Bikepacking-Abenteuer

Grenzerfahrungen mit dem Gravelbike

Markus Stitz fuhr mit Gravelbike 687 Kilometer vom Dreiländerstein im Harz bis zum Dreiländereck an der deutsch-tschechischen Grenze. Seine Erlebnisse dokumentiert er in seinem Film "Grenzerfahrung". Für BIKE BILD hat er die Hotspots der Strecke zusammengetragen und präsentiert seine Packliste – für Radler, die seine Tour nachfahren wollen.

Datum:

Zeugnis der Vergangenheit: das Grenzlandmuseum Eichsfeld.

Als ich meine Familie im Juli 2020 besuchte, fuhr ich den Orbit360 in Thüringen. Es war die Kombination aus hochsommerlichen Temperaturen und einer überraschend schwierigen Route mit 220 Kilometern. Ich verbrachte den Rest der Urlaubszeit mit meiner Freundin, die aus dem kanadischen Québec stammt, und wir entdeckten viel: die Wartburg, das Bauhaus in Weimar, den Baumkronenpfad, das Konzentrationslager Buchenwald, Gotha (eng verbunden mit der britischen Monarchie) und das Kyffhäuserdenkmal. Diese kurze Exkursion in die Geschichte Deutschlands inspirierte mich – die Idee für einen neuen Film war geboren.
Am 2. Oktober kehrte ich zurück, um an meiner ersten Bikepackingroute in Deutschland zu arbeiten und einen neuen Film entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs, der innerdeutschen Grenze, zu drehen. Sowohl der Iron Curtain Trail, auch bekannt als EuroVelo 13, und die legendäre Grenzsteintrophy dienten mir als Inspiration. Da ich aber nur begrenzt Zeit hatte, nutzte ich die Route des EuroVelo 13 und eine GPX-Datei der ehemaligen Grenzlinie, um mit Komoot meine eigene Route zu planen (den Track gibt's hier). Diese erstreckt sich über 687 km vom Dreiländerstein im Harz bis zum Dreiländereck an der deutsch-tschechischen Grenze. Die 11.300 Höhenmeter sind kein Zuckerschlecken in acht Tagen. Wer es gemütlicher angehen will, nimmt sich besser zwei oder drei Wochen Zeit. Hier sind meine persönlichen Höhepunkte:

Der Kolonnenweg nahe Großburschla

Der beste Ort, um die ehemaligen Grenzbefestigungen zu sehen
Das Grenzlandmuseum Eichsfeld am ehemaligen Grenzübergang in Teistungen ist der beste Ort, um die ehemaligen Befestigungsanlagen zu besichtigen. Wie viele Sehenswürdigkeiten und Restaurants in Thüringen ist es montags geschlossen. Um die Grenzbefestigungen zu besichtigen, braucht man keinen Eintritt zahlen, der Trail führt direkt daran vorbei.
Der beste Ort, um mehr über den Eisernen Vorhang zu erfahren
Point Alpha bei Geisa in der Rhön bietet einen guten Einblick in den Kalten Krieg. Auf dem Gelände eines ehemaligen Beobachtungspostens der US-Armee beherbergt das Haus an der Grenze ein Museum, das dem Leid der ostdeutschen Bevölkerung in der Sperrzone unter dem DDR-Regime gewidmet ist, und eine multimediale Ausstellung zur friedlichen Revolution und dem gewaltfreien Kampf für Freiheit und Bürgerrechte. Die ehemaligen Grenzanlagen sind ebenfalls erhalten, sowie der Aussichtsturm der US-Armee.

Blick in den Westen am Point Alpha

Das beste Café an der Strecke
Für tollen Kaffee und Kuchen ist das Restaurant Froschgrundsee mein Geheimtipp. Es war so gut, dass ich glatt vergessen habe, Bilder zu machen! Neben einer reichhaltigen Auswahl an Kaffee und Kuchen und einer geschmackvollen Einrichtung erwartete mich trotz schlammiger Hose und Jacke ein Lächeln. Das Restaurant wird von Loreen und Hannes Scammell geführt, die auf der ganzen Welt gearbeitet haben. 2016 sind sie zu ihren Wurzeln zurückgekehrt und bieten frische, lokale Gerichte zu erschwinglichen Preisen an.
Die interessanteste Geschichte
Mit der Einrichtung der Besatzungszonen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gehörte der kleine Weiler Kleinlichtenhain zu Thüringen in der Sowjetzone. Das Dorf bestand aus drei Häusern, die an das bayerische Kleintettau in der amerikanischen Zone grenzten (auch hier gibt es heutzutage tollen Kaffee und schottische Hochlandrinder, lebend und verpackt). Weder sowjetische noch amerikanische Soldaten waren in dieser eher abgelegenen Gegend zu sehen. Die Bewohner der drei Häuser fühlten sich zu Kleintettau gehörend und nahmen sogar an den Wahlen zum Gemeinderat, zum bayerischen Landtag und zum Bundestag teil. Am 21. März 1962, in der Nacht vor dem geplanten Baubeginn der Grenzbefestigungen, besuchten 17 Volkspolizisten die drei Häuser, um die damals zwanzig Einwohner ins ostdeutsche Hinterland zwangsumsiedeln. 18 Einwohner flohen mit Hab und Gut nach Westdeutschland. Die Polizisten brachen die Aktion ab, und nur das verbleibende Paar blieb in einem der Häuser im Niemandsland wohnen. Das ostdeutsche Kleinlichtenhain blieb in Westdeutschland. Der Postbote durfte dort keine Post ausliefern, Polizisten durften das Gebiet nicht betreten, ebenso wie Angestellte der Gemeinde Kleintettau. Der Grenzverlauf wurde schließlich von der deutsch-deutschen Grenzkommission angepasst, sodass das verbleibende Haus ab dem 1. März 1976 zur Gemeinde Kleintettau im Landkreis Kronach und damit zur Bundesrepublik Deutschland gehörte. Die beiden verlassenen Häuser wurden abgerissen.

Ein besonderer Ort: Kleinlichtenhain in Thüringen

Die beste Aussicht
Die Teufelskanzel bietet einen atemberaubenden Blick über das Werratal. Die Berghütte macht den Felsen zum perfekten Stopp (Bargeld mitbringen). Sie befindet sich im Naturpark Eichsfeld-Hainich-Werratal in der Nähe der bekannten Burgruine Hanstein und ist ein guter Aussichtspunkt, um die hufeisenförmige Schleife der Werra zu bestaunen, mit dem hessischen Hohen Meißner und Kaufunger Wald im Hintergrund. Die Teufelskanzel verdankt ihren Namen einer alten eichsfeldischen Sage. In der Walpurgisnacht wurde der Teufel von den Hexen auf dem Brocken gefragt, ob er wohl imstande sei, den gewaltigen Fels auf den Hohen Meißner zu tragen. Allerdings durfte er den Felsen nicht absetzen und auch keine Rast einlegen. Der Teufel überschätzte seine Kräfte und, am Höheberg angekommen, legte sich und den Fels zur Ruhe, doch die Hexen fanden den Schlafenden. Erschrocken fuhr der Teufel aus dem Schlaf auf, und beschämt, sich so ertappt zu sehen, fuhr er in die Lüfte, zerriss die neugierigen Hexen und stob davon, ohne sich noch einmal um den vom Brocken hierher geschleppten Felsblock zu kümmern.

Blick von der Teufelskanzel ins Werratal

Das beste Stück Gravel
Die komplette Rhön ist ein Juwel für Gravelbikes! Im Gegensatz zu den meisten anderen Mittelgebirgen bietet die Rhön oftmals einen atemberaubenden Weitblick. Mein Lieblingsabschnitt auf der gesamten Strecke war zwischen Spahl und Motzlar, vorbei am Rößberg.

Im Land der weiten Fernen - der Rhön

Der surrealste Ort
Als ‘Monte Kali’ oder ‘Kalimandscharo’ wird umgangssprachlich die Abraumhalde nahe der Stadt Heringen bezeichnet. Monte Kali thront über der Werra und ist von weitem zu sehen. Als ich in Dunkelheit und Nebel ankam, konnte ich nur die Lichter des massiven Baggers auf dem Berg sehen. In der Morgendämmerung trat er langsam in Erscheinung, und änderte seine Farbe von dunkelgrau zu weiß. Während der Berg, der 530 Meter über dem Meeresspiegel liegt, mich fast an die beeindruckenden schneebedeckten Vulkane Chiles erinnert, ist er ein trauriges Beispiel für den ökologischen Raubbau der Menschheit. Die Menge an Salz, die in den Boden und die Flüsse der Region gelangt, ist so groß, dass die Werra, die einen großen Teil der ehemaligen Grenze in diesem Gebiet bildete, salziger geworden ist als Teile der Ostsee.

Monte Kali

Um dein eigenes Iron Curtain Gravel Trail-Abenteuer zu planen, folgt zum Schluss meine Packliste. Viel Spaß!

Bikepacking-Packliste

Das Rad
  • Gravelbike: Tout Terrain Vasco GT 28 (Prototyp aus einer Kombination aus Vasco 21.3 & 21.4)
  • Schaltgruppe: Shimano GRX mit 48-31 Zähnen vorne und 11-34 Zähnen hinten (wie am Modell 21.4 verbaut), hydraulische Bremsen
  • GabeL: Cinq Carbon Touringgabel II 405 mm (wie bei Modell 21.3 verbaut)
  • Sicherheit: Abus Alarm Box
  • Lezyne Flaschenhalter / Flasche
  • Beleuchtung: Exposure MaXx D MK13 vorne, Diablo MK12 am Helm und TraceR MK1 DayBright als Rücklicht
  • GPS-Einheit: Lezyne Mega C
  • Reifen: Schwalbe G-One Ultrabite RaceGuard, 700 x 38 mm, klassische Seitenwand, tubeless
Apidura Expedition Lenkertasche
  • Schlafsack: Vango Cobra 200
  • Matratze: Exped SynMat HL M
  • Handschuhe: 45NRTH Sturmfist 5
  • Pumpsack: Exped Schnozzel
  • Biwaksack: Rab
  • Ministativ: Manfrotto
Apidura Racing Top Tube Tasche
  • Kamera: Canon G7x Mark III Fernbedienung
Apidura Expedition Rahmentasche
  • Multitool: Lezyne STL 12
  • Schwalbe-Reifenheber
  • Ersatzschlauch: Schwalbe Aerothan
  • Handgel
  • Rucksack: Apidura
  • Powerbank-Anker
  • Iphone-Ladekabel
  • Faltbare Wasserflasche
  • Isolationsband
  • Silikonband
  • Toilettenpapier
  • Lezyne-Luftpumpe
  • Reisepass
  • Schwalbe-Flicken
  • Schlüssel
  • Plastikspork (Göffel)
  • Opinel-Messer
  • Squirt-Kettenöl
  • Essen
Apidura Expedition Saddle Bag
  • Daunenjacke: Mountain Hardwear Ghost Whisperer
  • Mütze: Overland
  • Laufhose lang
  • Boxershorts
  • Stirnlampe: Petzl Tikka
  • Campinggas
  • Vango-Kocher
  • Feuerzeug
  • Teebeutel und Kaffee
  • Sea to Summit faltbare Tasse und Topf
  • Ingwer
  • Haferbrei (abgepackt in Portionen)
  • Overland-Merinosocken
  • Ersatzbatterie für Drohne
  • USB-Kabel für Licht & Powerbank
  • USB-Stecker
  • Drohnenladegerät
  • Schwamm
  • Zahnbürste, Zahnpasta, Seife
  • Overland-Merinohandschuhe
  • Overland, Wasserdichte Shorts
Am Körper
  • Radkappe: Rad Trail Long Day
  • Rennradhelm: Abus Airbreaker
  • Schutzmaske
  • Buff
  • Overland-Baselayer, kurz
  • Overland-Baselayer, lang
  • Handschuhe: Morvelo
  • Jacke: Overland Barricade
  • Radhose: Morvelo
  • Shorts: Overland
  • Kniewärmer: Defeet
  • Overland-Merinosocken
  • Schuhe: Giro Rumble
  • Iphone 7 Plus
Source Hipster Ultra 5l Waist Bag
  • Drohne: DJI Mavic Pro in Schutzhülle & Candy B. Graveller Packtasche
  • DJI Osmo Pocket
  • Klemme für Telefon
  • Ersatzakku für Canon-Kamera
  • Kopfhörer
  • Adapter für Osmo
  • Brieftasche
  • Rode-Mikrofon und Kabel

Das Fahrrad von Markus Stitz