Löwen bis Staffelböll: Landgrafs Philipps Heimritt

Hinterländer auf Spuren hessischer Heimatgeschichte

Die Hinterländer sind fünf Fahrradfreunde fürs Leben, die seit 26 Jahren durch die Weltgeschichte reisen. Ihr letztes Abenteuer führte die Truppe von Löwen (Belgien) nach Staffelböll (Hessen) – auf den Spuren von Landgraf Philipp.

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Start in Leuven vor gotischer Kulisse.

Sie fahren seit 26 Jahren durch die Weltgeschichte. Die Hinterländer sind fünf Freunde fürs Leben. Sie reisen mit dem Rad durch die Welt. Mehr Kumpel geht eigentlich nicht. Wir haben die illustre Bike-Truppe porträtiert. Ihr letztes Abenteurer führte die Hinterländer mit dem E-Bike von Löwen (Belgien) nach Staffelböll (Hessen) auf den Spuren von Landgraf Philipp.
Nach dem verlorenen Schmalkaldischen Krieg gegen die Katholiken unterzeichnete Landgraf Philipp in aussichtsloser Lage am 12. Juni 1547 seine Kapitulation und reiste nach Halle, wo er dem Kaiser die zugesagte feierliche Abbitte leistete. Entgegen den Erwartungen wurde er jedoch noch am gleichen Tag gefangen gesetzt und von Herzog Alba in die Niederlande gebracht. Er war politischer Führer, Bundeshauptmann und der bedeutendste Landesfürst im Heiligen Römischen Reich. Bekannt wurde er auch als Gründer einer der ältesten protestantischen Universitäten der Welt in Marburg, aber auch durch seine Vielweiberei, die ihn fast den Kopf gekostet hätte. Erst 1552 wurde er begnadigt und machte sich auf den Weg, den wir mit extremem Aufwand recherchiert und schließlich "erfahren" haben.

Tag 1: Andere Länder, andere Sitten

Die flämische Universitätsstadt Löwen liegt etwa 20 Kilometer westlich von Brüssel am Ufer der Dijle. Wir waren völlig überrascht von der Konsequenz, was die Maskendisziplin und das Hygienekonzept in unserem Hotel angeht. Hier trägt jeder eine Maske und das mit gutem Grund, denn die Strafen sind drakonisch. Für uns bedeutet das, uns auch in den Städten streng an die Hygieneregeln zu halten und erst im freien Gelände die Masken abzunehmen. Pünktlich um 9 Uhr starten wir am Stadhuis (Rathaus), einem der schönsten gotischen Gebäude Belgiens. Vorher suchen wir hier im Archiv nach Hinweisen auf das Gemäuer, in dem Philipp zuletzt gefangen gehalten wurde. Denn wie immer haben wir uns auf diese Tour akribisch vorbereitet. Am 19. Mai 1547 war Philipp der Großherzige nach dem verlorenen Schmalkaldischen Krieg von Herzog Alba über Süddeutschland nach Oudenbarde und am 29. Mai 1550 weiter nach Mechelen gebracht worden.
Sechs Tage benötigte er damals, unser Plan ist es natürlich, die Strecke mit unseren E-Bikes in drei Tagen zu schaffen. Und dabei kommt uns hoffentlich auch das hervorragende Zweiradwegenetz zumindest in Belgien und den Niederlanden zu Gute, denn Rad fahren wird dort groß geschrieben. Die Route führt am ersten Tag in ungewohnt flaches Gelände – die höchste Erhebung ist noch nicht einmal 100 Meter hoch – bis nach Tienen. Weiter geht es entlang der N3, teilweise aber auch über malerische Hohlwege und die „Oude Baan“ (Alte Straße). Ab Tienen folgten wir den Spuren Philipps, der am 5. September 1552 nach über fünfjähriger Gefangenschaft in Begleitung eines Ehrengeleites von 300 spanischen Reitern, einigen Getreuen und mit Geleitbriefen der Erzbischöfe Köln, Jülich und Nassau in seine Heimat aufgebrochen war. Wir verlassen die Stadt, um nach einem Kilometer auf den ersten deutlichen Hinweis der Römerstraße zu stoßen. Tumuli heißen die drei mächtigen Grabhügel, die als Beweis für die romanische Wegführung dienen, die auch noch zu Philipps Zeiten genutzt wurde.

Blick auf die Eifel.

Kurz hinter Hakendover verlassen wir die N3 und treffen auf den „Romeinse Steenweg“, der uns, begleitet von blühenden Obstplantagen und Erdbeerfeldern, schnurgerade nach St. Truiden bringt. Wir folgen weiter der Römerstraße, die noch bis in die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts als Hauptverkehrsader genutzt wurde, über Groot-Loon, Bommershoven und Piringen nach Tongeren, einer der ältesten Städte Belgiens.
Bereits in der Römerzeit bestand die Siedlung Aduatuca Tungrorum, von deren Stadtbefestigung heute noch Teile erhalten sind. Eine weitere Sehenswürdigkeit ist die Onze-Lieve-Vrouwe-Kerk, eine frühgotische Kirche mit romanischem Kreuzgang. Bei Maastricht überqueren wir schließlich die Grenze zu den Niederlanden – jedoch mit einem mulmigem Gefühl. Denn ab hier kennt man keine Maskenpflicht mehr, was uns durchaus etwas Unbehagen bereitet. Über die Meuse (Maas) führt der Weg in den Stadtteil Wyck. Obwohl Philipp hier übernachtete, ziehen wir weiter, denn das Etappenziel heißt Heerlen. Durch den Vorort Meersen geht‘s auf Asphalt über St. Gerlach vorbei an einem von künstlichen Höhlen zerklüfteten Sandsteingebirge durch Valkenburg auf der „Steinstraße“ nach Klimmen. Nachdem wir die A79 und die A76 unterquert haben, erreichen wir um 19 Uhr endlich unser im Süden der Provinz Limburg gelegenes Tagesziel.
  • Tag 1: Strecke: Löwen bis Heerlen, 118 Kilometer
  • Höhenmeter: 768 Meter
  • Schnitt: 19,8 Stundenkilometer
  • Nettofahrzeit: 5 Stunden 47 Minuten

Tag 2: Keine Wechselpferde dafür aber Wechselakkus

8.45 Uhr in Heerlen (Niederlande) in Richtung Rimburg an der Wurm: Moderne Radwege wechseln sich mit der jahrtausendealten Römerstraße ab. Als wir Schloss Rimburg passieren, um nach Palenberg zu gelangen, fahren wir schon über deutsches Gebiet. „Die Grenze macht sich fast nur durch deutlich schlechter werdende Radwege bemerkbar. Über offenes Acker- und Weideland vorbei an Beckendorf, Setterich und der Burg Engelsdorf erreichen wir nach der Ruhrüberquerung Jülich. Im Zentrum der auf die romanische Siedlung Juliacum zurückgehenden Stadt geht es auf der Bundesstraße 55 weiter. Dort beginnt das mit 8.500 Hektar größte Tagebaugebiete der Welt: Hambach. Den Ort Steinstraß, den unsere Reiseroute als nächste Station nennt, gibt es nicht mehr. Er wurde genau wie die B 55 und somit unsere Römerstraße Opfer der Braunkohle.

Akku-Nachladen an der Station.

Ein Schurf von Archäologen im Jahr 1987, zehn Meter breit quer durch die Wegführung der Bundesstraße geschnitten, bestätigte die Vermutung, dass der Verlauf der B 55 exakt dem Fundament der Römerstraße folgt. Reisende im Mittelalter, Landgraf Philipp und seine 300 Begleiter, aber auch Napoleon folgten noch der über 2.000 Jahre alten Verkehrsader. Vor den Mountainbikern liegt nun die Sophienhöhe, eine künstliche Erhebung, die durch Rekultivierung der abgetragenen Bodenschichten entstanden ist. Nachdem wir den Gipfel des 293 Metern hohen Berges erreicht haben, staunen wir über die Dimensionen des Tagebaugebietes. Weiter geht die Tour, vorbei an der Kleinstadt Bergheim, Quadrath, an dessen Ortsrand sich Schloß Schlenderhahn befindet, und Königsdorf. Bald darauf folgten wir dem Fernradweg R 20, der parallel zur Bundesstraße verläuft, bis Lövenich und schließlich Köln.
Philipp machte hier in der viertgrößten Stadt Deutschlands, die schon zu Zeiten des Landgrafen ein wichtiges Mitglied der Hanse war, Rast. Fast wäre er schon zwei Jahre früher hier eingetroffen. Ein Biedenköpfer namens Kurt Breidenstein war am 23. Dezember 1550 aufgrund seiner guten Ortskenntnisse bis Köln maßgeblich an einem Fluchtversuch Philipps beteiligt. Das Unternehmen scheiterte kläglich und sechs Verbündete Philipps verloren ihr Leben. Uns stehen, im Gegensatz zu Philipp damals, zwar keine Wechselpferde zur Verfügung, dafür aber Wechselakkus. Und so erreichen wir am zweiten Tag unser Etappenziel Overath.
  • Strecke: Heerlen bis Overath: 131 Kilometer
  • Höhenmeter: 973 Meter
  • Schnitt: 19,8 Stundenkilometer
  • Nettofahrzeit: 6 Stunden 24 Minuten

Tag 3: Empfang fast wie zu Philipps Zeiten

Früh starten wir am letzten Tag um zunächst vom Heckberg aus eine wunderbare Aussicht bis in die Eifel zu genießen. Weiter führte die Philipps Route über Denklingen und und Erdingen nach Hohenhain. Am östlichen Ortsausgang ist die ehemalige Grenzbefestigung gegen Nassau noch gut zu erkennen. Nachdem wir die Kreisstraße verlassen haben, folgen wir dem X 19 hinunter nach Freudenberg. Die K 6 bringt uns durch das Tal der Alchenbach über Alche und Seelbach nach Siegen, wo Philipp 25 Jahre vor der Geburt des Malers Peter Paul Rubens übernachtete.

Hinderländer-Team mit Besenwagenfahrer Reinhard Balzer.

Nahe dem Ortseingang befindet sich eine Gemarkung mit dem Namen Siechhausen, ein eindeutiger Hinweis auf Wohnungen der im Mittelalter ausgestoßenen Leprakranken. Der Siegüberquerung folgt der Anstieg zum Schloss. Durchs Marburger Tor führen Philipps Spuren die Biker hinab ins Weißtal nach Kaan-Marienborn über Feuersbach, Flammersbach auf einem Feldweg nach Anzhausen. Über Ewersbach und Steinbrücken erreichen wir schließlich auf steilem Anstieg am Burgberg hinauf die Philippsbuche. Hier war Philipp mit seinen 300 spanischen Reitern Geleitschutz am 10. September 1552 von seinen vier Söhnen, den Räten und sonstigen Getreuen empfangen worden.
Auf uns warten, eingerahmt von den feinen Klängen protestantischer Noten des Simmersbacher Posaunenchores, ihre Familienangehörigen, der Ortsvorsteher, der Verschönerungsverein und Bürgermeister Götz Konrad.
Hier beenden wir ohne Pannen und mit einem Dank eines guten Engergiemanagements nach 350 Kilometern, einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 19,5 Stundenkilometern und knapp 4.000 positiven Höhenmetern unseren pannenfreien Ausflug in die Geschichte des 16. Jahrhunderts.
  • Strecke: Overath bis Staffelböll: 99,96 Kilometer
  • Höhenmeter: 1.980 Meter
  • Schnitt: 18 Stundenkilometer
  • Nettofahrzeit: 5 Stunden 21 Minuten

Empfang bei der Ankunft "wie zu" Philipps Zeiten in Eschenburg.

Den Streckenverlauf als GPS-Track und unsere 41-seitige Begleitbroschüre mit vielen geschichtlichen Informationen und Wissenswertes finden sie auf der Homepage www.hinterlaendermountainbiker.de