177 Kilometer, 4000 Höhenmeter

Erfahrungsbericht vom Granfondo La Fausto Coppi 2021

Schöne Berge, schlechte Straßen: Das Amateurrennen Granfondo La Fausto Coppi ist italienischer Radsport in Reinform. Unser Redakteur hat mitgemacht.

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Der Granfondo La Fausto Coppi fordert Radsportler mit 177 Kilometern Strecke und vier langen Steigungen mit insgesamt über 4000 Höhenmetern.

Der Granfondo La Fausto Coppi Officine Mattio ist ein Straßen-Radrennen für Amateurfahrer in Cuneo, in Westen Italiens. Die Streckenlänge des Granfondo beträgt 177 Kilometer, BIKE-BILD-Redakteur Lennart Klocke hat mitgemacht und einen Erfahrungsbericht vom Rennen geschrieben.
Die Abfahrt vom Colle Fauniera ist definitiv keine Belohnung für zwei Stunden Aufstieg auf 2484 Meter über Meereslevel. Ein kurzer Blick über raue Gebirgsformationen; kalter Wind zerrt an meinem Oberkörper, an dem ich nur ein dünnes Sommertrikot trage. Die meisten Konkurrenten von mir waren schlauer und haben in der Trikottasche eine Windjacke auf den Berg geschleppt. Ich kralle mich an den Bremsgriffen fest und arbeite mich von einer 180-Grad-Kurve zur nächsten. Das schlimmste ist der Straßenbelag: riesige Schlaglöcher und kleine Steinchen verhindern, dass ich viel Geschwindigkeit aufnehmen kann, sogar bergab gönnt der Granfondo Fausto Coppi den Fahrern keine Erholung. Was für eine irre Herausforderung.

Bis kurz vor dem Start müssen alle Teilnehmer Maske tragen.

Sonntagmorgen, kurz vor sieben: Die 1600 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des 30. Granfondo La Fausto Coppi stehen in Startformation auf der Piazza im Zentrum von Cuneo. Ein italienisches Städtchen wie aus dem Bilderbuch mit einer eleganten Altstadt, stilvollen Espressobars an jeder Ecke und einem wunderschönen Blick auf die Berge bei dem fast immer vorherrschenden guten Wetter. Die italienischen Gebirgsjäger, die das Rennen absichern, hissen die italienische Flagge und spielen stolz ihre Nationalhymmne. Der Ohrwurm wird mich heute noch lange begleiten. Ein italienischer Fahrer vor mir pinkelt währenddessen gegen die Absperrung – Idioten gibt es wohl leider überall. Ich hebe mir den Boxenstopp für später auf, ein langer Tag auf dem Rad wird es eh.
Der Startschuss fällt und das Feld rollt geschlossen los. Über eine Steinbrücke geht es aus der Stadt hinaus und dahinter teilt sich das Feld: links zum Medio Fondo, rechts zum Granfondo. Ich gönne mir die lange Strecke mit 177 Kilometern und 4000 Höhenmetern. Wenn ich schon mal hier bin, dann nehme ich auch alles mit. Die ersten 35 Kilometer fährt das Peloton geschlossen auf breiter, gerader Straße. Bis auf einige Kreisverkehre keine Hindernisse. Tempo mitfahren, keine Lücken entstehen lassen – kein Problem.

Granfondo La Fausto Coppi: Vier Anstiege, 4000 Höhenmeter

Anstieg Nummer eins geht als Warm-up durch für das, was noch kommt. Schön pedalieren, regelmäßig kurz aus dem Sattel, trinken nicht vergessen. Schon diese 700 Höhenmeter werden zur Geduldsprobe. Ich fahre an meinem Leihrad mit 52/36 Zähnen vorn (semi-kompakt) und 11–32 Zähnen hinten. Das reicht nicht für meine Wohlfühl-Kadenz beim Klettern von 10 Prozent und mehr, aber ich komme einigermaßen hoch. Oben dann kurz Getränke auffüllen und weiter geht’s. Die Abfahrt ist kurvenreich, ein-, zweimal bricht mir das Hinterrad kurz weg – besser nichts riskieren.
La Fausto Coppi

Viele Gelegenheiten, die atemberaubenden Landschaft zu genießen, gibt es nicht.

Danach erwarten uns Radsportler etwa 15 Kilometer Ebene, wir bilden ein Gruppetto. Tempo in der Ebene machen, zusammen gegen den Wind arbeiten, das ist genau mein Ding. Wir rasen durch kleine Dörfer, sogar eine kurze Kopfsteinpflasterpassage ist dabei, wo wir uns kurz absetzen können. Der Blick auf den Radcomputer verrät indes, dass der zweite Anstieg naht. Also wieder Energie tanken, Gang suchen, Rhythmus finden.

Galerie: Bilder vom Officine Mattio SL Disc

Die Landschaft ganz im Westen Italiens zu genießen ist auch am zweiten Berg nicht drin. Zäh fließt der Asphalt unter den schmalen Reifen meines Rennrads hinweg. Ich wäre lieber mit breiteren Pneus unterwegs. Die Italiener von Officine Mattio, die mein Leihrad stellen, sind in technischer Hinsicht noch sehr traditionell unterwegs. Erst am Vortag habe ich die Ausfahrt für Medienvertreter aufgehalten, weil ich mit 25er-Reifen durch ein Schlagloch geballert bin und den Schlauch durchschlagen habe. Es gibt für mich in dieser Hinsicht nichts zu beschönigen: Die Straßen dieses Rennens sind wirklich furchtbar. Mit 30-Millimeter-Reifen antreten ist beim Granfondo Fausto Coppi alles andere als überdimensioniert.
Traurigerweise haben die Gemeinden Italiens schlicht kein Geld, um Straßen zu sanieren. Wenn nicht grade der Giro D'Italia mit viel Budget für Reparaturmaßnahmen vorbeikommt, sind die Kommunen auf eigene Initiativen angewiesen – und auf Radrennen wie dieses. So sammelt man beim La Fausto Coppi etwa Geld für den Unterhalt der Straßen. Während des Granfondo sieht man sogar immer wieder Flicken auf der Straßen, wo man anscheinend besonders heftige Schlaglöcher ausgebessert hat. Ein kleiner Anreiz: Wer für den Unterhalt der Straßen spendet (oder für einen anderen charitativen Zweck) darf beim Rennen vom ersten Startblock loslegen.

Der Anstieg zum Colle Fauniera mit dem Rennrad

Beim Schild, dass den Anstieg zum höchsten Punkt des Rennens ankündigt, drücke ich auf die Rundentaste meines Radcomputers. Erst zwei Stunden später wird es mir vergönnt sein, erneut drauf zu drücken und das Ende der Kletterei zu dokumentieren. Kurzum: Es ist steil, es ist hart. Nachdem es die ersten vier der insgesamt 20 Kilometer sanft hinaufgeht, wünsche ich mir nach kurzer Zeit eine 1:1-Übersetzung am Schaltwerk. Die Trittfrequenz rutscht bei 10 Prozent Anstieg und mehr in den unangenehmen Bereich, in dem ich als Flachlandfahrer eh nicht viel zu melden habe.
La Fausto Coppi

Die Berge mit dem Rennrad zu bezwingen ist jedes Mal wieder ein tolles Erlebnis.

Auf halbem Weg zum Gipfel gibt es eine Verpflegungsstation – endlich. Nach den vielen Stunden im Sattel gönne ich mir sogar ein paar Brocken Parmesankäse, den die Italiener hier großzügig verteilen. Jenseits der Baumgrenze zieht Nebel auf. Kurzzeitig habe ich dein Eindruck, die Steigung sei weniger steil, doch das ist nur die Parmesan-Power, die im Magen glücklicherweise nicht ins Problematische umschlägt. Weiter stampfen. Nachdem meine Hoffnungen auf den Gipfel nach vielen Kehren enttäuscht werden, taucht der Colle Fauniera doch irgendwann hinter einer Kurve im Nebel auf. 2484 Meter über Meeresniveau gibt es endlich wieder was zu essen und ein paar Minuten Erholung für die Beine. Oben haben die Italiener der Radsportlegende Marco Pantani ein Denkmal gesetzt.

Darum fahren beim Granfondo La Fausto Coppi alle im gleichen Trikot

Der Pirat genannte Pantani konnte sich hier einmal bei Giro das Rosa-Trikot sichern. Wir sind heute alle in den gleichen Farben unterwegs, jedes Jahr entwerfen die Organisatoren ein Trikot eigens für den Granfondo Fausto Coppi, das von allen Teilnehmern getragen werden muss. Ich mag es lieber, wenn die Veranstaltung bunt ist und jeder sein Lieblingstrikot anziehen darf. Beim Granfondo La Fausto Coppi, so hat es mir der Rennleiter am Vorabend erzählt, ist die Radsportuniform indes historisch begründet: Bei der ersten der Ausgabe des Rennens ging es noch über die Grenze nach Frankreich. Weil das Überschreiten von Landesgrenzen damals nicht so unproblematisch war wie heute, einigte man sich mit den Grenzbeamten darauf, dass alle Ein- und Ausreisenden anhand ihrer Einheitstrikots identifiziert werden. Die Tradition hat sich bis heute gehalten.
Jetzt nur nicht kalt werden, die Abfahrt wartet mit technischen Passagen, niedrigen Temperaturen und schlimmen Schlaglöchern. Ich halte mich nicht für den schlechtesten Abfahrer, doch hier gehe ich auf Nummer sicher. Unten, wo es warm ist, angekommen bringe ich die Beine wieder in Bewegung. Ganz allein auf weiter Strecke rolle ich dem finalen Anstieg entgegen. 400 Meter Steigung über sieben Kilometer sind die letzte Prüfung des Tages. Jetzt bloß keinen Krampf kriegen, gut versorgen, Rhythmus halten.
Es ist eine Floskel in Berichten von Amateurrennen, aber immer wieder wahr: Irgendwie schaffe ich es nach oben. Essen, Trinken, Abfahrt.
Screenshot Wahoo

Die Aufzeichnung unseres Redakteurs für den Anstieg zum Colle Fauniera.

Der letzte Abschnitt ist so konzipiert, dass man den Granfondo La Fausto Coppi auch in spaßiger Erinnerung behält: Es geht leicht bergab, die Landstraße ist breit und wer kann, gibt in der Gruppe nochmal richtig Gas. Wir rasen zurück nach Cuneo, endlich kann ich wieder in meiner Wohlfühlfrequenz fahren. Auf dem Zielstrich bleibt die Uhr bei 8 Stunden und 28 Sekunden stehen. Hätte ich doch nur bei den Pausen 30 Sekunden eingespart. Lässt sich nicht ändern, für die Sub-Acht-Stunden muss ich in meinem Leben wohl nochmal zum Granfondo La Fausto Coppi zurückkehren.
La Fausto Coppi

BIKE-BILD-Redakteur Lennart Klocke beim Granfondo La Fausto Coppi 2021.

Die wichtigsten Informationen und Tipps zum Granfondo La Fausto Coppi

  • Art: Amateur-Straßenradrennen
  • Datum: 27. Juni 2021
  • Streckenlänge: 177 Kilometer (Granfondo), 111 Kilometer (Mediofondo)
  • Höhenmeter: 4125 (Granfondo), 2510 (Mediofondo)
  • Höchster Punkt: Colle Fauniera auf 2484 Metern
  • Siegzeiten 2021: 5:43 Stunden Männer, 6:19 Stunden Frauen
  • Teilnehmende: 1650 Radsportler sind gestartet, davon waren (leider nur) 182 Frauen
  • Verpflegung: vier Verpflegungsstationen auf allen Gipfeln und eine Station auf halber Strecke des langen Anstiegs. Dort gibt es unter anderem Wasser, Cola, Isogetränke, Süßigkeiten, Nüsse, warmen Tee (Colle Fauniera), Parmesan-Käse
  • Ausrüstungstipps: robuste Tubeless-Reifen mit 28 Millimetern Breite oder mehr, zwei große Trinkflaschen, Schaltung mit Bergübersetzung (Kassette mit 32 oder 34 Zähnen), Windjacke oder Weste für die Abfahrt
  • Zur Website des La Fausto Coppi

Wie lief das Radsport-Event vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie?

Nachdem die Ausgabe des Granfondo La Fausto Coppi 2020 aufgrund der Corona-Pandemie ausgefallen war, konnte das Rennen 2021 wieder stattfinden. Die Organisatoren konnten die Behörden von ihrem Sicherheits- und Hygienekonzept überzeugen, für die Teilnehmenden hieß das im Wesentlichen: Maske tragen vor und nach dem Start sowie an den Verpflegungsstationen. Wichtigste Erkenntnis für mich: Corona hat nicht auf die Stimmung geschlagen oder den Spaß am Rennen gar verdorben. Zum Zeitpunkt der Veranstaltung (Ende Juni 2021) war die Einreise nach Italien mit negativem Schnelltest problemlos möglich. Dank des Sommerwetters konnten alle organisatorischen Dinge (Abholung Startunterlagen, Rennbesprechung, Event-Messe usw.) draußen stattfinden. Insgesamt hielten sich auch die Teilnehmenden und Helfer an die Corona-Auflagen, nur auf das Maskentragen an den Verplegungsstationen verzichteten fast alle.
Lennart Klocke

von Lennart Klocke

Zwei schmale Reifen, ein tiefer Lenker und eine freie Landstraße: Mehr braucht Lennart Klocke nicht zum Glücklichsein. Als BIKE BILD-Autor testet der Rennrad-Fan am liebsten neues Equipment und Fahrrad-Gadgets.