Politologe und Soziologe Prof. Andreas Knie

„Weniger Autos, mehr smarte Mobilität“

Professor Andreas Knie gehört in Deutschland zu den renommiertesten Verkehrsforschern. Der Berliner Politologe und Soziologe sieht die Entwicklung der autozentrierten Mobilität in einer Sackgasse und plädiert für fundamentale Veränderung und Experimentierfelder.

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Es sind die Rahmenbedingungen, die uns in die aktuelle Situation gebracht haben“, betont der Berliner Verkehrsforscher Prof. Dr. phil. Andreas Knie. Deshalb seien dringend ein „Reset“ und mehr Freiraum für Innovationen nötig.

Herr Professor Knie, was läuft aktuell falsch im Bereich Verkehr?
Wir haben zu viele Autos. Viel zu viele! Ein Beispiel: Wenn alle Einwohner Deutschlands in den existierenden Pkw Platz nehmen würden, müsste nicht ein einziger auf die Rückbank. Das eigentliche Problem liegt aber tiefer. Nämlich darin, dass wir das so gewollt haben!
Dauerstaus und verstopfte Städte sind gewollt? Das müssen Sie erklären.
Das Auto wurde seit den 1960er-Jahren absichtlich populär gemacht. Der Traum vom eigenen Auto und die damit verbundenen Möglichkeiten hatten eine sehr hohe Akzeptanz. Dementsprechend wurden sowohl die Infrastruktur als auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen ausgerichtet inklusive finanzieller Anreizsysteme. Mit großem Erfolg, wie man angesichts der rund 47 Millionen Pkw in Deutschland sieht.
Wie sehen Sie die aktuelle Situation, zum Beispiel im Hinblick auf Fahrverbote?
Wir haben eine Situation erzeugt, die so nicht fortzuführen ist. Der Verkehr steht kurz vor dem Zusammenbruch, und auch die Schadstoffprobleme lassen sich nicht einfach wegdiskutieren. Es ist ein Totalversagen der Politik, dass Gerichte überhaupt über Fahrverbote entscheiden müssen. Die Position der Kanzlerin zu gültigen Stickoxid-Grenzwerten aus diesem Oktober bricht EU-Recht. Für eine überzeugte Europäerin eine Insolvenzankündigung.
Für 14 sogenannte Problemstädte werden inzwischen Hilfen diskutiert. Reicht das?
Im Gegensatz zu den von der Bundesregierung immer wieder genannten Problemstädten gehen wir in unseren Analysen von 60 bis 80 Kommunen mit ernsthaften Schadstoffproblemen aus. Nicht nur in den Städten haben wir inzwischen massive Probleme, sondern auch auf dem Land. Neben Schadstoffen auch mit Überlastungen, Dauerstaus und zugeparkten Räumen. Also, ganz klar: Das Auto muss zukünftig zurückgedrängt werden.
Wo liegen aus Ihrer Sicht Lösungen?
Zum einen: Es sind die Rahmenbedingungen, die uns in die aktuelle Situation gebracht haben. Deshalb ist hier dringend ein „Reset“ nötig. Und zum anderen: Im Hinblick auf neue Ansätze darf nicht weiter blockiert werden.
In welchen Bereichen brauchen wir neue Rahmenbedingungen?
Es sind die Gesetzespakete und die finanziellen Mittel, die den heutigen Verkehr bestimmen. Sie reflektieren ein Idealbild der Gesellschaft der 1950er-/1960er-Jahre und haben weder etwas mit den heutigen Realitäten, wie zum Beispiel dem deutlich gestiegenen Radverkehr, noch den technologischen Entwicklungen und den Notwendigkeiten für die Zukunft zu tun. Beispiele dafür sind das Personenbeförderungsgesetz und die heutige Stellplatzordnung, die aus der Reichsgaragenverordnung hervorgegangen ist.
Inwiefern würden Radfahrer von den Veränderungen profitieren?
Das Fahrrad ist ein ideales Verkehrsmittel. Wir gehen davon aus, dass 15 bis 20 Prozent der Wege mit dem Rad oder dem E-Bike zurückgelegt werden könnten. Damit das allerdings passiert, muss Platz geschaffen werden. Nicht zulasten der Fußgänger, die ja auch eine wichtige Rolle spielen im Verkehrsmix. Vielmehr muss den Autofahrern wieder ein Teil der Fläche entzogen werden, die sie von der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt bekommen haben. Oftmals kostenlos oder gegen ein minimales Entgelt.

So ist es – und so könnte es sein. Andreas Knie ist gern streitbarer Querdenker.

Welche Änderungen sollte es Ihrer Meinung nach konkret geben?
Eine wichtige Maßnahme ist die flächendeckende Parkraumbewirtschaftung, die die Kosten für das Abstellen eines Pkws im öffentlichen Raum deutlich anhebt. Das würde für eine Reduzierung des Pkw-Verkehrs sorgen und gleichzeitig die Konkurrenzfähigkeit von Carsharing als Alternative deutlich erhöhen. Für ein Carsharing-Auto zahlt der Anbieter in Berlin pro Monat 85 Euro, während das Anwohnerparken hier zehn Euro im Jahr kostet. Davon würde auch der Radverkehr profitieren.
Muss sich nicht auch etwas in den Köpfen für den Radverkehr ändern?
Ja, wir brauchen ein Umdenken: Eine Straße kann heute zum Beispiel nur dann zur Fahrradstraße werden, wenn dort bereits jetzt mehr Rad- als Autofahrer fahren. Wenn wir Veränderungen wollen, müssen wir aber, analog zum Auto in den 1960er-Jahren, als Anreiz erst einmal eine gute Infrastruktur schaffen.
Was halten Sie von den schnellen S-Pedelecs, Tretrollern mit Motor und anderen neuen Mobilitätsalternativen?
Das ist der zweite Punkt. Neue Ansätze dürfen nicht weiter blockiert werden. In Deutschland haben wir die Situation, dass alles reguliert ist. Damit ist aber auch alles verboten. Dabei wäre es enorm wichtig, auszuprobieren und Experimentierfelder zu schaffen. Was passiert zum Beispiel mit neuen Fahrzeuggattungen? Wie werden sie genutzt? Und von wem? Und was ist mit der Nutzung des eigenen Pkws zur Personenbeförderung wie bei Uber?
Der Gesetzgeber ist schnell bei Verboten, Versicherungen, Kennzeichen- und Helmpflicht.
Ja, in Deutschland ist es so, dass sofort das Schlimmste vorausgedacht wird und dann die Regulierungskeule kommt, bevor es überhaupt ausprobiert werden kann. Innovation funktioniert aber eher nach dem Trial-and-Error-Prinzip. Welche Möglichkeiten haben denn die Bundesregierung und die Kommunen?
Wir brauchen unbedingt Experimentierfelder, um neue Lösungen im Praxistest erproben zu können. Die Kommunen haben dazu im Rahmen der Gesetzgebung, die auch Experimentierklauseln enthält, viele Möglichkeiten. Zum Beispiel kann die Gebühr für öffentlichen Parkraum auf zehn bis 20 Euro pro Tag erhöht werden. Das wäre im Verhältnis zum tatsächlichen Wert des öffentlichen Raums immer noch günstig und würde schnell zu Veränderungen führen.
Sie fordern eine Reform bei der Personenbeförderung. Warum?
Das Personenbeförderungsgesetz, das dem öffentlichen Verkehr und Taxen Exklusivrechte einräumt, gehört abgeschafft. Denn wenn wir schon so viele Autos haben, dann lasst uns die doch besser nutzen. Zum Beispiel durch Online-Anbieter wie Uber. Gerade in ländlichen Gebieten ließe sich die Mobilität so deutlich verbessern.

Innovationstreiber: Beim Thema Verkehr, so Knie, muss man alles denken dürfen.

Sie sind auch ein großer Anhänger des Sharing- und On-Demand-Gedankens.
Ganz richtig. Die Verfügbarkeit in der digitalen Welt ist heute entscheidend. Das gilt auch für Mobilitätsangebote. Im heutigen digitalen Zeitalter kommt es nicht mehr darauf an, ob man ein Fahrzeug besitzt oder welche Automarke man fährt, sondern wie ich es am einfachsten und flexibelsten nutzen kann. Smartphones und Apps sind der Schlüssel und die Antwort.
Betrifft das Sharing nur Autos oder auch den Radverkehr?
Man muss alles denken! Das Leihen spielt eine immer größere Rolle. Auch in der Fahrradkultur. Seine Strecke bei schlechtem Wetter mit der Bahn zu fahren ist ja eine praktische Sache. Sein Rad dabei mitzunehmen aber keine gute Idee. Das lässt sich in Berlin gut beobachten, wo die S-Bahnen regelmäßig mit Fahrrädern verstopft werden. Insgesamt brauchen wir natürlich noch mehr gute Angebote, aber das Sharing boomt auf jeden Fall – auch beim Fahrrad.
Wie gehen die Menschen mit den bevorstehenden Veränderungen um? Wir können heute beobachten, dass die emotionale Bindung zum Auto und zur Marke stark nachgelassen hat. Problematisch sind natürlich die Routinen, mit denen die Menschen aufgewachsen sind und die sich festgesetzt haben. Und ihre Ängste. Nur so ist es auch erklärbar, dass Dieselfahrverbote, für übrigens sehr eng begrenzte Bereiche, in der Diskussion einen so großen Raum einnehmen. Bis hin zu einem „Brennpunkt“ zur Hauptsendezeit. Hier kommt es darauf an, Alternativen aufzuzeigen.
Wie sieht für Sie die Mobilität der Zukunft aus?
Vernetzt, ganz klar. Und deutlich sauberer und umweltfreundlicher als heute. Und der Gedanke wird sich in weiten Teilen durchsetzen, dass man kein privates Fahrzeug mehr benötigt, um mobil zu sein.
Das Interview führte Reiner Kolberg.

Zur Person

Prof. Dr. phil. Andreas Knie ist Politik- und Sozialwissenschaftler und einer der prominentesten Verkehrsforscher in Deutschland. Der 57-jährige Berliner gründete 2006 das Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ) und leitet die Forschungsgruppe Wissenschaftspolitik am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Als Bereichsleiter Intermodale Angebote und Geschäftsentwicklung der Deutschen Bahn AG verantwortete er bis 2016 unter anderem die Einführung des DB Carsharing und des Radverleihsystems Call a Bike. Aktuelle Fachbücher (Mitautor): „Die digitale Mobilitätsrevolution – Vom Ende des Verkehrs, wie wir ihn kannten“ (2016), „Erloschene Liebe? Das Auto in der Verkehrswende“ (2018).

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