dem Weg nach Berlin überwunden. 20 Kilometer hinter der Lutherstadt Eisleben geht es über die Saale, bei Dessau über die Elbe. Durch flaches, aber zum Teil sehr sandiges Terrain geht es weiter Richtung Potsdam und Grunewald. Ist dieser durchquert, sind es noch rund 15 Kilometer bis zum Luftbrückendenkmal am Tempelhofer Feld.

Zur Homepage des Candy B. Gravellers

Mathias Müller

von Mathias Müller

Mathias Müller ist Redaktionsleiter von BIKE BILD. Er liebt und lebt das Radfahren – auf dem Rennrad, Zeitfahrrad, Gravelbike, Mountainbike und Pendler-E-Bikes hat er schon knapp 200.000 Kilometer gesammelt.

Svenja Schrade

von Svenja Schrade

BIKE-BILD-Redakteurin Svenja Schrade ist begeisterte Radfahrerin und Bikepackerin – meistens unterwegs auf dem Gravelbike. Fühlt sich aber auf fast allen Zweirädern wohl.