Mit dem E-Bike zum Reichstag

Hausrunde mit Grünen-Politiker Cem Özdemir

Cem Özdemir war zehn Jahre lang Vorsitzender der Partei Bündnis 90/Die Grünen. Als Vorsitzender des Verkehrsausschusses kämpft er heute für eine bessere Fahrradinfrastruktur im Land.

Datum:

Selfie-tauglich: Auf seiner täglichen Fahrt ins Regierungsviertel streift Cem Özdemir das Brandenburger Tor und viele weitere Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt.

Hat die Berliner Polizei ein Wunder vollbracht? Vergangenen Oktober wurde Cem Özdemir das E-Bike aus dem Kreuzberger Hausflur geklaut. Nun biegt der Politiker mit wehendem Sakko auf selbigem Rad um die Kurve – zumindest wirkt es identisch: ampelgrün, tiefer Einstieg, Mittelmotor.
Zur Begrüßung klärt er auf. Sein Rad bleibt verschollen, „vermutlich außer Landes geschafft“. Vor der Bundestagswahl 2017 hatte er zwei gleiche Modelle besorgt, eines für ihn und eines für Katrin Göring-Eckardt, mit der er sich die Grünen-Spitzenkandidatur teilte. Mit Ende des Wahlkampfs benötigte sie ihres nicht mehr. Da griff er zu – Schwabe, der er ist.

Cem Özdemir knöpft sich die Verkehrswende vor

Wir treffen ihn an einem sonnigen Morgen in Berlin-Kreuzberg. Die Rushhour lässt den Kreisverkehr am Moritzplatz heftig dröhnen. Fast wie im Motodrom auf dem Jahrmarkt, durch das die Steilwandfahrer jagen. Tollkühnheit verlangte auch der Moritzplatz lange Zeit: Allein von 2012 bis 2014 verunfallten im Kreisverkehr 150 Radfahrer. Daraufhin nahm man den Autofahrern eine Spur, verbreiterte den Radstreifen auf drei Meter, die Ein - und Ausfahrten wurden mit roter Farbe markiert. Die Unfälle reduzierten sich, und der Platz erhielt die „Goldene Klingel“ für vorbildliche Verkehrsführung.
Im jetzigen Job plant Özdemir Ähnliches – nur im großen Stil. Als Vorsitzender des Verkehrsausschusses des Bundestags knöpft er sich nicht nur Lkw-Maut und marode Brücken, sondern auch die Verkehrswende vor. Bei Investitionen in den Straßenverkehr mache der Bund um das Rad „einen großen Bogen“, sagt er. Sinnvoll seien 400 Millionen im Jahr für neue Radwege, dreimal mehr als bislang.
Wir stehen auf dem Bordstein, und er spricht wie im Sessel bei Anne Will. „Wenn die Leute massenhaft umsteigen sollen, muss Radfahren sicher und komfortabel sein.“ Was zu diesem Ideal noch fehlt, erlebt er täglich. Sein Arbeitsweg ins Regierungsviertel führt mitten durch den Berliner Asphaltdschungel. Diesmal ist BIKE BILD dabei.

Achtung, Lieferwagen! Bei der abenteuerlichen Fahrt durch den Großstadtdschungel sind jede Menge Transporter, Busse und Zweite-Reihe-Parker zu umkurven.

Nicht lang her, da stieg er morgens in den Dienstwagen. „Ich hatte immer zwei Ausreden, warum ich nicht mit dem Rad zur Arbeit fahre“, erzählt er.
Erstens erfordern viele Termine Anzug und Krawatte. Gestern traf er EU-Kommissar Günter Oettinger, „dem kann ich nicht im Unterhemd gegenübersitzen“. Dank des E-Bikes fließt kaum mehr Schweiß. Zweitens ließ er sich oft aufgrund mangelnder Ortskenntnis vom Fahrer kutschieren. Auch das gilt nicht mehr: Er zieht ein Kunststoffband aus der Tasche, bindet es ums Lenkerrohr. Die Smartphone-Halterung der Navigations-App von „Bike Citizens“. Das sei einer der Vorteile seines Jobs in der Verkehrspolitik, sagt er: „Ich kann auf Fahrradmessen gehen." Dort entdeckt er solche nützlichen Dinge.
Wir rollen über die Oranienstraße, die als lange Schneise nach Mitte führt. Auf dem Asphalt schieben sich Blech an Blech die Autos voran, weshalb wir auf die Radspur wechseln. Die ist kaum schulterbreit, Baumwurzeln haben Steine aus dem Pflaster platzen lassen, wuchernde Zweige streifen den Arm. Özdemir muss einem achtlos abgestellten Leihrad ausweichen. „Mit Leihrädern kann man niedrigschwellig Leute fürs Radfahren gewinnen“, sagt er. „Ärgerlich nur, wenn man die Räder im Straßengraben sieht. Da kommt die schwäbische Kehrwoche durch.“

Verantwortung und Würde

Özdemir, 52, stammt aus Urach, Baden-Württemberg. Um die Häuser im Tal ragt die Alb. „Als Kinder entfernten wir von unseren Rädern Schutzbleche und alles, was wir damals überflüssig fanden, taten so, als wären das teure Rennräder“, erzählt er. „Damit sind wir die Steige hoch. Und wieder runter. Schauen, ob die Bremsen halten – das war unsere Mutprobe.“
Damals ließ er das Haar flattern. Heute trägt er Helm. „Wegen meiner Tochter.“ Mit zwölf Jahren verbringe sie viel Zeit vor dem Spiegel. Bevor er sich auf eine Diskussion einlässt, inwiefern ein Helm den Look versaut, fährt er lieber mit gutem Beispiel voran. „Fahrradfahrer dürfen nicht länger als schrullige Vögel gelten, die sich kein Auto leisten können. Sie müssen sich ernst genommen fühlen.“ Dazu zählt, den Helm mit Würde zu tragen.
Hinein in die Lindenstraße. Özdemir bremst gegenüber einer sandfarbenen Barockfassade. Daneben springt ein Turm aus silbrigem Titanzink hervor, schräg eingeschnittene Fenster wirken wie tiefe Narben. Das Jüdische Museum, für ihn eines der bedeutsamsten Gebäude Berlins: „Ein Land bekennt sich zu seinen dunklen Flecken. Nicht im Sinne der persönlichen Schuld der Menschen von heute, sondern im Sinne der Verantwortung.“

„Der Radfahrer darf nicht länger als schrulliger Vogel gelten.“

Cem Özdemir

In Kommentaren, auf Twitter und in Reden mit Kippa auf dem Kopf prangert er Antisemitismus an. Die gehäuften Vorfälle der jüngeren Zeit seien „Ausdruck einer zunehmenden Verrohung einiger in unserer Gesellschaft“, sagt er. „Eine Fraktion im Bundestag hat Verrohung sogar als Geschäftsmodell gewählt.“
Özdemir, Kind türkischer Einwanderer, kennt Diskriminierung. Als beim politischen Aschermittwoch der AfD sein Name fiel, rief die Menge: „Abschieben, abschieben!“ Er kritisiert auch die türkische Regierung scharf, „um die Konfrontation mit den aggressiven Erdogan-Fans zu vermeiden“, radelt er durch manche Kreuzberger Straße schneller.

Mit E-Bike im Großstadtdickicht

In der Rudi-Dutschke-Straße nutzen Radfahrer mangels Radwegen die Busspur. Als ein dunkler Lieferwagen sie blockiert, umkurvt ihn Özdemir. An der nächsten roten Ampel berichtet er von Stuttgart, seinem Wahlkreis. Dort sterben die Traditionsbuchhändler. Jeder bestelle im Internet. Das verändere die Innenstädte dramatisch. Die Zusteller parkten in zweiter Reihe, auf Fuß- und Radwegen.
Özdemir stieß auf spannende Ideen: Die Münchner Firma Hinterher.com zeigte ihm Rad-Anhänger, die Europaletten stemmen. Beim Zusteller DHL testete er eines der Lastenliegeräder, die inzwischen mancherorts die Pakete bringen. „Emissionsfreie Citylogistik!“, schwärmte er auf Twitter.

Vor dem Reichstagsgebäude: Auch nach dem Abschied aus der Parteispitze der Grünen gehört Cem Özdemir dem Bundestag weiter als Mitglied an.

Die Ampel springt auf Grün. Er tritt mit seinen Turnschuhen in die Pedale, ein Schnellstart. Das E-Bike zeigt seine Vorzüge nicht nur in hügeliger Landschaft, sondern auch im Großstadtdickicht, wo man ständig bremsen und antreten muss. Zwischen Tiergarten und Brandenburger Tor steuern wir auf die Glaskuppel des Reichstags zu.
Vorigen Herbst saß Özdemir schon mit einer Pobacke auf der Regierungsbank, dann platzten die Jamaika-Gespräche. Nun hockt er als Hinterbänkler im Plenum, den Grünen-Vorsitz gab er nach zehn Jahren ab. Er zählt dennoch weiter zu den beliebtesten Politikern, seine Abrechnung mit der AfD im Bundestag wurde zum viralen Hit im Netz.

„Wir brauchen andere Autos, weniger Autos“

Quer über den Platz der Republik, einer platt gelatschten Wiese vor dem Reichstag. Vor dem Paul-Löbe-Haus parkt er sein Rad. Das gewaltige Kettenschloss schenkte ihm die Partei, das jetzige Rad soll länger erhalten bleiben. Hinter der Glasfassade werkeln der Verkehrsausschuss und die weiteren Bundestagsausschüsse. Sachverständige befragen und über Gesetzentwürfen brüten – das Rampenlicht wirkt fern.
Özdemir lässt den Akku aus der Halterung springen und erklärt, was ihn dennoch am Posten reizte. Da seien die Herausforderungen, vor denen die stark wachsenden Städte stünden – Stau, Klimagase, Stickoxide –, „wir in Stuttgart leiden schon jetzt darunter“. Der Verkehr müsse ökologisch modernisiert werden. „Wir brauchen andere Autos, weniger Autos.“
Was, wenn die Grünen bei aller Lobbyarbeit fürs Fahrrad bald als Anti-Auto-Partei gelten? Am Ende die Partei noch auf die Idee käme, einen bundesweiten Mit-dem-Rad-zur-Arbeit-Tag anzuregen? Cem Özdemir schmunzelt nur. „Wenn mehr Leute aufs Rad und in die S-Bahn steigen, dann profitieren auch diejenigen, die aufs Auto angewiesen sind: Sie kommen schneller voran.“
Er selbst beobachtete, wie Taxifahrer Radfahrer von der Straße brüllen – und wie die sich mit Faustschlägen aufs Autodach revanchieren. „Separate Wege schützen die Verkehrsteilnehmer voreinander. Wir sollten nicht alle im Dauerkampfmodus sein.“ In öffentlichen Debatten scheut er keine Auseinandersetzung. Im Straßenverkehr will er Konfrontationen verhindern.

Bereits mit 15 trat Cem Özdemir (Jahrgang 1965) den Grünen bei. Der studierte Sozialpädagoge wurde 1994 als erster Deutscher türkischer Herkunft in den Bundestag gewählt. Seine Schwerpunkte: Umwelt, Integration und Menschenrechte. 2017 war er gemeinsam mit Katrin Göring-Eckardt Spitzenkandidat im Bundestagswahlkampf. Seit Januar dieses Jahres ist er Vorsitzender des Bundestags-Verkehrsausschusses.Seit Kurzem engagiert sich der zweifache Vater als Schirmherr der „AKTIONfahrRAD“, die Kinder frühzeitig aufs Fahrrad bringen möchte.

Die Strecke von Cem Özdemir

Cem Özdemirs Tour ist gut fünf Kilometer lang und startet am Kreuzberger Moritzplatz. Dort besucht der Grünen-Politiker gern die Prinzessinnengärten, eine einstige Brache, die heute als grüne Oase erblüht und als Musterbeispiel für urbane Landwirtschaft gilt. Der weitere Weg verläuft entlang der Oranienstraße, die einen Abstecher zum Jüdischen Museum ermöglicht. Zurück auf der Hauptstrecke, erreicht man bald den Potsdamer Platz mit seinen Kinos, Restaurants und Einkaufszentren. Von dort radelt Özdemir in nördlicher Richtung an Holocaust-Mahnmal, Tiergarten und Brandenburger Tor vorbei, bis er schließlich zum Reichstagsgebäude gelangt.