Von Küste zu Küste

Schottland: Ohne Eile auf dem John Muir Way

In seinem neuesten Film "Unhurried (Ohne Eile)" dokumentiert der in Edinburgh lebende Filmemacher und Abenteurer Markus Stitz seine Reise auf dem John Muir Way, einer der Great Trails in Schottland. Bei uns berichtet er zusätzlich in Wort und Bild von seinen Erlebnissen auf dem John Muir Way.

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Landschaft mit Wow-Effekt: Ein Stück wunderbare Natur in der Nähe von Falkirk.

In seinem neuesten Film "Unhurried (Ohne Eile)" dokumentiert der in Edinburgh lebende Filmemacher und Abenteurer Markus Stitz seine Reise auf dem John Muir Way, einer der Great Trails in Schottland. Der Film, erhältlich mit deutschen Untertiteln, zeigt eine einzigartige Reise von Küste zu Küste durch Schottlands abwechslungsreiche Landschaften, Geschichte und Kulturerbe, bei der Markus über einen der großen Vorteile des Fahrradfahrens nachdenkt: die Fähigkeit, langsam zu reisen und mit der Umgebung eins zu werden.

Feuertaufe auf dem Highland Trail 550

Seit 2009 nenne ich Schottland meine Heimat. Von Thüringen hat es mich über Praktika und einen Working Holiday in den Vereinigten Staaten, ein Auslandssemester in englischen Sunderland und zwei Jahre in Neuseeland hierher verschlagen. Bereut habe ich meine Entscheidung nie. Schon vorher habe ich Schottland auf zwei Rädern gerne erkundet, meine erste Tour 2006 führte mich mit Rucksack und Mountainbike in drei Wochen über die Highlands und Hebriden, und war sicherlich fast was man heute als Bikepacking bezeichnet.

Kinneil House – eines der Herrenhäuser entlang des John Muir Way.

Das erste Mal kam ich mit Bikepacking im Jahr 2014 in Berührung. Meine Feuerprobe war der legendäre Highland Trail 550 im Jahr 2014. Wie bei jedem Rennen stoppt die Uhr nicht, bevor die Ziellinie erreicht ist; meine frühen Erfahrungen mit Bikepacking wurden dadurch definiert, dass ich so wenig wie möglich Pause machte. Zeit, um die Natur in vollen Zügen zu genießen, blieb oft nicht. Und obwohl ich den Nervenkitzel von Rennen immer noch liebe – zuletzt habe ich das Atlas Mountain Race in Marokko mit einem Singlespeedbike erfolgreich beendet – denke ich, dass Bikepacking die ideale Gelegenheit bietet, das Tempo aus dem Leben rauszunehmen und die Natur wirklich zu geniessen.
Schottland bietet eine Vielzahl an Optionen für Bikepacking-Abenteuer, die bei weitem nicht so extrem wie der Highland Trail 550 sein müssen (der wegen rauem Terrain und Witterung oftmals zu den härtesten Strecken der Welt gezählt wird). Seit 2017 entwickle ich in Zusammenarbeit mit Tourismusverbänden und anderen Organisationen meine eigenen Routen, die auf Bikepacking Scotland frei erhältlich sind. Der Outdoor Access Code, ähnlich dem Allemannsretten in skandinavischen Ländern, bietet in Schottland (Wales und England haben andere Regeln) freien Zugang zum Land für Radler, Wanderer und Reiter, und dabei die Möglichkeit, für eine Nacht (fast) überall zu campen. Und dann gibt es noch Schottlands Bothies, sehr einfache Unterkünfte, die frei zugänglich sind und oftmals vor Wind und Regen schützen.

Schottlands John Muir Way ist für Bikepacking-Einsteiger geeignet

2020 hatte ich die Möglichkeit an zwei Routen zu arbeiten, die für Gravelbikes geeignet sind, aber unterschiedlicher nicht sein könnten. Der John Muir Way, welcher Helensburgh im Westen Schottlands mit Dunbar im Osten auf einer Länge von 212 Kilometern verbindet, ist mit insgesamt ca. 1.800 Höhenmetern eine für schottische Maßstäbe eher flache Route. Und der Highland Perthshire Drovers Trail, mit ca. 6.000 Höhenmetern auf 331 Kilometern ist wesentlich anspruchsvoller. Während der John Muir Way den Central Belt von Schottland quert, mit Abstand die bevölkerungsreichste Gegend, ist man auf dem Drovers Trail auf den Spuren der Viehtreiber in Schottlands Hinterland unterwegs, teilweise mit mehr als 70 Kilometer ohne Verpflegungsmöglichkeiten. Während der Drovers Trail ein Highlight für Fortgeschrittene Bikepacker ist, ist der John Muir Way in meinen Augen eine tolle Wahl für Einsteiger und Fortgeschrittene. Besonders wenn man nicht nur Schottlands tolle Natur, sondern auch Industriegeschichte und die Hauptstadt Edinburgh erkunden möchte.

Galerie: Bikepacking: Bilder vom John Muir Way

John Muirs Bekanntheit reicht weit über Schottland hinaus. Geboren im schottischen Dunbar, wanderte Muirs Familie früh in die USA aus. Muir war eine der berühmtesten Persönlichkeiten Nordamerikas und ein einflussreicher Wissenschaftler. In den USA wurde er „Vater unserer Nationalparks“, „Wildnisprophet“ und „Bürger des Universums“ genannt. Seine Zitate findet man in den sozialen Medien häufig. Auch wenn einige seiner Aussagen über die Ureinwohner Nordamerikas sein Vermächtnis relativiert haben, als Wildnisforscher war er bekannt für seine Expeditionen und wissenschaftlichen Beschreibungen der Sierra Nevada (Kalifornien) und der Gletscher Alaskas. Er war Mitgründer des Sierra Clubs, der ältesten und größten Naturschutzorganisation in den Vereinigten Staaten.

Sonnenuntergang an den Longniddry Bents.

In seiner Heimat Schottland ist Muir hingegen weniger bekannt, insofern wurde 2014 zu seinem 100. Todestag der John Muir Way eröffnet, um dem Abhilfe zu schaffen. Der John Muir Way führt durch den Loch Lomond and the Trossachs National Park, Schottlands erstem Nationalpark, und Muirs Geburtshaus in Dunbar erzählt in einem Museum die Geschichte des berühmtesten Einwohners der sonst verschlafenen Hafenstadt an der Ostküste. Um mehr über John Muirs Leben herauszufinden, war mir Mary Colwells John Muir: The Scotsman Who Saved America's Wild Places eine große Hilfe, um diesen komplexen Menschen besser zu verstehen.

Auf den Spuren einer umtriebigen Persönlichkeit

Muirs großes Anliegen war es, die Natur vielen Menschen verfügbar zu machen. Im Unterschied zum Drovers Trail zeichnet sich der John Muir Way vor allem durch Zugänglichkeit aus. Es gibt zahlreiche Bahnhöfe entlang der Strecke, und mit Ausnahme von Dunbar braucht man keine Vorreservierung für das Rad im Zug. Essens- und Unterkunftsmöglichkeiten gibt es öfter als an vielen anderen Bikepackingrouten, und die Anstiege halten sich mit Ausnahme von Gouk Hill und Burncrooks Reservoir in Grenzen. Auch für E-Bikes ist die Route bestens geeignet. Im Kontrast zu anderen Strecken in den Highlands bietet der John Muir Way die perfekte Möglichkeit, sich etwas langsamer zu bewegen und auf die feineren Details zu achten.
Von feinen Details bis zu Superlativen, der John Muir Way bietet (fast) alles. Die Hälfte des von der UNESCO anerkannten Weltkulturerbes in Schottland findet man mit der Forth Railway Bridge, der Innenstadt Edinburghs und der Antonine Wall am John Muir Way, und das Falkirk Wheel und Avon Aqueduct sind ebenfalls Wunderwerke schottischer Ingenieurskunst. Mit Callendar, Hopetoun, Kinneil und Dalmeny House gibt es Prachtexemplare großer Herrenhäuser zu bestaunen, während das Blackness Castle zu Recht oft als Filmkulisse verwendet wird, unter anderem in "Maria Stuart, Königin von Schottland" mit Saoirse Ronan und Margot Robbie.

Gouk Hill und der berühmte Loch Lomond im Hintergrund (Gavin Morton).

Der John Muir Way verläuft in Edinburgh fast in Nähe meiner Wohnung. Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich schon die Route geradelt bin. Langweilig ist mir noch nicht geworden, da ich ständig neue Details entlang der Strecke entdecke.

Meisterhafte Architektur

Allein in Edinburgh kann man locker mehrere Tage verbringen, und das Hillhouse in Helensburgh ist ein Meisterwerk des weltweit berühmten schottischen Architekten Charles Rennie Mackintosh. Mein persönliches Highlight sind die abgelegenen Buchten in East Lothian. Hier kann man im Sommer den Tölpeln beim Eintauchen zusehen, fernab des Trubels unter vom Wind verbogenen Kiefern sein Zelt aufstellen, und wunderbare Sonnenuntergänge beobachten. Ducks Inn in Aberlady bietet mehr Komfort, und ebenfalls in Schottland einzigartiges Feingebäck mit Radfahrern aus Schokolade. Das berühmte Aberdeen Angus Steak bekommt man ebenfalls, und kann es mit dem einen oder anderen Pint runterwaschen.
Die Bikepacking-Route nutzt bis auf wenige Abschnitte die ausgeschilderte Wanderroute, die für Gravelbikes mit Gepäck problemlos fahrbar ist. Wer weniger Anstiege und mehr Asphalt bevorzugt, kann ebenfalls der beschilderten Radroute folgen, oder einfach beide verbinden. Und wenn man keine Zeit hat, die komplette Strecke abzuradeln, bieten sich Teilstücke bestens für eine Exkursion von Edinburgh oder Glasgow an. Eine ausführliche Streckenbeschreibung und einen Link zu Tagestouren gibt es auf bikepackingscotland.com/johnmuirway.

Mitten im Bikepacking-Paradies.

In der Ruhe liegt die Kraft

Der John Muir Way lädt ebenso zum Verweilen ein, und "Unhurried" bringt hoffentlich genau das rüber. Die feineren Details, die ich entdeckte, als ich innehielt, zeigt der Film. Bei der Auswahl der Musik habe ich mich auch von der Einfachheit von Saties "Gymnopédie" inspirieren lassen, ein Stück das zu Lebzeiten John Muirs geschrieben wurde. Bei den Drohnenaufnahmen in Belhaven verbrachte ich einen ganzen Morgen am Strand, um die Vögel im richtigen Moment vor die Linse zu bekommen. Beim Sonnenaufgang in Dunbar sah ich außer zwei Fischern keine einzige andere Menschenseele, war aber fasziniert vom regen Treiben der Möwen im historischen Hafen. Ich stellte mir dabei den jungen John Muir vor, der über die weitläufigen Felder in der Umgebung zu den routen Sandsteinfelsen rannte, um bei Ebbe in deren Rockpools zu spielen.
Bikepacking und Radfahren sind für mich großartige Gelegenheiten, nicht nur Sport zu treiben. Radfahren ist ein gutes und effizientes Transportmittel. Was aber das Radfahren, und somit auch Bikepacking besonders ausmacht: Es ermöglicht mir, fast überall anzuhalten (im Gegensatz zu Fahrten mit dem Auto oder öffentlichen Verkehrsmitteln). Eben ganz ohne Eile.
Autor: Markus Stitz