Pendler-Porträt

Nadine Hartung: Radeln im Polizeidienst

Nadine Hartung radelt täglich 20 Kilometer im Polizeidienst durch Berlins Mitte. Den Arbeitsweg von 29 Kilometern legt sie noch drauf.

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Nach 29 Kilometer warm fahren kann die Schicht auf dem Rad der Polizei Fahrradstaffel beginnen – Nadine Hartung wählt natürlich kein Pedelec.

Pendler-Steckbrief

  • Name: Nadine Hartung
  • Alter: 42 Jahre
  • Beruf: Polizei-Kommissarin
  • Bike: Stevens-Mountainbike
  • Strecke: Bernau (Brandenburg) nach Berlin: 29 Kilometer
Wie wird man zur Radpendlerin? Bei Nadine Hartung lag der Grund in der ersten Schwangerschaft: „Ich hatte 30 Kilo zugenommen. Weil ich die wieder loswerden wollte, schloss ich mich zuerst einer Laufgruppe an, begann dann mit Triathlon und habe gleichzeitig angefangen, meine Trainingskilometer auch auf dem Weg zur Arbeit abzuspulen.“
Eine viel schönere Trainingsstrecke als den Weg zur Dienststelle kann sich die Polizeikommissarin gar nicht vorstellen. Wenn sie morgens ihr Haus im nördlich von Berlin gelegenen Bernau verlässt, singen ringsherum die Vögel.
„Ich könnte auch die S-Bahn nehmen, bis zur Station sind es nur knapp vier Kilometer.“ Kosten würde das nichts, schließlich dürfen Polizisten in Uniform öffentliche Verkehrsmittel umsonst nutzen. „Viele gerade ältere Menschen freuen sich dann auch, einen Polizisten zu sehen, und fühlen sich sicherer. Ich selbst fahre dann allerdings auch anders, kann nicht mal eben wegnicken oder krumm im Sitz hängen – schließlich nehmen mich die anderen Passagiere genau wahr und sprechen mich auch gelegentlich an.“

Auf dem Radweg entlang der Panke lässt es sich entspannt fahren – abgesehen von Pferden und Füchsen ist auf der Strecke nicht viel los.

Auf dem Rad passiert die Kommissarin dagegen nach ein paar kleinen Stichstraßen im Wohngebiet eine Weide mit Pferden. „Ich habe unterwegs auch schon viele Igel, Füchse, Hasen und Rehe gesehen.“ Einige grüne Kilometer weiter fahren wir an einem Weiher mit Schwänen und Enten vorbei. „Wenn ich auf dem Weg zur Frühschicht bin, geht um diese Jahreszeit hier die Sonne auf. Wenn sich das Rot durch den Nebel zieht, halte ich manchmal kurz an, um ein Foto zu machen.“ Autos sieht Nadine Hartung dagegen nur bei wenigen Straßenquerungen.
Dennoch, gerade vergangene Woche hatte die 42-Jährige ihren ersten Unfall nach 14 Jahren Pendeln. „Da ist eine Radfahrerin einfach links abgebogen, während ich sie überholte. Zum Glück hatte ich aber nur ein paar Prellungen und konnte am nächsten Tag schon wieder zum Dienst fahren.“

Zugeparkte Fahrradstreifen sind ein Ärgernis.

Beängstigende Begegnung

Länger nachgegangen ist ihr ein anderes Erlebnis. „Wenn ich zur Arbeit will, habe ich die Wahl zwischen zwei Strecken: der heutigen ruhigen und schönen, für die ich eine Stunde und 15 Minuten brauche. Oder der schnellen über die Straße, für die ich zehn Minuten weniger brauche.“
An einem Tag im Herbst 2016 wählte Nadine Hartung die schnelle Strecke. Hier wurde sie von einer älteren Autofahrerin zunächst durchs Fenster angebrüllt, auf den (hier nicht benutzungspflichtigen) Radweg zu wechseln, anschließend geschnitten und ausgebremst. Einige Kilometer weiter trafen sich beide in einem Baustellenstau wieder. Die Versuche Nadine Hartungs, die Frau auf ihr Verhalten anzusprechen scheiterten jedoch sogar noch, nachdem sie ihren Dienstausweis vorgezeigt hatte. Am Ende fuhr die Autofahrerin der Kommissarin gegen die Schienbeine, ließ den Motor aufheulen und langsam die Kupplung kommen. Die Polizistin sprang zur Seite und sah den Wagen davonfahren.
Ihre Anzeige wurde ein Jahr später wegen „Geringfügigkeit und mangelnden öffentlichen Interesses“ zu den Akten gelegt. Erst nachdem der Fall öffentlich wurde, nahm die Staatsanwaltschaft das Verfahren wieder auf. Den Ausgang des Verfahrens finden Sie hier.

Im Bernauer Fahrradschuppen befinden sich neben dem Pendlerbike auch ein Triathlonrad, ein selbst aufgebautes NSU von 1938 und weitere Räder der Familie.

Wahlheimat Fahrrad

Das Radfahren hat ihr der Vorfall zum Glück nicht verleidet. „Mich kann so leicht nichts aus der Fassung bringen“, sagt die durchtrainierte Frau, auf deren Handgelenk ein tätowiertes Om-Zeichen ruht. Nur eine kleine Pause müssen wir jetzt einlegen, weil sich ihre Lenkerhörnchen gelockert haben. Schnell und routiniert richtet sie die Griffe. Sie repariert ihr Rad nicht nur stets selbst, sondern baut als Hobby auch alte Fahrräder wieder auf. „Ein Bekannter hatte letztes Jahr zum Beispiel ein NSU-Fahrrad von 1938 auf seinem Speicher gefunden und mir als Rostschrott übergeben. Das habe ich dann heimlich nach der Arbeit im Keller meiner Schwiegermutter wieder flottgemacht und zu Weihnachten meinem Mann geschenkt.“
Räder anhäufen mag Nadine Hartung aber nicht. Neben ihrem Pendler-Mountainbike besitzt sie lediglich noch ein zwanzig Jahre altes Rennrad für Wettbewerbe. „Vor ein paar Tagen habe ich auch ein Triathlonrad von einem Freund zum Testen bekommen. Das ist natürlich schon eine andere Nummer.“
Zwei Kilometer weiter biegen wir in die Pankstraße und treffen wieder auf Autos und Lkw. „Hier wäre zumindest ein Radstreifen angenehm“, sagt sie. Konflikte erlebt die Polizistin jedoch selten. „Ich fahre sehr vorausschauend und sehe immer schon kommen, wenn mich ein Auto beim Rechtsabbiegen schneiden würde, weil der Fahrer meine Geschwindigkeit unterschätzt.“ Im Dienst geht sie gegen dieses regelwidrige Verhalten vor. „Wir schreiben Wagen auf, die Radfahrern die Vorfahrt genommen haben.“ Insgesamt fielen über die Jahre zwei Drittel aller von der Fahrradstaffel verhängten Bußgelder auf Kraftfahrzeugführer.

„Mit dem Auto bin ich auch nicht schneller, komme aber ganz anders an: Radfahren entspannt!“

Nadine Hartung

Nadine Hartung liebt ihren Job. „Ich habe vorher auf dem Abschnitt gearbeitet und hatte die Möglichkeit, entweder Oberkommissarin zu werden oder zur Fahrradstaffel zu gehen.“ Ihre Entscheidung für den Dienst auf zwei Rädern hat sie bis heute nicht bereut und will auch das Pendeln per Rad nicht missen. „Mit dem Auto bin ich zur Hauptverkehrszeit auch nicht schneller als mit dem Rad. Dafür komme ich aber ganz anders an: Radfahren entspannt!“

Sicher im Tresor verstaut: die Dienstwaffe.

Gelassen ankommen mag die Kommissarin sowohl bei der Staffel als auch zu Hause. „Da warten schließlich auch noch die Kinder, Haushalt und Einkäufe.“ Nur im Winter fährt sie inzwischen S-Bahn. „Ich habe das zweifelhafte Glück, schon bei zwei Schneeflocken hinzufallen. Nachdem ich mir bei einem dieser Stürze die Schultergelenkkapsel sprengte und im darauffolgenden Winter einen Finger gebrochen habe, gehe ich heute kein Risiko mehr ein.“
Gleich hinter dem Berliner Hauptbahnhof endet schließlich Nadine Hartungs Arbeitsweg. Sie tauscht ihre zivile Kleidung gegen die gelb leuchtende Uniform und ihr Mountainbike gegen das Dienstfahrrad. Sie nimmt die Dienstwaffe aus dem Tresor, und die Schicht beginnt. Ein Tag voller Radfahren.

Pendlerin Nadine Hartung in Zahlen

8.350 km pro Jahr

legt die Brandenburgerin auf ihrer Arbeitsstrecke zurück. Hinzu kommen etwa 3.500 Kilometer als Mitarbeiterin der Polizei-Fahrradstaffel.

668 Liter Benzin/Jahr

gespart bei einem durchschnittlichen Verbrauch von 8 l/100 km.

815 €/Jahr

gespart bei einem durchschnittlichen Benzinpreis von 1,22 Euro pro Liter.

44 Stunden stehen im Stau

spart sich die Brandenburgerin durchschnittlich pro Jahr.

1,06 t/Jahr CO2-Ausstoß

spart sie auf 58 Kilometer Strecke im Vergleich zu einem Pkw ein.

288.000 kcal pro Jahr

verbrennt Nadine Hartung auf dem Weg zur Arbeit. Bei 144 Pendlertagen im Jahr und einem Kalorienverbrauch von etwa 800 Kalorien pro Stunde.