Kommentar

"An der Grenze zur Geschmacklosigkeit"

Die Fahrradhelm-Kampagne "Looks like shit. But saves my life" mit leichtbekleideten Frauen von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) stößt auf Gegenwind. Völlig zu recht, findet BIKE-BILD-Redaktionsleiter Mathias Müller. Ein Kommentar.

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Frau und Mann mit Helm posieren in Unterwäsche – sollen für Sicherheit im Straßenverkehr werben. Wir finden: Das greift deutlich zu kurz.

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer lässt keine Gelegenheit aus, sich bei Fahrradfahrern unbeliebt zu machen. Zu wenig Engagement bei der Verkehrswende und der Weiterentwicklung der Fahrradinfrastruktur und zu wenig Durchsetzungskraft in Sachen Abbiege-Assistenz-Systeme für (rechts abbiegende) Lastkraftwagen, die für drei Dutzend tote Radfahrer pro Jahr verantwortlich sind – das sind die Punkte, die Fahrradfahrer (und auch wir von BIKE BILD) ihm vorwerfen.
Mit einer Kampagne, die Radlern das Helmtragen schmackhaft machen soll, bewegt er sich nun erneut, zusammen mit seinen Kooperationspartnern von ProSieben und Germany's Next Top Model, an der Grenze zur Geschmacklosigkeit – manch einer meint sogar an der Grenze zum Unfug, zur Sinnlosigkeit, zum Schwachsinn.
In der Kampagne, bei der auch Heidi Klum ihre Finger mit im Spiel hat, sieht man eine junge Frau (ja, es gibt auch das männliche Pendant) nur mit Dessous bekleidet und einen Helm tragend. Auf dem Motiv steht gedruckt „Looks like Shit, but saves my life“, bedeutet übersetzt: sieht scheiße aus, rettet aber mein Leben.
Hierzu drei Anmerkungen:
  1. Nein, ein Helm sieht nicht scheiße aus. Heutzutage gibt es so viele verschiedene Hersteller und Modelle, dass man getrost feststellen kann, es gibt für jeden Topf und Kopf einen passenden Deckel.
  2. Wer bitte kommt auf die irre Idee, dass gerade nur mit Unterwäsche bekleidete Models einen Helm tragen und für diesen Werbung machen?! Das ist in höchstem Maße abwegig.
  3. Unserem Bundesverkehrsminister scheint eine solch verquere Werbung allenfalls leichter zu fallen, als Geldmittel freizumachen, mit denen wir in diesem Land sichere Fahrradwege bauen könnten, sodass Helmtragen gar nicht mehr so wichtig wäre. Die Bürger der Niederlande lachen derweil über uns und halten fest, dass bei ihnen niemand außer Touristen (wohl vornehmlich aus Deutschland) einen Helm trägt.
Wir wissen natürlich, dass es manche Politiker gäbe, die denken, dass wichtigere Probleme auf dieser Erde gibt, als ein paar getötete Radfahrer auf deutschen Straßen. Das Klima, der Lärm, die Luftverschmutzung, steigende Gesundheitskosten durch Wohlstandserkrankungen, wirtschaftlicher Schaden durch Fehlzeiten von Arbeitnehmern, Platzmangel in Städten, fehlender Wohnraum in Großstädten und und und. Für viele Probleme indes, könnte das Fahrrad eine Lösung sein. Denken Sie gern darüber nach, Herr Scheuer.
Mit herzlichen Grüßen, Mathias Müller