Nicholi Rogatkin

"Furchtlosigkeit wichtiger als Erfahrung"

Der US-Amerikaner Nicholi Rogatkin (23) ist einer der Topstars der internationalen Mountainbike-Szene. Seine Disziplin: Slopestyle.

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Nicholi Rogatkin

Nicholi Rogatkin beim Crankworx-Mountainbikefestival 2019 in Innsbruck.

Nicholi Rogatkin, Ihre Mountainbike-Disziplin heißt Slopestyle. Dabei führen Sie auf einem Kurs durch den Bikepark Sprünge mit spektakulären Tricks vor.
Ja. Es gibt so viele Elemente im Mountainbiking. Ich komme vom BMX-Dirtjump, aber seitdem ich zum Mountainbiking bin, mache ich nur Slopestyle. In dieser Sportart muss man viel Zeit und Aufwand investieren. Es gibt nur einen oder zwei andere Pro-Fahrer, die neben Slopestyle noch in einer anderen Disziplin antreten.
Wann sind Sie Pro geworden?
Mein erster MTB-Contest war mit 16, davor bin ich aber schon BMX-Rennen gefahren. Ich bin in der Nähe von Boston (USA) aufgewachsen. Als ich fünf Jahre alt war, hat mein Freund mir seine BMX-Trails gezeigt. Ich war sofort begeistert und mein Vater hat mir und meinem Bruder damals die ersten Bikes besorgt.
Sie leben und trainieren in Ihrem Heimatort?
Ich trainiere zu Hause, mein Training-Set-up dort ist ziemlich episch: Es begann mit einer BMX-Jump-Box, dann haben wir eine Quarterpipe gebaut, dann eine Spine-Ramp und dann kam immer mehr dazu.
Sie sind also auch Teilzeit-Handwerker?
Zum Glück hat mein Vater schon immer im Bauwesen gearbeitet. Als wir noch Kinder waren, hat er sich die Hindernisse bei anderen BMX-Parks angeschaut und die für uns nachgebaut. Er hat das alles möglich gemacht, ich kann nur bei groben Bauarbeiten helfen.
Wie viel Zeit nimmt Ihr Training in Anspruch?
Wir investieren viel Zeit, der Sport ist auch ziemlich einzigartig. Der Körper nimmt einfach viel Schaden. Nach einem Event wie diesem in Innsbruck kann ich vielleicht eine Woche nicht trainieren. Muskelkater, blaue Flecken oder einfach nur Müdigkeit. Ich bin auch mental echt ausgelaugt von dem ganzen Stress. Aber normalerweise trainiere ich fünf- bis sechsmal pro Woche für vier bis fünf Stunden.
Inwieweit entscheidet der Kopf über Sieg oder Niederlage?
Das kann bei jedem Wettkampf anders sein: Manchmal ist man gestresst, die Tricks funktionieren nicht. Manchmal stimmt das Mindset, aber der Körper macht nicht mit, weil man vielleicht noch Schrammen vom letzten Event hat. Erholen müssen sich nachher beide, denn Körper und Geist verrichten Schwerstarbeit.
Wie gut kann man als Freerider leben?
Diejenigen von uns, die guten Sponsoren haben und auf dem höchsten Level antreten, können davon ziemlich gut leben. Ist jetzt nicht wie beim Basketball oder Football, aber darum geht es in diesem Sport nicht. Und die Sportart wächst, wir sind Teil der Evolution. Wir sind auf dem Weg, so groß zu werden wie Skateboardfahren oder Snowboarden. Der gesamte Mountainbikesektor wächst rasant, die Zuschauerzahlen werden jedes Mal größer. Die Räder werden immer besser und die Athleten arbeiten hart, um überragende Tricks abzuliefern.
Die Tricks werden also auch immer schwieriger und komplexer?
Ja, die Tricks werden technisch immer anspruchsvoller. Früher konnten nur ein paar wenige 720-Grad-Drehungen, das haben heute die meisten drauf und probieren sich an 1080ern. Die Sprünge werden nicht nur größer, sondern auch besser. Verrückt, früher waren die Sprünge kleiner und gefährlicher.
Rogatkin_Crankworx_Rotura

Nicholi Rogatkin beim Slopestyle-Wettbewerb des Crankworx-Festivals 2019 in Rotura.

Größere Sprünge gleich mehr Sicherheit?
Ja, besonders bei Kursen wie diesem in Innsbruck: Die Leute, die das bauen, machen das schon ein paar Jahre. Sie wissen, wie man die perfekte Rampe baut, um sicher und spektakulär zu springen. Nur so sind neue Tricks überhaupt möglich.
Manche Stimmen behaupten, die Sponsoren treiben ihre Athleten zu immer neuen Höchstleistungen an – was gefährlich werden kann.
Ja, es wird gefährlicher, denn das Niveau steigt immer weiter. Die Jungs sind bereit, immer spektakulärere Sprünge zu machen, um die Sportart voranzubringen. Aber, die Bikes werden auch immer besser. Die schlimmsten Stürze passierten früher oft wegen Rädern, die den Belastungen nicht gewachsen waren. Und die Kurse werden immer besser konstruiert. Trotzdem wird es immer verrückter. Aber darum geht es eben beim Slopestyle.
Auch Sie sind nicht von Verletzungen verschont geblieben. Wie lange kann man diesen Sport überhaupt machen?
Gute Leute machen das bis etwa 35. Einige machen auch noch länger, was mich sehr beeindruckt. Denn wer immer besser werden möchte, muss seinen Körper echt misshandeln. Die meisten machen das zehn bis 15 Jahre, nicht länger.
Anders als bei den meisten Sportarten wird beim Freestyle-Mountainbiking auch unter den Profi-Sportlern nach jedem Rennen angestoßen und gefeiert. Ist das die Freunde, wieder ein Event unbeschadet überstanden zu haben?
Diese Stimmung entsteht einfach, weil der Druck abfällt. Wenn sich keiner verletzt hat, gibt es keinen Grund, nicht ein bisschen zu feiern. Das zeichnet das Mountainbiking eben aus.
Wie gehen Sie mit dieser Gefahr um?
Die Gefahr zu verstehen ist der Schlüssel. Wir Profis können das besser als Außenstehende, weil wir die Konsequenzen erfahren haben. Man muss das immer respektieren, denn die Dinge können sich sehr schnell ändern: In einem Moment fühlt man sich sehr wohl und dann kommt eine Windböe oder man nimmt zu viel Speed auf und man crasht. Egal, wie gut du bist, ohne Respekt geht es nicht. Ich glaube, du schaltest das aus, dieses Denken über Gefahren. Für bestimmte Sprünge muss man das einfach abschalten. Trotzdem wissen wir immer, wie verrückt das eigentlich ist.
Muss man als Slopestyle-Fahrer auch ein Equipment-Nerd sein, wie viele andere Radsportler?
Manche mehr, manche weniger. Für viele Typen geht’s mehr ums Rad als um das Fahren selbst. Ich bekomme Unterstützung von meinen Sponsoren, die stellen sicher, dass alles am Rad passt. Beim Slopestyle sind die Räder zum Glück recht simpel. Nur eine Federgabel, eine Bremse: hier geht’s mehr ums Fahren und die Tricks. Es heißt eben nicht umsonst Freestyle: Selbst wenn wir alle dasselbe Outfit tragen würden, könnte man jeden von uns deutlich unterscheiden, so individuell ist das.

Galerie: Das Bike von Nicholi Rogatkin

Wie entwickelt man neue Tricks?
Jeder Trick hat seine eigene Geschichte. Einige kommen leichter als andere. Auch im Freestyle gibt es viele unterschiedliche Stile: Es gibt technische Manöver mit vielen aneinander gereihten Bewegungen oder Tricks in verschiedene Richtungen. Ich liebe verschiedene Arten von Rotation. Manchmal visualisiert man das, probiert ein paar Anläufe und hat es dann. Ein anderes Mal kämpft man mit dem Trick. Man glaubt man hat es, stürzt wieder und fängt von vorn an.
Was ist schwieriger: Den Trick lernen oder ihn im Wettkampf abrufen?
Den Trick in einem Contest vorführen ist hundertmal schwerer als im Training. Die meisten Profis können – mit ausreichend Zeit und Willen – einen Trick lernen. Aber nur auf einem Kurs, auf dem sie sich wohlfühlen. Aber wenn da auf einmal Druck ist und noch schlechtes Wetter hinzukommt, dann wird es richtig schwierig. In seiner Komfortzone kann man alle Tricks der Welt machen.
Wie groß ist der Einfluss des Wetters?
Massiv! Wenn man ein Event nur am Bildschirm sieht, bemerkt man den Wind vielleicht nur bei einem Baum im Hintergrund, der sich leicht bewegt. Für uns ist das schon gefährlich. Wenn du in der Luft bist und der Wind aus allen Richtungen kommt, ändert das alles. Ähnlich bei Regen: Wenn die Holzbretter auf den Rampen rutschig werden, sind die Tricks nicht mehr möglich. Wir sind ziemlich abhängig vom Wetter. Aber drinnen kann man diesen Sport einfach nicht machen.
Gibt es Fahrer, die damit besser zurechtkommen?
Definitiv: Einige Tricks und Styles funktionieren besser bei schlechtem Wetter. Einige Fahrer spielen ihre Stärken bei langsamen Kursen und wechselnden Windverhältnissen aus. Andere kommen damit nicht klar.
Was ist wichtiger: Erfahrung haben oder frei von Angst sein?
Es scheint immer so, dass Erfahrung wichtiger ist. Aber dann kommen neue, junge Typen auf die Bühne, die keine Angst haben. Die kümmern sich nicht um ihre Nerven oder die Leute. Und die holen die Top-Resultate und gewinnen Contests. Manchmal hilft die Erfahrung der Veteranen, was Wetter und Strategie angeht. Aber oft gewinnt derjenige, der keine Angst hat. Ich sage Furchtlosigkeit vor Erfahrung, denn einige der verrücktesten Läufe aller Zeiten wurden von Jungs gemacht, die einfach 100 Prozent gegeben und waghalsige Sachen versucht haben.
Könnten Sie die Szene der Profi-Slopestyle-Fahrer beschreiben?
Ehrlich gesagt sind wir alle gute Freunde. So muss es sein, denn wir helfen einander aus. Täten wir das nicht, würde es gefährlich werden. Wenn ein Fahrer einem anderen sagt: „An dieser Rampe musst du beschleunigen“, obwohl man eigentlich abbremsen sollte, wird es gefährlich. Damit würden wir den anderen Fahrern ja wünschen zu stürzen und dieses Konkurrenzdenken ist genau das Gegenteil des Spirits dieser Sportart.