12 Tage durch Russland und Kasachstan

Auf den Spuren der Wolgadeutschen

Die Hinterländer sind fünf Fahrradfreunde fürs Leben. Ihr letztes Abenteuer: 12 Tage durch Russland und Kasachstan mit dem E-Bike.

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Natur pur: Die Hinterländer erleben auf ihrer Russlandreise tolle Landschaften.

Sie fahren seit 26 Jahren durch die Weltgeschichte. Die Hinterländer sind fünf Freunde fürs Leben. Sie reisen mit dem Rad durch die Welt. Mehr Kumpel geht eigentlich nicht. Wir haben die illustre Bike-Truppe porträtiert. Ihr letztes Abenteurer führte die Hinterländer mit dem E-Bike zwölf Tage durch Russland und Kasachstan. Nachfolgend ihr spannender Tagebuch-Bericht "Auf den Spuren der Wolgadeutschen".

30.6. Oberhörlen: Flug, Pass-Drama, Akkus laden

Mit Spezialkoffer geht’s auf die Reise, die Akkus sind schon in Moskau. Der Transfer zum Flughafen läuft perfekt, aber dann am Aeroflot-Schalter der große Schreck. Siggi hat seinen Pass vergessen und es sind nur noch eineinhalb Stunden bis zum Entstieg. Seine Ehefrau Christel springt ins Auto und macht sich auf den Weg, die Aeroflot-Managerin lässt uns trotzdem seine Koffer und sein Bike aufgeben und übergibt uns seine Bordkarte. Ohne Pass und Visum bleibt er zu Hause.
Fünf Minuten nach Ende der Einstiegszeit kommt der Pass – das Bodenpersonal hat auf ihn gewartet. Ein reibungsloser Flug bringt uns und unseren Berater Gerhard Pfeifer von Buderus, der extra wegen des Starts nach Moskau mitfliegt, pünktlich nach Moskau. Unser Begleitfahrzeug von Bosch-Russland wartet schon und es geht in die Innenstadt. Jeder weitere Meter ins Zentrum führt vorbei an Denkmälern (überdimensionale Panzersperren erinnern an den 2. Weltkrieg) und historischer Architektur. Man fühlt: “Wir sind in Moskau, aber Moskau ist nicht Russland“, lässt uns Gerhard wissen und er fügt hinzu, wir sollen uns bei unseren Planungen immer darauf einstellen, dass etwas nicht funktioniert.
Im Hotel warten schon zehn Akkus darauf, noch geladen zu werden. Akkus dürfen beim Transport in Transportflugzeugen nur maximal 30 Prozent geladen sein. Wir packen unsere Bikes aus den B&W-Spezialkoffern und montieren sie fahrfertig.

1.7. Moskau: Start mit Sondergenehmigung auf dem Roten Platz

Drei Mitarbeiter der deutschen Botschaft warten schon auf uns, aber auch der Inlandsgeheimdienst der Russischen Föderation FSB (ehemals KGB) ist mit vier verkabelten Leuten dabei und gibt Anweisung, was wir dürfen und was nicht. Frau Gazolajeab (Referat Verkehr) und Herr Paul und Herr Sommer (Kulturreferat) übergeben uns ein Begleitschreiben, welches uns auf der Reise noch gute Dienste erweisen wird. Denn dort ist für Nachfragen Russischer Behörden alles erklärt. Wir packen unser hochwertiges Filmequipment aus und beginnen mit den zweistündigen Dreharbeiten. Jörg stellt die Kamera ein und Gerhard Pfeifer von Buderus fungiert als talentierter Kameramann. Schon vor der Reise hatten uns Kameramänner und ein Regisseur vom Hessischen Rundfunk umfangreich geschult, wie wir was drehen sollen. Es riecht nach Geschichte als wir inmitten weltbekannter Gebäude unseren Start vom Roten Platz direkt neben der Basilius-Kathedrale drehen. Über ein halbes Jahr hatte es gedauert dafür die Genehmigung zu erhalten.
Weiter geht’s zur Erlöserkirche und zum mächtigen Monument Akexander II. Durch wunderbare Parks ist unser nächstes Ziel der Gorki Park. Biken ist hier deutlich ungefährlicher als befürchtet. Durch das Haupttor verabschieden wir uns von dem riesigen und fahradfreundlichen Gorki Park. Unser zweisprachiges Logo auf dem Trikotrücken gibt immer wieder Anlass für Gespräche. Sogar ein Nachfahre aus Saratow (eins unserer Ziele an der Wolga) mit deutschen Wurzeln spricht uns an und wir tauschen die Kontaktdaten aus; denn die Familie wohnt noch an der Wolga. Dann erhalten wir jedoch eine Hiobsbotschaft. Auch der letzte Versuch, unsere Akkus nach Kasachstan bringen, ist gescheitert. Wir werden Wohl oder Übel unsere Bulls-E-Bikes ohne Bosch Antrieb durch Kasachstan zu bewegen.
Nach 25 Tageskilometern Km erreichen wir heute unser Tagesziel, den Kasaner Bahnhof. Nach über 800 Kilometern im Nachtzug (Schafwagenabteile heißen auch heute noch in Russland Platzkarte) erwartet uns die gleichnamige Hauptstadt Tartastans. Die E-Bikes werden senkrecht durch die schmalen Gänge der Schafwagen geschoben und in unseren Abteilen (Zwölf Schlafplätze hat uns unser Berliner Zugsponsor Lernidee für uns reserviert) direkt neben unseren Kojen geparkt. Mit Wehmut verlassen wir diese geschichtsträchtige und weltoffene Stadt, die wir nie vergessen werden.

Die Hinterländer sind bei ihrer Spuren- und Sprachensuche auf vielen staubigen Pisten unterwegs.

Fakten des Tages: 23 Kilometer, 1.250 Höhenmeter, Gelände/Straße 0:100

2.7. Von Kazan nach Kamskoye Ustye: Abkürzung, Hitze, Anstiege

Um acht Uhr beginnt dieser Tag wie der letzte geendet hat. Die E-Bikes müssen wieder durch die schmalen Gänge des Nachtzuges, von dem sich unsere Bundesbahn eine Scheibe abschneiden kann, zum Ausstieg befördert werden. Denn hier sind die Züge pünktlich.
Hier warten die Bosch-Mitarbeiter Julia und Jury schon mit ihrem Begleitfahrzeug, das uns auf den Hauptverkehrsstraßen abschirmen wird. Wir versuchen mit einer Fähre über die Wolga abzukürzen und tatsächlich wir werden schnell fündig und reduzieren unsere heutige Etappe auf 105 Kilometer. Das heutige Terrain auf der Bergseite der Wolga wird anspruchsvoll, über 1.250 Höhenmeter warten auf uns.
Die einzige Möglichkeit, heute Nahrung aufzunehmen, sind Mini-lLebensmittelmärkte. Mit Käse und Wurst gestärkt geht’s weiter. Immer wieder beeindruckt der weite und endlose Blick auf die Wolga bei strahlendem Sonnenschein und Temperaturen über 30 Grad. Die unbefestigten Wege lassen unsere Mountainbike-Herzen höher schlagen und die steilen Anstiege verlangen viel von Mensch und Material. Die Höhenmeter zollen ihren Tribut und so ist die erste Akkuladung schon nach 50 Kilometern verbraucht. Wir lotsen unser Teambegleitung zu einem Treffpunkt und tauschen die leeren Akkus gegen neue Bosch-Power aus. Erst gegen 19 Uhr erreichen wir unser Hotel direkt an der Wolga. Hier werden wir für den anstrengenden Tag mit gutem Essen belohnt.
Fakten des Tages: 105 Kilometer, 1.250 Höhenmeter, Gelände/Straße 50:50

3.7. Von Kamskove Ustye nach Tetyushi: Kirchen, süße Früchte, Gegenwind

In unserem 3-Sterne-Hotel direkt an der Wolga starten wir mit einem Arbeiterfrühstück. Danach folgen Presseberichte, Tagebuch schreiben und Filmmaterial sichten. Anschließend machen wir uns auf den Weg nach Tetyushi. Schon früh kommen wir an einen russischen Friedhof vorbei, wo wir einen Mann bei der Grabpflege treffen. Mit Zeichensprache überreden wir ihn, mehrere Bilder von uns zu schießen. Danach folgen 50 Kilometer durch endlose Weizen- und Maisfelder ohne eine Versorgungsmöglichkeit.
Immer wieder stoßen wir auf allein stehende Kirchen und gegen Ende auf viele Beerensammler, und als wir die herrliche Süße der Walderdbeeren kosten, verstehen wir, warum so viele russische Familien die Felder nach diesen süßen Früchten durchkämmen. Extremer Gegenwind behindert unser Vorankommen den ganzen Tag.
Weiter geht‘s durch die Gegend, in der Lenin geboren ist. Viele Schmetterlinge begleiten uns öfter für einige Meter, lediglich die massiven Erdarbeiten zur Erdgaspipelineverlegung stören immer wieder die Idylle. Ungewöhnlich zeitig erreichen wir unser Nachtquartier, eine rustikale russische Pension. Wir kehren bei Artur, einem Armenier, zum „Abendessen“ ein und er erzählt uns, dass seine Verwandtschaft schon viele Jahre in Essen lebt.
Fakten des Tages: 59 Kilometer, 517 Höhenmeter, Gelände/Straße 60:40

4.7. Tetyushi nach Ulyanovsk: Wilde Hunde, Plumpsklo, Hilton-Hotel

Heute bläst wieder ein starker Wind, der die Leistung unserer Akkus frisst. Die starken Böen erinnern an so manchen stürmischen Tag in Dänemark. Auch heute warten wieder riesige Weizen- und Roggenfelder auf uns. Erst nach über 30 Kilometern erreichen wir das erste Magasin (russischer Tante-Emma-Laden), und frischen unsere Vorräte wieder auf. Unsere Notdurft verrichten wir auf einem Plumpsklo, jedoch ohne Donnerbalken. Danach kommen wir immer wieder an brennenden Mülldeponien vorbei, aber die unzähligen Glasscherben können unseren Reifen nichts anhaben.
Entlang staubiger Passagen und durch kleine Siedlungen werden wir immer an unsere Tour in Brasilien erinnert, auch dort wurden wir von Hunden verfolgt. Diesmal hat es einer auf Harrys stattlichen Waden abgesehen. Wir folgen mit Absicht unseren in Deutschland mit Google Earth geplanten Routen abseits der gefährlichen Verkehrsadern, um so authentisch wie möglich den Spuren der deutschen Einwanderer zu folgen. Nach 112 Kilometern erreichen wir mit einer Zeitverschiebung von zwei Stunden eine neue Zeitzone. Wir haben viel Staub geschluckt und uns so den einmaligen Luxus einer Übernachtung im Hilton-Hotel von Ulyanovsk verdient.

Die fünf Freunde fahren seit 26 Jahren gemeinsam durch die Welt.

Fakten des Tages: 112 Kilometer, 610 Höhenmeter, Gelände/Straße 50:50

5.07. Ulyanovsk nach Tashla: Irre Lkw, Glück im Unglück, Wodka

Um 5:30 Uhr der neuen Zeit reißt uns der Wecker aus dem Schlaf. Wir müssen pünktlich sein, auch wenn es nur acht Kilometer zum Hauptbahnhof sind. Wie schon von Moskau nach Kasan, nutzen wir wieder eine der von Lernidee aus Berlin gesponserten Zugfahrten. An der Sicherheitskontrolle müssen wir stoppen. Man will uns nicht in den Zug lassen. Erst das Verhandlungsgeschick von unserer Begleitung durch Bosch-Russland öffnet uns die Schranken und am Bahnsteig erwartet uns schon das freundliche Personal.
Dieses Mal sind wir schon geübt, als es heißt: Vorderrad raus, Lenker quer und ab ins Abteil. Nach drei Stunden geht’s wieder in den Sattel. Wir sind froh, dass wir auf den Schnellstraße, die wir heute teilweise nutzen, die „Rückendeckung“ des Begleitfahrzeuges haben, denn die Pkw und Lkw nehmen uns auf den Schnellstraßen kaum wahr und ernst. Trotz relativ hoher Geschwindigkeiten mit unseren Bikes haben wir an fast allen Tagen das Gefühl, dass es ständig bergauf geht.
Endlich tauchen wir wieder in das herrliche Gelände ein und durchfahren typisch russische Dörfer mit Teichen und Brunnen zur Wasserversorgung. Endlich ändert sich die Flussrichtung der Wolga in Richtung Süden und somit lässt auch der Gegenwind nach, dafür ist es jetzt aber umso staubiger. Das ändert sich aber nach wenigen Kilometern schon wieder, denn jetzt gehts wieder mit Geleitschutz auf die Schnellstraße, bis wir am Abend unseren Zielort Tashla erreichen. Hier sind die 1775 erbaute Dreifaltigkeitskirche und ihr Präses Nikolaj Ivanowitsch Winokurrow unser Ziel.
Eine Datscha, idyllisch an einem See gelegen, ist als Nachtquartier geplant. Doch als wir unsere Reservierung zeigen, müssen wir feststellen, dass wir wohl einem Internet-Betrüger aufgesessen sind, denn unser Geld ist in eine andere Kasse geflossen und von unserer Buchung weiß hier niemand etwas. Aber wir haben Glück im Unglück, denn eine Datscha ist für diese Nacht überraschend storniert worden und wir greifen sofort zu.
Unser Fahrer Juri, der sonst Bosch-Direktoren durch Russland fährt, und Julia, die Assistenz des CEO in Moska, haben diese Woche für uns frei bekommen und sie steuern nicht nur das Begleitfahrzeug bis nach Saratov, sondern an diesem Abend zaubern sie Schaschlik und Chicken Wings von dem Grill der Datscha. Da durfte auch das eine oder andere Gläschen Wodka nicht fehlen.
Fakten des Tages: 83 Kilometer, 270 Höhenmeter Gelände/Straße 15:85

6.7. Tashla nach Samara: Autobahn-Zebrastreifen, O-Töne, Mitternachtsüberraschung

Heute starten wir ungewohnt spät, denn unser Tagesziel ist der Bahnhof in Samara, der uns ab Mitternacht nach Saratow bringt. Ungewohnter Treibsand macht denn üppigen Stollen unsere Bereifung nichts aus und so kommen wir auf den nächsten 40 Kilometern durch eine wundervolle Heidelandschaft gut voran. Auf diesem Streckenabschnitt, der das Herz jedes Enduro-Piloten höher schlagen lässt, fehlt jegliche Zivilisation. Das ändert sich jedoch, als wir die mehrspurige Autobahn überqueren müssen. Aber dafür gibt es hier ja Zebrastreifen und tatsächlich, als wir unsere Absicht selbstsicher durch das Vorrollen auf die Fahrbahnmarkierung bekunden, gehen sogar die dicksten Brummis sofort mächtig in die Eisen (unglaublich).
Als Belohnung finden wir auch schnell ein Magasin, stärken uns und füllen die Trinkflaschen auf. Auch hier kommen wir wieder schnell ins Gespräch, als die Verkäuferin die wenigen deutschen Wörter, die sie beherrscht, mit „Ich heiße Maier“ bekundet. Diese Begegnung nutzen wir doch gleich fürs Fotos und einen unserer zahlreichen O-Töne für die Filmreportage.
Ein starker Rückenwind schiebt uns anschließend die letzten Kilometer bis zum Schwimmbad in Samara. Hier erwartet uns schon der Werkleiter vom hiesigen Bosch-Werk; die einzige Möglichkeit, uns und unsere verschwitzte Teambekleidung zu waschen, bevor es zu unserer letzten Zugfahrt im Schlafwagen nach Saratow geht. Aber vorher laden wir H. Baechle noch zum Abendessen direkt an der Wolga bei einem herrlichen Sonnenuntergang ein, bevor wir um Mitternacht den Bahnhof ansteuern.
Zu später Stunde wartet beim Einsteigen wieder eine neue Überraschung auf uns. War das männliche Zugpersonal meistens freundlich, so verlangen die strengen Zugbegleiterinnen nun, dass wir unsere Bikes dieses Mal einpacken. Gott sei Dank haben wir die Fahrradhüllen von B&W im Rucksack und so schaffen wir den Einstieg doch noch in letzter Sekunde.
Fakten des Tages: 84 Kilometer, 590 Höhenmeter, Gelände/Straße 50:50

Die E-Bikes unterstützen zuverlässig bei harten Anstiegen.

7.7. Saratow nach Engels: Hinterländer Platt, Gottesdienst, Buchübergabe

Nach der Ankunft am Bahnhof in Saratow übernimmt nun das Bosch-Team von Engels die logistische Unterstützung. Nach dem gemeinsamen Frühstück in einem Fast-Food-Restaurant geht’s erst mal zum Gottesdienst. Pünktlich um elf Uhr darf Siggi einige Grußworte an die Gemeinde der evangelischen Sankt Marien Kirche richten. Er begrüßt mit „Genn Dach“ auf Platt. Der Probst und Präsident der Synode der Propstei Saratow, Andrey Dzhagarov, leitet den Gottesdienst während Mattes und Uli im Büro der Kirche genügend Ruhe für ein weiteres Live-Interview mit dem hr finden. Direkt nach dem Gottesdienst kommt eine betagte Dame auf uns zu und beschenkt die vermeintlich „notleidenen“ Biker mit Süßigkeiten und ein paar Rubelscheinen. Dann kommt Viktor Damsen auf uns zu, der trotz seiner deutschen Wurzeln nur Russisch spricht. Auch David Naiding, ein junger Mann aus Marburg, der hier sein soziales Jahr leistet, hat am Gottesdienst teilgenommen. Wir nutzen die Gelegenheit ihn als Dolmetscher für Fragen, die wir Viktor stellen, einzusetzen. Es ist wissenschaftlich belegt, dass mehr als 20 Wörter und deren Aussprache in Wolgadeutsch die Herkunft der Vorfahren verrät und wir haben die leise Hoffnung, auch Hinterländer Platt zu hören.
Los ging es, David sagt es auf Russisch vor und Viktor antwortet aus seiner Erinnerung. Und so antwortete er auf "Gurke–Gommer, Schaaf–Schoof, Guten Tag–Gun Dach, Abend–Owed, es tropft–trebbelt, Gabel–Gowwel und auf Hühner–Hinner". Am Abend lässt er telefonisch noch das Wort für Hammer–Homer ausrichten. Unglaublich, genauso reden wir im Breidenbacher Grund. Viktor erklärt David noch, dass nur seine Oma so sprach, sein Opa hätte andere Wörter verwendet. Also ist die Oma unser Volltreffer auf den wir lange gehofft hatten. Dieses Experiment wiederholten wir in den folgenden Tagen mehrmals, aber nie gab es eine vergleichbare Spur, die so eindeutig in und damit aus dem Hinterland führte.
Nun geben unsere Bikes wieder den Ton an und wir suchen zunächst die Nemezkaja, also die Deutsche Strasse, die ihr Erscheinungsbild in fast 100 Jahre kaum verändert hat. Eine alte Schwarz-Weiß-Fotografie aus den 20er Jahren hat es uns angetan. Wir suchen akribisch die ursprüngliche Position des Fotografen und genau dort platzieren wir unsere Leica und drehen eine Fahrszene auf der Straße. Antony Bogner, von der sehr aktiven Saratover Gemeinschaft der Radkultur, spricht uns spontan an. Er hatte über sein Netzwerk von unserem Projekt gehört und unsere Trikots machten es ihm nicht schwer, uns zu identifizieren. Wir fachsimplen und übergeben ihm zum Abschluss, wie so oft, unser Buch als obligatorisches Gastgeschenk, bevor wir uns über die große Brücke (für die nächsten 400 Kilometer die letzte Brücke über der Wolga in südlicher Richtung) nach Engels zu unserem Hotel aufmachen.
Fakten des Tages: 26,3 Kilometer, 134 Höhenmeter, Gelände/Straße 10:90

8.7. Engels Marx Engels: Tod, Not und Brot

Engels, Start neun Uhr. Heute nehmen wir zum ersten Mal die Witterung der Familie Engels auf, denn unser Ziel lautet Marx, ehemals Katharinenstadt, Wohn- und Arbeitsstätte der Vorfahren. Nach einer zehn Kilometer langen Ausfalltrasse biegen wir ins Gelände ein, in eine wunderbare Auenlandschaft, der wir für über 50 Kilometer folgen. Plötzlich erhalten wir einen Anruf von Elena Heidt. Sie ist in dem Marx-Gebiet Saratow verantwortlich für den Erhalt der deutschen Kultur und extrem gut vernetzt. Sie hatte von unserem Projekt erfahren und so verabreden wir uns für 15 Uhr am hiesigen Museum.
Nicht nur der Stadtpfarrer Rüb, der auch Wolgadeutscher Abstammung ist (predigt gelegentlich auch in Wetzlar), wartet auf uns, nein auch zwei Pressevertreter sind neugierig auf uns. Hier erhalten wir eine intensive Führung, erfahren vom Elend der ersten Jahre (die ersten Jahre brachten den Tod, die nächste Jahre noch immer Not, erst die letzten Jahre brachten uns Brot) der Einwanderer. Hinzu kamen immer wieder Überfälle der Nomaden und auch Krankheiten. Alle legten jedoch den Eid ab, Russen sein zu wollen. Sie führten Weizen ein, machten mit Tabak, den sie nach Holland exportierten, enormen Profit, und schnell sprach man vom goldenen Boden. 1921 lauerte jedoch der Hungertod für fast die Hälfte der deutschstämmigen Bevölkerung und weder von russischer noch von deutscher Seite kam Hilfe. Dieses Dilemma scheint sich abgeschwächt bis heute fortzusetzen.
Hier in Marx suchen wir nach der ehemaligen Traktorenfabrik, der Polizeistation und der Schuhfabrik, in der David Völk (Großvater von Larissa Engels) gearbeitet hatte. Frau Heidt weiß Bescheid, als sie unsere Dokumente sieht, und führt uns zunächst zu dem Gebäude der Traktorenfabrik, in dem David Völk 1934 gearbeitet hatte. Es zeigt die Handschrift der deutschen Industriearchitektur, auch wenn es langsam zerfällt. Eine wunderbare Lokation für unsere Dreharbeiten. Weiter geht’s zum nächsten Gebäude der gleichen Epoche, aber hier ist die örtliche Polizei noch voll im Einsatz. Auch wenn von der Schuhfabrik nichts mehr zu sehen ist, so sind wir mit unserer heutigen „Beute“ doch mehr als zufrieden.
Aus Zeitgründen steht nun der Transfer zurück nach Engels an, denn dort haben zwei Werkleiter von Bosch-Engels zum gemeinsamen Essen eingeladen.
Fakten des Tages: 72 Kilometer, 111 Höhenmeter, Gelände/Straße  40:60

9.7. Engels: Bosch-Produktion, Familie Maier, auf nach Kasachstan

Bosch hat zur Werksbesichtigung geladen und mit Stolz präsentieren beide Werkleiter die Produktionsstätten der Power-Tools und der Heizgeräte-Fertigung. Wir sind den Männern was schuldig, ohne die logistische Unterstützung von Bosch/Buderus in Russland und Kasachstan wäre unser Projekt gescheitert. Anschließend wartet die ehemalige Hauptstadt der damaligen deutschen autonomem Zone auf uns. Insbesondere das Rathaus und ehemalige Regierungsgebäude hat es uns angetan.
Unsere Bikes bringen uns jetzt wieder über die fast drei Kilometer lange Wolgabrücke nach Saratow zum ethnologischen Museum. Dort treffen wir auf Oleg Wins, einem Reporter von der Neuen Moskauer Zeitung, der über unser völkerverbindendes Projekt berichten will. Und auch hier funktioniert das Netzwerk der deutschen Kulturerhalter, als uns die Leiterin des deutschen Zentrums in Saratow des Goethe Institutes Moskau, Irina Nikolejewa, anspricht. Sie begleitet uns zu ihrem Deutschen Zentrum in die Stadt. Sie erzählt von einem Schicksal von Nachfahren deutscher Auswanderer mit dem Namen Maier. Die versprengte Familie wuchs links und rechts der Wolga auf, ohne voneinander zu wissen. Erst ein Projekt des deutschen Zentrums lies die Stammbäume der Deutschstämmigen aus der gesamten Region übereinanderlegen und entdeckte, dass man ohne es zu wissen, Jahrhunderte und nur durch Kilometer durch die Wolga getrennt, direkt nebeneinander lebte.
Wir müssen uns auf die Flüge nach Kasachstan vorbereiten. Hier bietet uns die evangelische Kirche in Saratow wieder Asyl, wir dürfen im Gebäude duschen und unsere Räder auf dem eingezäunten Gelände für den Transport in die B&W-Koffer verstauen.
Fakten des Tages: 26 Kilometer, 151 Höhenmeter, Gelände/Straße 0:100

10.7 Nursultan (Astana): Friedhof, keine Akkus, Pferdefleisch

Wir landen pünktlich in Sultan, dem früheren Astana, der Hauptstadt von Kasachstan. Als die Vorfahren der Familie Engels 1935 hier einen Neuanfang machten, hieß die Stadt noch Akmola. Hier beträgt die Zeitverschiebung vier Stunden. Völlig übernächtigt packen wir unsere Bikes aus den Spezialkoffern und machen sie startklar für das erste Ziel, dem riesigen Friedhof.
Ab hier ist reine Muskelkraft gefordert, denn es ist uns auch beim letzten Versuch nicht gelungen, einen Satz Akkus nach Kasachstan zu bringen. Nur gut, dass wir keine elektronische Schaltung verwenden, es stehen uns alle Gänge zur Verfügung. Gott sei Dank ist es hier extrem flach und der leichte Wind bietet Kühlung für die hohen Temperaturen. Wir sind überrascht von der Sauberkeit und die Modernität in dieser Stadt, die an Singapur erinnert. Nach knapp 10 Kilometern haben wir das riesige Gräberfeld erreicht und wie geplant erwartet uns Wilhelm Völk, der Onkel Larissa Engels am Eingang.
Wir haben alte Fotos (die uns Larissa Engels von ihren Großeltern mitgegeben hat) seiner Eltern im Gepäck und er führt uns zielsicher zur Grabstätte. Oft kann man nur an der Position (nur bei Deutschstämmigen ist der Grabstein am Kopfende platziert) erkennen, welcher Herkunft die Toten sind; viele haben das Konterfei auf dem Grabstein abgebildet. Und genau das ist hier auch der Fall. Die Fotos auf dem Grabstein decken sich exakt mit denen, die wir aus Wetzlar mitgebracht hatten.
Volltreffer – aber jetzt geht’s wieder zurück ins Hotel, denn das letzte Live-Interview des Hörfunks wartet auf uns und wir benötigen dafür eine ruhige und ungestörte Räumlichkeit. Das Netzwerk der Deutschen in den GUS-Staaten ist unglaublich gut und so weiß man auch hier von unserem Projekt. Eine Mitarbeiterin der vom BMI finanzierten Stiftung „Wiedergeburt“ spricht uns an und hilft uns, Frau Frieda Maier aus Balzer an der Wolga für einen O-Ton zu begeistern. Die über 90 Jahre alte Dame soll der Sprache der Wolgadeutschen noch mächtig und perfekt für unsere Dialektsuche geeignet sein. Am Abend steht dann traditionelles Kasachisches Essen auf dem Program. Hier gilt das Motto: “Gestern noch geritten, heute schon mit Fritten“. Pferdefleisch ist hier eine Delikatesse.
Fakten des Tages: 13 Kilometer, 16 Höhenmeter, Gelände/Straße  0:100

Spaß muss sein! 12 intensive Tage liegen hinter den fünf Radlern – die Eindrücke werden noch lange in Erinnerung bleiben.

11.7. Von Sultan (Astana) nach Telmann und Rodina: Sprachexperiment, Milchprodukte, Rückreise

8:40 Uhr, Frieda Maier wartet schon in Begleitung von Angelina Baumgertner, die für die Koordination deutschstämmiger Firmen verantwortlich ist, in der Hotellobby auf uns. Auch mit ihr führen wir unser Sprachexperiment durch, aber leider finden wir nur eine Deckung von 50 Prozent zu unserem Dialekt. Möglicherweise ist ihr Wortschatz geschmälert, da sie schon mit 13 Vollwaise war. Dafür überrascht sie uns mit ihren Gesangskünsten, als sie spontan zwei alte deutsche Lieder trillert. Herrlich!
Eduard Pertsch, ein Onkel von Larissa Engels, und seine Tochter Natascha sind, wie schon am Tag zuvor, mit dabei und wollen uns heute zum Grab von Konstantin Engels, dem Namensgeber unserer Spur führen. Es geht mit dem Bus auf den Friedhof von Telmann. Ohne Akkus wären 140 Kilometer nicht zu bewältigen. Schnell werden wir fündig, denn auch hier ist trotz der kyrillischen Schrift das unverwechselbare Abbild des Verstorbenen Ahnen zu erkennen.
Weiter geht’s in Richtung Rodina. Auf halben Wege stoppen wir den Busfahrer, packen unsere Bikes, die Filmausrüstung und unsere Drohne aus und verabschieden uns in unendliche Weite der Steppe Kasachstans, um unvergessliche Filmaufnahmen zu machen. Nach zwei Stunden geht’s wieder weiter mit dem Bus, und um 14 Uhr erreichen wir das ehemals von deutschen dominierte Dorf Rodina, welches Dank der gleichnamigen Produkte von Ivan Sauer, mittlerweile weit über die Grenzen Kasachstans hinaus bekannt wurde.
Seine Vorfahren waren schon vor dem Manifest Katharinas im Jahre 1613 an die Wolga gezogen, als jener Franz von Sauer mit seiner Familie aus Westphalen nach Engels auswanderte. Sein Nachfahre Ivan ist mit seinem Agrarimperium und seiner sehr bekannten Milchprodukten ein gefragter Unternehmer, er ist nicht nur der einzige „Held der Arbeit“-Preisträger in Kasachstan ist, er lehnte sogar ein Angebot ab, kasachischer Landwirtschaftsminister zu werden. Stolz präsentiert er uns sein Unternehmen und erzählt, dass er nicht nur deutsche Landmaschinentechnik (z.B. 30 Mähdrescher) einsetzt, sondern auch deutsches Erbgut in Form von Sperma aus Deutschland importiert. Und genau in diesem Rodina (das russische Wort für Heimat) lebten auch die Großeltern von Frau Engels in den Jahren von 1941–1946, die ihre Muttersprache übrigens beide erhalten hatten, bevor sie wieder zu ihrer letzten Station nach Akmola umsiedeln durften. Damals schützen viele Kasachen die deutschen Immigranten, die sich nicht selten den Steinwürfen der russischen Bevölkerung erwehren mussten.
Der nächste Punkt steht auf der Tagesordnung. Um 16:30 Uhr wartet die Kulturreferentin der Deutschen Botschaft in Kasachstan im Hotel auf uns. Also Abfahrt. Während Jörg und Uli das folgende Gespräch aufnehmen und Frau Brust noch unser letztes Buch zum Abschied schenken, packen Mattes, Siggi und Harry unsere Bikes ein letztes Mal in unsere Radtaschen. Um vier Uhr am nächsten Morgen geht’s zurück in die Heimat. Dort wartet noch viel Arbeit auf uns, Reportagen schreiben, Einladung in Hörfunk und Fernsehstudios wahrnehmen, Bilder sortieren und vor allem unsere erste große Film-Reportage „Auf den Spuren der Wolgadeutschen“ produzieren, deren Uraufführung am 14. Dezember 2019 in der Kulturscheune in Herborn stattfinden wird.