Pikala-Projekt in Marrakesch

Marokko und der Traum vom ersten Fahrradland Afrikas

Das Fahrrad hat in Marokko einen schlechten Ruf. Eine junge Niederländerin möchte das ändern. Mit ihrem Pikala-Projekt macht sie von Marrakesch aus den Drahtesel im Orient salonfähig.

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Orange Räder für die Rote Stadt: Fahrradfahren soll in Marrakesch salonfähig werden.

Adam ist elf, und sein Mountainbike bedeutet ihm alles. Seit er mit seinem Freund Youssef beim Cruisen auf dem Sportplatz zusammenknallte, geht jedoch nichts mehr. „Meine Eltern können die Reparatur nicht bezahlen“, jammert er und zieht die Schultern hoch.
„Dann lass uns mal sehen, was wir für dich tun können“, sagt Cantal Bakker in fließendem Französisch und bugsiert den Schüler mitsamt seinem lädierten Bike in die Werkstatt ihrer Niederlassung „Holland Bicycle Atelier“ im Herzen der Altstadt von Marrakesch. Vor zwei Jahren hat sich die charismatische Niederländerin mit ambitionierten Plänen in der touristischen Hauptstadt von Marokko niedergelassen, die wegen der Farbe ihrer Gebäude auch Rote Stadt genannt wird. Ihr Projekt Pikala (so heißen Fahrräder in der arabischen Umgangssprache Marokkos) will jungen Menschen bessere Zukunftschancen im Tourismussektor ermöglichen und gleichzeitig erreichen, dass die Marrakchis, eben die Einwohner Marrakeschs, erkennen, dass Fahrräder eine umweltfreundliche Alternative zu Autos und Motorrädern sind.

Unterstützung für das Pikala-Projekt

Auch zwei Jahre nach der Gründung schreibt das Start-up, in das die 27-Jährige all ihre Ersparnisse gesteckt hat, noch keine schwarzen Zahlen. Doch Cantal Bakker ist es gelungen, unterschiedliche Menschen aus verschiedenen Nationen für ihre Vision zu begeistern, sodass Pikala inzwischen von vielen Seiten Unterstützung bekommt. Die TUI Care Foundation finanziert einen großen Teil des Projekts, und manchmal springt auch die niederländische Botschaft in Marokko mit Geld- und Sachspenden ein.
Das Grundstück und die Halle, in der Cantal und ihr Team arbeiten, stellt die Stadt Marrakesch kostenlos zur Verfügung. „Dank der Fördermittel und Spenden konnte ich inzwischen 36 junge Marokkanerinnen und Marokkaner fest einstellen. Sie arbeiten als Touristenführer, Mechaniker oder sind im Marketing tätig“, sagt die ehemalige Kunststudentin stolz. Andere bieten ihre Mitarbeit unentgeltlich an, so wie Issam Facil, der an der Uni in Marrakesch Englisch studiert, um später im Tourismus zu arbeiten. „Bevor ich zu Pikala kam, wusste ich nichts über andere Kulturen. Hier habe ich gelernt, mit Menschen aus anderen Ländern umzugehen und meine Sprachkenntnisse zu perfektionieren“, erklärt der 22-Jährige. „Das wird mir nach Abschluss des Studiums bei der Jobsuche sicher helfen.“

Jamal Bahlouli (r.) macht das Fahrrad des elfjährigen Adam flott. Der junge Mann war lange arbeitslos und hat im Pikala-Projekt jetzt eine Zukunftsperspektive.

Während Issam und seine Kollegin Amina Boutbi (21) die Räder für die nächste Führung vorbereiten, doktert Adam in der Werkstatt an seinem eigenen Fahrrad herum – tatkräftig unterstützt von Jamal Bahlouli. Er hat Adams Mountainbike auf einem Ständer befestigt und begutachtet den Schaden: Felgen verzogen, Drahtseil der Gangschaltung gerissen. Dann holt er den passenden Schraubenschlüssel vom wohlsortierten Werkzeugbord und zeigt dem Buben, wie er das Vorderrad aus dem Rahmen lösen kann.
Ein knappes Dutzend Halbwüchsiger wuselt zwischen den Mechanikern herum. „Einmal in der Woche steht die Werkstatt offen für Kinder“, erklärt Jamal, der bei den Kindern besonders gut ankommt, wahrscheinlich weil er wie Piratenkapitän Jack Sparrow aussieht. „Sie können kostenlos ihre Fahrräder durchchecken oder reparieren lassen.“ Manche kämen nur zum Gucken, denn sie besäßen kein Rad. „Denen bringen wir dann im Park nebenan das Fahrradfahren bei. Das ist immer ein Riesenspaß“, schwärmt Sam Belcher, ein rothaariger, bärtiger Brite, der ebenfalls als Mechaniker bei Pikala arbeitet. Manchmal seien auch behinderte Kinder zu Gast. Die seien schon total happy, wenn sie ein Fahrrad nur schieben dürften

Das erste Fahrradland Afrikas

Afrikas Schieben müssen derweil auch die Urlauber, die mit Issam und Amina zur Fahrradführung in die Medina, die Altstadt Marrakeschs, gestartet sind – zumindest ab und an, denn in den Souks, den Marktgassen der Medina, wird es eng. Die Touristen gewöhnen sich aber schnell an die Verkehrssituation, die vor allem eins erfordert: Mut zur Lücke! „Yalla, yalla!“, was so viel heißt wie „Auf geht’s!“, ruft Issam seiner Gruppe zu, wenn Überholen gefahrlos möglich ist.

Das „Holland Bicycle Atelier“ ist das Herz des Projekts. Hier werden junge Marrokaner unter Anderem von Hasan Hali zu Mechanikern oder Guides ausgebildet.

Marrakeschs Zentrum ist eine uralte Ansammlung niedriger Lehmbauten mit einem Gewirr schmaler Gassen, in denen Händler ihre Waren feilbieten und Handwerker ihrer Arbeit nachgehen. Autos passen nicht hinein, und so wird der gesamte Warenverkehr mit Eselskarren, Handwagen und Mopeds abgewickelt. Und – Pikala sei Dank – zunehmend auch mit Fahrrädern. Nachdem die Touristen auf ihren oranjefarbenen Pikala-Bikes die anfängliche Platzangst überwunden haben, merken sie, dass der Verkehr in Marrakesch nur auf den ersten Blick ein wildes Durcheinander ist. Tatsächlich herrscht ein rücksichtsvolles Miteinander mit einer für Europäer erstaunlichen Gelassenheit.

Die Tui Care Foundation

  • Die TUI Care Foundationist eine gemeinnützige Stiftung des Reiseunternehmens TUI. Sie unterstützt Projekte, die jungen Menschen neue Zukunftsperspektiven eröffnen, Natur und Tierwelt erhalten sowie Nachhaltigkeit und Entwicklung in Urlaubsdestinationen auf der ganzen Welt fördern. Mehr Informationen gibt es im Internet unter www.tuicarefoundation.com/de
  • Das Pikala-Projektwurde 2016 von der Niederländerin Cantal Bakker ins Leben gerufen. Urlauber in Marrakesch unterstützen die sozialen und nachhaltigen Initiativen des Projekts, indem sie bei Pikala ein Fahrrad mieten. Man kann sich die Räder an vereinbarten Orten in Marrakesch abholen oder an eine Adresse liefern lassen. Die Rundfahrt wird von zwei Guides begleitet, damit unterwegs niemand verloren geht, und beinhaltet eine Trinkpause im Café Clock. Die Fahrradtour dauert rund drei Stunden und kostet 250 Dirham (22,50 Euro) pro Person. Mehr Informationen unter: www.pikalabikes.com
Während die Besucher aus Europa sich von Issam und Amina die versteckten Juwelen der Stadt außerhalb der touristischen Bezirke zeigen lassen, die Ausländern normalerweise verborgen bleiben, und die Mechaniker in der Halle eine Teepause einlegen, schmiedet Cantal Bakker neue, noch ambitioniertere Pläne. Denn wenn es nach ihr geht, wird Marokko in naher Zukunft das erste Fahrradland Afrikas sein. „Gemeinsam mit der TUI Care Foundation wollen wir unser Projekt auch in anderen Städten anbieten“, sagt sie – wohl wissend, dass man in Marokko nicht nur im Verkehr, sondern auch in geschäftlichen Bereichen mit Gelassenheit besser vorankommt als mit blindem Aktionismus.
„Die Marokkaner haben ein anderes Zeitgefühl als wir Europäer, und die Behörden verlangen Genehmigungen für alles. Aber ich weiß das inzwischen“, sagt sie augenzwinkernd. „Also mache ich nicht mehr nur einen Plan, sondern auch Plan B, C und D. Es kommt immer völlig anders als das, was du erwartet hast. Aber das macht auch Spaß und ist Teil des Abenteuers.“

Cantal Bakker liebt Fahrräder, Marrakesch und ihre Heimat Holland.

Interview mit Cantal Bakker

Auf dem Weg vom Flughafen in die Innenstadt konnte ich mir ein Bild von der chaotischen Verkehrssituation in Marrakesch machen. Wie sind Sie darauf gekommen, ausgerechnet hier Fahrradführungen anzubieten?
Nach meinem Studium kam ich als Touristin nach Marrakesch. Ich habe die Altstadt zu Fuß erkundet und wurde ständig von Händlern angequatscht. Ich kam kaum voran. Also besorgte ich mir ein Fahrrad und stellte überrascht fest, wie exotisch ich dadurch auf viele Einheimische wirkte. Ich fand heraus, dass viele Marokkaner denken, dass Fahrradfahren nur was für arme Menschen ist. Indem ich – eine „reiche“ Touristin, eine Europäerin – es benutzte, wurde es aufgewertet.

Ein Schüler repariert im „Holland Bicycle Atelier“ sein Fahrrad.

Seit zwei Jahren setzen Sie diese Vision auch praktisch um. Was genau macht Pikala?
Wir besuchen Schulen, um den Schülern das Fahrradfahren beizubringen. Wir zeigen ihnen, wie sie Reparaturen selbst ausführen können und was es mit der Sicherheit im Straßenverkehr auf sich hat. Wir bieten außerdem Radfahr-Unterricht für Frauen an, die aus ländlichen Gebieten kommen. Die Mobilität dieser Frauen ist ein wichtiger Schritt zu mehr Gleichberechtigung in einer von Männern dominierten Gesellschaft. Der Pikala Club organisiert jedes Wochenende eine Aktivität, zum Beispiel Gartenarbeit oder eine Fahrradtour. Pikala möchte eine Gemeinschaft aufbauen, deren Mitglieder sich mit Themen wie Bewegung, gesunde Ernährung und Hilfsbereitschaft befassen. Und wir geben ausrangierten holländischen Fahrrädern eine neue Aufgabe.
Ist nicht auch Nachhaltigkeit ein erklärtes Ziel?
Fahrräder sind in Marokko ein Symbol für Armut. Warum ein Fahrrad benutzen, wenn man sich ein Motorrad oder ein Auto leisten kann? Indem wir die Leute fürs Radfahren begeistern, erreichen wir, dass die Menschen weniger oft ihre Mopeds benutzen, die hier eine enorme Luftverschmutzung verursachen.

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