„Tatort“-Kommissar

Hausrunde mit Schauspieler Oliver Mommsen

Schauspieler Oliver Mommsen rollt so oft wie möglich mit dem Rad durch die Hauptstadt. Dem täglichen Verkehrschaos weicht er aus – sein Weg führt durchs Grüne.

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Extrem beliebtes Fotomotiv: Die Mauersegmente auf dem Potsdamer Platz werden vermutlich noch öfter abgelichtet als der smarte Typ davor.

Das Fitnessstudio von Oliver Mommsen liegt unter der Berliner Kolonnenbrücke. Oben rollt der Hauptstadtverkehr, unten tobt sich der Schauspieler nicht selten mit Tennisschläger und Springseil aus. Fünf Minuten Seilchen, zehn Minuten Bälle schlagen – immer abwechselnd. Ein mit Graffitis besprühter Brückenpfeiler dient ihm als Übungswand.
Heute will der 49-Jährige aber nur Rad fahren. Mommsen, der 17 Jahren lang als „Tatort“-Kommissar Nils Stedefreund in Bremen ermittelte, nimmt uns mit auf seine grüne Hausrunde durch Berlin. „Ich liebe es, mit dem Rad durch die Stadt zu rollen“, sagt Mommsen. „Am Stau zieht man locker vorbei, und die leidige Parkplatzsuche entfällt.“ Dennoch wird er später noch über den Überlebenskampf im Großstadtdschungel lästern.
Zunächst rollen wir aber über den Fernradweg Berlin–Leipzig entlang der S -Bahn -Gleise durch die Sonne Richtung Gleisdreieck. Plötzlich bleibt Mommsen stehen. „Wir müssen ein Foto an den Yorckbrücken schießen“, sagt er. Die insgesamt 24 unter Denkmalschutz stehenden Schrottbrücken sind so markant wie hässlich. „Wenn ich die mit dem Auto passiere, weiß ich: Gleich bin ich zu Hause.“ Kreuzberg ist sein Kiez. „Ich mag die Toleranz und die Vielfältigkeit – Tohuwabohu finde ich inspirierend“, sagt er.
Zurück auf seiner typischen Berliner Runde, nähern wir uns zügig dem Deutschen Technikmuseum. Wir plaudern über seine Radsportbegeisterung und landen schnell in Hamburg bei den Cyclassics. Dieses Jahr war er zum zweiten Mal auf der kleinen 60-Kilometer-Runde des Klassikers am Start.

Eine Oase im Hauptstadt-Trubel: Auf der Terrasse des beliebten Tempodroms bereitet sich Oliver Mommsen gern auf die nächste Rolle vor.

Mommsen: „Eineinhalb Stunden habe ich gebraucht. Es hat wieder riesigen Spaß gemacht, im Ganzkörperkondom mit Tempo 38 über die abgesperrten Straßen zu brettern.“ Das Privileg seiner Prominenz: Direkt vor ihm fuhr der langjährige Profi Christian Henn, hinter ihm Hans-Michael Holczer, der frühere Chef des Teams Gerolsteiner. „Zwischen den beiden konnte ich richtig Gas geben. Wenn man im Windschatten in einen Flow kommt, fühlt sich das einfach fantastisch an.“

Ruhiger Rückzugsort im Zentrum der Metropole

Wir steigen ab und tragen die Räder nun ein paar Treppenstufen hoch. Um uns herum – Stille. Das Grundrauschen der Großstadt ist irgendwo, doch hier, auf der Terrasse des Neuen Tempodroms, tritt es vollends in den Hintergrund. Die weiße, 37 Meter hohe Dachkonstruktion der Arena, die optisch an ein Zirkuszelt erinnert, strahlt hell in der Sonne – Mommsen zieht einen Klappstuhl aus seinem Rucksack. „Hier sitze ich gern mit einer Tasse Tee und beschäftige mich mit dem nächsten Drehbuch“, erzählt der Schauspieler. Aktuell erstrahlt auf seinem iPad seine Rolle im Kinder-Kinofilm „Mein Lotta-Leben“. Als Vater von zwei Kindern (Lotte und Oskar) findet er problemlos ins Thema.

Lässig unterwegs: Oliver Mommsen lebt seit rund 28 Jahren in Berlin. Er liebt das bunte Miteinander in Kreuzberg und hasst Aggressionen im Straßenverkehr. Sein Motto: „Immer schön geschmeidig bleiben.“

Weiter geht’s Richtung Potsdamer Platz. Vor einem Überrest der Berliner Mauer lassen sich Touristen aus Bayern ablichten. Als sie den „Tatort“ -Kommissar entdecken, tuscheln sie, aber niemand traut sich, ihn anzusprechen. Mommsen blickt auf die Hochhäuser im Hintergrund und erzählt plötzlich von seinem Faible für New York. Vom Tempo der Stadt, von der Energie im Big Apple. Ist er dort auch mit dem Velo unterwegs gewesen? „An einem Sonntag habe ich mir morgens um fünf ein Mietrad geschnappt und bin vom Times Square bis runter zur Freiheitsstatue gefahren. Ich habe geschrien vor Glück“, sprudelt es aus ihm heraus. Und: „New York gehörte mir!“
Mommsen schätzt den Trubel einer Metropole ebenso wie Momente der Einsamkeit. „Ich bewege mich gern antizyklisch“, sagt er. Dann schweift er ab zu den Dreharbeiten auf einem Kreuzfahrtschiff. „Als die Meute zum Frühstück strömte, wanderte mein Blick vom Sonnendeck zum Horizont.“ Ohne Zwischenstopp rollen wir durchs Brandenburger Tor. 1989, kurz nach der Öffnung der Mauer, besuchte Mommsen seinen Stiefbruder in Berlin. Er war sofort verliebt in die Stadt – seit Sommer 1990 lebt er hier.
Aufgewachsen ist er allerdings in Kehl am Rhein, einer wunderbaren Region, insbesondere für ambitionierte Radfahrer. „Leider hat mir meine Mutter lange verboten, Rad zu fahren. Als Kind war ich in der Notaufnahme des Krankenhauses persönlich bekannt, und sie hatte große Angst, dass ich mir den Kopf einfahre.“ Das ist verdammt lange her, aber das Radverbot scheint noch immer an ihm zu nagen.

Schon immer ein Schauspieler

Tatort“-Fans kennen Oliver Mommsen seit 17 Jahren als Ermittler Nils Stedefreund – doch damit war an Ostern Schluss. Der 49-Jährige sucht neue Herausforderungen. Privat ist der Vater von zwei Kindern (Lotte und Oskar) in Kreuzberg glücklich. Dieses Jahr will sich der begeisterte Radfahrer einen Traum erfüllen: eine Etappe der Tour de France meistern.

Wir cruisen durch den Tiergarten, haben das politische Zentrum Deutschlands zuvor links liegen gelassen. Keine Zeit für den Reichstag, auch kein Selfie am Schloss Bellevue, dem Amtssitz von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Wir haben es eilig, denn gedanklich sind wir schon bei einem kühlen Radler im Biergarten BRLO.
Wie wurde Mommsen eigentlich Schauspieler? Hätte sich sein Berufsleben auch ganz anders entwickeln können? Er überlegt kurz. „Nein“, sagt er grinsend. „Meine Karriere war früh absehbar.“ Vom Klassenclown über die Theater -AG am Internat bis zu ersten Aushilfsjobs beim Film – er wollte immer werden, was er ist. „Die Schauspielerei ist für mich bis heute ein Volltreffer“, findet er. Am Theater fühlt er sich dabei mindestens so wohl wie vor der Kamera.
Endlich. Wir sind da. Zurück am Gleisdreieck. BRLO – rasch ketten wir die Räder an einen Zaun, schon ordern wir am Tresen unser Kaltgetränk. In Ruhe müssen wir über das nahe Ende von Mommsens Paraderolle sprechen. 17 Jahre lang hat er im „Tatort“ aus Bremen als Kriminalhauptkommissar Nils Stedefreund ermittelt. An Ostern wird er an der Seite von Inga Lürsen (seit 1997 dargestellt von Sabine Postel) definitiv zum letzten Mal in unsere Wohnzimmer flimmern. „Stedefreund ist mit mir erwachsen geworden“, erzählt Mommsen. Stetig hat er die Figur weiterentwickelt, doch damit ist nach insgesamt 34 Fällen Schluss. Warum bloß?

Raus aus der „Tatort“-Hängematte

Raus aus der „Tatort“-Hängematte „Es war unser freiwilliger Entschluss“, betont Mommsen. Weil er zu neuen Ufern aufbrechen möchte, musste er die „Tatort“-Tür hinter sich laut zuknallen. Dann gibt er tiefe Einblicke in seine Gedanken und Gefühle: „Als ,Tatort‘-Kommissar wird man hofiert. Die Rolle hat ein gewaltiges Standing. Über den ,Tatort‘-Hype schleicht sich unweigerlich das Gefühl ein, dass man es geschafft hat. Man könnte es sich in so einer Position gemütlich machen. Das will ich aber nicht. Gemütlich machen kann ich es mir mit 77.“

BIKE BILD-Reporter Patrick Kiefer im Gespräch mit dem „Tatort“-Star Oliver Mommsen, dazu ein erfrischendes Radler im Biergarten.

Raus aus der Hängematte des Polizeibeamten – auf zu neuen Ufern. So tickt der gebürtige Düsseldorfer, so blickt er optimistisch in die Zukunft. In sein Leben nach Nils Stedefreund.
Vom Biergarten sind es bis zum Ausgangspunkt unserer grünen Hausrunde nur wenige Minuten Fahrzeit. Doch bevor sich der Kreis an der S-Bahn-Station Priesterweg schließt, holt Mommsen noch zu einer furiosen Fahrrad-Gardinenpredigt aus. Der Großstadtindianer ist vom alltäglichen Krieg auf den stark befahrenen Berliner Straßen schwer genervt: „Täglich schreien sich Radfahrer und Autofahrer an. Auf diese Art der Verkehrserziehung kann ich gut verzichten.“ Seine Einstellung lautet: immer schön geschmeidig bleiben. Ruhe bewahren. Selbstkritisch sein. Humor beweisen.
Mommsen hasst Radrüpel, die rücksichtslos über Gehwege rasen: „Der Bürgersteig ist für Träumer, für Mütter mit Kindern und alte Menschen“, findet er. Umgekehrt bringen ihn Autofahrer auf die Palme, die ihn absichtlich zu Bremsmanövern zwingen. „Nehmt Rücksicht auf die Schwächeren“, mahnt er.
Bevor sich unsere Wege trennen, muss noch eins geklärt werden: Welcher Kommissar ist eigentlich sein Lieblingskollege? „Ich mag den Humor aus Münster, finde das Duo Prahl/Liefers sehr gut. Joachim Król und Nina Kunzendorf fand ich klasse, und selbstverständlich ist Axel Milberg großartig.“
Und dann ist Schluss. Ende. Abspann. Wir danken der Stadt Berlin und Oliver Mommsen für die freundliche Unterstützung.

Mommsens Strecke

Mitten im Bergmannkiez von Kreuzberg lebt Oliver Mommsen. Unser Treffpunkt ist ganz in der Nähe – der S-Bahnhof Priesterweg. Wir fahren im Grünen los Richtung Kolonnenbrücke. Weiter geht’s über den Radweg Berlin–Leipzig und durch den Park am Gleisdreieck. Von hier ist es nur ein Katzensprung in den Trubel am Potsdamer Platz. Nach ein paar Fotos rollen wir via Brandenburger Tor zum Haus der Kulturen der Welt und bereits auf dem Weg zurück vorbei an der ewig schönen Siegessäule.
„Es ist schon toll, dass man sich im Zentrum einer Millionen-Metropole komplett in grünen Zonen bewegen kann“, sagt Mommsen. Bevor unsere kleine Runde am Ausgangspunkt endet, zischen wir ein Radler am BRLO Brauhaus. Prost, auf die Freundschaft.

Oliver Mommsen wollte unbedingt zu den legendären rostigen Yorckbrücken. „Die sind nicht hässlich – die sind Kult“, findet der Schauspieler. Ansichtssache, finden wir.