Orbit 360 Gravel-Serie

Erfahrungsbericht Orbit 360 Hamburg – Hotspots und Härteprüfung

Wasser und Brücken, Wald-, Schotter- und Asphaltpassagen, Ampel-Stopps, Stadtsee-Idylle, Großstadt-Gewusel – der Orbit in Hamburg strotzt vor Abwechslung und Hotspots der Hansestadt. Alles fein? Nicht ganz! Der Abschnitt in den Harburger Bergen ist nach Meinung unseres Redakteurs fehlgeplant.

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Der Hasselbrack in den Harburger Bergen im Süden der Hansestadt ist mit 116 Metern die höchste natürliche Erhebung Hamburgs.

Den Orbit Hamburg muss ich in zwei Tagen fahren statt wie geplant an einem. Das war eigentlich ganz anders gedacht. Nun gut, ich starte verspätet, muss mich von einem Campingplatz aus erstmal 40 Kilometer zum Track arbeiten, trinke zwei statt nur einer Tasse Kaffee und wache genüsslich nach der aufgehenden Sonne auf. Um ca. 10:30 Uhr drücke ich die Starttaste am Garmin, um den Orbit Hamburg in Angriff zu nehmen. Warum ich all das erwähne? Der Orbit Hamburg, der mit 206 Kilometern und 1.300 Höhenmetern auf dem Papier in weniger als zehn Stunden abgearbeitet werden könnte, ist ein Wolf im Schafspelz. Die Sache wird für mich zum Zwei-Tages-Akt. Netto bin ich deutlich über zwölf Stunden unterwegs, ohne dabei die Beine aufs Oberrohr gelegt zu haben. Hamburg ist trotz der kurzen Strecke kein schneller und leichter Orbit, unzählige Ampeln, die Wurzelhölle in den Harburger Bergen und die Sandkiste in der Fischbeker Heide zahlen massiv aufs Stundenkonto ein.

Galerie: Bilder vom Orbit Hamburg

Der Orbit Hamburg ist nicht nur der kürzeste, sondern wird auch, wie der Orbit Bremen, durch eine Fährfahrt getrennt. Zwischen Finkenwerder und Altona muss der Wasserweg per Schiff bestritten werden. Falls die Frage von besonders harten Orbit-Fahrern aufkommt: Nein, die Strecke kann man nicht schwimmen – kleiner Scherz am Rande. Wer es indes auf eine vordere Platzierung abgesehen hat, sollte deswegen taktisch klug in Altona starten und den Endpunkt in Finkenwerder legen, so verliert man keine Zeit bei der Wasserüberquerung (ca. 15 Minuten plus Wartezeit).

Über die Elbbrücken führt der Orbit Hamburg in den Süden der Elbmetropole.

Wasser wird zum Leitmotiv des Orbit Hamburg. Davon hat die Hansestadt Unmengen. Elbe, Alster – und nicht zu vergessen die vielen Stadtseen. Wo Wasser ist, sind auch Brücken nicht weit. In jedem Stadtratgeber steht: Hamburg hat mehr Brücken als Venedig. Wer, so wie ich, an der Tatenberger Schleuse startet, dem bevorzugten Rennradgebiet in Hamburg, fährt schon bald über die Elbbrücken in den Landkreis Harburg. Dieser hat traumhafte schöne und sehr hässliche Ecken – die schönen überwiegen dank des Scouts: Außenmühlenteich, Harburger Berge, Fischbeker Heide. Schon bald, nach ca. 70 Kilometern, führt der Track nach einem moderaten Warm-up in die Ausläufer der besagten Harburger Berge.

Harburger Berge: Wurzelterror im Wald

Das Waldgebiet steht bei Mountainbikern, Wanderern und Läufern hoch im Kurs. Viele starten an der Kärntner Hütte, wo es neben Parkplätzen auch Kaiserschmarrn gibt. Die meisten Mountainbiker sind hier auf Fullys unterwegs. Dumm nur, dass der Track nicht die wunderbaren Schotterwege, die fürs Gravelbike prädestiniert wären, nimmt, und hier und da mal für ein bisschen Wurzel-Action sorgt. Stattdessen wird man penetriert mit einem Bombardement aus schmalen, ziemlich profilierten, verblockten oder versandeten Trails. Was das soll, erschließt sich mir nicht. Und wenn ich überlege, dass vielen dieses eigentlich so wunderbare Waldgebiet gegen Ende des Orbits begegnet, die armen Schweine, denke ich nicht nur einmal. Das wird den Harburger Bergen nicht gerecht.

Wurzeliges Geläuf in den Harburger Bergen. Nicht nur einmal muss man das Fahrrad schieben – bergauf wie bergab.

Nach 80 Kilometern passiert man die höchste natürliche Erhebung Hamburgs, den Hasselbrack mit 116 Metern. Danach geht der Wurzel-, Sand und Äste-Terror weiter. Ja, wenn's denn sein muss! Für die 40 Kilometer lange Odyssee brauche ich brutto mehr als drei Stunden, das sagt alles. Ich wiederhole mich: Das muss meiner Meinung alles so nicht sein. Ich kenne das Waldgebiet ziemlich gut, habe mal in der Nähe gewohnt. Man kann hier wunderbar auf bestens ausgebauten Gravel-Wegen fahren. Stattdessen wird man über Trails gejagt, die für Mountaibikes geeignet sind. Ich würde empfehlen, die Strecke an dieser Stelle zu entschärfen, um den Genussfaktor zu erhöhen. Der Grat zwischen zu leicht und zu hart ist schmal. Ich finde, dass hier der Bogen in die harte Richtung überspannt wurde.
Irgendwann biegt man dann in die duftende Fischbeker Heide ein. Wurzeln werden dort von Sand abgelöst, der in ähnlicher Weise das Tempo drosselt. Die Hitzewelle der zurückliegenden Wochen fordert jetzt ihren Tribut. Ein Ortsansässiger erklärt mir, dass die Heide so trocken (und damit sandig) wie selten ist. Sand macht Spaß, kostet aber auch Kraft. So arbeitet man sich durch das Naturschutzgebiet – in kleinen Gängen und mit wuchtiger Kurbelei – bis hin zum Segelflugplatz, der die Frage aufwirft: Ist Fliegen wirklich schöner?

Dem Duft der Fischbeker Heide nach führt der Track durch tiefen Sand.

Nach knapp 100 Kilometern hat man dann wieder Asphalt unter den Füßen. Die erste Ampelkreuzung will auch nicht lange auf sich warten. Es geht in Richtung Finkenwerder, um dort die Fähre auf die andere Seite der Elbe zu nehmen. In Altona angekommen, soll man in Övelgönne durch den Sandstrand, wo sich viele Hamburgerinnen und Hamburger an Sommertagen wie diesen aufhalten, stapfen. Geschenkt. Schon bald danach wird es wieder wurzelig und waldig. In Blankenese zeigt der Scout, was er kann: Über verwunschene Wege navigiert er Fahrer des Orbit Hamburg souverän durchs Naturschutzgebiet Wittenbergen. Glauben Sie mir, das hat's in sich und führt die Härteprüfung der Harburger Berge fort. Aber hier wäre die Alternative Asphalt, deswegen finde ich dort die anspruchsvollen Wege völlig zu Recht integriert. Zum Glück darf man den Waseberg mit seinen 14 Prozent Steigung im Schnitt bergab fahren.
Wenn man den Hamburger Volkspark (und damit das Volkspark-Stadion) passiert hat, nimmt die Schwere der Topografie deutlich ab. Hier muss ich wegen einer Verabredung am Abend unterbrechen und fahre zwei Kilometer nach Hause. Learning: Anschlusstermine und Orbit vertragen sich nicht. So ein Tag ist nicht plan- und kalkulierbar und dauert wahrscheinlich in der Regel immer länger als gedacht.

Durch den Sand am Övelgönner Elbstrand soll man sein Rad schieben oder steuern. Geschenkt.

Tag 2: Stadtparks- und seen, Flughafen und Friedhof

Tag zwei. Wieder im Volkspark. Von hier an wird man durch Stadtparks und entlang von Stadtseen geführt. Ein Highlight wartet nach etwa 130 Kilometern auf, feinste Gravelwege entlang der Landebahn des Hamburger Stadtflughafens versorgen mit uneingeschränkte Blicke auf abhebende Flieger. Mein persönliches Highlight folgt kurz darauf: Vom Müllberg Hummelsbüttel bekommt man an klaren Tagen einen tollen Blick auf die Skyline von Hamburg. Weiter führt der Track zum nördlichsten Punkt der Strecke nach Duvenstedt. Schön hier, schön ruhig und viele nette Menschen, teils auf Pferden sich fortbewegend, die Rücksicht aufeinander nehmen und lächelnd grüßen. Hier, wo die Welt noch in Ordnung zu sein scheint, wie man sagt, könnte man die Strecke auch noch weiter in den Duvenstedter Brook ausbauen und dafür den einen oder anderen Schlenker in Harburger Bergen auslassen.
Schon bald biegt man auf den Alsterwanderweg ein und kann entlang der Außenalster Tempo und Strecke machen. Aber Obacht, Sie teilen sich den Weg mit Pendlern, die vom Norden in die City radeln, Joggern, Spaziergängern mit und ohne Hund. Rücksicht wird hier per Beschildern angewiesen. Nach zehn zügigen Kilometern ist die unterbrechungsarme Fahrt vorbei, jetzt geht's mitten durch die City zum Ohlsdorfer Friedhof, der mit 389 Hektar größte Parkfriedhof der Welt. Über 200.000 Grabstätten verteilen sich über das Gelände – Fahrradfahren gilt hier nicht als pietätlos, muss man wissen.

Nachdem die Elbe per Fähre überquert wurde und der Orbit Hamburg in den Norden der Hansestadt führt, sorgen Ampeln für ständiges Stop-and-Go.

Anschließend drückt man förmlich mehr auf Ampeln als dass man in die Pedale treten kann. Lästig. Aber auch unumgänglich. Wir nähern uns schließlich dem Kern einer Großstadt. Wasser bleibt das bestimmende Motiv, auch gegen Ende des Orbit Hamburg, so wie ich ihn gefahren bin. Gerade zur rechten Zeit biegt der Track wieder ins Hamburger Umland ab. In Billstedt umrundetet man nochmal den Öjendorfer See (wer heiß gelaufen ist, kann sich im Badesee abkühlen), bevor man die Bille überquert und am Wasserpark Dove Elbe in Richtung Tatenberger Schleuse einbiegt, wo der Orbit Hamburg am Tag zuvor seinen Anfang nahm. Es ist kurz vor zehn Uhr morgens und die ersten Rennradfahrer sind schon wieder aktiv und donnern mit schmalen Reifen durch die Hamburger Vierlanden. Wenn die wüssten, wie langsam und trotzdem sportlich man fahren kann!

Orbit Hamburg: Fazit

Trotz meiner Kritik in Bezug auf die Harburger Berge hat der Scout des Orbit Hamburg tolle Arbeit geleistet. Wer Hamburg und eine üppige Anzahl von (Natur-)Hotspots im Randgebiet auf dem Rad kennenlernen will, kriegt viel geboten. Die bestimmenden Elemente dieses Orbits sind Parkanlagen, Gewässer, Brücken, Ampeln. In den Harburger Bergen und dem Waldgebiet um Blankenese und Rissen werden nicht Ortsansässige überrascht sein, was für tolle Cross-, Gravel- und Montainbikestrecken die Hansestadt zu bieten hat. 206 Kilometer klingen nicht viel, aber das Durchschnittstempo ist alles andere als hoch. Mein Tipp: Bringen Sie ausreichend Zeit mit. Egal wie fit Sie sind: Ampeln zwingen zum Pausieren.

Famose Aussicht auf die Hamburger Skyline vom Müllberg Hummelsbüttel aus.

Tipps & Tricks

  • Material: Eigentlich reichen ein schneller Cyclocrosser oder ein schnelles Gravelbike aus. Ich bin ein Stevens Super Prestige mit 40 Millimeter breiten Reifen gefahren. In den Harburger Bergen wünscht man sich ein Mountainbike, Hardtail oder Fully. Hat man dies, verliert man auf den anderen Passagen wieder Geschwindigkeit. Einen Tod muss man so oder so sterben. Tipp: Wenn schon Dropbar, dann auf jeden Fall richtig breite Puschen, mindestens 40 Millimeter, damit der Frust in den Harburger Bergen nicht zu groß wird. Wer mehr unterkriegt: rein damit!
  • Verpflegung: Kaum eine Erwähnung wert. Die Großstadt hat auf dem Fahrrad auch Vorteile: Fressbuden, Tanken, Bäckerei an fast jeder Ecke. Beim Orbit Hamburg wird niemand verhungern. Gönnen Sie sich ein Fischbrötchen in Finkenwerder oder Altona – gehört ja irgendwie dazu.
  • Startpunkt: Bestzeitenjäger sollten in Altona starten, direkt an der Fähre. Dann aber Kräfte aufsparen für das Finale in den Harburger Bergen. Alle anderen können an jeder Stelle einsteigen; die Fahrtzeit erhöht sich dann aber um die Zeit auf der Fähre, so lauten die Regeln. Wem auch das egal ist, dem empfehle ich, die Harburger Berge gleich am Anfang hinter sich zu bringen. Das Waldgebiet zählt zwar unter Naturgesichtspunkten zum schönsten, was die Stadt zu bieten hat, aber die Wege des Tracks nehmen darauf wenig Rücksicht.
  • Empfehlung: Ich rate dazu, den Orbit Hamburg mit einem Wochenende in der Hansestadt zu verbinden. Gern mit der Familie, die Stadt bietet genügend Attraktionen, um keinen Streit zu entfachen, wenn ein Elternteil ein bis zwei Tage auf dem Rad verbringt. Noch ein Hinweis: Unterschätzen Sie den Orbit auf keinen Fall – die Zeit auf dem Fahrrad wird trotz der wenigen Höhenmeter und geringen Distanz auf einem ähnlichen Niveau wie die anderen Orbits liegen.

Galerie: Bilder vom Orbit Hamburg