Tour de France der Frauen

Team-SD Worx Leiterin Anna van der Breggen im Interview

Erstmals seit 33 Jahren startete gestern am 24. Juli wieder eine Austragung der Tour de France mit Frauen. Auf acht Etappen mit 1.029 Kilometer müssen sich die Teilnehmerinnen bis zur Zieleinfahrt auf den Planche des Belles Filles beweisen. Sportliche Leiterin des Teams SD Worx Anna Van der Breggen spricht mit BIKE BILD über die Probleme, mit denen die Rennställe noch immer zu kämpfen hat und die Zukunft des Frauen-Radsports.

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Während ihrer aktiven Zeit wurde van der Breggen Olympiasiegerin und dreifache Weltmeisterin. Nun ist sie sportliche Leiterin des Frauen-Profi-Teams SD Worx.

Frau van der Breggen, wie hat sich der Frauen-Radsport in puncto Zuschauerinteresse in den vergangenen Jahren entwickelt?

Anna van der Breggen

Van der Breggen: Das Interesse ist immens gewachsen und sobald die Tour de France Femmes avec Zwift jeden Tag übertragen wird, können wir mit noch mehr Aufmerksamkeit rechnen. Das wird einen großen Unterschied ausmachen. Erst dann werden die Zuschauerinnen und Zuschauer den Frauenradsport wirklich kennenlernen. In den Niederlanden gab es beispielsweise schon immer viel Aufmerksamkeit, auch weil der Frauenradsport in unserem Land ein hohes Niveau hatte. Aber nun wird es wegen der Tour de France auch international noch zunehmen. Das ist wichtig, denn: Je mehr Zuschauer und Fans, desto mehr Aufmerksamkeit, desto interessanter wird es für Sponsoren, in den Sport zu investieren, was wiederum das Niveau anhebt. Das gehört alles zusammen. Die Tour de France wird also viel in Bewegung setzen.
Was unterscheidet Frauen- von Männerrennen?
Van der Breggen: Es ist schwierig zwischen Männer- und Frauensport vergleichen. Die Körper von Männern und Frauen sind unterschiedlich gebaut, also sind auch die Rennen unterschiedlich angepasst. Nimm zum Beispiel die Art und Weise, wie Männer manchmal einen letzten Anstieg bewältigen. La Planche des Belles Filles ist sowohl bei der Tour der Männer als auch bei der Tour der Frauen dabei, aber beide werden den Anstieg unterschiedlich angehen. Auch der Höhenunterschied bergauf ist ein anderer. Gleichzeitig haben wir ein kleineres Peloton. Das sorgt für ein anderes Rennen. Ich weiß nicht, ob man es interessanter nennen kann, es ist einfach anders und gibt dem Radfahren etwas Besonderes.

Als sportliche Leiterin ist Van der Breggen (r.) immer nah an den Fahrerinnen wie hier mit der Schweizerin Marlen Reusser.

Mit welchen Problemen kämpfen die Frauen im Gegensatz zu den Männern?
Van der Breggen: Der Frauenradsport befindet sich in einer starken Entwicklungsphase. Gerade im Talent-Bereich sorgt das für Wachstumsschmerzen. Die Programme werden immer umfangreicher, sodass wir auch mehr Fahrerinnen brauchen. Doch es gibt nur eine bestimmte Anzahl von Fahrerinnen, die das Niveau erreichen, um auf World Tour-Ebene antreten zu können. Der Männerradsport hat dieses Problem lang hinter sich gelassen, da die Entwicklung dort auch früher anfing. Gleichzeitig bringt der Aufmerksamkeitsschwung Druck mit sich. Die Männer sind bereits daran gewöhnt, dass der Radsport als große Sportart angesehen.
Was macht den Frauen-Radsport für Sponsoren interessant? Warum sollten sie sich engagieren?
Van der Breggen: Weil es ein Sport ist, der wirklich die Kraft der Frauen zeigt. Es ist ein sehr harter Sport, aber eine der schönsten Sportarten, die es gibt. Aber natürlich bin ich da voreingenommen. Außerdem ist es ein idealer Sport, um den Bekanntheitsgrad von Unternehmen zu steigern. Im Radsport ist der Name des Hauptsponsors auch der Name des Teams. Das ist im Fußball nicht der Fall. Im Radsport erreicht man etwas mit einem Team, indem man zusammenarbeitet. Es gibt eine große Wahrnehmung und Beteiligung. Das macht es zu einer interessanten Sportart, in die man investieren kann.

Teamtraining steht bei den Profi-Teams der Frauen auf dem Pflichtprogramm.

Was kann noch getan werden, um den Frauen-Radsport zu fördern?
Van der Breggen: Dem Frauenradsport geht es bereits sehr gut, wir sind bereits auf dem richtigen Weg. Das Wachstum und der Aufschwung, den der Frauenradsport derzeit erfährt, kann dem Sport nur zugutekommen. Aber wir müssen auch sicherstellen, dass wir die jungen Fahrerinnen gut begleiten und coachen. Oftmals steigen Leistungslevel so starkl, dass der Schritt zu groß ist. Im Gegensatz zum Radsport der Männer wird eine Klasse übersprungen, weil sie nicht existiert. Im Frauenradsport gibt es Aussteigerinnen, die zwar das Talent haben, sich aber durch den Niveauunterschied entmutigen lassen. Es braucht Entwicklungsteams, die den Talenten beibringen, wie man trainiert, etc. Die Zahl der Fahrerinnen, die das Niveau erreichen, muss steigen.
Das Interview führte: Lennart Klocke