Pendler-Porträt aus Stuttgart

Sonja Ringer: Seit zwei Jahrzehnten mit Rad zur Arbeit

Stau in Stuttgart und Umgebung? Das spielt für Pendlerin Sonja Ringer keine Rolle. Seit fast 20 Jahren fährt sie mit dem Rad zur Arbeit – und genießt jeden einzelnen Meter.

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Sonja Ringers buchstäblich erstes Highlight des Tages: der Sonnenaufgang auf dem Weg zur Arbeit.

  • Name: Sonja Ringer
  • Alter: 44 Jahre
  • Beruf: Chemielaborantin
  • Bike: Stevens Colorado 401
  • Strecke: Filderstadt– Uni Hohenheim, ca. 20 Kilometer
Angefangen hat alles vor fast zwei Jahrzehnten. Damals beschloss Sonja Ringer, auszuprobieren, mit dem Rad zur Arbeit zu fahren. Zunächst radelte sie die etwa 20 Kilometer lange Strecke nur ab und zu. Als sie merkte, wie gut ihr das tat, fuhr sie immer öfter. Sie erinnert sich: „Der Weg zu meinem Arbeitsplatz an der Uni Hohenheim war plötzlich total entspannend und meine Laune so gut – kein Vergleich zu meiner Stimmung, wenn ich mit dem Auto gefahren war. Abends kam ich zu Hause mit einem Lächeln auf dem Gesicht an und nicht völlig kaputt und genervt.“

Kontrastprogramm zur morgendlichen Fahrradfahrt: der Job als Chemielaborantin an der Universität Hohenheim.

So ließ sie ihren alten Opel Astra Kombi immer öfter stehen, fuhr auch bei Regen und im Winter mit dem Rad. Seit elf Jahren macht sie das nun jeden Tag. Und dabei fährt sie mittlerweile immer eine Extraschleife, weil sie die morgendliche Strecke so sehr genießt. Von ihrer Wohnung in Filderstadt aus komme sie gleich auf wunderschöne Feldwege, wo morgens außer ihr kaum jemand unterwegs sei, sagt sie. „Und dann fahre ich in den Sonnenaufgang – ein magischer Moment, auf den ich mich jeden Tag aufs Neue freue.“
Da ihre Strecke oft über unbefestigte Wege führt, hat sie sich ein leichtes Mountainbike gekauft. Damit macht ihr das Radeln noch mehr Spaß. Das fühle sich wie eine richtige Bike-Tour an, sagt sie. „Besser kann ein Arbeitsweg nicht sein, oder?!“
Regen, Wind und Schnee können sie nicht schrecken. Jedes Wetter und jede Jahreszeit hat für sie etwas zu bieten. Im Frühling spürt sie gerne die milden Regentropfen im Gesicht, die frisch gemähten Felder duften nach Sommer, im Herbst riecht es würzig nach Äpfeln und dem für diese Gegend typischen Spitzkohl, der auf den Feldern reift. Und im Winter ist es das Größte, morgens die erste Spur in den glitzernden Schnee zu ziehen. „Man braucht nur die richtigen Klamotten, dann macht das Radeln immer Spaß!“, findet die 44-Jährige.

Abstinenz ist keine Lösung

Mit dieser Einstellung kommt Sonja Ringer entspannt durch den Alltag und auf mittlerweile etwa 150 000 Radkilometer auf dem Weg zur Arbeit. Nur zwei Ereignisse bremsten sie in den letzten Jahren aus – ausgerechnet Radunfälle. Beim ersten Mal ein Beckenbruch, als sie einen Bordstein übersah. Zum Glück durfte sie nach vier Wochen wieder radeln, was den Heilungsprozess sogar förderte. Ihr Arzt, so berichtet sie, sei überrascht gewesen, wie schnell sie wieder fit war. Das zweite Mal brach sie sich einen Wirbel, musste fast fünf Monate pausieren.
„Das war furchtbar. Ich habe das Radeln vermisst und war ständig schlecht gelaunt“, erinnert sie sich. Umso größer ihr Glück, als sie zum ersten Mal wieder den Fahrtwind im Gesicht spüren durfte.

Das Fahrrad nutzt Sonja Ringer auf dem Weg zur Arbeit genauso wie für den wöchentlichen Markteinkauf.

Von den Filderstädter Feldern fährt die Pendlerin über Echterdingen an der Messe Stuttgart vorbei über eine Autobahnbrücke der A 8. Unter ihr geht um diese Uhrzeit absolut gar nichts. Die Autos stauen sich, so weit man blicken kann. Sonja Ringer kann sich hier ein Lächeln nicht verkneifen. „Ich weiß genau, wie es sich anfühlt, da unten festzustecken“, sagt sie. Man müsse es einfach mal ausprobieren, zur Arbeit zu radeln, das würde viele Pendler glücklicher machen – von den positiven Auswirkungen auf die Umwelt ganz zu schweigen.
Aus diesem Grund fährt die Chemielaborantin seit drei Jahren auch alle ihre Alltagswege ausschließlich mit dem Rad. Ihren alten Opel hat sie abgemeldet und dauerhaft in der Garage geparkt. Ein Freund habe sie auf die Idee gebracht, er habe kein Auto und komme super damit klar.
So macht sie ab und zu auf ihrem Rückweg von der Arbeit einen Zwischenstopp in Echterdingen und erledigt ihren Markteinkauf. „Dann habe ich meinen großen Rucksack dabei, in den alles passt, was ich brauche“, sagt sie. Auf ihrem Rückweg trifft sie öfter auf den Landwirt Theo Vohl, der mit dem Traktor seine Felder bestellt. „Wenn ich ihn sehe, mache ich eine Pause, und wir halten ein Schwätzchen, das hat schon Tradition bei uns!“
Ihre Kollegen an der Uni Hohenheim schütteln zwar regelmäßig den Kopf, wenn Sonja Ringer bei Wind und Wetter radelt, ihren Freund hat sie aber schon dazu gebracht, sich ein Rad zu kaufen und damit so oft wie möglich zu fahren.

Von ihrer Wohnung in Filderstadt aus gelangt Sonja Ringer schnell auf traumhafte Feldwege.

Selbst im Urlaub hat sie ihr Rad so oft wie möglich dabei. Sie fährt im Sommer gerne auf die Schwäbische Alb, einige Alpenüberquerungen hat sie ebenfalls schon erfolgreich absolviert.
Eins steht nach einem Besuch des Death Valley in den USA vor drei Jahren ganz oben auf ihrer Wunschliste: „Ich würde diese Gegend und auch den Rest von Kalifornien gerne mit dem Rad bereisen, das wäre der absolute Hammer.“ Konditionell sollte das für sie kein Problem sein, genügend Grundlagenkilometer hat sie mit Sicherheit in den Beinen.

Pendlerin Sonja Ringer in Zahlen

Ca. 9.000 Kilometer pro Jahr

fährt die Filderstädterin mit ihrem Rad zur Arbeit.

300 Euro/Jahr gespart

für die Auto-Versicherung.

Ca. 720 Liter Benzin/Jahr gespart

bei einem durchschnittlichen Verbrauch von 8 Liter/100 Kilometer.

1.080 Euro/Jahr gespart

bei einem durchschnittlichen Benzinpreis von 1,50 Euro pro Liter.

10.000 Gramm CO2-Ausstoß

pro Tag gespart – im Vergleich zu einem Pkw auf ihrer 40 Kilometer langen Strecke.